Beilage zu Nr. 282 der „Fuldaer Zeitung".
Donnerstag, den 8. Dezember 1892.
* Die Handwerker-Interpellation des Gentrums.
Zwei Mal mußte das Centrum in der ersten Hälfte der achtziger Jahre die Regierung wegen des Arbeiter- fchutzeS interpelliren. Wie es scheint, ist in Bezug auf den Handwerkerschutz ein gleiches Vorgehen nothwendig. AlS im November v. I. der Abg. Hitze Namens des Centrums die Regierung über ihre Stellung zur Handwerkerfrage befragte, stellte der Staatsminister von Bötticher zwar allerlei Reformen in Aussicht, aber bei diesem Jnaussichtstellen ist es auch geblieben, obgleich die Handwerker auf ihrem am 14. bis 17. Februar d. I. in Berlin abgehaltenen Kongreß, dem besuchtesten, der bis jetzt stattgefunden, keinen Zweifel darüber gelassen haben, mit welcher Ungeduld sie den versprochenen Reformen entgegensetzen. So wird nun das Centrum am nächsten Dienstag die Regierung von Neuem fragen, was sie in der Handwerkerfrage zu thun gedenkt und ob namentlich in der laufenden Session die versprochenen Reform-Vorlagen noch zu erwarten sind. Sollte die Antwort der Regierung, wie es fast den Anschein hat, nicht befriedigend ausfallen, so hat das Centrum Vorbereitungen getroffen, durch Embringung von Gesetzentwürfen selbst die Initiative zu ergreifen, wie eS dies seiner Zeit auch bei dem Arderterschutz gethan hat, trotz dem Stirnrunzeln des damals noch allmächtigen Fürsten Bismarck, der für unmöglich erklärte, was einige Jahre später doch möglich wurde.
Als am 24. November v Js. die Handwerker- Interpellation des Centrums im Reichstage verhandelt wurde, erktärte Herr v. Bötticher zwar den Befähigungs-Nachweis und die obligatorische Innung für „nahezu" unausführbar; die Regierung wolle aber dem Handwerkerstand zu Hilfe kommen durch eine Organisation des Handwerks in Gewerbekammern, durch Verleihung von Korporationsrechten an die JnnungSver- bände, durch eine bessere Organisation des Lehrlingswesens, durch Maßnahmen gegen die Auswüchse der Abzahlungsgeschäfte und des Hausirschwindels, sowie durch „thunlichste" Berücksichtigung der Handwerker- deschwerden über die Konsumvereine und die Gefäng- nißarbeit. Entsprechende Gesetzentwürfe seien zum T>eil schon in der Arbeit. Die Gesetzentwürfe sind indessen bis jetzt ausgeblieben, obgleich man doch sonst, z. B. wenn eS sich um Militär- und Steuersachen handelt, ungemein rasch zu arbeiten versteht. Nur die Offiziösen haben hin und wieder das Wort ergriffen und allerlei dunkele Andeutungen gemacht, auch den guten Willen der Regierung hervorgehoben. Die Handwerker und deren Freunde verlangen aber endlich Klarheit; denn der Worte sind nun wahrlich genug gewechselt.
DieZeit drängt, und dieErhaltung und Krästigung des Mittelstandes ertönt immer lauter als Parole. Das Centrum ist dabei weit entfernt, Prinzipienreiterei zu treiben. Zwar von dem Ziel werden die Freunde des Handwerks sich nicht addrängen lassen, aber, wie schon der Abg. Hitze im vorigen Jahre betonte: wenn die Regierung einen bessern zum Ziele sührenden Weg weiß, als auf den Handwerkertagen vorgeschlagen worden ist, so wird man darüber mit sich reden lassen. Die Hauptsache ist, daß endlich einmal aus der zuwartenden Haltung herausgetreten und die Reform in Angriff genommen wird.
Die liberale und die sozial-demokratische Presse sind natürlich sofort wieder dabei, vom „mittelalterlichen Zunftzops" und von der Bedeutungslosigkeit des Jnnungswesens zu sprechen. Nach einer halbamtlichen Statistik zählen aber die in Deutschland bestehenden 10,723 Innungen 321 000 Mitglieder. Eine soziale Bewegung von mehr als 10,000 Organisationen ist eine Thatsache, über die man mit abfälligen Bemerkungen nicht hinwegkommt. Im gesammten öffentlichen Leben bilden die Gleichgilligen immer die überwiegende Mehrheit. Man frage doch ein Ma! bei den Handelskammern an, und man wird die erstaunlichsten Dinge über die Gleichgiltigkeit im Kaufmannsstande hören. Viele Handwerker können zudem den Innungen sich nicht anschließen, einfach, weil keine vorhanden sind. Es gilt eben, die thatkräftigen Elemente im Handwerkerstande zu ermuntern, dann werden die gleichgilligen und verbitterten Elemente schon folgen. Sehen erst die Handwerker, daß etwas für sie geschieht, dann wird, rote die .Köln. Bksztg/ hofft, die ganze Handwerker-Bewegung bald einen un- geahnten Aufschwung nehmen.
Vermischtes.
* In der katholischen Kirche zu R. wurde am 9 November 1890 eine Person an der Kommunionbank überschlagen; dieselbe legte nun gegen den be
I treffenden Geistlichen Privatklage wegen öffentlicher Beleidigung ein. Das Schöffengericht aber, wie auch das Berufungsgericht, Strafkammer des Königlichen Landgerichts Bartenstein in der Sitzung vom 15. Mai 1891, und in der Revisionsinstanz des Königl. Oberlandesgerichts Königsberg i. P. in der Sitzung vom 21. Jannar 1892 wies die Klage kosten- fällig ab und zwar, ohne auf den Grund der Kommunionverweigerung einzugehen, in der einfachen Erwägung, daß der Geistliche das Recht unb die Pflicht habe, bei Verabreichung der hl. Kommunion selbst zu prüfen, ob einer der Fälle vorliege, in welchen diese nach den Kirchenvorschriften zu verweigern ist, und daß eine Nachprüfung dieser dem rein religiösen Gebiete angehörenden Frage durch den weltlichen Strafrichter nicht zulässig erscheine. Die Urtheile und Urtheilsgründe sind zu finden im Arckiv für katholisches Kirchenrecht von Dr. Bering, 1892, Heft 4, S. 96 ff. Will man sich also gegen die Verweigerung der hl. Kommunion befchweren, so hat man, wie es sich übrigens für Katholiken von selbst versteht, nicht an das weltliche Gericht, sondern an die kirchlichen Obern sich zu wenden. Die jetzige richterliche Entscheidung ist aber um so wichtiger, als bekanntlich in der Höhe des Kulturkampfes wiederholt Geistliche wegen Verweigerung der Absolution und der hl. Kommunion verurtheilt wurden.
* Eine elende Verdächtigung ist wieder einmal aufgedeckt und in ihrer ganzen Halt- und Grundlosigkeit blosgestellt. Kürzlich wurde von „nationalen" katholikenfeindlichen Blättern, mit der nötyigen Entrüstung ausgestaltet, folgendes Märchen verbreitet: In Olszowa bei Kempen, Provinz Posen, ereignete sich vor etwa 9 Moten folgender charakteristische Vorfall: Der dortige polnisch-katholische Pfarrverweser riß im Beichtstuhl jungen Leuten, die von ihrer Dienstzeit her die Soldatenmütze trugen, die Kokarde ab, weil ein derartiges Abzeichen in einer katholischen Kir»e unstatthaft lei. Der zuständige Distrikts-Kommis- sarius stellte den Fall protokollarisch fest. Als jedoch die Staatsanwaltschaft sich des Vorfalles annahm, weigerten sich die jungen Leute sämmtlich, einen Strafantrag gegen den Vikar zu stellen und man ließ daher die Sache aus sich beruhen. — Aus dem gleichen Grunde wurde im vergangenen Winter einem Postbeamten in Roschkow von dem dortigen polnisch-katholischen Geistlichen verboten, in seiner Uniform den Gottesdienst zu besuchen. Im .Dziennik Poz.' erklärt jetzt der Pfarrer Jagielski in Raschkow die ganze Geschichte für Schwindel. Es sei ihm von irgend welchen derartigen Vorgängen durchaus nichts bekannt.
* Jena, 5. Dez. Ein eigenthümliches Malheur, das auch Andere zur Vorsicht mahnen möge, passirte unlängst einem Einwohner in Krippendorf Beim Genießen eines Rohkartoffelkloßes blieb demselben nämlich ein Stück dieser so beliebten Speise in der Speiseröhre stecken und war trotz aller Anstrengungen weder vor- noch rückwärts zu bringen. Der Unglückliche mußte sich schließlich nach hier in die Klinik begeben, woselbst ihm die gewünschte Hilfe zu Theil wurde. Aber die Schmerzen vermochte man ihm nicht zu beseitigen, da die im hohen Grade entzündeten Schleimhäute längere Zeit zu ihrer Heilung bedürfen. Dazu kam noch, daß der Bedauernswerthe in 14 Tagen keinen Biffen esfcn konnte und hatte sich indessen sein Körpergewicht nm 14 Pfund vermindert.
* Was ist eine Million «nd eine Billion? Wir lesen oftmals von Millionen, aber die wenigsten Menschen haben einen rechten Begriff von der Größe dieser Zahlen. Eine Million sind tausendmal Tausend. Wenn man z. B. Jemand fragen würde, wie viel Zeit er brauchen Zwürde, um eine Million Punkte mit der Feder auf's Papier zu machen, so würde dies Jedermann für lächerlich finden. Das ist gar bald geschehen, könnte auch Mancher sich denken. Und doch würde ein geschickter Schnellschreiber volle 14 Tage dazu brauchen, wenn er jeden Tag volle 6 Stunden dazu verwenden wüide, um in die Tinte zu tauchen und Punkte zu ma-den. Doch eine Million ist eine wahre Kleinigkeit gegen eine Billion; denn eine Billion ist eine Million mal Millionen! Wer wird wohl das zählen können? Kein Mensch auf der ganzen Erde?" Ein schneller Kassirer kann in einer Minute höchstens 160 zählen. Nehmen wir an, er brächte es auf 200 in der Minute, dann würde er in einer Stunde höchstens 12,000 zählen. Wenn man nun annimmt, daß Adam, der nach gewöhnlicher Zeitrechnung 4000 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung lebte, vom Anfänge seines Lebens zu zählen angefangen hätte und heute noch zählen würde, so wäre er seit 6000 Jahren noch nicht fertig geworden, um nur eine einzige Billion zu zählen. Denn zum Zählen einer Billion brauchte man nach obiger Voraussetzung 9 '20 Jahre, 34 Tage, 16 Stunden und 20 Minuten. Wenn nun Adam jeden Tag 12 Stunden für Ausruhen, Essen und Schlafen übrig gehabt hätte, fo würde er zum Zählen einer Billion über 19,024 Jahre brauchen. Gewiß eine kolossale Zahl, die wir kaum fassen können.
* In Deutschland kann man vielfach noch die Meinung an- trcssen, daß der Kaviar nur eine Delikatesse, eine Luxusspeise sei. als Nahrungsmittel jedoch keine sonderliche Bedeutung besitze. Vielleicht rührt diese Anschauung daher, daß der Kaviar bei uns in Deutschland sehr theuer ist, jedenfalls muß sie aber entschieden als eine irrige bezeichnet werden. Denn der Kaviar enthält als einen Hauptbestandtheil das für die menschliche Ernährung ja so wichtige Eiweiß und außerdem gilt er mit Recht als sehr leicht verdaulich, sodaß er ärztlicherseits Rekonvaleszenten von Magenkrankheiten und Personen mit lästiger Verdauung häufig verordnet wird. Auch wirkt sein Genuß ungemein anregend auf den Magen ein, nur darf der Kaviar nicht im Uebermaß genossen werden. Am besten schmeckt und bekommt der Kaviar, wenn man ihn auf Weißbrod gestrichen, gleichviel ob mit oder ohne Butter, genießt; Zwiebeln und Zitronensaft sind zwar beliebte Zusätze, es wird durch sie aber der eigen« thümliche Wohlgeschmack gerade der befferen Kaviarsorten vermindert. In Rußland ist der Kaviar bekanntlich ein Bolks- nahrungsmittel.
* Prüfung des Musiksiunes der Thiere. Bor einiger Zeit wurde aus London über Versuche berichtet, durch welche ermittelt werden sollte, in welcher Weise sich verschiedene Thiere für Musik empfänglich zeigen. Die Idee, über diesen Gegenstand Beobachtungen anzustellen, ist keineswegs neu. Ueber einen
planmäßig auf verschiedene Thiere ausgedehnten Versuch berichte schon der französische Schriftsteller Bigneul Marville in seinen 1699 erschienenen Melanges d’histoae et de litt&ature. G. Ehr. Lichtenberg's „Göttinger Tafchenkalender auf das Jahr 1778" enthält über diesen Bericht folgende Notiz: „Hr Bigneul Marville ließ an einem Ort, wo sich allerlei Thiere beisammen befanden, an einer Trompete zum Fenster hinaus blasen, um zu sehen, was diese Musik für einen Eindruck auf sie machen würde. Was er bemerkt hat, ist Folgendes: Die Katze bekümmerte sich gar nicht darum. Der Hund setzte sich nieder, sah herauf und war eine ganze Stunde aufmerksam. Ein Pferd, das unter dem Fenster fraß, rupfte fein Heu fort, und sah nur allemal ein wenig hinauf, wenn es das Maul eben voll genommen hatte. Der Esel fraß seine Disteln fort, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen. Die vorbeigehenden Kühe blieben ein wenig stehen und sahen hinauf, gingen aber bald weiter, als wenn sie immer wüßten, was eS wäre. Einige Bögel in Käfigen fangen sich fast zu Tode. Der Hahn dachte nur an feine Hühner und die Hühner nur ans Scharren."
* (Aufrichtig). Alte Fran (in die Apotheke kommend): „Ich bitt' Sie, Herr Provisor, meine Katz' ist plötzlich krank geworden! . . . Können Sie mir etwas geben? Provisor: „Gewiß! Wir haben ja eine Meng Mittel, die für die Katz' sind.
Literarisches.
§ Bilder aus dem Leben Jesu. 16 Bilder in Farbendruck mit erklärendem Text von Pater Bonav. Hammer, gbd. 2,50 M. Aschendorff'sche Buchhandlung in Münster.
Die Zeitschrift Augustinus, Literaturblatt zum „Corres- pondenzblatt" für den kath. Clerus Oesterreichs in Rro. 17. (1892) Der begleitende Text zu den Bildern besteht zunächst aus dem wörtlichen Bericht der Evangelien, so weit nicht eine Umschreibung der Deutlichkeit wegen räthlich erschien. Die eingefügten Lieder sind feit Jahrhunderten bekannt und die Gedichte auS neuerer Zeit in Kinderkreisen sehr beliebt. Wir können dem Herausgeber zur glücklichen Auswahl derselben nur gratulieren; sie sind überaus herzlich in der Sprache, edel in der Form, leicht verständlich, für die Kinder geradezu einladend zum Memoriren. Dazu kommen die 16 künstlerisch gezeichneten und prachtvoll eolorirten Bilder, für die wir nicht genug Worte des Lobes finden. Das ist einmal ein Buch, das Jung und Alt erfreut. Es eignet sich als Weihnachtsgeschenk für brave Kinder, die den ersten biblischen Unterricht genossen haben, in ausgezeichneter Weise. Der Preis ist in Anbetracht des Gebotenen mäßig. Wir wünschen allen braven Kindern, Auge und Herz an dem Buche erfreuen zu können.
§ Unter den diesjährigen poetischen Gaben für den Weihnachtstisch wird Franz Ehegaffer's „Sonnenthau" an erster Stelle zu nennen sein. Wir hatten Gelegenheit, die Gedichte im Manuskript zu durchmustern und können den Käufern und Lesern dieses Büchleins, das bei dem rührigen Verleger der „Dichterstimmen", Pet. Weber in Frankfurt a. M., erscheinen wird, einen ganz besonderen Genuß in Aussicht stellen. Der Verfasser hat sich schon durch seine im vorigen Jahre bei Schöningh er- schienenen „Bergblumen" rühmlich bekannt gemacht.
Setreide-vours.
+ Frankfurt «. M., 5. Dez. 1892. Weizen hiesiger (Sommerweizen) • • • „ Red-winter I. Qualität .... „ ,, Steamergrade . . .
„ Kansas........
Roggen hiesiger.........
„ französischer........
Gerste neue ..........
Hafer je nach Qualität.......
Raps............
Mais, mixed pr. März verzollt. . . . Mais, ungarischer prompt.....
Malzkeime ..........
Spelzspreu ..........
Getrocknete Biertreber.......
Weizen russischer ........
Roggenkleie..........
Weizenkleie ..........
Weizen behauptet, Roggen unentschieden, Gerste träge, Hafer unthätig, Malzkeime verlassen, Torfstreu koloflale Umsätze, Mk. 1.10 per Gentner, Spelzenspreu Käufer zögernd wegen hoher Forderung, Roggenkleie und Weizenkleie aus zweiter Hand erdrückend offerirt.
Bei An- «nd Berkaus von Getreide halte mich besteus empfohlen. Joseph Strauss, Agent.
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Marktbericht.
5. Dezbr. Der heutige Biehmarkt war mit 438 Ochsen, 28 Bullen, 553 Kühen, Rindern und Stieren, 275 Kälbern, 894 Hammeln, 756 Schweinen befahren. Die Preise stellten sich wie folgt: Ochsen I. Qual. 66-68 Mk., H. Qual. 56-62 Mk., Bullen I. Qual. 47—50 Mk., n. Qual. 44-46 Mk. K/ihe, Rinder und Stiere I. Qual. 52-54 Mk., II. Qual. 38 brs 42 Mk. Alles per 100 Pfd. Schlachtgewicht. Kälber I. Qual. 55-60 Pfg., II. Qual. 45—50 Pfg., Hümmel I. Qual. A—,52 Pfg., n Qual. 30—34 Pfg., Schweine I. Qual. 61 bis 62 Pfg. II. Qual. 58-60 Pfg. Alles per 1 Pfund Schlacht- gewicht. t
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