JV 291 Sonntag, den 18. Dezember 1892. 19. Jahrganq
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S-t. Zur Verbesserung der Lage der Kletueu Handwerker.
Bor Kurzem ist an dieser Stelle über das Borgwesen und besten Folgen für den Handwerkerstand ge- sprochm worden. In Handwerkerkreisen hat man die gemachten Vorschläge sehr günstig ausgenommen und von verschiedene« Handwerksmeistern wurde versichert, daß die Handwerker sehr viel zur Beseitigung des BorgmiwesenS thun könnten, wenn eS nur in Bezug auf einen einzigen Punkt, aber auf einen außerordentlich wichtigen Punkt, im Handwerkerstande bester bestellt wäre, nämlich auf die Einigkeit. DaS schöne und wahre Wort, daß Einigkeit stark mache, und daß durch Einigkeit, wenn auch nicht Alles, so doch sehr Vieles erreicht werden könne, sei dm Handwerkern ebmso wie allen Anderm hinlänglich bekannt, aber trotzdem sei eS sehr schwierig, die Handwerker mit dem Bande der Einigkeit zu umschlingen, sie dazu zu belegen, ihre Interessen solidarisch zu vertreten. Und nut dieser Behauptung hat es leider seine Richtigkeit. Unter dm Handwerkern herrscht wohl die Ueberzmgung, daß sie durch gemeinsames Handeln viel zur Besterung ihrer wirthschaftlichen und sozialen Berhättniste erreichen würden, allein über die Art und Weise, wie gemeinschaftlich gehandelt werden soll, existirm unter den Mitgliedern des Handwerkerstandes Meinungsverschiedenheiten, die auszugleichm als die vomehmste Aufgabe zur Erzielung 'ber Einigkeit im Handeln aufgefaßt werden muß. Ein Theil — und wohl der weitaus größte Theil — der Handwerker find der Ansicht, daß durch die Innungen eine solidarische Jnterkstm-Bertretung am leichtesten
Um den Lorbeer.
Roman von I. Sandhage.
(4. Fortfetzung.)
'Er sagte ihr jetzt, wo er dar Bild gefunden.
„Ach so", rief die Tante lebhaft, „nun wird eS mir klar, diese holde Mädchenblume steht mit unserem armen LandSbecker in näheren Beziehungen; aber seltsam" rief ste nach einer Pause, „daß Konrad seinen Verlust nicht entdeckt hat. Du solltest doch je eher je bester mal wieder nach LandSbeck hinausgehen und ihn austuchm, dm schwermüthigm Träumer. Der Winter steht vor der Thüre und eS ist gerade die Zeit, in der er sich, von der Welt abgeschlossen, ganz zum Sonderling und Mmschenfeind auSbrüten kann."
„Du weißt doch, er hat mich unlängst nicht an- gmommm," versetzte Kurt ernst.
„Das sind Schrullen, die rechnet man einem solchen Grillenfänger nicht an," antwortete die Tame. „Sei gut und nachsichtig, Kurt. Gehe Heine noch hin und lasse Dich nicht zuvor anmelden. Der alte Martin weiß schon Bescheid; es geht auf LandSbeck Alles hübsch dm alten Schlendrian, aber der Hausmeister und der Amtmann sind treubewährte Leute."
Eine Stunde später ging Kurt nach LandSbeck hinaus. Haus LandSbeck lag in einer fruchtbaren Ebene. Ein alter Rococo-Bau mit dicken Mauern und ein paar Windfahnen auf den Zinnen. Ein Graben, in
möglich sei; ein anderer Theil steht der JnnungSidee unsympathisch gegenüber, was vielleicht darin feinen Grund hat, daß Seitens der Regierung die Jnnungs- bestrebungen nicht in dem wünschenswerthen und noth- wendigen Maße gefördert werden und daher die Jn- nnngm bis zur Stunde wenig von Belang zu Gunstm des Handwerkerstandes erreicht haben. Genug, dieser zweite Theil der Handwerker will von der Nmbildung von Innungen oder dem Anschluste an bestehmde Innungen nichts wissen und hält die Organisation von freien Handwerker-Vereinigungen für zeitgemäßer und zweckdienlicher als die Innungen, jedoch fehlt eS den Angehörigen dieses TheileS an der nöthigen Energie, um solche ihnen passend erscheinende Bereinigungen ins Leben zu rufen. Ein dritter Theil der Handwerker mdlich ist so pessimistisch gestimmt, daß er weder durch Innungen noch durch freie Vereinigungen etwas Besonderes zur Förderung der Interessen des Handwerkerstandes erwartet. Diejeniam Handwerker, welche von dieser — sagm wir es offen heraus — verderblichen Meinung beherrscht sind, glauben, Jeder müste auf eigene Faust versuchen, durchzukommen, so gut ober so schlecht es eben gehen wolle. Die hier kurz ange- deuteteten MeinungSverschiedmheiten bilden für die nothwmdige Organisation des Handwerkerstandes ein sehr großes Hinderniß, und dieses Hinderniß möglichst auS dem Wege zu räumen, erscheint uns als daS wichtigste Moment in der ganzen Agitation zur Erreichung der Mitwirkung, wenn nicht aller, so doch der weiften Handwerker an der Verbesserung der Lage deS gesammten Standes. Es gilt, die Handwerker zu überzeugen, daß sie durch gemeinsames Handeln einstweilen auch ohne die tbatkrästige Unterstützung der Regierung sehr wohl ihre Verhältnisse bester gestalten und später auch die Regierung zur erforderlichen Hilfeleistung nöthigen können. Wir sind für unfern Theil der festen Ueberzmgung, daß die Regierung sich entschieden weniger ablehnend gegenüber den berechtigten Hanbwerkerforde- rungen verhalten würde, wenn die Forderungen von dem gesammten organiftrten Handwerkerstände ausgingen, und wir sind ferner nicht minder fest davon überzeugt, daß die Regierung ihre ablehnende Haltung in erster Linie auf die den Handwerkern mangelnde Einigkeit stützt. Daher: Einigkeit vor allen Dingen! Wenn die Einigkeit geschaffen ist, dann lassen sich manche Mittel und Wege zur Verbesterung der vielfach sehr traurigen Lage der Handwerker finden, die heute anzuwenden und einzuschlagen saft ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Um gegenwärtig nur einige Mittel zur Hebung deS Handwerkerstandes, insbesondere zur Verbesterung der Lage der kleinen Handwerker, anzuführen, wollen wir Folgendes zur Erwägung hierhinsetzen. ES unterliegt keinem Zweifel, daß für den über wenige Mittel verfügenden Heinen Handwerker eine Hauptschwierigkeit hinsichtlich seines VorwärtSkommenS darin besteht, daß er oft nicht in der Lage ist, eine ihm gemachte Bestellung schnell auszuführen. ES fehlt ihm das dazu
dem schlammiges, mit grüner Entengrütze überzogenes Master langsam austrocknete, umgab daS Gebäude. Ringsum Felder und Wiesen, nnd im Hintergründe, nach Osten hin, ein herrlicher Eichenwald; darüber hinaus lugte der Kirchenthurm von Kenten.
Alles, was gediegener Reichthum und solider Geschmack nur zusammentragen kann, eine Wohnung heimisch auSzustatten, war hier vereinigt, das alte Kastel innerlich zu schmücken. Der junge Burgherr aber hatte sich seit seiner Heimkehr spottwenig um seine Besitzung gekümmert. Er lebte wie ein Einsiedler; tiefe Schwermuth lagerte über seinem Wesen. Jedermann auf der Burg ging ihm scheu aus dem Wege.
Die Sonne übergoß die alten verwitterten Mauern mit einem röthlichcn Schein, als Kurt v. Romberg die breiten Stufen der Haustreppe hiuanftieg. Man batte ihn kommen sehen, denn die schwere Eichenthüre öffnete sich vor ihm. Ein weißköpfiger Diener trat vertraulich an Kurt heran.
„Gottlob, daß der gnädige Herr Baron wieder einmal nach uns sehen. Es ist Alles noch beim Alten."
Kurt scbüttelte dem Manne die Hand und schritt durch den breiten dämmerigen Flur. Der Alte blieb auf einen Wink des Herrn Baron zurück. Unangemeldet trat Kurt durch die eiste beste Thür in ein großes wohnliches Gemach mit schweren Vorhängen, Eichengetäfel und Rococo-Möbel. Ein dicker Teppich dämpfte den Schritt, als Kurt sich dem Nebenzimmer näherte.
nothwendige Rohmaterial und vielleicht auch die erforderliche Zahl der Arbeitskräfte. Ersteres kann er nicht in größeren Quantitäten beziehen, weil er gezwungen ist, dasselbe auf Kredit zu nehmen und Rohmaterialienhändler erfahrungsgemäß nicht gewillt find, mittellosen Leuten einen umfangreichen Kredit zu gewähren.
Arbeitskräfte vermag er aus demselben Grunde seiner Mittellosigkeit auch nicht zu bezahlen, und so muß sich der kleine Meister mit seiner eigenen Leistungsfähigkeit und der Beihilfe von Lehrlingen begnügen. Damit vermag er aber beim besten Willen nicht gegen bester sttuirte Konkurrenten anzukommen, zumal, wenn eS ihm unmöglich ist, sich die bei anderen Handwerkern in Betrieb befindlichen Maschinen anzuschaffen. Er bleibt trotz allen Fleißes, aller Sparsamkeit in den meisten Fällen, Zeit seines Lebens ein „armer Teufel", der froh fein muß, wenn er mit den ©einigen eben durchkommt. Daß dies kein besonders erhebendes Bewußtsein ist, braucht wohl nicht extta betont zu werden. Aber soll benn gar nichts geschehen können, um in dieser Beziehung eine Besterung herbeizuführen? Wir meinen doch. Zunächst halten wir dafür, daß eS gut und nützlich wäre, wenn man Lehrlingsvereine, wie solche schon in größerer Anzahl existirm, überall, wo eS anginge, gründete und Pfennigsparkassen für die Mitglieder einführte. Die Spargroschen, die ja immer noch — auch nach Bestreitung der im heutigen Leben nothwmdigm Auslagen, abfallen und zur Zeit vielfach — wie man es allsonntäglich besonders in dm Städten sicht, unnütz verausgabt werden, müßten vo« vomherein dazu bestimmt sein, den erftett Fonds zur späteren Anschaffung von Werkzeug zu bilben. Die ersparte Summe würbe, wenn ber Lehrling Geselle geworben, diesem auSgehändigt, und er müßte zu gleicher Zeit veranlaßt »erben, ben Bettag einer zu errichten- benben Gesellensparkasse zuzuführen unb dort durch weiteres «Sparen zu vermehren. Das Geld würde selbstredmd verzinslich anzulegen sein, und damit die Summe bis zu dem Augenblicke, in welchem der junge Mann sich anschickte, eine eigene Werkstätte einzurichten, auch zu den ersten Einrichtungen ausreichte, könnte vielleicht der Meister, bei welchem der Geselle arbeitet, bestimmt »erben, monatlich eine Kleinigkeit beizusteuern. Sparte ber Handwerkslehrling, unb -Geselle so, wie wir bas für möglich halten, so würbe er bis zum Zeitpunkte beS SelbstänbigwerbenS, ben wir einmal auf bas vollendete sechsunbzwanzigste Lebensjahr festfetzm wollen, acht bis zehn Jahre lang an dem Fonds zur Beschaffung ber ersten Einrichtung seiner Werkstätte gesammelt haben unb wohl über eine Baarsumme von 6 bis 800 Mark verfügen können. DaS wäre gewiß viel schöner unb bester, als wie eS jetzt ist, wo vick junge Hanbwerker mit leeren Hänben, bezw. mit erborgten Mitteln ben selbstänbigen Betrieb beginnen. Unb weiter! Der junge selbststänbige Meister tritt sofort nach seiner Etablttung einer Innung oder einer Hanbwerkervereinigung — wir lassen diese Frage un-
Plötzlich stockte sein Fuß. Mas war bar? ©eigen-, Harfentöne? Er lauschte. Schmelzende Accorde einer Zither drangen zu ihm herüber und jetzt mischte sich ein verschleierter Bariton in die Melodie, er sang:
„Ick fit so vertaten, so trurig alleen Wo de Palmenbom ragt in bet Land, So be Sünnenstral glanzt up bat Felsengesteen Un (tüt mit ben Kop in be Hand."
Ach so, es war das alte Weihnachtslied in der Fremde, daS er noch von früher her kannte. Der Vetter drinnen war gerade beim letzten Vers angelangt. Mü entschlossener Hanb öffnete der Ankömmling die Thüre; schrill brach der Ton ab, die Zither war von bebender Hand zurückgeschleudert. Sprachlos, im ersten Moment, standen sich die beiden Männer gegenüber.
Dann, ehe Kurt v. Romberg es sich versah, lag der Andere an seiner Brust.
Lange hieltm sie sich umschlungm. Kurt hätte beim Anblick des Burgherrn heiße Thränm weinen mögen. Nach einer Weile saßen sie neben e nander. Das Gespräch kam nur langsam in Fluß.
WaS Kurt auf dem Herzen hatte, was ihn zu erforschen hergeführt, schwebte ihm auf der Zunge, allein ein Blick in die verfallenen Züge deS Anderen verschlossen auf'S Reue seine Lippen. Da sagte dieser plötzlich: „Habe ich nicht unlängst ein Medaillon bei Euch, im grünen Robinet, liegen lassen? Ich vermisse es und erinnere mich, daß die Schnur riß, als ich mich