M 285 Sonntag, den 11. Dezember 1892« 19. Jahrgang
FiildakrMZkitllng
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IV* Zweites Blatt.
Die Ernährung und Pflege des Diehes während der Winterszeit.
Tin Viehstand kann nur dann den Zweck seiner Haltung erfüllen, wmn er stet» hinreichend genährt und derartig behandelt oder gepflegt wird, wie eS der Natur der betreffenben Thiere am besten zufagt und außerdem dazu dienen kann, ihre Leistungsfähigkeit auf die höchste Stufe zu bringen und auf diefer zu halten. Diese Thatsache wird von vielen Landwirthm wenig oder gar nicht beachtet. Dieses Jahr wird die Ernährung deS Viehes noch mehr zu wünschen übrig laflen, als in früheren Jahren, da bekannllich das Futter knapp ausgefallen ist. Den Biehstand aber zu vermindern nur wegen Futtermangel ist nicht wohl gethan, well eS ja andere Ernährung-mittel gibt. Auch hängt der rationelle Viehstand nicht von der Anzahl der Exemplare ab, sondern von der guten Ernährung deS Viehes. Die Wissenschaft hat dem Landmann Mittel an die Hand gegeben, falls Futtermangel eintritt, an seine Stelle andere, sogen. Kraftfuttermittel zu setzen, um die Ernährung deS Viehes in hinreichender Weise besorgen zu können. Für beit Bauersmann ist eS aber sehr gut, jährlich eine Futter-Aufstellung sich zu machen, um sich bann sagen zu können: ich habe so viel Futtermittel an Heu, Stroh, Dickwurz n. s. w. mtb brauche bazu noch so unb so viel Krastfuttermittxl, um ben Winter über mein Vieh ernähren zu können. DaS Thier bebarf zu seiner Ernährung verschiebener Stoffe, bie in ihrem Rährverhältniß zu einanber paffen müssen. Kraftfuttermittel find: Kleie, Schrot, Malzkeime, Biertteber, Sesam- unb Cocos-Kuchen u. s. w. Die Anwenbung betreiben ist vorzugsweise zur Mast bet Thiere zu empfehlen, aber auch bei Futtermangel. Die beste Fütterung ist währenb ber Winterszeit trockene Fütterung, als Tränke reiche man nicht zu kaltes Waffer.
Bon einer angemeffenen Ernährung beS BieheS im Winter hängt aber auch, war jebenfallr sehr wichttg ist, bie Dünger-Erzeugung ber Wirthschast ab. Nur gut genährtes Vieh liefert heftigen Dünger, so sicher, als schlecht ernährtes Vieh nur magern, wenig wirkenben Dünger liefert. Daß aber eine Wirthschast mit magerm Dünger nur karge Ernten erzielen kann, braucht wohl nicht weiter bargechan zu werden. Kraftfutter bringt Kraftdünger und Kraftdünger bringt Kraftfutter. Der Dünger bei Sttoh- oder dergleichen ungenügender Fütterung ist so mager als nur möglich; denn das Futter gewinnt nicht an Werth als Dünger beim Durchgehen durch das Thier, wo zu dessen Er- nährung sogar noch Stoffe abgegeben werden, und wobei unvermeidliche Verluste entstehen; eS ist deshalb als Dünger werthloser, als eS vor der Aufnahme durch das Thier war. Wer also seinen Biehstand karg ernährt, wird gezwungen sein, Dünger kaufen zu müssen. Eine mangelhafte Ernährung deS Viehstandes beein- trächttgt aber auch die Mastfähigkeit und die Arbeitskraft deS ThiereS, hindert daS Wachslhum des Jungviehes. Diese Thiere erhalten durch eine vernachlässigte Ernährung und Pflege eine verkümmerte unb fehlerhafte AuSbilbimg unb verlieren baburch an ihrem Werthe.
In Betteff beS für bie meisten Wirtschaften wichtigen ThiereS, ber Kuh, verdient Nachstehendes erwähnt zu werden. Man kann annehmen, daß eine mittelschwere Kuh zu chrer Erhaltung täglich gegen 10 Pfund gutes Heu oder Heuwerth neben reichlicher Beigabe von gutem Haferstroh nöthig hat, und daß sie, wenn sie weniger erhält, abmagert und nicht bestehen kann. Beim Füttern von 20 Pfund Heu täglich sind eS also nur die letzten zehn Pfund, welche die Kuh in den Stand setzen, Milch zu geben; man nennt deshalb diesen Theil mit Recht Produktion-- oder Er- zeugungs-Futter. Bekommt die Kuh nur zehn Pfund Heu, so wird dieselbe allerdings Milch weiter geben, aber stetig weniger; dabei wttd man eine fortwährende Fleischabnahme bemerken. Die Kuh lebt von dem Futter und gibt Milch von dem Fleisch und Fett ihres Körpers. Je mehr aber daS Fleisch des Körpers schwindet, desto mehr schwindet auch die Milch. Die Erfahrung hat hinreichend gelehrt, daß man bei einem guten Biehstand jedes 100 Pfund Heuwerth durch 24 bis 29 Liter Milch bezahlt bekommt, d. h. wenn die Menge des ProdukttonSfutterS der des UnterhaltungSfutterS wenigstens gleich steht. 4000 Pfund Heuwerth z. B.
in 200 Wintertagen auf zwei Kühe verwandt gaben keinen wirklichen Ertrag und magern Dünger; in demselben Zeittaum auf eine Kuh verwandt aber etwa 100 Liter Milch und einen ttästigen Dünger. Die gut gefütterte Kuh gibt noch dazu in der nächsten Sommerszeit viel mehr Milch als die schlecht gehaltene. Man erhält nur einen Erttag, welcher dem Futterwerth entspricht. Wenn man dagegen das Futter auf eine große Anzahl Thiere veriheilt und verschafft sich kein Kraftfutter, so fristen die Thiere wohl das Leben, aber bas Futter ist bann gleichsam weggeworfen. Eine karge Ernährung ber Thiere bringt niemals Nutzen, nur Sorge, Mühe unb Last.
Zum Schluffe sei ber Nährwerth einzelner Futterstoffe angegeben, welche bem Landwirih bei seiner Winterfütterung willkommen fein bürsten. Ein Gentner Wiesen- ober Klee-Heu enthält nicht weniger als 15 Psunb Wasser. Roggen-, Gerste- unb Hafer-Stroh sinb wegen ihrer 4 pCt. Eiweiß nicht zu verachtenbe Futtermittel, sind aber im Sommer verdaulicher als im Winter. Erbsensttoh, vorausgesetzt, daß es gut geerntet wurde, hat oft einen größeren Nährwerth als mittleres Wiesmheu. Kartoffeln haben nur wegen ihrer 15—20 pCt. betragenden Stärkemehlgehalts unb wegen 5 pCt. Eiweiß unb Fett einen großen Werth; sie enthalten 75 pCt. Waffer. Dickwurz enthalten 10 Prozent Stärkemehl, 3 pCt. Eiweiß unb Fett unb 87 pCt. Wasser. Die« Futtermittel sollte nicht zu stark zerkleinert werben. Zur Mastfütteruvg eignen sich vorzugsweise Rapskuchen. Dieselben haben 31 pCt. Eiweiß, 11 pCt. Fett unb 30 pCt. Stärkemehl. Leinkuchen passen mehr zur Ernährung beS Jungvieh'«, währenb Palmkern- unb KokoS-Kuchen zur Milcherzeugung ganz vortteffliche Dienste leisten. Malzkeime mit 25 pCt. Eiweiß unb 25 pCt. Fett sinb ebenfalls hierfür sehr geeignet. Um den Biehstand nicht erheblich zu vermindern und daS Vieh bei guter Ernährung zu erhalten, wird der Landmann zu den vorhandenen Futtermitteln in diesem Winter zu den vorstehend angegebenen Kraft-Futtermitteln greifen müssen. (Köln. BolkSztg.)
Heiteres und Ernstes tum der neuen Palästina »Eisenbahn.
Jerusalem, 25. November.
Mit der vor einigen Monaten zwischen Jerusalem und Jaffa durch eine französische Gesellschaft erbauten und hierauf der Türkei übergebenen Eisenbahn steht es nicht sonderlich gut. Im Gebrauche will sie sich wenig bewähren. Lokomotiven find schon mehrfach entgleist; Wagen rissen fich los; Geleise sind verbogen, Schwel- len unterwaschen, Böschungen werden ausgeschwemmt. Die Bahn-Anlage, wenngleich gut vermessen, macht den Eindruck deS Flüchtigen, Oberflächlichen. DaS öffentliche Gerede erzählt, eS sei daS zum Bettiebe gehörige Material meistentheilS ausgechaneneS Gut, daS man von anderen Bahnen billig erworben, ftisch aufgeputzt und lackirt und mit anderen Namen und Bezeichnnngm versehen habe, um eS hier wieder als gut und gediegen in Anwendung bringen zu können. Biel wird auch erzählt von ben Plackereien unb Lohnentziehungen, bie man sich währenb des Baues den Arbeitern und niederen Angestellten gegenüber erlaubt; von der Nöthi- gung, auch an Sonn- und Festtagen gleich wie an anderen Wochentagen zu arbeiten. Die Sonntagsarbeit hat bei den Christen in Palästina, denen des Herrn Tag noch nicht, wie beim civilistrten Europäer, als gemeiner Arbeitstag gilt, viel Aergerniß erregt. Sie merken schon, wessen sie sich in dieser Beziehung von der mit immer größerem Pompe sich ankündigenden Civilisatton zu versehen haben. — Bon den Leistungen der Bahn werden allerlei Stücke erzählt. So haben z. B. vor etlichen Wochen eine Anzahl vornehmerer Türken, die von Jaffa nach Jerusalem fuhren, mitten in der Nacht mehrere Stunden lang auf freiem Felde aushalten und sich unsäglich langweilen müssen, weil die Lokomotive abgesprungen und nicht so bald wieder ans's Geleise zu bringen war. Bei Allah hätten sie sich aber verschworen, daß sie ein solch' unwürdiges Werk nicht mehr als Reisemittel verwenden würben. Da sei doch deS Kameeles Rücken noch vorzuziehen. Ein anberes Mal zur Nachtzeit habe ber Lokomottvführer bemerkt, daß sich der Zug nur schwer und mühsam fortbewege. Die Maschine arbeitet, schnarrst und keucht und doch will's nicht voran. Da schreit und ruft man und man gewahrt, daß die angehängten Wagen eine Spazierfahrt abseits in’« freie Feld versucht haben. Sie lausen niben ben Schienen
in Koth und Kies. Ein Glück noch, daß man bereits gelernt hat, langsam zu fahren und nicht nach amerikanischer Weise! Mit vieler Mühe bringt man die Wagen wieder auf die richttge Spur. — Bei einem anderen Unfälle, der aber diesmal wieder der Maschine begegnete und sie auf freiem Felde zum Stillstand gebracht, habe man nach Jaffa telegraphirt und Hilfe nachgesucht. Dorthin sei man aber vergeblich gekommen, weil augenblicklich keine andere Maschine zur Verfügung gestanden. Da wendet man sich durch den Draht nach Jerusalem. Dort ist aber die Maschine noch nicht geheizt. Man sucht also nach dem Lokomotivführer. Doch der ist auSgegangen, weil er gerade Freistunde hat. Als man den Mann findet, erklärt er, daß er mindestens eine Stunde Zeit haben müsse, um über den nothwendigen Dampf verfügen zu können. Man sagt auch, es habe mal ein Zug sich wiederum das Vergnügen machen wollen, seine Insassen, die er bereits einige Stunden weit von Jaffa hinweg geführt, in der Ebene fest zu halten. Es ging nicht mehr. Doch die Reisenden mochten sich nicht lagern im Schatten der Lokomotive und ebenso Wenig bis zur Ankunft von Hilfe ihre Zelte in der Ebene des Philisterlandes aufschlagen und zogen es darum vor, so gutes eben ging, nach Jaffa zurückzukehren. — Wie die Sache sich weiter gestalten wirb, wenn erst mal zur eigentlichen Regenzeit bie Waffer- nrengen in vollen Güssen herniederströmen und die Dämme und Unterlagen der Bahn zersetzen und ob nicht gar ein zeitweiliges Einstellen des ganzen Betriebes bis zur späteren gründlichen Wiederherstellung ober gar Umbau ber Strecke nothwenbig werben wirb, muß sich halb zeigen.
Vorläufig sinb bie Hoffnungen, welche sich, besonberS auch auf Seite ber Juden, an die Einführung der Bahn in Palästina knüpfen, noch nicht gerechtfertigt. Ein vielgelesenes jüdisches Blatt in Wien betrachtete die Lokomotive in Palästina als einen hoch wirksamen Apostel all des Segens und Glückes neuzeitlicher Bildung und des ReichthumS und Fortschrittes, dem man im Lande der Verheißung nunmehr entgegengehe. „Und wenn jetzt der Messias kommen wolle, — so heißt eS mit einem verletzenden Seitenblicke auf den neutefta» mentlichen Vorgang, der vor zweitausend Jahren in Jerusalem fich ereignet — so würde man ihn mit einem geschmückten Schnellzuge, mit brausender Lokomotive, mit jubelndem Hurrah entgegenfahren; ganz anders, als in dem bescheidenen Straßenaufzuge einer niederen, geringen Volksmenge von damals." — Nun, die Kinder Israels mögen sich vorerst noch mit viel Geduld rüsten, die Tage der Blüthe sind noch nicht für sie gekommen im h. Lande. Dem Messias werden sie schwerlich im Eilzug zwischen Jerusalem und Jaffa entgegenkommen, und die Inhaber von Antheilscheinen der ersten Bahn im gelobten Lande mögen sich gleichfalls mit der Einziehung ihres Gewinnes noch auf unbestimmte Zeit gedulden. (Germ.)
Vermischtes.
* Berti«, 7. Dez. Der einer rapid verlaufenen Lungenentzündung erlegene ausgezeichnete Physiker Ernst Werner v. Siemens war am 13. Dezember 1816 zu Leuthe bei Hannover geboren. 1834 trat er aus Neigung für das Jngenieurfach zu Magdeburg als Freiwilliger in die preußifche Artillerie ein. Währenddes dreijährigen Besuches der Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin (1835—38) und auch nach 1838 als Artillerie- Offizier in Magdeburg trieb er mit besonderer Lorliebe mathematische, physikalische und chemische Studien. Im Jahre 1841 nahm er in Preußen das erste Patent auf galvanische Versilberung und Vergoldung. Gegen Ende 1842 und 1843 wieder sandte er seinen Bruder Wilhelm nach England, besonders um dort daS Vergoldungs- und Versilberungs-Verfahren einzuführen und den von Werner erfundenen, von beiden Brüdern weiter verbefferten chronometrischen oder Differential-Regulator für Dampfmaschinen und Wasserräder patentiren zu lasten und zu verwerthen, welcher noch jetzt u. A. zum Reguliren astronomischer Instrumente benutzt wird. Werner, auf seinen Betrieb nach Berlin versetzt und 1844 zur Artilleriewerkstätte kommandirt, betheiligte fich daselbst eifrig an den Verhandlungen der Polytechnischen und der Physikalischen Gesellschaft; 1846 bereicherte er die elektrische Telegrahie mit einem von allen früheren ganz wesentlich abweichenden Zeiger- Telegraphen (mit Selbstunterbrecbung). Im Jahre 1847 in die Kommission für Einführung elektrischer Telegraphen in Preußen berufen, schlug er derselben auf Grund seiner 1846 angestellten Versuche die Guttapercha als Jsolationsmittel für unterirdische Leitungen vor und konstruirte auch zum Ueberziehen der Drähte mit Guttapercha die erste Schraubendruckprefle; 1848 legte er im Kieler Hasen mit seinem Schwager, Professor Himly, die ersten unterirdischen Seeminen mit elektrischer Zündung an und baute als Kommandant von Friedrichsort die 1849 berühmt gewordenen Batterien zum Schutze des Eckenförder Hafens. Im Herbst und Winter 1848/49 baute er im Auftrage der preußischen Regierung die erste große Telegraphenlinie auf dem Kontinent zwischen Berlin und Frankfurt a. M., zwischen Berlin und Eisenach mitGutta- percha-Jsolirung, von da bis Frankfurt oberirdisch auf Glocken-