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JV 280 Dienstag, den 6. Dezember 1892. 19. Jahrgang

FuldktrMZcitiiiig

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-s Auch etwas ;ur Milttarfrage.

Bo» sozialdemokratischer Seite ist neulich daS Wort gefallen; wenn die neue MUitärvorlage durchgehe, so könne die Partei io der Beziehung damit zufrieden fein, alr zahlreiche junge Genossen wie ein Sauerteig in den Kasernen wirken würden. Bei unbefangenem Betrachten der Sachlage kann man dem Ausspruche eine gewisse Berechtigung nicht absprechen; denn es ist Thatsache, daß ein Theil der Rekruten mit ausge- sprochen sozialdemokratischer Gestnnung beim Mllitär eintritt; die eifrigsten Agitatoren findet die Sozial­demokratie bei den jungen Arbeitern, die durch die Phrasen geblendet und dm Führern blindlings folgend sich in eine Art Begeisterung hineingearbeitet haben und dann glauben, selbst schon Führer zu sein, während fie doch nur am Leitseil gezogm werden. Beweise für diese Thatsache hat man in den Industriegebieten zu Dutzenden, und daraus darf man wohl dm Schluß ziehm, daß es in der Armee an Vertretern der Sozial- demokratte durchaus nicht fehlt, welche trotz aller Dis­ziplin Mittel und Wege findm, im bunten Rock ihr Agitationswerk fortzusetzm. Beim vorigen Parteitage erregte es, wie der .Vorwärts' berichtete, besondere Befriedigung, daß ein Beglückwünschungstelegramm von „mehreren Mitgliedern der Vogel von Falkenstein'schen Ferienkolonie" aus dem Reichslande eingetroffm sei; in ehrliches Dmtsch übersetzt, wäre das nichts Anderes, als eine Depesche von mehreren aktiven sozialdemokra­tischen Soldaten des betr. Regiments.

Diese Art Propaganda in der Armee, die Aus­breitung sozialdemokratischer Ideen von Mund zu Mund, zu unterdrücken, oder dm Versuch generell zu diesem Zwecke zu machen, erscheint uns nicht als rathsam, weil unmöglich oder wenigstens im Allgemeinen er­folglos, aber vielfach verlchlimmemd; ein Gegengewicht kann nur dadurch geschaffen werden, daß im Heere der christliche, kirchliche Geist mehr gepflegt wird, als es bisher, wenigstens praktisch, vielfach der Fall ist. Wir sind die Letzten, welche die hohe Bedeutung und die wichtige Stellung des Heeres verkennen, wir wollm es geachtet und angefehm wissen, weil es sich aus der Blüthe der Nation zusammmsetzt, aber dabei muß auch als oberster Grundsatz gelten, daß das Heer in Gottesfurcht und frommer Sitte, die wir von den Bürgern verlangen, dem ganzen Volke voranleuchte, wie es ja der Wille des obersten Kriegsherrn ist, der mehrfach unzweideutig feinen Willen in dieser Bezieh­ung bekundet hat.

Wenn wir aber die gewesenen Militärs fragen, wenn wir von diesm die Zustände schildem lassen, so können wir uns der Thatsache nicht erwehren, daß es in dieser Hinsicht leider noch lange nicht ist, wie es sein sollte; der christliche Geist findet im Militär — man verzeihe das harte, aber wahre Wort — bei Weitem nicht die Berücksichtigung, welche er verdiente und im Interesse des sittlichen Wohles des Volker be­anspruchen muß. Wenn die Eltern ein Recht haben,

■H- Achtzigtausend Gulden. *)

Ueber den am 30. April 1883 in Berlin zum Tode verurtheiltm Mörder des GeldbriefträgerS Coffäth ver­öffentlichte die ,Köln. Ztg.' damals zwei größere, an­scheinend von Paul Lindau verfaßte Artikel, welche mein persönliches Interesse in ganz ungewöhnlichem Grade fesselten. Der Verfasser zeigte ein gewisses Mitleid mit dem Mörder, weil derselbe in Anbetracht seiner son­stigen Qualifikation gleichsam das Opfer einer fixen Idee geworden sei, welche die Roth des LebenS allmählich in ihm hervorgerufm habe. Einige Sätze gingen mir geradezu durch Mark und Sein, wie Wandelgeister des Schattenreiches mich an meine eigene Vergangenheit mahnend. Diese Sätze lauten:

„Die ersten Male, wenn der Mordgedanke an ihn herantritt, sträubt sich feine Natur noch dagegen, er weist ihn zurück; aber immer wieder und wieder drängt sich ihm dieser furchtbare Gedanke auf, er wird ihn nicht mehr los, die Gewöhnung an denselben tödtet all­mählich den Schauder davor, schläfert daS Gewissen ein — und er schreitet zur That, ohne besondere Erregung, wie ein Mann, der eine Aufgabe lösen muß, die er sich einmal gestellt hat. So ist es auch bei Emst Sobbe gewesen . . . Er sagte sich, wenn es nicht aus ehr- liche Weife geht (nämlich sich aus finanzieller Verlegen-

*) Nachdruck verboten.

ihre Kinder nur in eine solche Schule zu schicken, in der dieselben moralisch und religiös erzogen werden, dann haben sie gewiß rin Recht, ihre erwachsenen Söhne nur in eine solche Safente zu schicken, in der sie an chrem Glauben und an ihrer Sittlichkeit keinen Schaden leiden, benn fie find es, die einst vor dem Throne Gottes über dieselben werden Rechenschaft ab­legen muffen.

Es mag nicht unangebracht fein, hier eine alte ReminiScenz aufzufrischen. In den Kriegsartikeln des früheren Königreiches Hannover lautete in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts bet erste Paragraph, welcher allmonatlich sämmtlichen Mannschaften vorge- lesen würbe: „Wer Gott nicht fürchtet, GotteS Wort verachtet, ben Genuß bes heiligen Abeubmahls versäumt, unb dadurch in einen lästerlichen und unchristlichen Lebmswanbel verfällt, soll beim Regimente nicht ge­duldet, sondern, falls Ermahnungen und Leibesstrafen ihn nicht bessern, ohne Abschied entlüften werden." In dieser Bestimmung offenbart fich der wahre, christliche Geist, wie er beim Heere herrschen soll und muß, und zwar durch praktische Bethätigung, insbesondere auch von oben her, denn ohne gutes Beispiel kirchlichen, religiösen Sinnes Seitens der Vorgesetzten wird man von ben Mannschaften nicht erwarten bürfen, baß sie chrer religiösen Pflichten nachzukommen sich bestreben.

Zuerst haben wir hier bas dritte Gebot im Auge: „Gedenke, daß Du den Sabbath heiligest"; über das Thema „Sonntagsruhe und Kaserne" ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Es scheint vielfach die Regel zu sein, daß die sogenannte „Lumpenparade" und so­gar Reinigungs-Arbeitm am Sonntag Vormittag statt­finden, über das Letztere wird besonders bei ben Kaval­leristen geklagt. Wie soll nun ber Sokbat bei solchen Dienstverrichtungen zu einer Achtung des Tages des Herrn kommen? Es ist schon traurig genug, daß, wie behauptet wird, die Rücksichten auf den Dienst nicht gestatten, daß die gesummte Mannschaft wenigstens Sonntags Vormittags so viel freie Zeit hat, um der kirchlichen Pflicht zu genügen, wir meinen, es ließen sich doch wohl noch, wenn man mit Ernst daran ginge, dazu Mittel und Wege finden, aber daß vielfach der Sonntag zu niedrigen Arbeiten benutzt wird, kann in keiner Weife mit der dem Tage des Herr» schuldigen Achtung und der nothwendigen Pflege der Religiosität in Einklang gebracht werden. Am Sonntag Vormittag Putzen und Reinmachen — am Sonntag Nachmittag dem Vergnügen nachgehen: das wird niemals christlich gesinnte Männer erziehen, da liegt gewiß die Gefahr nahe, daß die von der Schule und dem Elternhause rnttgebrachte Religion bei Manchen allmählich verküm­mert unb erstirbt unb so bie Sozialdemokratie für ihre zahlreichen Kasernen-Agttatoren ein ergiebiges Feld findet.

Sodann wäre es unseres Erachtens durchaus nöthig, daß die Vorgesetzten auf die Gespräche und Lieder in der Kaserne mehr obacht gäben, sie würden dann reiche Gelegenheit haben, manche Uebelstände abzustellen, denn was an anzüglicken Gesprächen unb Liedern hier und

heft zu helfen und eine dauernde Existenz zu grünbeit), so muß es eben anberS gehen. Er dachte an Frances- coni! Merkwürdigerweise wußte er von diesem Fran- cesconi nichts weiter, als daß es diesem gelungen war, einen Briefträger zu ermorden und zu berauben. Er wußte nicht, daß Fcancesconi gehentt worden war. Seitdem wurde er den Gedanken an diesen Francesconi nicht mehr los. ES war für ihn eine ausgemachte Sache, daß ihm nichts Anderes übrig blieb, als sich auf demselben Wege Geld zu verschaffen; er mußte einen Geldbriefträger erschlagen und diesen berauben. Es wurde ihm wie zur fixe» Idee; unb nachher» er Wochen- und monatelang den ©eöanten mit sich herum­getragen hatte, war er zum Entschlüsse, bie That zu begehe», ausgereift."

So mag es nicht allein bei Sobbe gewesen fein, so war es in einem ganz ähnlichen Falle bei bem Ver­fasser dieser Zeilen. Das Motiv war genau dasselbe. Nur das illusorische Hilfsmittel, das mich retten sollte, war zum Glück ein anderes. Obgleich ich die Illusion als solche erkannte und ben einzuschlagenben Weg scheute, konnte ich mich bes barauf abzielenden Gedankens nun einmal nicht mehr entäußern. Er war mir wie zur „fixen Idee" geworden. Dank dem Himmel, daß der Ausgang jenes Seelendrama's für mich ein anderer war, als bei dem unglücklichen Sobbe, ber seine zweifel­hafte Schulb am 12. Juni desselben Jahres auf dem Schaffot verbüßte.

da in ben ftafemen geleistet wird, ist geradezu entsch­lich unb manches unoerborbene Gemüth dürste dort ben Keim des Lasters in sich ausgenommen haben. Es ist uns bekannt genug, baß bie obere Behörbe solche Uebel­stände scharf mißbilligt unb ben Schulbigen straft, aber man hat das Gefühl, als ob bie Kontrolle nicht genau genug sei, als ob man nicht „darauf zuschlüge", wie man zu sagen pflegt, wenigstens würde manches schmutzige Gespräch, manches unsittliche Lied unterbleiben, wenn bie Mannschaften wüßten, daß jeder Stubenälteste, jeder Unteroffizier die strengste Anweisung habe, jeden chm bekannt werdenden Fall zur Anzeige zu bringen unb baß bann strenge Bestrafung erfolge» müsse. Daran fehlt eS aber offenbar sogar in ben meisten Kasernen unb wenn wir fordern, daß viel schärfere Anweisungen in diesem Sinne gegeben werben, so thun wir bamit nicht mehr, als was Religion unb Sittlichkeit unter allen Umstänben zu forbern berechtigt sind. — Gottesfurcht unb Sittlichkeit müssen bie Grmibpfeiler des Heeres bilde», sie können aber nur bestehen, wenn der Soldat nicht darüber zweifelhaft ist, daß er durch Eifer in seinen religiösen Hebungen und durch strenge Beobach­tung der Sittengesetze in Wort und That sich die Achtung unb Zuneigung seiner sämmtlichen Vorgesetzten, vom Unteroffizier aufwärts, erwirbt.

Deutsches Keich.

Berlin, 3. Dezember.

* Die Ceutrumsfraktiou des Reichstags hat an ben brei letzten aufeinander folgenden Abenden die Militärvorlage in ihrer Allgemeinheit durchbe- rathen. Die Verhandlungen ergaben bie volle Ein- müthigkeit über eine Reihe grunblegenber Gesichtspunkte. Demnächst wurden bie Redner für bie erste Lesung, benen wir, sagt bie .Germania', durch weitere Mit­theilungen erklärlicherweise nicht vorgreifen können, und die aus der Fraktion in bie Kommission zu entsenden­den Mitglieder unter vollster Berücksichtigung der ver­schiedenen LandeStheile bestimmt.

* Das Centrum hat im Reichstage eine Inter­pellation eingebracht, was die Regierung irn vorigen Jahre in der Handwerkerfrage gethan habe. Die­selbe wird wahrscheinlich Mittwoch zur Verhandlung kommen. Sollte die Antwort der ^Regierung nicht be­friedigend ausfallen, so hat das Centtum Vorbereitungen getroffen, durch Einbringung von Gefetzentwürfen selbst die Initiative zu ergreifen.

* Nicht weniger als vier Ersatzwahlen zum Reichstag haben binnen Kurzem stattgefunden, darunter in zwei rheinischen Centrumswahlkreisen (Kempen- Geldern) und Bonn-Rheinach), die ohne Kampf dem Centrum erhalten geblieben sind. In Kempen-Geldern wurde an Stelle des Domherrn Dr. Perger der Graf Loo neugewählt. Bonn-Rheinach wählte dm bis­herigen bewährten Vertreter Oberlandesgerichtsrach Spahn wieder. Im westpreußischen Wahlkreise Marien­werder standm nicht weniger als 6 Kandidaten bei

WaS hier erzählt wird, ist trotz feiner romanhaften Färbung weder erdichtet noch übertrieben, sondern fach- getreu dem Leben entnommen. Ich würde zum Beweise dessen Orte und Personen nicht pseudonym be­zeichne», wenn die Decenz das Gegentheil zuließe. Auch soll das Ganze nicht etwa eine „Gelegenheits-Novellette" sein. Der Leser möge keinen „Helden" darin suchen, ber um Bewunberung geizt. Unser „Helb" verübelt es sogar bem Leser nicht, wenn er sich mitunter über feine „Thaten" ärgert. Der ganzen Darstellung liegt eben nur der eine Zweck zu Grunde, solche Thatsachen zu schildern, die zwar traurig und widerlich in ihrer Art, aber pathologisch unb psychologisch von großer Bebeu- tung sind. ,

Es war im November des Jahres 1874, als ich, auf einer Reise begriffen, in die Bahnhofs-Restauration des Landftädtchens Elbisberg eintrat, um eine Er­frischung zu nehmen und ben Abgang beS Zuges ab- zuwartm. Ich traf bofelbft unter anberen Bekannten einen alten Herrn, ber mir bie Hand drückte unb fein Sitzenbleiben bamit entschuldigte, daß er seit einiger Zeit an Podagra leibe. Zu Anfang ber siebziger Jahre einige Monate in Elbisberg als Steueramts-Praktikant beschäftigt, hatte ich bei bem alten interessanten Herrn etliche Partie» Billarb verloren unb mich zuweilen äußerst lebhaft mit ihm unterhalte». Er schien großes Interesse an meiner GemüthSart unb meinen geistigen Liebhabereien zu finben; ich aber hörte ihn gern erzäh-