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19. Jahrgang

JM 290

Samstag, den 17. Dezember 1892.

uld «er W Zeitung

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1. Guartal 1893

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Deutsches Keich.

Berlin, 15. Dezember.

* In dem gemeinsamen Hirteuschreibe» der deutsche« Bischöfe, welches am vergangenen Sonntage von den Kanzeln verlesen worden ist, wird uns ein Bild von der großartigen Wirksamkeit unseres glorreich regierenden Papstes Leo XIII. entworfen. Trotz des hohen Alters, in welchem er den päpstlichen Thron bestiegen hat, ttotz der schwierigen Lage des PapftthumS entgeht ihm keine Gefahr unserer Zeit, kein Bedürfniß des christlichen Lebens, bei Allem vielmehr, was die Welt bewegt und das Wohl der Menschheit betrifft, erhebt er mahnend und warnend feine Stimme, so daß wir voll Freude und Dank gegen Gott ausrufen müssen: Wahrlich, der Herr hat uns in ihm einen Hirten nach seinem Herzen gegeben, der uns weidet mit Weisheit und Siebe! Das ist eine offenkundige Thatsache, die selbst den Andersgläubigen Achtung vor unserem heil. Vater abnöthigt. Doch wie stellt der sogen. „Evan­gelische Bund sich dazu? Es sträubt sich die Feder, die Verleumdungen und Verdächtigungen nachzuschreiben, Welche dieser in seiner letzten Flugschrift: „Das Papst- thum im Lichte des ersten Gebotes" wider unfern hl. Vater in die Welt gesandt hat, doch eS ist nöthig, sie festzunageln zur wohlverdienten Schmach dieses Hetz­hundes. Seite 40 heißt es da: „Auf derselben Hoch- muthSbahn (wie Pius IX.) bewegt sich auch sein Nach­folger, Leo XIII. (seit 1877, so?). Sein Vorgehen ist nicht die grobe Schlauheit seines Vorgängers, sondern die feine, verschlagene, von langer Hand vorbereitete List. Vom Fuchse hat er nicht bloß das Ansehen, son­dern auch das Benehmen. Nach feinen öffentlichen Akten gemessen sucht er seinen Ruhm nicht in der Pflege reli­giöser Dinge; selten und nur wie zur Verzierung spricht er vom Rosenkranz und von Wallfahrten; man merkt,

Um den Lorbeer.

Roman von I. Sandhage.

(3. Fortsetzung.)

Wochen vergingen, Constance war noch immer krank; Lucia aber war nicht in ihr Kloster zurückgekehrt. Sie konnte sich von ihrem blondlockigen kleinen Bruder nicht trennen, dem sie die Mutter zu ersetzen strebte. Als Constance fo weit hergestellt war, eine eigene Wohnung beziehen zu können, richtete man sich wie in alter Zeit häuSUch ein. Signora Lucretia hatte Neapel in der Thctt verlassen, um Constancen'S Stelle einzunehmen. Constance lebte wieder im Hause ihres alten Impre­sario, nur mit dem Unterschied, daß der häusliche Kreis durch die zwei Kinder erweitert war. Der Name Wüllesen wurde wie auf stillschweigendes Uebereinkom- men nie mehr genannt. Antonio bot Alles auf, die Signora wieder für ihre Kunst, für ein neues Wander­leben in's Ausland hinaus zu gewinnen. Sie gab end­lich nach und raffte sich gewaltsam empor. Sie unter­nahmen kleine Reisen und gaben Concerte. Der be­rühmte Name übte den alten Zauber auf daS Publikum aus, der Maestro war wieder in feinem Elemente. Ihm schien auch, daß Constance wieder die Alte sei. Daher gab er ihrem Wunsche nach, als sie darauf bestand, nach Deutschland reifen zu wollen. Kenten hieß der Ort, in dessen Nähe die Besitzung ihres Gatten lag. Dorthin stand ihre Sehnsucht und der Maestro gab

daß diese Dinge ihn nicht allzu sehr beschäftigen; ist er religiös und räumt er in feinem Privatleben der Religion einen großm, kleinen oder gar keinen Einfluß ein? Das Publikum weiß es nicht; aber daS weiß es, daß er feinen Hauptruhm in der Aufrechterhaltung des politischen Einflusses deS Papstthums sucht" rc. Für solch' eine Gemeinheit kann jeder ehrenwetthe Mann, mag er Katholik oder Protestant sein, nur eine Ant­wort haben, nämlich: Pfui! Wie blind vor Fana­tismus muß das Auge, wie voll von Gift und Salle der Geist eines Scribenten fein, der Solches zu schrei­ben hat wagen, der offenkundigen Wahrheit so hat in'S Gesicht schlagen können! Gflt denn für ihn daS 8. Gebot Gottes nicht mehr: Dn sollst kein falsches Zeug« niß geben wider deinen Nächsten? — Noch eins: Wenn der Verfasser unfern jetzt lebenden Papst so boshaft hat verdächtigen und verleumden können, wenn er an PiuS IX., der noch in aller Gedächtniß lebt, kein gutes Haar läßt — dieser soll ja auch den Syllabus, bei dessen Nen­nung schon ein jeder Bündler eine Gänsehaut bekommt, „auf der vatikanischen Synode haben dogmatistren, d. i. als Kirchenlehre anerkennen laffen, an welche alle Katho­liken glauben müssen" (Seite 40), und doch weiß kein Katholik etwas davon — dann hat man schon eine Vorstellung davon, wie er mit der Wahrheit in Be­treff der Päpste der ftüheren Jahrhunderte umgesprun­gen ist. Alle die einzelnen Lügen widerlegen zu wol­len, hieße dieser Sudelschrift zu viel Ehre anthun. So arbeitet der „Evangelische Bund" an der Niederreißung des religiösen Friedens, daß die Männer des Umsturzes ihre Helle Freude daran haben müssen, tiefe Trauer ober alle gläubigen Christen ergreift.

* Der ,Köln. Zeitung' zufolge wird ©eilens der Reichsregierung ein Samoa betreffendes Weißbuch vorbereitet, das einen umfangreichen Schriftwechsel ent­hält, jedoch kaum vor Ende des Jahres erscheinen wird.

* Nach einem Anträge Preußens, der augenblicklich ben Bundesrath beschäftigt, soll das Gerichtsverfassungs- gesetz auf Helgoland ausgedehnt werden. Es handelt sich hauptsächlich um Errichtung eines Schöffengerichts für Helgoland, und zwar soll im Einzelnen bestimmt wer­den : Für Helgoland wird ein Schöffengericht mit dem Sitze daselbst gebildet. Die Schöffen werben ans ben Einwohnern ber Insel entnommen. Für ben Bezirk von Helgoland tritt ein besonderer Ausschuß auf der Insel zusammen. Der Ausschuß besteht aus dem Amts­richter als Vorsitzenden und einem von der Landes­verwaltung zu bestimmenden Staatsverwaltungsbeamten, sowie Vertrauensmännern als Beisitzern. Die Ver­trauensmänner werden aus den Einwohnern der Insel gewählt. Zur Beschlußfähigkeit des Ausschusses genügt die Anwesenheit des Vorsitzenden, des Staatsver­waltungsbeamten und eines BerttauenSmanueS. Die erforderliche Zahl von Hauptschöffen und Hilfsschöffen wird durch die LaudeSjustizverwaltung bestimmt. Die Namen der erwählten Hauptschöffen und Hilfsschöffen werden in gesonderte Verzeichnisse ausgenommen. (JahreSliste.) Die Zahl der auf den Bezirk von Helgo-

ihrrr Laune nach. In Stenten angelangt, drang An­tonio darauf, daß auch Lucia sich musikalisch bilden und dem Lorbeer der Kunst nachstreben solle. Er kam der geheimen Sehnsucht ihres Herzens zuvor. Ihre GesangS- ibungen hatte sie mit Schülerinnen des Maestro'S, die er sich alsbald in Kenten zu erwerben Wußte, bekannt ;emacht. Heute hatte sie das erste Tanzkränzchen be­ucht und sonderbar, daß sie den verhaßten Namm Wüllesen nach langer Zeit hatte hören muffen. Aber ob der Träger vieles Namens, dieser schöne stattliche Herr, der Gatte ihrer Mutter war? Noch standen ihr )ie flammenden Blicke, der röthliche Vollbart des An­deren vor der Seele; — gab eS vielleicht zwei Män­ner gleichen Namens hier? Mit widerstrebenden Empsindungen begab sich Lucia endlich zur Ruhe, als der erste graue Morgenschimmer bereits tn ihr Gemach drang. Was würde ihnen Allen wohl die nächste Zu­kunft bringen.

3. Kapitel.

An demselben Morgen, als Lucia mit schwerem Herzen dm Tag begrüßte, eilte Kurt v. Wüllesen in das Wohnzimmer, Wo Tante Mechthild längst mit dem Frühstück auf ihn wartete. Die ältliche, kleine, beweg­liche Dame führte seit dem frühen Tode ihres Bruders und seiner Frau das häusliche Regiment auf Haus Rom­berg. Kurt hatte seine Ettern nicht einmal gekannt. Aber Alle, die zum Schlosse in Beziehung standen, die städtischen Beamten, Kaufleute und Handwerker so gut

land entfallenden Geschworenen wird durch die Landes­justizverwaltung bestimmt. Der Ausschuß hat gleich- zeitig diejenigen Peiffonen aus der Urliste auSznwählm, welche et zu Geschworenen für daS nächste Geschäfts­jahr vorschlägt. Die Vorschläge find nach dem drei­fachen Betrage ber auf Helgolanb vrrtheiltm Zahl ber Geschworenen zu bemessen. DaS Gesetz soll am 1. Januar 1894 in Kraft treten.

* Der Reichstag hielt heute seine letzte Plenar- Sitzung vor ben Weihnachtsferien ab. — Den zunächst auf ber Tagesordnung stehenden Gesetzentwurf, betreff, die Ersatzvertheilung, acceptirten im Prinzips sammt- liche Redner, und wurde derselbe an die deschlossme 28er Kommission zur Borberathung iiberwiefen. — Abg. Richter (freis.) verlangte eine konsequente Durch­führung der Vorlage und erklärte, alle Abweichungen, welche dieselbe zulassm wolle, ablehnen zu müssm. Vom bayerischen jBundesbevollmächtigten, Generalmajor v. Haag, daraus aufmerksam gemacht, daß nach dem Bündnißvertrag Bayern fein Rekrntmkontingmt selbst festsetze, hielt es Richter für angängig, dm Bündnißvertrag abzuändern, wie dies doch auch hinsichtlich der Brannt­weinbesteuerung geschehm sei. Im Uebrigen wurde von ben Reimern bie Auffassung vertreten, daß bie vor- liegenbe kleine Militärvorlage von ber großen Militär­vorlage (betr. Friedenspräsenz) ganz unabhängig zu erledigen sei. — Darauf setzte der Reichstag die Be- rathung ber Strafgesetznovelle (fogn. lex Heinze) fort. — Abg. Dr. Horwitz (freis.) hielt bie Strafrichter für überlastet, bieselben hättm täglich 20, 30 ja 40 Sachen zu erlebigen und Würben dadurch zu Tage­löhnern herabgedrückt. Redner war der Ansicht, baß bie Kasernirung ber Prostitution vom liebel sei und baß ben Strafrichtern nicht bie Entscheidung über künstlerische und literarische Richtungen einzuränmm sei. — Gch. Rath Lucas wies die Behauptung zurück, daß in Preußern die Sttasrichter hinsichtlich der Be­lastung zu Tagelöhnern herabgedrückt würden. Die Auslegung bedenklicher und unzüchttger Bilder in öffentlichen Bilderläden und Buchläden, diene nur niedriger Reklame und wirke nur demoralisirmd. Gegm das Zuhälterwesen, Leute ohne jede Ehre, wären nur Strafverschärfungen angebracht. Mit der Annahme des Gesetzmwurfs werde man dem öffentlichen Rechts­gefühl einen Dienst er weifen. — Abg. Rintelm (Ctr.) befürwortete eine größere Freiheit ber Kirche zur Be­kämpfung ber Unsittlichkeit, sowie schärfere Strafbe- stimmnngen bei besonders rohen Handlungen. — Abg. Hahn (fonf.) stimmte ber Vorlage im Wesentlichen zu, ist aber mit ber Kasernirung ber Prostitution deshalb nicht einverstandm, da doch ein Verhalten, das mit schwerer Strafe bedroht werde, straflos bleiben solle, wenn es unter polizeilichem Schutze geübt werde; dies würde das Volk nicht verstehen. — Abg. Dr. Pieschel (ntl.) stimmte der Vorlage zu. — Abg. Stadt­hagen (Soz.) forderte freies Koalitionsrecht auch für die grauen, damit bessere Existenzbedingungen ange- strebt werden könnten, und hielt im Uebrigen denEnt-

al8 die Pächter, die Dienerschaft, stimmtm mit Kurt und der Verwandtschaft überein, daß man sich zu der häuslichen Vorsehung in Tante Mechthild beglückwün­schen könne.

Sie saß schon in ihrem hochlehmgm, mit grünem WollripS überzogenen Lehnsessel und strickte. AIS er eintrat, schob sie die Brille ein wenig in die Höhe, hielt die Stricknadel drohend empor und rief: „Lang­schläfer!"

„Entschuldige, Tantchen", rief Kurt und küßte ihr die Hand. „Ich bin gestern Abend spät heimgekehrt", begann er feinen Vortrag, ben er heute recht auSzu- dehnen gedachte.

Taute Mechthild war ein bischen neugierig und ließ sich gern erzählen. Sie kannte die ftäbti» schm Verhältnisse genau unb besaß ihren Bericht­erstatter nach allen Richtungm. Seit ein paar Wochen nagte ein schwerer Kummer an ihrer Seele. Em Neffe von ihr, Konrab von Wüllesen - LandSbeck, dessen Besitzung eine Stunde von Romberg entfernt lag, war plötzlich aus ber Fremde heimgekehrt. Er hatte zuerst feine Tante Mechthild aufgesucht, aber sie hatte ihn kaum wieder erkannt. Was hatte die Fremde aus dem ehemals so stattlichen, blühenden Edelmann gemacht? Er war von jeher ein offener, hübscher Bursche gewesen mit Hellem Kopf, aber leidenschaft­lichem Temperament. Mit seinem Vater hatte Konrad sich schwer dertragen. Mangel an Pietät nannte der