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JV 289 Freitag, den 16. Dezember 1892. 19. Jahrgang

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Deutsches Keich.

Berlin, 14. Dezember.

* Der Antisemitismus, dem die Konservativen auf ihrem Parteitage in Hurrahstimmung in die Arme gesunken sind, schemt ihnen rascher Nackenschläge ein­tragen zu sollen, als man vermachen konnte. Etwas gewaltsam brachte gestern im Reichstage Graf Caprivi den Antisemitismus mit dem BimetalliSmuS in Zu­sammenhang. Offenbar suchte er eine Gelegenheit, möglichst bald seine Meinung über die neue Wendung auszusprechen. SS war ein Unglück für die Konser­vativen, daß ihr Parteitag gerade in den Zeitpunkt siel, wo daS Ahlwardt-Fieber seinen höcksten Grad erreicht und die Radau st irnrnung Ober­wasser hatte. Zu jeder andern Zeit wäre wohl daS Programm ruhiger und sachlicher besprochen worden. Wie der Parteitag sich von einer Antisemitenversamm­lung kaum unterschied, so sind für die große Masse vorerst auch die Unterschiede verwischt, die daS konser­vative Programm von dem des „teilten Antisemitismus" unterscheidet. Hat man doch einem Ahlwardt Hochs ausgebracht und haben führende Personen mit Stolz erklärt, für Ahlwardt gestimmt zu haben. Man thut aber der Partei unseres Erachtens Unrecht, wenn man ihren christlich-sozialen Antisemitismus mit dem irreli­giösen Raffen-Antisemitismus in einen Topf wirft. Ehe man ein Verdikt fällt, sollte man warten, bis sich die augenblickliche antisemitische Springfluth etwas ver­laufen hat. Auch der Reichskanzler hätte warten sollen, ehe er, gestützt auf das auf dem Parteitage gefallene Wort, eS müßte „demagogisch" vorgegangen werden, annahm, die Partei sei zum demagogischen Antisemi­tismus abgeschwenkt. Es muß die Konservativen mit Recht reizen, wenn er sagt: „ES ist mir unbegreiflich, wie patriotische Männer daS miimachen können." Fand er doch den Antisemitismus an sich begreiflich, und fand er es sogar begreiflich, wenn die Aufhebung der Inden-Emanzipation beantragt würde. Die ganze Rede hatte vermuthlich einen takciscken Zweck, nämlich den, die Konservativen, die der Regierungsleine zu ent« schlüpfen int Begriffe sind, zurückzupfeifen und die 23 Gardisten des alten Programms herauSzuhauen. Wir zweifeln auch gar nicht, daß schon Manchem, ob dieses unerwarteten Auftretens der Regierung, das Herz einige Fuß tiefer gesunken ist und er im Stillen bereut, auf dem Parteitage nicht mäßigend gewirkt zu haben.

* Betreffs der Sonntagsruhe im Haudelsgewerbe hat der „Allgemeine Deutsche Gewerbe-Berein" in etwa 60 Städten eine Petition an den Reichstag vorbereiteet, welche empfiehlt, unter Aufrechterhaltung der gesetzlichen Bestimmungen im Uebrigen die Verkaufszeiten der ein­zelnen Branchen im Allgemeinen um eine Stunde zu verlängern und so zu verlegen, wie solche für den ge­schäftlichen Verkehr passend sind, jedoch sollen die Ver­waltungs-Behörden auf Wunsch der Mehrzahl der in Betracht kommenden Gewerbetreibenden ermächtigt wer»

Um den Lorbeer.

Roman von I. Sandhage.

(2. Fortsetzung.)

„Deine Mutter singt heute Abend die „Athalia" hier im Theater. Morgen giebt e8 ein fröhliches Wiedersehen; welch' ein Festiag für Dich und für mich; lege Dich früh schlafen, Kleine und sei nicht so aufge­regt." Damit küßte sie Lucia auf beide Wangen. Diese aber brach in Thränen aus. Warum hatte Lucretia sie nicht auf die Ankunft der Mama vorbe­reitet ? H

Sie habe es selbst nicht eher gewußt, entschuldigte sich die Signora; ein Fremder habe es ihr soeben ge­sagt.

Lucia war tief betrübt. Zwar der Gedanke, daß Mama nickt ihre Sehnsucht nach einem Wiedersehen theilen müsse, weil sie es nicht geschrieben, daß sie kommen würde, dämpfte ein wenig ihre Freude, aber die Hoffnung auf den folgenden Tag benahm ihr den Schlaf. Ruhelos harrte sie dem Morgen entgegen. Endlich überwältigte sie der Schlummer. Die Sonne mnßte schon hoch am Himmel stehen, als sie plötzlich aus wirren Träumen emporfuhr.

Was war daS? Stimmen, Schluchzen im Neben- zimmer? Lucia war int Nu auf den Füßen. Im leichten Nachtkleid huschte sie auf den Zehen an daS Schlüffelloch der Thüre. Zornige Ausrufe wurden von

den, die Verkaufszeiten herabzusetzen bezw. den ört­lichen Verhältnissen entsprechend einzurichten. — Auf der Petition sind bereits größere Städte mit je 1000 Unterschriften vertreten.

* Der Reichstag führte heute die erste Lesung des Gesetzentwurfes, betreffend die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres zu Ende. Abg. Haußmann (Bolksp.) H elt es für eine Versündigung an den wirth- schaftlichen Verhältnissen, wenn man die Vorlage an­nehme. Wenn die Regierung die jetzige Basis der Vor­lage — die Erhöhung der Friedenspräsenz — verlasse, so sei noch heute eine Verständigung möglich. Seine Freunde seien unter gewissen Voraussetzungen bereit, bei Uebergang zur zweijährigen Dienstzeit das zu be­willigen, was zur Erhaltung der jetzigen Friedens- Präsenz erforderlich sei. Abg. Frhr. v. Manteuffel (kons.) wies den Borwurf zurück, daß die konservative Partei demagogische Agitation treiben und ihre Zu­stimmung zu der Vorlage von einer Aeuderung der Haltung der Regierung in der Währungsfrage ab­hängig machen wolle. Reichskanzler Graf Caprivi erklärte, daß er den ersteren Vorwurf nicht der konser­vativen Partei, sondern nur einzelnen Mitgliedern der Rechten gemacht habe. Nach dem Verlaufe des konser­vativen Parteitages konnte man wohl zu diesem Vor­wurf berechtigt sein, zumal mußte die unverhüllte Theil- nahme für den Mann, der von einem deutschen Gericht verurtheilt worden, nachdem er das deutsche Heer in unerhörter Weife zu schädigen versucht hatte, den An­schein erwecken, als ob sich die Partei mit diesem Manne identifizire. Er sei erfreut hier zu hören, daß die konservative Partei nicht daran denke, demagogische Agitation treiben zu wollen. Abg. Frhr. v.Stauffen- b e r g (fteis) erklärte, daß das Volk die militärischen Forderungen für eine Schraube ohne Ende ansehe. Dieser Mißstimmung müsse ein Ende gemacht werden. Redner verlangte dringend eine Hebung der sozialen Stellung der Unteroffiziere. Abg. Dr. Lieber (Ctr.) erklärte, wie die Gesammtheit seiner politischen Freunde der zweijährigen Dienstzeit innerhalb deS Rahmens der j tz'.gen Friedenspräsenz zuzustimmen. Hierdurch würde unsere Kriegsarmee um mehrere 100,000 Mann vermehrt und trete diese Vermehrung, nachdem die Organisation wirksam geworden, also in etwa 20 Jahren ein. Die Regierungsforderungen seien einfach unerschwinglich. Sind wir an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit angelangt, so müßten wir eben andere Mittel zur Erhaltung des Friedens finden. Der neue KourS möge von der BiSmarck'schen Gewaltpolitik fort und auf einen neuen europäischen Rechtsboden treten. Redner erklärte dann noch, daß die deutschen Katholiken nicht daran dächten, unter Gefährdung des Dreibunds die territoriale Unabhängigkeit des Papstes zu fordern. — Abg. v. d. Decken (Welfe) forderte die zweijährige Dienstzeit als eine Erleichterung, aber nicht als eine Mehrbelastung. — Abg. Prinz Caro- lat h (wild) wünschte, daß unsere Verbündeten ihrer­seits in den Rüstungen nicht zurückblieben und ver-

Lucretia's Heller Stimme übertönt; allein jetzt klang ein grollender Ton, das war Antonio's Stimme, er gebot der Signora zu schweigen.

Und nun ein lautes Aufschluchzen. Das war Bri­gitta, was hatte die Beiden in aller Frühe hergesührt? Lucia lauschte; denn sie ahnte, daß es ein Unglück zu berichten gab; ob es am Ende gar die Mutter be­troffen hatte?

„Sie waren höchst unvorsichtig, sagen Sie und keine Bosheit im Spiel?" donnerte Antonio die Luc­retia an. „Mit Nichten, Sie haben gewußt, was Sie wollten. Einzig Sie Haffen in Constance die glückliche Rivalin. Aber hören Sie jetzt von mir die Wahrheit, Madame! Denn in diesem Augenblick steht nicht der beleidigte, bei Seite geschobene Impresario vor Ihnen, sondern ein ehrlicher Deutscher, der feine Landsmännin Constance Torrau zu vertreten hat.

Böse Familienverhältniffe hatten Constance als junges Mädchen nach Italien geführt. Ihre verhei- rathete Schwester lag hier in Neapel vor zwölf Jahren todtkrank. Ihr fauberer Gatte, der Geheimfekretär bei einer Fürstin gewesen war, hatte sich kurz zuvor wegen unehrenhafter Handlungen flüchten müffen. Der Gram darüber hatte Constancen's Schwester fast getöbtet, das junge deutsche Mädchen war nicht ganz mittellos, sie kam einzig, um zu helfen.

Sie kam noch gerade ftüh genug, ihrer sterbenden Schwester mit einem Eide zu geloben, daß sie sich

langte, die Stimmung unter den Süddeutschen zu be­rücksichtigen und Alles zu thun, um das deutsche Reich in Süddeutschland als eine liebe Errungenschaft schätzens- werlh zu machen. — Abg. Dr. Osann (natl) war der Meinung, daß die ftühere Regierung für den wirth- schaftlichen Niedergang nickt verantwortlich gemacht werden könne, da dieser Niedergang in der ganzen Welt allgemein eingeketen sei. Seine Freunde be- wiüigten militärische Forderungen gewiß nicht zu ihrem Vergnügen, sondern weil sie die Interessen des Vaterlandes allen anderen voranstellten. Seine Freunde hofften auch eine schließliche Verständig­ung, so wenig auch die Erklärungen des Reichs­kanzlers dazu berechtigen. — Darauf wurde die Debatte geschloffen und die Vorlage an eine 28er Kommission verwiesen. — Der Antrag auf Ein- stelluna des gegen Ahlwardt wegen der „Juden- Pinten" schwebenden Strafverfahrens für die Dauer der Session wurde vom Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antis.) mit dem Hinweis darauf begründet, daß es sich hier lediglich um die Wahrung des verfaffungs- mäßigen Rechtes des Reichstags ohne Ansehen der Per­son handle, nicht aber um „Zudenflinten" und nicht um den Antisemitismus. — Abg. Hartmann (kons.) beantragte Verweisung des Antrages an die Geschäfts­ordnungs-Kommission, da dieser Fall doch anders liege, als die bisherigen, Ahlwardt überdies vor Februar doch nicht sein Mandat ausüben könne. — Dieses wurde vom Abg. Bödicker (Centr.) in Frage gestellt, welcher Namens des Centrums dem Anträge auf Einstellung des Strafverfahrens ohne Weiteres zustimmte, welche Ansicht auch die Abgg. Singer und Stadthagen (Soz.) vertraten. — Abg Richter (dfr.) erklärte, erst nach den Ferien für dcn Antrag stimmen zu können, da der- felbe doch nur auf eine Bei jährung hinauslaufe und dieser Zweck nach den Ferien nicht mehr erreicht wer­den könne. — Abg. Dr. Marquardfen (nl.) schloß sich dem an. — Nachdem noch Avg. Liebermann v. Son­nenberg (Antis.) die Unterstellung zurückgewiesen, daß der Zweck des Antrages die Anbahnung der Verjäh­rung sei, wurde derselbe mit Mehrheit angenommen, nachdem die KommissionS - Verweisung mit 114 gegen 100 Stimmen abgelehnt war. — Morgen: Gesetzent­wurf, betreffend die Ersatzvertheilung, lex Heinze.

* Der Nordatlantische Dampfer-Linien-Verbaud hat beschlossen, die Passagier-Preise sür 1. und 2 Klasse zu erhöhen und die Beförderung von Personen in an­derer als in 1. und 2.Klasse nachdem 1.Januar aus- zuschließen. Auch soll die Zahl der Abfahrten der Schiffe nach den Bereinigten Staaten wesentlich ein­geschränkt werden.

* Der Präsident deS Herrenhauses, Herzog von Ratibor, hat in seiner Wiedergenesung so merkliche Fortschritte gemacht, daß er bereits die laufenden Ge- schäfte deS Herrenhauses tu versehen in der L-ge ist.

* Die Steuerkommiffio« des Abgeordnetenhauses beschäftigte sich in der heutigen Sitzung mit den Straf­bestimmungen des Bern» ögeusstewrgesetzes und nahm

ihres einzigen Kindes, ihrer kleinen Lucia, annehmen wollte. Niemals sollte das Kind den verpönten Namen seines Vaters tragen. Schande, unauslöschliche Schmach hatte der unselige Mann auf den makellosen Rus der Familie gebracht. Constancen's Vater war General gewesen und als Held auf dem Schlachtfelde geblieben; das bis auf die Spitze getriebene Ehrgefühl der Töchter war ein väterliches Erbiheil. Ich war als Landsmann und Nachbar der deutschen Frau ein täglicher Gast in ihrem Hause gewesen. Für meine Pflicht hielt ich es, mich jetzt der jungen Deutschen anzunehmen. WaS dann, wenn ihre Mittel erschöpft waren? Schon ent­warfen wir allerlei Pläne, da entdeckte ich eines TageS, während Constance tue kleine Lucia in den Schlaf fang, den wunderbaren Schmelz ihrer Stimme. Jetzt war uns geholfen. Ich gab ihr Musikstunden; die Stimme entwickelte sich herrlich; allem jetzt galt es, das Borurtheil der jungen Dame gegen eine öffentliche Laufbahn zu bekämpfen. Es wurde mir nicht leicht. Als ich bann endlich gesiegt hatte, wurde Lucia dem Kloster übergeben. Die Trennung schlug Constance heftige Wunden, denn sie hing mit allen Fasern ihrer Seele an der süßen Kleinen, von der sie Mutter ge­nannt wurde, die ihren eigenen Familiennamen tragen sollte. Constance wurde Sängerin; unser Ziel war ein glänzender; aber mein Glück wähne nicht lange. „Sig­nora Tortoni," so nannte ich sie (da ich sie nicht be- toegen konnte, unter ihrem Familiennamen aufzutreten)