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19. Jahrgang

Mittwoch, ben 21. Dezember 1892.

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* Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit in den Vereinigten Staaten.

Der Telegraph yat uns aus Amerika die Nach­richt von einer wahrhaft empörenden Episode des Kampfes zwischen Kapital und Arbeit übermittelt: wir meinen die Arbeiter-Vergiftungen von Homestead. Zum rich­tigen Veiständniß deS Vorgefallenen ist erforderlich, daß man sich des Ausstandes erinnert, der im Sommer in een großartigen Metallwerken des Herrn Carnegie in Penniylvanien erfolgte. Der Ausstand brach be­kanntlich aus, weil mehrere Arbeiter entlassen und durch andere, nicht den Gewerkschaften angehörige Arbeiter ersetzt worden waren. Die Gewerkschaften wollten, wie es andere Arbeitergrvppen in verschiedenen Ländern Europas auch bereits gethan haben, die Arbeitgeber zwingen, nur Mitglieder der Gewerkschasten in Arbeit zu nehmen, eine Anmaßung, welche gleichbedeutend qi mit Unterdrückung der Arbeitsfreiheit. Man wird sich noch erinnern, daß Herr Carnegie, obgleich Demokrat bis zum Sozialismus, sich doch weigerte, diesen über­triebenen Forderungen Folge zu leisten und daß er ver­suchte, die Ausständischen durch Arbeiter, die außerhalb der Gewerkschaften standen, zu ersetzen. Diese Ereignisse führten zu den blutigen Zwischenfällen vom Monat August: die Ausständischen lieferten förmliche Schlach- ten, um die Ankunft der zum Schutze der neu ange­stellten Arbeiter herbeigerufenen Truppen der Agentur Pinkerton zu verhindern, raubten unö plünderten nach Herzenslust, kämpften unter Strömen von Blut gegen die schließlich auf dem Schauplätze der Ereignisse er­schienenen Bundestruppen und unternahmen, um Allem die Krone aufzusetzen, einen Mordversuch gegen den Direktor Frick, welcher an den Folgen der erlittenen Verletzungen starb. Die Arbeitgeber, welche in diesem Falle das wahre Prinzip der von den tyrannischen Ge- werkschaften mit Füßen getretenen ArbrltSsreiheit ver­traten, behielten schließlich die Oberhand und nachdem der Friede zu Stande gekommen, wurde eine gewisse Anzahl von Ausständischen wieder in die Werkstätten ausgenommen, «berauch gleichzeitig alle Nichtmitglieder der Gewerkschaften in Arbeit behalten, welche die Direk­tion, um ihre Rechte nachdrücklichst geltend zu machen, angeftellt hatte. Dies sind die Ereignisse, welche den vor einigen Tagen von den Gewerkschaften angestifteten, teuflischen Rache-Akt erklären können, der bekanntlich darin bestand, daß die Gewerkschaften den Koch einer Arbeiter - Speiseanstalt bestachen, damit er eine ganze Gruppe nicht fyndeknter Arbeiter vergifte. Dieses in der Geschichte der Arbeiterkäwpfe unerdörte scheußliche Attentat beweist, bis zu welchem Punkte die Tyrannei der Gewerkschaften gehen kann. Nicht zufrieden damit, den Kapitalisten und Arbeitgebern den Krieg zu er­klären, gehen die amerikanischen Sozialisten mit teuflischer Grausamkeit gegen arme Arbeiter vor, bereit einziges Verbrechen darin besteht, daß sie andere Anschauungen haben. Der Fall von Homestead wird nicht nur die amerikanischen Gewerkschaften, sondern alle Diejenigen,

Um den Lorbeer.

Roman von I. Sandhage.

(6. Fortsetzung.)

Unterdeß harrte Maestro Antonio mit Ungeduld feiner Schülerin Lucia. Er stand gerade am Fenster des Masikzimmers, als durch das Borgärichen eine junge Dame heremtrat. Kurzsichtig wie er war, glaubte er Fräulein Walter zu sehen. Jetzt war sie schon eine Viertelstunde drüben und stahl Lucien die kostbare Zeit. Täglich mußte sie ihre Solfeggien üben, Läufe auf und ab. Triller schlug die Kleine wie eine Nacht!» gall. Schmunzelnd schritt der Alte oft während deS Unterrichts im Zimmer hin und her. Lucia machte chrem Meister alle Ehre; sie übertraf Constance an Ausdauer, an Begeisterung für die Kunst. Das war endlich einmal ein Leben für den Musikenthusiasten. Seine Kompositionen fanden endlich von den Lippen echter Künstlermnen die verdiente Anerkennung. Nicht das Gold, nein der Ruhm war von jeher des Maestros Sporn gewesen; sür den Lorbeer hatte er zu einer verhängmßvolleu Zeit seine Seele sogar dahingegeben. Lange, lange hatte Antonio dieser Stunde nicht mehr gedacht. Wie kam eS, daß heute jener Tag — es waren gewiß schon 20 Jahre — so deutlich vor seiner Seele stand? Ach so, der Nebel chat eS, der eigen» thümliche würzige Dust der «thmoiphäre, er erinnerte ihn an Den unseligen Regentag in Italien.

welche mit ähnlichen Mitteln die Sache der „Arbeits­fessel" fördern wollen, der allgemeinen Entrüstung preis- geben.

Deutsches Keich.

Berlin, 19. Dezember.

* lieber die Aussichten der Militär-V rlage schreibt man der ,Köln. Vztg.' aus Berlin: Wenn in den Artikeln der ,Nordd. Allg. Ztg.', welche über die Aussichten der Militär-Vorlage handeln, die Auffasfung deS Reichskanzlers zum Ausdruck kommt, dann muffen wir gestehen, daß Graf Caprivi sich einer sehr gefähr­lichen Selbsttäuschung über den Stand der Dinge hingibt. Die Entdeckung der .Nordd. Allg. Ka.', daß die erste Lesung der Militärvorlage einen „Erfolg" bedeute, hat allgemein verblüfft. Obgleich bie gefammte Presse diese Annahme als eine Illusion gekennzeichnet hat, bleibt bie ,Nordd. Allg. Kg.' hoffnungSftoh, und sie schöpft ihre Hoffnung aus bem — Wahler- gebniß von Kaufbeuren. Sie stellt bie geringen Erfolge, welche Dr. Sigl bei dieser Wahl errungen hat, bem Kelyeimer Wahlresultat entgegen, um bie Be­merkung boran zu knüpfen: „Zwischen die Wcchl in Kelheim unb diejenige in Kaufbeuren fallen die ersten Verhandlungen bes Reichstages, fällt bie im Reichstage vom Grafen Caprivi gegebene Erläuterung bet Zwecke unb Ziele derselben." Das osfiziöse Blatt scheint sich also einzubilbeu, daß bie Reden deS Reichskanzlers, bie Anrufung ber Lanbwehrfrau, bie ihren Mann zu Hause behalten könne, einen Umschwung ber öffent­lichen Meinung hervorgebracht, bie Abneigung gegen bie Militär-Vorlage wenigstens abgeschwächt haben. Der Reichskanzler versprach sich von diesem Appell ja auch sehr große Wirkungen. Wie wenig kennt man doch in den maßgebenden Kreisen daS Wesen ber gegen die Vorlage gerichteten Bewegung! Wollte man doch end­lich einsehen, daß man 'es da nicht bist dem Pröbükt künstlicher Mache zu thnn hat, sondern mit dem ele­mentaren Ausdruck des Volksunwillens und mit dem Protest eines bereits überlasteten Volkes. Sollte ber Reichskanzler es wirklich barauf aukommen lassen, von dem über Die Bolksftimmung schlecht orientirten Reichs­tag an einen besser orientirten zu appelliren, so würde er eine geradezu kolossale Enttäuschung erleben. Daß er so beharrlich bie Augen vor den Dingen, wie sie wirklich liegen, verschließt, wissen wir uns kaum zu erklären. Die Andeutung, welche der Abg. Haußmann neulich machte, indem er auS „Wallenstein" bie Worte citiite: „man sagt, er wollte sterben," können wir un­möglich für richtig halten. Zu biesem Zweck baS Vaterlanb in eine so schwere Erregung zu versitzen, wie sie eine Reichstagsauflösung urit sich bringen müßte, dessen halten wir ben Grafen Caprivi nicht für fähig.

* In der zur Berathung ber Militärvorlage ge­bildeten Kommission sitzen vom Zentrum folgende Abgeordneten: Freiherr v. Wendt, Graf Ballestrem, Dr. Lieber, Graf Preysing, Gröber, Dr. Schädler,

Damals hatte er einen schweren Kampf mit seinem Schützling Constance, wegen ber Ausbildung ihrer Stimme, zu bestehen. Er beabsichtigte ja nur ihr eigenes Wohl; in zweiter Reihe erst kam sein Interesse in Betracht. Constance hatte ihren deutschen Ber- wandten bie Todesnachricht ber Schwester mitgetheilt. Sie erwartete mit fieberhafter Uugedulb Antwort unb neue Gelbmittel, um mit ihrer kleinen Nichte Lucia nach ber Heimath abreisen zu können.

Endlich kam ein Brief, aber Constance empfing ihn nie, niemals. Der Maestro empfing ihn: er ahnte bie Wahrheit. Man rief Constance zu sich nach Deutsch- land. Die Verzögerung des Briefes war durch den plötzlichen Tod ihres OheimS verschuldet worden. Aber ihr Jugendfreund und Vetter Hugo Walter lud Con­star ce in das Haus seiner Mutter ein. Aus den Zeilen klang es wie ein warmes lebhaftes Interesse für feine liebe Jugendgespielin. Der Maestro lachte höhnisch, ballte daS Papier in einem Anfall von Wuth zu­sammen und schleuderte es in bie Flamme des Kamins. Erst nachdem er ruhiger geworden, wurde ihm klar, daß er sich einer Unbesonnenheit, einer Unredlichkeit schuldig gemacht batte. Aber was nun?

Aeudern liefe sich nichts mehr an ber Sache. Ein offenes Bekenntniß?! Ah, bah, weshalb? Um Cott- stance, bie sich mit seiner Absicht bereits auszusvhnen begann, wieber in neue Kämpfe zu schleudern? Biel zu gut war die angehende Künstlerin für so ein spieß­

Freiherr v. Buol unb Fritzen-Düsseldorf. Zum Vor­sitzenden ist Freiherr v. Manteuffel, zum Stellvertreter desselben Freiherr v. Wendt (Centrum) designirt. Die Kommission wird ihre erste Sitzung am 11. Ja- nuar n. I. abhalten. Der Kriegsmmffter hat bereits der Kommission die Zusage ertheilt, eine Uebersicht über die Beitheilung ber Kosten auf bie einzelnen Etatstitel ber Kommission zur Verfügung zu stellen.

* Abg. Rintelen (Zentrum) brachte im Reichs­tag mit Unterstützung aller Parteien mit Ausnahme ber Freisinnigen unb Sozialdemokraten einen Gesetz- entmurf ein, wonach die Verjährung ruht, wenn der Beginn ober die Fortsetzung Der Strafverfolgung un- mißlich ist. ~ ,

* Der ,Hann. Cour.' schreibt sehr richtig: Frei­herr v. Stumm ist im Reichstage bei ber Suche nach neuen Steuern abermals auf die Jnseratentzeuer verfallen. Man hätte in der Thai meinen sollen, oaß dieser Gedanke nachgerade ein für allemal abgethan fei unb höchstens von einem bem wirklichen Leben entrückten Steuertechniker aus alten Akten wieder aus gegraben werden könnte. Daß Handel und Wandel feit längerer Zeit gründlich barnieberliegt, ist eine Thatsache, über die — leiber — volle Einstimmigkeit herrfchm muß. Es zeugt bem gegenüber jedenfalls von einer zum Glück ungewöhnlichen wirthschaftlichen Kurzsichtigkeit, wenn man gerade den gewerblichen Kreisen, denen eS am schwersten wird, eine Reihe von mageren Jahren zu ertragen, auch noch eins der wenigen und ein» ber wesentlichsten Mitteln vertheuern will, welches sie haben, um ben unheilvollen Folgen und Stockungen im ge­schäftlichen Leben mit einiger Aussicht auf Erfolg ent­gegenzutreten.

* Neisse, 17. Dezemb. Der Lieutenant Morgen, Leiter de» unglücklichen Gefechtsschwimmens bei Neisse, wobei sieben Soldaten ums Leben gekommen sino, ist zu sechs Wochen Festungshaft vermtheilt worden. ' ^ Koln717. Dez Durch bie Presse geht folgenbe Mittheilung ber ,Wests. Allg. Zeug.' aus Boppard: „In einem aus Cleve hierher gelangten Briefe wird mitgetheilt, baß ber Mörder deS Knaben Hege­mann aus Xanten entdeckt fei. Der Steinhauer W efend r up aus Xanten äußerte sich in einer Wirth» schäft in Ca'car bei Xanten in betrunkenem Zustande bei sieben Zeugen, daß Buschhoff nicht ber Mörder sei, sondern er selbst. Die Aeußerung soll er auch schon früher gemacht haben. Es wurden bereits in Xanten 17 Zeugen vernommen. Wesendrvp ist in­zwischen Durchgebrannt und wird steckbrieflich verfolgt." Nach den von uns eingezogenen Erkundigungen, schreibt die ,Köln. Blksztg.', hat Wesendrup am 4. bis 5. Rov. in Calcar sich aufgehalten unb bort im angetrunkenen Zustande im Winhkhause erklärt: „Buschhoff, ber arme Kerl, hat da» Kind nicht gemordet; ich bin der Mörder, aber man kann es mir nicht beweisen." Ob auf jene Aeußerung etwas zu geben ist, erscheint fraglich, da Wesendrup in jüngster Zeit fast fortwährend bettunken war unb sich oft in einem an Delerium grenzenden bürgerliches Loos, wze es der Herr Referendar Walter seiner zukünftigen Hausfrau bieten konnte.

l Thorheit war es, dem Briefe nachzujammern. Nie­mand hatte von feiner Existenz gewußt, und so sollte er tobt bleiben für alle Zeit. Allein lange, lange, in schlaflosen Nächten wie in arbeitsvollen Tagen unb in­mitten bes Triumphes, unter bem Jauchzen ber Menge, im Kouzeryaal wurde ber verbrannte, verheimlichte Brief wieber lebenbig im ragenben Gewissen des Alten. Später tarnen bie Schmerzen ber Enttäuschung, als Constance ihn eines Mannes wegen verließ; bann ver­drängten neue Sorgen bie alten, unb das Gewissen schlief ein — bis heute. Fröstelnd starrte der Maestro vor sich hinaus in bie halbentlaubten Bäume; gelbe, welke Blätter fielen lautlos nieber. Dann aber raschelte es plötzlich dumpf herüber. Ach so, ber Kleibersaum einte jungen Dame streifte draußen den blätterbebetften Boden. Gottlob, der Besuch ging fort. Lucia mußte kommen.

In daS Musikzimmer, einen fast kahlen Raum, ohne Polster unb Teppiche unb schwere Vorhänge, trat Lucia mit glühenden Wangen.

„Maestro, Pardon! Ich konnte nicht eher." Sie küßte ihm bie Hanb; er setzte sich strahlenden Blickes an ben großen, kostbaren Flügel und begann zu prä- lubiren. Sein hageres, gelbes Gesicht mit ben tief- liegenben Augen unb buschigen Brauen gewann unter bem Spiel mehr unb mehr einen herzgewinnenden AuSdiuck