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Dienstag, dm 20. Dezember 1892.

19. Jahrgang

FuldacrMZkitllng

7 tat

. . Erscheint täglich. Sonn- and Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zelle oder beten Rann» 15 Pf., bei Bwberfidfangen entsprechender Rabatt. BtrnteljLhrlicher Abonnementrpreis ohne Bringerlohn and Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne nnd Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Um dm Lorbeer.

Roman von I. Sandhage.

(5. Fortsetzung.)

Als er wieder darauf anfpielte. flackerte plötzlich ein Strahl, ein alter Blitz der Entschlossenheit, wie er chemalr gern im Auge der Jünglings emporgeflammt war, in seinem Blick auf, und verschönte dar ver­härmte Antlitz de- geknicktm Mannes.

„Du hast Recht, Kurt!* rief er erhobenen Hauptes. „Man foll nicht sentimental sein. Unsere Borfahren strittm für Recht und Sitte! ich bin chr Blut und besinne mich noch rechtzeitig auf meine Vaterpflicht. Eine Schlafmütze war ich bisher; aber noch ist es Zeit, Versäumtes nachzuholm. Ein Wüllefen rüttelt mich auf. — Gottlob! So ist'S recht. Schon zu lange dachte ich im wildm weltvergessenen Schmerz nur an mich. Jetzt will ich den Egoismus überwinden und mein Vaterrecht geltend mnchm."

Kurt hatte durch seine Mahnung den Lebensmuth des unglücklichen Mannes wieder angefacht. Aber er ahnte nicht, daß er einen Funken in ein Pulverfaß ge» schleudert hatte. Die Wirkung gehörte der Zukunft an. Ganz befriedigt von seinem Gang kehrte Kurt heim. Ex freute sich innerlich, das Herz feines Freundes er» schlossen, den Grund seines Kummers erfahren und günstig, Leben erweckend auf ihn eingewirkt zu haben. WaS Tante Mechthild wohl dazu sagen würde? Weiter

nicht getrauten, mit den 5 „um Herrn v. Stumm" die alleinigen Jasager zu sein, und deshalb die Mehr» heü verleiten möchten, möglichst nahe an ein un­bedingtes Ja heranzukommen, worauf sie daun zu­gleich auf die Ehre Anspruch erheben möchten, das Vaterland gerettet zu haben. „Der Kern der Vorlage und der größte Thell der Zahlen", was ist das eigentlich, wenn nicht alles? Herr v. Bennigsen sagte, die Rattonalliberalen hielten eine Vermehrung der Kavallerie nicht für uöthig, hätten geringere Abneigung gegen die Vermehrung der Arttllerie und erwarteten den Beweis für die Rothweudigkeit der Infanterie in der Kommission. Wie eS scheint, würben sie also mit der Streichung der Forderung für die Kavallerie fchließlich zufrieden fein. Herr v. Bennigfen hat sich dar Eingehen auf die militärifchen Frage gefchenkt und dafür recht schön über die herrschende Mißstände und ihre Ursachen gesprochen. Für die Rationalliberalen im Lande, die im letzten Sommer noch so bedmllich um Bismarck herumgeschwärmt haben, war gewiß die Belehrung, daß eS bei uns doch noch nicht gar so schlimm stehe und die Mißstimmung nicht in vollem Umfange begründet sei, gewiß schr am Platze. Für andere Parteien, die weniger sür die „außer­ordentlichen" Zeiten, in denen eS für die National­liberalm eine Lust war zu lebm, begeistert find, und die sich bei den „einfacherm" Zetten einer wmiger „genialen" Regierung", wenn auch »och nicht völlig wohl, so doch erheblich bester befinden, war dagegm das Bennigsen'sche Schlummerlied recht über« flüstig. Für uuS handelt eS sich überhaupt gar nicht um die Frage, ob im Lande mehr oder weniger Mißstimmung über dieses oder jene» herrscht, sondern darum, ob daS Land das, was die Regie­rung fordert, tragen kann. Wir verneine» da- mit dem Eentrum auch für de» Beanig- feu'fchen Kern. Dem Herm Reichskanzler hattm die bezauberndm BerföhnungS- und BerstäadigungS- reben Bennigsens so gefallen, daß er sich beeilte, gerührt zu dankm. DaS ist nicht einmal dem ebmfallS liberalm Herm von Stumm paffirt, der doch berett war, Kem und Schale der Vorlage zugleich zu verfchluckm.

Deutsch« Keich.

Berlin, 17. Dezember.

* Die diesjährige Lholeraepidemie, die man als erloschm ansehen kann, hat nach der dem Reichs­tag übersandtm Denkschrift der Reichskanzlers im Ge­biete der Deutschen Reichs 8510 Todesfälle vemrfacht. Die Epidemie hat vomehurlich in Hamburg gewüthet, wo 7611 Personen gestorben sind. Auf die Einwohner­zahl berechnet, macht dies 1,22 Prozent. Im preußischen Staatsgebiet sind 892 Personen gestorbm, barunter 502 im Regierungsbezirk Schleswig, 116 im Regierung-« bezirk Lüneburg, 90 im Rm.-Bez. Stabe, 66 im Reg.- Bez. Stettin, 42 int Reg.-Bez. Potsdam, 16 im Reg.» Bez. Magdeburg, 15 tm Stadtkreis Berlin, 12 tm dachte Kurt an Malvine Walter. Wie kam eS nur, baß eine früher nie gekannte Wonne ihn überfiuchete, so ost er beS schönen Mädchens gebaute. Ob er nicht morgen gleich toieber nach bet Stadt gehen sollte? Konnte er nicht bei Walter'- manches WissevSwerthe über die Familie Tortoni erfahrm? Zum Glück ahntm die geschwätzigen Kleinstädter noch nichts von dm Be» ziehungen eines Wüllesm zu der Signora Tortoni. Aber der Knabe, der Knabe!

4. Kapitel.

Jrn Schatten uralter Kastanim lag ein einstöckiger Bau mit weißen Mauern; die Kmteuer hatten da- zierliche HäuSchm „Billa Linda" getauft, weil eine Allee von Linden an dem Gebäude vorüber führte. Seit­dem die Signora Tortoni hier ihr Heim aufgeschlagen, umgab es das weiße HauS wie mit einem Nimbus. Die Spiegelscheiben warm brtnnen mit Stoffen unb Spitzen dicht verhangen.

Da- Empfangs-Zimmer war mit kostbarm Möbeln ausgestattet. In malerischer Unordnung standm die Polsterstühle umher; an dm Wänden seltene Oelge- mälde, vom bemalten Plafond herab hing ein zierlicher venetianifcher Kronleuchter. An dieses Zimmer stieß das Kabinet der Signora. Die dunkle Portiere von geblümtem Damast war stets heruntergelassen; ein Smyrna-Teppich bedeckte dm Boden, schwere Vorhänge hielten daS volle Tageslicht ab, hier hatte sichtlich ein vornehmer Geschmack gewaltet und alle überflüssige Pracht

Dir Aberakn und dir Milttärvorlagr.

* Einer der tüchtigsten und rührigsten Cmtrums- abgeordnetm, Dr. Lieber, hat im Reichstage kurz und bündig erklärt, daß die Centrumspartei die Militärvorlage weder als Ganzer, noch als Anfang zu neuen Organisationen be­willige. „Wir wollm", erklärte er weiter, „die jetzige Organisation beibehalten und die Verstärkung deS Herr es nicht dmch eine Erhöhung der Präsenzstärke, sondem dmch die Ein­führung der zweijährigen Dienstzeit her- beiführm, denn von der Unerschwinglichkett der Saften der jetzt unbjünftigj geplanten Organifationen find wir fest überzeugt. So geht'- nicht weiter. Können wir uuS, fragt er dann mit Recht, schon im ?frieden zu Grunde richten, nm für einen Luftigen Krieg gerüstet zu sein?" DaS ist klar und mtschiedm gesprochen, wie wtt eS von dem hervorragenden Abgeordnetm gewöhnt find; ein Kom­mentar zu diesm Wortm ist vollständig überflüsiig. Nur daS müfim wtt hinznfügm, daß mit dieser Er­klärung die Militärvorlage als gefallen avzusehm ist; dm» die Sozialdemokratm ftintnten „auS Prinzip" gegen dieselbe, die Freisinnigen müfim fie ebmfallS mit Rücksicht a»f die Stimmung ihrer Wähler ab- lehnm. Somit blieb das Centrum als ausschlag­gebende Pmtei übrig. Und schon nach der Rede deS Abg. v. Huene, der vorher seit längerer Zeit von der liberalm Prefle als Freund der Militärvorlage hinzustellm versucht tourbe, konnte kaum mehr ein Zweifel über die Stellungnahme deS CmtrnmS übrig bleibm. Schon damals tagten mir, daß daS Cen- trum in dieser Frage die Führerrolle übemommm habe. Wegen der Unerschwinglichkett der ungeheuren Lastm, welche durch die Vorlage dem ohnehm schwer belastetm Volke, besonders dem Mittelstände, dem Ge- schäftSmanne und Landwirche, aufgebürdet wordm wäre, machte eS feine Macht geltenb unb lehnte die Vorlage ab.

Werfm wtt nun einmal einen Blick dahin, wie die liberale Partei in dieser Frage für das wirth- fchaftliche Wohl des deutsch« Bottes gesorgt hat durch feine Stellungnahme gegenüber diesen Militärsorde- rnngen. Nach der „großen staatSmännischm" Rede deS Abg. v. Bmnigsm hätte man fast glanbm sollm, die Militärvorlage sei über dm Berg hinweg. Der nationalliberale Führer sprach so bestimmt die Ueber- Sg auS, daß durch Bewilligung „des Kerns der

je und der größten ThelleS der Zahlen, die fie fordert", die Verständigung werde herdeigeführt wer- dm, als ob er nicht an der Spitze einer 42 Mann starkmPartei, sondern des ganzenReichrtageS rnarschirte. Wir haben aus den bisherigen Verhandlungen und aus Bennigsens Rede nurj die „Ueberzeugung" gewonnen, daß die Rationaliberalen von Herzen gern zu allem Ja sagten, fich aber der Wähler toegen

Reg.-Bez. Marimwerder, 4 im Reg -Bez. Hildesheim, je 3 im Reg.-Bez. Sttalsund und WieSbadm, je 2 im Reg.-Bez. Osnabrück und Düffeldorf, und je 1 im Reg.-Bez. Posen, Oppeln und Hannover. Bon dm übrigm dmtschm Staaten hattm Mecklenburg-Schwerin 44, Brernm 7, Mecklmbnrg-Ettelitz 6, Sachs« 4, Lübeck 3 unb Baben, Oldenburg, Braunschweig nnb Sachsm-Altmbmg je 1 Todesfall. Die Epidemie hat hiemach hauptsächlich bie Gebiete, welche Hamburg am nächsten liegen, ergriffen. Empfindlich berührt ist vor Allem bie Nachbarstabt Altona mit 328 TobeSsällm (allerdings nur 0,23 pCt. ber Bevölkerung), ferner Wanbsbeck mit 43, Sauenburg mit 25, Siel unb Rendsburg mit je 17 Todesfällen. Die auf dem linken Elbnfer liegend« Kreise der Regierungsbezirke Stade unb Säneburg mar« eine Zett lang statt! in Mitleiden­schaft gezogen. Auf Stadt und Kreis Harburg ent­fallen 102 Todesfälle, darunter allein 61 auf Wilhelms­burg, das 8666 Einmohner zählt. Im Kreise Kork kam« 46 Todesfälle, im Kreise Kehdingm 31 vor. Der Prozentsatz der Gestorbm« erreichte ht Nauenfelde, Kreis gort, mo von 1829 Einwohnern 21 ftarben, beinahe dm Prozentsatz von Hamburg. Im Regierungs­bezirk Stettin hatte die Stadt Stettin 17, die Stabt Ueckermüvbe 11 Todesfälle, ferner entfallen 15 auf den Kreis Randow, 8 auf den Kreis Greifenhagen und 7 auf den Kreis Ueckermünde mit Ausnahme ber Kreisstabt; bie übrigen 8 Todesfälle vertheilm fich auf 5 Kreise. In Mecklenburg-Schwerin hattm Boitzm- bürg mit 19 unb Dönitz mit 5 TobeSsällm bie größte Zahl. WaS bie Todesfälle in ber Provinz Branden­burg betrifft, so mar am meisten beseitigt der an der Elbe gelegene Kreis West-Prieguitz, aus dm 14 Todes­fälle kommen, darunter allein 8 auf die Stabt Witten­berge. In Charlottmburg Samen S, in Spandau 4, im Kreise Riederbarnim 4, Oberbarnim 6, darunter 4 in Eberswalde, Westhavelland 8 und Osthavelland 1 Todesfall vor. Ferner hatte noch der Kreis Königs­berg in ber Neumark 8, der Kreis Angermünde 4, der Kreis Templin 1 und die Stadt Sandsberg ebenfalls 1 Todesfall.

* Der Oberbürgermeister von Berlin, Zelle, ist als lebmSlänglicheS Mitglied inS HerrmhauS beruf« mord«.

* Der .Reichsanzeiger' publizirt amllich bie vom Reichstage beschlossene Novelle zum Krankenkasse»'- gesetz (6etr. eine vorübergehmde Erleichterung für die frei« HilfSkaffm), eine kaiserliche Verordnung, mittelst ber bie Arbetterverstcherungsgesetze am 1. Januar aus Helgoland eingeführt merbm.

♦ Die WÜrdthorst'schen Resolutionen von 1890, von bmm jetzt miebcc viel bie Rede ist, hab« ihr« Schmerpunkt in dem Bestreb«, auf gesetzliche Fest- legung zweijähriger Dttnstzeit hinzuwirkm und zwar im Rahmen der bisherigen Präsmzziffer (486,000 Mann). Der erste Redner be8 CmtrnmS in der SamStagS- Debatte über die Militärvorlage, Frhr. v. Huene, fem gehaltm. Die Herrin brachte in diesem Kabinet dm größten Theil des Tage- zu. Sm Fenster stand ein Blumentisch. Suda pflegte die Kinder Flora'S und hatte die Gewohnheit, immer einige der Farnilim-Por- träts vermittelst eines MorastäuderS zwischen den Blu- mm anzubrivgm. ES war eine anmuthige Spielerei, der Constance in ihrer gleichgiltigen Weise mit Sächeln zusah. Am Morgm nach dem Fmnilim-Ball bei Stadt­rath MeierS erschien Sucia später als gewöhnlich im Kabinet der Mama. Constance lehnte, die Füße auf ein gepolstertes Kiffen gestützt, in ihrem Gefiel und laS. Sie schien eS nicht zu fühl«, daß der Blick des jungen Mädchens forschend an ihr« Zügen haftete. Schmerz und Theilnahme spiegelten sich deutlich in Sucia'S Augm. Wie blaß die gute Mutter heute wieder ausfahs! O, toenn fie ahnte, waS sie, Lucia, an Argwohn in ihrem Herzm trug. Constance hatte heute einen schwarzen Spitzenschleier über Kopf und Schulter» geworfen; er gab ihr daS Ansehen eines spanischen Gemäldes. Das blonde Haupt gewann durch die großen, bunflen, blitzenden Augen etwas Fremdartiges. Die Züge von edlem, feinem Schnttt, die anmuthige Haltung des Kopfes, die zierlich, fchlanke Gestalt ließen bie dreißig- jährige Frau viel jünger erscheinen. Man konnte sie für eine Schwester ber Lucia halten. Selbst die Schwer- muth ihres Wesens verlieh ihr etwas Vornehmes, Un­nahbares.

Lucia war noch immer an ihrem Blumentische be-