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JW 284 Samstag, den 10. Dezember 1892. 19. Jahrgang

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Jubiläum des hl. Daters.

Kardinal Parocchi, Generalvikar Sr. Heiligkeit, hat als Ehrenpräsident der Kommission für das Bischofs­jubiläum des Papstes an sämmtliche katholische Bischöfe folgendes Schreiben gerichtet:

Hochgeborner und Hochw. Herr!

Die Wünsche, die wir vor fünf Jahren für die Erhaltung des obersten Hirten der Kirche zu Gott er­hoben, sehen wir zu unserer großen Freude nächstens sich erfüllen gelegentlich der fünfzigsten Jahresfeier jenes Tages, an dem er noch jugendkräftig zum Bischof konsekrirt wurde. Die Vorzeichen dieser Freude er­scheinen bereits, denn überall bekundet sich der Wett­eifer der Söhne, um das Fest ihres erhabenen Vaters herzlich zu begehen. Um aber einen würdigen Erfolg zu erzielen, ziemt es sich, daß, nachdem Jeder Ihm mit kindlicher Freigebigkeit seine Spenden geleistet, alle anderen Bestrebungen darauf gerichtet seien, den Glanz des Apostolischen Stuhles zu erhöhen, die Jugend in der christlichen Weisheit zu unterrichten und zu er­ziehen, das Elend der Armen zu erleichtern, die Rechte des Glaubens zu vertheidigen und diesen so viel als möglich auszubreiten.

Da nun der hl. Vater, den Bitten der Exekutiv­kommission seines Bischofsjubiläums entsprechend, mich gnädigst zum Ehrenpräsidenten eben dieser Kommission ernannt hat (unö mir als Bitar Sr. Heiligkeit konnte ein so ehrenvolles Amt nur höchst angenehm sein), so bitte ich Ew. Gnaden inständig, Alles auswenden zu wollen, damit dieser so ersehnte Freudentag dem Glanze der früheren Jubelfeier recht würdig sich an die Seite stelle. In der That fordern die neuen und hervor­ragenden Verdienste, die sich der hl. Vater in dem letzten Zeitabschnitte um die Kirche und die bürger­liche Gesellschaft erworben hat, von den Katholiken nicht nur Dankbarkeit und Treue gegen ihr Oberhaupt, sondern auch die Kundgebung dieser Gesinnungen selbst vor den Augen der Schaar seiner Feinde.

Und da, wie ich hrffe, sich im nächsten Jahre Pilger in großer Zahl nach Rom begeben werden, so bitte ich Ew. Gnaden, daß Sie die Güte haben (wobei Sie mich als durchaus identisch mit der wohlverdienten Kommission betrachten wollen) uns Ihre Vorschläge oder Anfragen betreffs der paffenden Zeit und der glücklichen Ausführung der Pilgerfahrtey oder anderer darauf bezüglicher Punkte zukommen zu lassen.

Trachten wir mit vereinter Kraft und Arbeit, daß Lie heißersehnte Feier des B schofsjubiläums für den gemeinsamen Vater mit Gottes Hilfe denselben denk­würdigen Erfolg bringe, wie fein 50jähriges Priester­jubiläum.

Im Vertrauen, daß uns Gott diese Gnade ge­währen wird, wünschen wir Ew. Gnaden aus dem Grunde des Herzens alles erdenkliche Gute.

Ew. Gnaden ergebenster Bruder

Lucidus Maria Parocchi.

Rom, am Feste Mariä Opferung, 21. Nov. 1892.

Der Ventilations-Hut.

Humoreske.

Daß es in Amerika Erwerbsarten gibt, von denen sich selbst die kühnste Phantasie eines Europäers Nichts träumen läßt, ist gewiß, aber eine der originellsten dürfte wohl jene sein, welche in der folgenden Er­zählung eines amerikanischen Blattes geschildert wird.

Ich war, so beginnt der Erzähler, eines Tag-s auf der tiefsten Stufe der sozialen Leiter angelangt, ich stand ohne Beschäftigung do. Zuletzt hatte ich noch als wandeln des Plakat täglich einen Vierteldollar verdient, das ist nicht viel, aber man damit leben kann, wenn Man —■ sparsam ist. Nun aber hatte ich gar kein Einkommen, und es blieb mir nur noch der Weg nach dem öffentlichen Arbeitshause, wenn ich nicht an der Straße verhungern wollte.

Ich berathschlagte mit einem Schicksalsgenossen, was in dieser Lage zu thun sei. Dieser rieth, auf das flache Land zu ziehen und irgendwo beim Ackerbau Beschäftigung zu suchen. Ich wollte dies nicht, worauf er sagte: „ES gibt noch Eines, was Ihr versuchen könnt; geht zu Wilkens, dem Bentilations-Hutmacher. Aber Ihr werdet es nicht lange aushalten, eS ruinirt zu sehr die Gesundheit."

Ich fragte kurz entschlossen nach der Wohnung des Hutmacherr.

Deutsches Keich.

Berlin, 8. Dezember.

* S. M. der Kaiser ließ heute früh in Hannover die Garnifon alarmiren und rückte an der Spitze der­selben zu einer Felddienstübung aus.

* Beim Reichskanzler Grafen Caprivi fand gestern eine parlamentarische Soiree statt, an welcher ca. 400 Abgeordnete, Minister, Staatssekretäre, andere hohe Beamte und Journalisten theilnahmen. Graf Caprivi begrüßte seine Gäste mit allgemein gerühmter Liebens­würdigkeit. Von Politik war wenig die Rede.

* Dem Sohne des verstorbenen Geheimrath Dr. Werner v. Siemens sind im Laufe des heutigen Vor­mittags folgende Beileids-Telegramme zugegan­gen: Bon Kaiser Wilhelm: Se. Majestät der Kaiser beauftragt mich, Ihnen und den Ihrigen Allerhöchst Seine Theilnahme beim Verluste Ihres Herrn Vaters, eines auf wissenschaftlichem und technischem Gebiete hoch- bedeutsamen und um das öffentliche Wohl hochverdien­ten Mannes auszusprechen, v. Kessel, Flügel-Adjutant. — Von der Kaiserin Friedrich: Ich bin tief erschüt­tert durch den Tod Ihres hochverehrten Vaters und spreche Ihnen und den Ihrigen bei dem unersetzlichen Verluste aufrichtige Theilnahme aus. Kaiserin Friedrich. — Vom Großherzog und der Großherzogin von Baden: Ihre Königl. Hoheiten der Großherzog und die Groß­herzogin von Baden sprechen Ihnen und den Hinter­bliebenen Höchstihre herzlichste Theilnahme aus bei dem traurigen Verluste, welchen Sie erlitten haben. — Schon am Tage vorher hatte Frau Geheimräthin v. Siemens von der Großherzogin von Baden folgendes Telegramm erhalten: Erfahre mit großer Theilnahme von der Er­krankung des Herrn Geheimrath v. Siemens. Wie geht cs? Sehr erfreut wurde ich noch vor wenigen Tagen durch Übersendung feines Buches. Ich wollte ihm gerade so herzlich danken und hörte nun von der Lun­genentzündung. Möge nur die Gefahr abgewendet wer­den. Welche Sorge für Ihren ganzen Kreis. Herzlich grüßt Großherzogin von Baden.

* Im Reichstage wird von den Vertretern des Bimetallismus eine Interpellation über die Haltung der deutschen Delegirten auf der Brüsseler Münz­konferenz eingebracht.

* Im Kultusministerium wird eine Novelle zu dem Penfionsgesetz für Lehrer und Lehrerinnen von 1885 vorbereitet, In derselben wird die Bildung von KommunalverbändeN zur Erleichterung der Gemeinden für die bezüglichen Lasten vorgeschlagen. Der Entwurf wird, dem Landtage wahrscheinlich nach Neujahr zugehen.

* Der konservative Parteitag ist gestern zur Berathung seines neuen Programms zusammengetreten. In den Verhandlungen treten drei Hauptrichtungen hervor: der jetzige Parteivorstand tritt für den neuen Programmentwurf ein; einer zweiten Richtung geht dieser Entwurf in Bezug auf die Betonung der Juden­frage nicht weit genug, vor Allem aber nimmt sie

„O, Ihr könnt nicht leicht fehlen, geht nur die 3E« Straße hinab, da feht Ihr schon einen Haufen vor dem Laden stehen. Und da geht hinein, fragt nur ohne Weiteres nach Mr. Wilkens und sagt zu ihm: „„Ich möchte gerne auf anständige Weise ein paarDollars verdienen"". Das Uebrjge findet sich dann."

Am nächsten Tage Küchte ich mich wirklich noch der X-Straße aus, und ich brauchte Nicht lange zu suchen, denn alsbald sah ich ein großes Menschengedränae vor einem Schaukasten. Als ich näher kam, sah ich, daß der Schaukasten mit Hüten üngisüllt war, welche sämmt- lich durch angeheftete Zettel, die ^.''ch den Preis ent- hielten, als Wilken'S Ventilations - H^te" bezeichnet wurden. Anfangs wußte ich nicht, wakttn» sich die Leute, in deren Mienen sich Erstaunen und Entzücken mischte, hier so drängten. Alk ich mir jedoch mit meinen Ellenbogen Raum geschaffen und mich in die erste Reihe^vorgedrängt hatte, erkannte ich, was den Passanten der Straße so großes Vergnügen bereitete.

Mitten unter den Hunderten von Hüten waren zwei menschliche Köpfe zu sehen, welche aus zwei runden Oeffnungen im Boden des Schaukastens hervor­ragten. Jeder der beiden Köpfe war mit einem Hule bedeckt. Der Kopf zur rechten Seite hatte eine In­schrift hinter sich, auf der Folgendes zu lesen war:

„Wilkens Ventilations - Hut. Größter Komfort. Keine Belästigung durch Hltze. Der Träger dieses Hutes verschönert sich daS Leben. Der Kopf hier ist

starken Anstoß an dem Passus, der sich gegen antisemitische Ausschreitungen richtet; die dritte Richtung endlich tritt zu Tage in dem Anträge von 21 Reichstagsabgeordneten, welche das bestehende Programm von 1876 aufrecht erhalten wissen wollen.

* Zwei piquante Angelegenheiten hat die,Post' in einem Artikelchen zusammengefaßt. Es heißt: „Prinz Alfted von Großbritannien, der älteste Sohn des Herzogs von Edinburgh, wird am 1. April, zusammen mit dem Prinzen Friedrich Heinrich von Preußen, zum aktiven Dienst in das 1. Garderegiment z. F. ein- treten. Prinz Alfted ist der präsumtive Nachfolger seines regierenden Großoheims, des Herzogs von Sachsen Koburg-Gotha, in der Regierung des Herzogthums. Die Absicht, ihn schon im jugendlichen Alter mit dem deutschen Militärdienst und den deutschen Armeever­hältnissen bekannt zu machen, ist übereinstimmmd mit der Politik der englischen Königsfamilie, ihre Erb- ansprüche auf das Herzogthum Koburg-Gotha nach dem Ableben des regierenden Herzogs um jeden Preis auf­recht zu erhalten, was wir absichtlich als solche ver­zeichnen. Bon anderer Seite geht uns ein Gerücht zu, wonach der Regent von Braunschweig, Se. Königl. Hoheit Prinz Albrecht, veranlaßt durch körperliches Leiden, sich von der Regentschaft in Braunschweig zurückzuziehen gedenke. DaS Scheitern der letzten AnS- gleichversuche zwischen dem Herzog von Cumberland und der Krone Preußen habe an letztmaßgeben­der (!!) Stelle tiefe Verstimmung hervorgerufen. ES sei jetzt ein Moment eingetreten, wo man der welfisch- hannöverischen Dinge müde zu werden beginne. Sollte der Regent von Braunschweig in der That die Re­gierung des Herzogthums Braunschweig niederlegen, so sei es nicht ausgeschlossen, daß in letzter Instanz die braunschweigische Angelegenheit vor den Bundesrach gebracht werde, um das Herzogthum für Reichs­land erklären zu lasten." Und, soll man offenbar denken, Reichsland zu sein, könnte wohl auch in Zu­kunft — Koburg-Gotha werden. Wir glauben an Beider nicht, außer insofern, als gewisse Kreise dahin streben. Hoffentlich antworten der .Reichsanzeiger' oder wenig­stens die ,Nordd. Allg. Ztg.' bestimmt auf solche Vellei- täten, damit wir nicht zu den vielen deutschen Fragen auch noch zwei Thronftagen bekommen.

— Gegenüber der Nachricht von einer Erkrankung der Regenten von Braunschweig, Prinzen Albrecht von Preußen, sowie der Absicht seines Rücktritte-, sagt da- »Braunschweiger Tageblatt', es sei weder von einem körperlichen Leiden be$ Regenten noch von der Absicht desselben, von der Regentschaft zurückzutretm, daS Geringste bekannt. Die Host' hatte daS als „Ge­rücht" gebracht, um dabei die Perspektive Braun­schweig als Reichs land zu eröffnen. Und sie brachte das in einem Zusammenhang, der den Gedanken nahe­legte, das Herzogthum Koburg-Gotha als ReichS- land in Sicht zu bringen, auf dem Umwege über Braunschweig, sei der Post die Hauptsache. Nach­dem jetzt für Braunschweig sogar die geringsten An-

ein menschlicher Kopf, jeder Bettug ist ausgeschlostm. Hier ist das einzige Berkaufslokal, in welchem Wilkens' Bentilationshut zu erhalten ist. Dieser ist eine Wohl- that und ein Segen für die Menschheit."

Auch bei dem Kopfe auf der linken Seite befand sich eine Inschrift. Dieselbe lautete:

„Der gewöhnliche Ftlzhut. Man bittet zu beachtm, wie der unglückliche Träger dieses HuteS von der Hitze zu leiden hat. Armer Kerl! Er wünscht sich an­scheinend selbst den Tod. Der gewöhnliche im Handel vorkommende unventilirte Hut ist eine teuflische Erfin­dung. Der Besitzer eines unventilirten Hutes eilt dem frühen Grabe zu. Der Kopf hier ist ein menschlicher Kopf, jeder Betrug ist ausgeschlossen." MW

Ich benkerkte, daß in dem Schaukasten rund um die beides Köpfe zahllose kleine Löcher angebracht waren. Dann sah ich die Gesichter der Heiden und gewahrte eine große Verschiedenheit im Ausdrucke selben. Der Gentlemen, welcher WilkenS Ventilations- Hut trug, war ein Bild der vollsten Befriedigung. Er lächelte; eS schien, als ob er den Gipfel der Zufrieden­heit erreicht hätte. Jedenfalls befand er sich im voll­kommensten Wohlsein. Der andere Kopf bildete da­gegen den schärfsten Gegensatz. Nie in meinem Leben hatte ich auch nur die geringste Idee, daß eine solche schreckliche Wirkung durch das Tragen eines unventi- lttten Hutes hervorgebracht werden könne. Dos Gesicht war todtenblaß, ein kalter Schweiß schien aus allen