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19. Jahrgang

Donnerstag, den 15. Dezember 1892.

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Deutsches Keich.

Berlin, 13. Dezember.

* Der konservative Parteitag, welcher am Don­nerstag hier adgehalten wurde, ist ganz nach Wunsch der , Kreuzzeitung', des .Reichsboten' und des Stöcker'- fchen.Volk verlaufen, die entschiedene Richtung in der konservativen Partei hat gegenüber der „Richtung Helldorff" einen vollen Sieg errungen ohne nennens- werthenKampf. Herr v. Helld orff und seine Freunde waren dem Parteitage fern geblieben, sie beschränkten sich darauf, demselben eine von 21 Mitgliedern der deutsch-konservativen Reichstags-Fraktion unterzeichnete Erklärung zu unterbreiten, wonach dieselben an dem Programm von 1876 festhalten und den neuen Ent­wurf nur als eine Deklaration betrachtet wissen wollen. Als der Name des Abg. v. Helldorff verlesen wurde, ertönten Rufe „Aha!" und „Raus!" Die Erklärung dieser „Deklaranten" wurde jedoch nicht beachtet; im Gegentheil, um der Auffassung entgegenzutreten, als ob das alte Programm noch fortbestehe und nun zwei Programme vorhandensten, wurde die Einleitung des Programms geändert. Der Programm-Entwurf erfuhr sodann noch zwei weitere sachliche Aenderungen: Der Satz: „Wir verwerfen die Ausschreitungen des Antisemitismus" wurde mit allen (etwa 1200) gegen 7 Stimmen gestrichen, ferner wurde die For­derung gesetzgeberischer Maßregeln gegen die Sozial­demokratie aus dem Programm beseitigt. Das so veränderte Programm wurde einstimmig angenom­men. Ov Herr v. Helldorff und sein Anhang sich diesem neuen Programm fügen oder eine Secession in der konservativen Partei' herbeiführen werden, muß man abwarten. Vielleicht ist der überwiegenden Mehrheit der Konservativen diese Secession als eine „reinliche Scheidung" gar nicht so unerwünscht.

* Der bekannte Deutsch-Amerikaner Karl Schurz soll nach einem Gerücht, von dem den .Hamb. Rachr.' „von gut unterrichterer Seite" aus New-Isrk Mitthei­lung gemacht wird, von Cleveland zum Gesandten in Berlin ausersehen sein. Cleveland, so sagt man, soll nicht allein einen für diesen Gesandtenposten be­sonders geeigneten Staatsmann in Schurz erblicken, sondern auch zu dieser Ernennung sich durch die werth­vollen Dienste, die Schurz und die Deutschen ihm in der Wahlkampagne geleistet, verpflichtet fühlen.

* Unter denJagdgästen des Kaisers in Springe befand fick auch Graf Wilhelm Bismarck, der Re­gierungs-Präsident von Hannover. Man wird hierin ein neues Anzeichen dafür erblicken dürfen, daß Graf Wilhelm Bismarck nicht so durchaus wie sein Bruder gewollt ist, der Regierung des „neuen Kurses" fern zu bleiben

♦ Emin Pascha wird wieder einmal tobt gesagt. Nach der .Morningpost' ging in London die Meldung ein, Emin Pascha und sein ganze« Gefolge seien im März am Jturiflusse von den Manyema getöbtet wor­den. Die Meldung rühre von einem Aegypter Namens Awad her, der mit Emin bei Mosamdom (südwestlich vom Albert-Nyanza, zwei Tagemärscke von der Stelle

Um den Lorbeer.

Roman von I. Sandhage.

(1. Fortfetzung.)

F ^Da kam es auf sie zugesteuert. Eine corpulente Dame mit fliegenden lila Haubenbändern, ein duftendes Spitzentus in den beringten Fingern. Die Hausfrau ließ sich neben Lucia nieder. „Mein liebes Fräulein", schmunzelte sie, „warum so still; ich hoffe, Sie amüstren sich; meine Tochter wäre sonst untröstlich. Wir lieben Ihr Vaterland, Ihre melodische Sprache, Ihre Lands­leute. DaS weiß auch der Marchese. Welch' ein charmanter Herr! Ich denke, Sie kennen sich; hat er Ihre Frau Mutter nicht schon besucht? Landsleute interessiren sich in der Fremde gewöhnlich doppelt für einander."

„Mama ist noch zu unwohl, um Besuche empfangen zu können," erwiderte Lucia beklommen. Wie kam eS nur, daß Cornelien's Mutter ihr so unsympathisch war. Erwies sie ihr, der Fremden, nicht die größte Auf­merksamkeit ? Trotzdem konnte sie sich eines Vorurtheils gegen die Stadträthin nicht erwehren. Und sie athmete ordentlich auf, als der Marchese jetzt en die Dame herantrat und ein paar Worte mit ihr wechselte. Sein Blick traf auch Lucia und hastete wie forschend auf ihrem Antlitz, als sie die Wimpcrn senkte. Sie sah

am Jturi, wo Emin getöbtet worden sein soll) gewesen sei. Bei den gegenwärtigen Verhältmssen im Jnnern- afrika. das jetzt ganz in den Händen von Araberhorden zu sein scheint, ist die Nachricht von Emins Tode dieses Mal nicht unwahrscheinlich.

* Der Reichstag setzte heute die 1. Berathung der Militärvorlage fort. Der Kgl. sächsische Kriegs- minister Edler v. d. Planitz tonftotirte, daß die säch­sische Regierung auf dem Boden der Vorlage stehe. Es sei ihr der Inhalt der Vorlage lange bekannt gewesen und hätten ihre derzeitigen Wünsche darin Berücksichti­gung gefunden. Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) erklärte sich bereit, im vollen Vertrauen auf die Tüchtigkeit unserer Heeresleitung und auf die Leistungsfähigkeit der Nation der Vorlage in allen wesentlichen Punkten zu- zustimmen. Abg. v. Bennigsen (ntl.), der im Namen seiner politischen Freunde sprach, erklärte die Vorlage in ihrem ganzen Umfange nicht annehmen zu können. Redner sprach die Hoffnung aus, daß sich zwischen Regierung und Reichstag eine Verständigung über die Vorlage, wenigstens über ihren wesentlichen Kern, werde erzielen lassen, zumal eine Auflösung des Reichstages zu nichts führen würde. Gelangten wir ober zu einer Verständigung, so würden wir das Vertrauen zu unseren Bundesgenossen erhöhen, unseren Gegnern eine War­nung geben, unser Selbstgefühl heben und der Sache des Friedens dienen. Reichskanzler Graf Caprivi, der den beiden Vorrednern dankte, daß sie die Vorlage vom Standpunkte des Patriotismus besprochen hätten, ging des Näheren auf die zweijährige Dienstzeit ein. Es wären s. Zt. 31 militärische Gutachten eingeholt wor­den, von denen 21 die Möglichkeit der Einführung der zweijährigen Dienstzeit unter bestimmten Voraussetzun­gen anerkannt hätten, während 10 der Gutachten die strikte Durchführung der dreijährigen Dienstzeit unter gleichzeitiger Verstärkung der Friebenspräsenz für bas Richtige hielten. Das halte er auch, aber dies sei zu theuer. Die durch die Vorlage brdwgte Zahl der Offi­ziere und Unteroffiziere würden wir in Kurzem haben. Beim jetzigen Zustande würden int Mobilmachungs­falle 7/8 der Truppen Neuformation sein und könne doch bann die Geschichte, die sonst dir Tmppentheile trage, nicht mehr auf dieselben einwirken. Die sogen, vierten Bataillone seien als Kompensation für die zwei­jährige Dienstzeit unentbehrlich. Mit der Annahme der Vorlage würden wir eine leistungsfähiger ^Infanterie, auf die es doch bei der Entscheidung vornehmlich an­komme, und eine leistungsfähigere Artillerie bekommen. Abg. Bebel (Soz.): Durch die Vorlage werde weder die allgemeine Dienstpflicht erreicht, noch die bestehende Ungleichheit beseitigt. Die Voraussetzung, daß im Falle eines Krieges in Folge der beabsichtigten Verjüngung der Armee, der Landwehrmann zu Hause bleiben forme, sei unzutreffend, da bei einem kommenden Kriege der letzte Mann gebraucht werden würde. Redner verlangte Beschränkung deS Parade- und Gamaschendienstes, dafür eine militärische Jugenderziehung. Die erste Frage müsse heutzutage sein: wie schaffen wir Verdienst, wie fchaffen wir Brod? Abg. Graf Preysing (Ctr.) be­zweifelte, daß auf dem Boden der Vorlage eine Der­er daher nicht, wie er betroffen von ihrem Anblick zu- sammenfuhr. Doch nur einen Moment währte ferne Ueberraschung. Als er mit der Stadträthin durch den Saal ging, setzte er, völlig beherrscht das Gespräch fort. '

„Erlauben Sie, Fräulein Walter, daß ich Sie nach Hause begleite? flüsterte Kurt Malve zu. „Mein Weg führt ohnehin an Ihrer Wohnung vorbei und Ihr Herr Papa rüstet sich zum Aufbruch."

Malve überlegte. Ihre Ablehnung verletzte Kurt vielleicht, aber was würden die Leute sagen, die aus einer Maus gleich einen Elephanten machen. Nein, ihr Ruf stand ihr zu hach. Entschlossen sagte sie: „Wir nehmen einen Umweg zu Gunsten unseres Schütz­lings, der Signorina Tortoni, daher verzechen Sie."

Sie erröthete über und über. Er verstand sie; be­redt hatte ihr Blick die Gesellschaft gestreift. Kurt lächelte. „Kennen Sie die Signora Tortoni näher?" lenkte er ab.

„Nein, aber ihr ehemaliger Impresario ist mein Musiklehrer. Er hat nnS Lucien empfohlen. Sie ist ein Ideal von Liebenswürdigkeit, eine gute Tochter und —"

„Ach so? Wie lange kennen Sie sich?" unterbrach Kurt lächelnd das begeisterte Mädchen.

„Lange genug, um ein Urtheil bilden zu können,"

ständigung werde erzielt werden. Die Vorlage wäre danach eingerichtet, fortdauernd neue Lasten gebühren zu müssen. — Mittwoch: Weiterberathung; außerdem Antrag betr. Anwendung des Jmmunitätrparagraphen auf den Rektor Ahlwardt.

* Köln, 12. Dez. Die ,Koln. Volksztg.' meldet jetzt als Thatsache, daß das hiesige Polizeipräsidium die Abhaltung sozialwifsenschaftlicher Borträge durch Mitglieder der Gesellschaft Jesu untersagt habe und veröffentlicht das bezügliche Verbot. Das genannte Blatt sagt in seiner Besprechung beS Falles u. A. Folgendes: „Das Kölner Polizeipräsidium betrachtet also das Halten sozialwissenschaftlicher Vorträge durch einen Jesuiten als Ausübung einer Ordensthätigkeit. Uns erscheint diese Auffassung als gänzlich irrig und haltlos, als auf einer unzulässigen auSdehnenden Inter­pretation des Jesuitengesetzes beruhend. An zahl­reichen Orten haben denn auch Mitglieder der Gesell­schaft Jesu unbeanstandet derartige Vorträge halten können; hier und da sind allerdings auch Verbote er­folgt. Die verschiedenartige Praxis weist darauf hin, daß in dieser Frage eine Entscheidung der höchsten Verwaltungsinstanz nicht vorliegt. Wie dem aber auch sei: es ist Zeit, daß diese Frage einmal gründlich abgetragen werde." Weiter stellt das Blatt eine Be­treibung des Falles durch alle Instanzen und die Heran­ziehung desselben bei der Besprechung des Jesuiten­antrages des Centrums in Aussicht. Auch erinnert es mit Recht daran, daß die Regierung die Jesuiten- PatreS unbhelligi gelassen, welche an den von Herrn Hitze in München-Gladbach veranstalteten sozial- polrtischen Kursen sich betheiligt haben.

* Würzburg, 12. Dez. Gestern Nachmittag fand in den Centralsälen dahier auf eine Einladung deS Vorbereitungskomitees hin eine Versammlung katholischer Männer Würzburgs statt behufs Konstituirung de» Lokalkoni itees für die im nächsten Jahre in den Mauern unserer altehrwürdigen Bischofsstadt tagende 40. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. ES mochtm über 100 angesehene Bürger der Stadt auS den verschiedensten Bernss- zweigen sich eingefundcn haben. Herr Domdechant Dr. Nirfchl eröffnete die Versammlung. Er wies hin auf die günstige Aufnahme, welche der Beschluß, die 40. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in den Mauern Würzburgs tagen zu lassen, überall ge­funden habe. Auch der Magistrat unserer Stadt habe fofort seine Sympathien mündlich zu erkennen gegebm und seine freundliche Mitwirkung zugesagt; in der zu­vorkommendsten, dankenswerthesten Weise habe derselbe die Ludwigshalle mit Ausschmückung zur Ver­fügung gestellt. Bei der Wahl des Vorstandes wurde als erster Vorsitzender Herr Rechtsanwalt Dr. Th al er, als zweiter Vorsitzender Herr Domdechant Dr. Nirfchl gewählt. Als Schriftführer wurden gewählt Herr Privatdozent Dr. Stahl, als Kassirer Herr Magistrats­rath Seuffert. Die einzelnen Kommissionen bestehen au« nachstehenden Herren: Der Redner kommisston ge­hören an die Herren Domkapitular Dr. Hergenröther und Universitätsprofeffor Dr. Schell, der Finanzkom- gab Malve betroffen zurück. „Wir Frauen lassen uns zudem durch den Instinkt leiten, der mich noch nie be­trogen hat."

'Das Gespräch wurde unterbrochen. Der Vater trat heran, die Herren schüttelten sich die Hände; man nahm in heiterer Laune Abschied von einander.

2. Kapitel.

Es war eine klare Oktobernacht. Golden schwebte der Mond am Himmel, als Lucia sinnend am Fenster ihres Zimmers stand, und auf die menschenleere Sttaße hinausstarrte. Wie von einer plötzlichen Erinnerung gebannt, hing sie ihren Gedanken nach, die sie in die fernste Vergangenheit zurückführten. Ach ja, wie genau Alles wieder vor ihr stand, als ob eS gestern gewesen wäre. Abet nein, das Bild des Mannes, den sie heute an Kurt v. Wüllesen nennen gehört, erschien ihr ganz anders. War er denn auch derselbe, der ihrem Leben damals eine ganz andere Wendung gegeben hatte? In Neapel war es. Lucia befand sich fern von ihrem Kloster, wo sie seit ihren ersten Lebensjahren erlogen wurde, im Hause einer Signora Lucretia, bei der sie ihre Ferien zuzubringen pflegte. Diese Lucretia war Primadonna am Mailänder Theater und die Vor­gängerin der berühmten Diva Signora Tortoni ge­wesen. Jetzt war Lucretia stellenlos, aber Constance Tortoni, Lucia's Mutter, hatte sie nicht vergessen. Mit