JV 279 Sonntag, den 4. Dezember 1892. 19. Jahrgang
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Zweites Blatt.
& Zum fihlwLrüt-Prozeß.*)
Die Gerichtslxr ;piibiu.;b über die„Judenflintrn" füllt alle Zeitungen und macht viele Köpfe heiß. Wollen wir den bisherigen Verlauf des ProzeffeS kühl und ««befangen betrachten, fo müssen wir uns vorher k.cr «lachen, daß eS auf nichts Anderes antommen darf, als auf die Wahrheit und Gerechtigkeit. Ob diejenigen Personen oder Pirteibestrebung.n, denen du deine Neigung zugewendet hast, gut oder schlecht dabei fahren, das muß Nebensache bleiben.
Um jeden derartigen Rechtsstreit pflegt sich eine Masse Beiwerk zu ranken. Lasten wir daS zunächst bei Seite und fassen wir den K er n der ganz n Sgch' ft.'S Auge. Ahlwardt hat behauptet, daß die Löw- ' cheu Gewehre nicht kriegsbrauchbar seien. Wenn er da« beweisen kann, so steht er als Sieger da. Skr ? aber uS Gegentheil erwiesen, so ist die Ahlwarru' ch- Schrtft gerichtet. Ob in dem Getriebe der Löw 'ichen Fabrik sonst Unregelmäßigküten vorgekommen sind, \t im Vergleich mit dieser Haupt- und Kernfrage gavz nebensächlich ; daS wäre eine Privatanqeleaenheii van Löwe und Genossm. Die Frage der Brauch^arki t der Ge- wehre ist aber eine öffentliche Ang-legenheit allerersten Ranges, da die Wehrhaftigkeit Deutfchlandtz avon abhängt.
Run ist aber, wie jeder unbefangene Leser der Berichte zugeben muß, durch daS bisherige Verhör der Zeugen und Gutachten schon ganz zweifellos tlarge- stellt, daß die Löwe'scheu Gewehre gut sind. Die Be- kundungen der miluanschen Sachverständigen sind so bestimmt und unantastbar, das; dec von Adlwardt zu- sammengetragene Klatsch v:in cbiv tu n Soldaten oder Arbeitern gar nicht ins Gewicht fallen kann. Äa e inzelnen Gewehren haben sich hier oder ba 2 onkeiiS- , fehler oder Schwächen gezeigt; das ist ab r bei jeder Gewehrfabrikation unvermeidlich. Die in den Staats- Anstalten verfertigten Gewehre haben solche Mängel in noch größerem Umfange gezeigt. Die Militärbehörde hat ein ganz zuverlässiges Urtheil über die Güte der ge- jammten Lieferung, da sie nicht nur die vorbereitenden Proben, sondern auch die Bewährung der Waffe beim felddienstmäßigen Gebrauch der Truppe im Ganzen Wersehen kann. Gegen die Wucht dieser fachmännischen Erfahrung kämpft der Angeklagte mit den kleinlichen Aussagen seiner Gewährsmänner ganz ausflchtlcs. Mit Steinchen kann man keinen Kirchthurm über den Haufen werfen.
Wenn wir nun die Nebendinge betrachten, so muss en wir auch dem Angeklagten sein Recht zu Theil werden lasten. Zunächst ist ihm Unrecht zugefügt worden in dem Vorspiel zu dem Prozeß, das ein liberaler „Inter- Viewer" veranlaßt hat. Ein Mensch vom Kleinen Journal' drängte sich kurz vor der Eröffnung des P o- zestes bei dcm verhafteten Angeklagten ein, setzte ihn m den Glauben, einen Gesinnungsgenossen vor sich zu haben, und übergab dann alle vertraulichen Mttthei- lüngen, die ihm der Angeklagte machte, sofort der Oeffeullichkeit. DaS war ein Streich, auf den so recht die Bezeichnung „jüdisch" nach dem Volksgebrauch paßt Der sonderbare Biedermann behauptet nun freilich, er habe sich nicht als Gesinnungsgenosse eingrführt, son- dtra sich blos auf einen gemeinschaftlichen Bekannten berufen. Die Ausrede zieht aber nicht. Wenn auch wirklich Herr Ahlwardt bloß durch eigene Schuld in den Glauben gerathen wäre, einen Gesinnungsgenossen vor sich zu Haden, so durfte sein Besucher doch unter keinen Umständen von vertraulichen Mittheiilungen einen Gebrauch machen, der für Herrn Ahlwardt schädlich war. ES liegt ein abscheulicher Mißbrauch des Vertrauens vor. Auch der Gerichtshof hat das den Zeugen deutlich fühlen lasten. «
Die antisemitische Presse beklagt sich ferner darüber, daß der Staatsanwalt gleich zu Anfang des Proz sseS erklärt hat, es sei die Unwahrheit der Ahlwardt'jchen Anklagen erwiesen. ES erinnert dieser Eifer deS StaatS- anwalrs an den Xantener Prozeß, in dem auch die voreilige Aeußerur-g der Anklagebehörde fiel, daß Busch- heff's Angaben über seine Thätigkeit an dem triiischen Tage von den Zeugen bestätigt werden würden, lieber das Recht zu einer solchen Haltung der Staatsanwaltschaft wollen wir nicht lange streiten, sondern bloß zu bedenken geben, ob so etwas zweckmäßig ist. Warum
*) Nachdruck nicht gestattet.
will man nicht die Zeugenaussagen einfach durch sich sc! bst wirken lasten? Im Ahlwardt-Prozeste hätte der Startsanwalt wahrlich nicht das Mindeste verloren, r..tnn r zu Anfang nichts weiter gesagt hätte über den Inhalt oer ^vorstehenden Aussagen. Durch das Borgreifen hat r- nur den leidenschaftlichen Antisemiten Anlaß zu Verdacht und Verdächtigungen gegeben.
Nach meiner Ansicht wäre es auch bester gewesen, wenn der Staatsanwalt das erwähnte hinterlistige Interviewer im Gefängnisse gar nicht erwähnt hätte. Er that das, um eme Waffe mehr gegen die Ser» schlqrpungsversucbe des Angeklagten zu haben. Aber batte er mst düsen Verschleppung? künsten nicht auch so fertig werden können? Die Taktik war ja durchsich» rig, daß jeder Gerichtshof gewiß die Vertagungs-An- träge adlehnen mußte.
Endlich wüsten wir unfern Zweifel ausdrücken über b-e Zweckmäßigkeit der Form, in welcher der Vorsitzende die auffälligen Ansichten und Anträge Ahl- vardt's b-han)e!t. Er spricht seine Verwunderung gern richt kräftig auS und das mag ja nach Lage der Dinge sachlich sich'wvhl rechtfertigen lasten. Aber die scharfe Aus p'a he der Präsidenten wird wiederum von den bi-'figtn Parteigängern Ahlwardr's anSgebeutet werden, um das Vertrauen auf die Unbefangenheilder Justiz zu erschüitern. Die Erfahrungen, die man nach dem Buschheff Prvz ß gemacht hat, sollte doch All-n. die mit derartigen Prozessen zu rhun haben, die qiößtwög- lichsts Vorsicht auferlegen. Je schonender die Justiz in allem Formellen vorgebt, desto mehr wird sie die sachlichen Jntercssen deS Rechts zu wahren und daS V rtrauen aller Wohlmeinenden zu sichern vermögen.
Run möchten wir noch ein paar Worte zur Charakteristik des Angeklagten anschließen. Seine Haupcheschuldigung, daß die Löwe'sche Gesellschaft dem deutschen Hecrc unbrauchbare Waffen geliefert habe, süßt bekanntlich auf der verhlftffPde«, Behauptung, daß die allümco i-»raelite, die internationale Osganifation der Jadrfi- schaft, Herrn Löwe bl fohlen habe, Deutschland wehrlos zr machen. Ob der Angeklagte selbst an diese Unge- heuerlichkeit glaubt — dos ist ein intertssante ply'io- iHMPMrage. Aus ^inneren Gründen n ächte man einen solchen Glauben für unmöglich hallen. Denn ersterS ist es sehr unwahrscheinlich, daß die allianco israelite," die doch nicht aus lauter heldenhaften Makkaräern, sondern auch wohlsiruirten jüdischen Familienvätern besteht, sich an ein fo verwegenes Unter» nehmen, wie die Wehrlosmachung Deutschlands, heian- waqe. Zweitens aber rst Tausend gegen Eins zu wetten, bcs; Herr Isidor Löwe einen so tollen Auftrag der Alliarcr nicht übernehmen würde. Herr Löwe war der L iter einer g-deihenden Maschinerfabrik; wird der in behaglichen Umstanden lebende Mann nicht bloß sein Vnmögen, sondern auch s ine Haut zu Markte tragen, i um den Einfällen einiger Pariser Juden zu gehorchen? Im ärgsten Falle würde er an sich doch j.-dcr.f lls „gedacht" haben, indem er seinen Posten vorher aufgad oder nachher rechtzeitig verschwand. Und dann drittens: ES ist thatsächlich unmöglich, eine Armee auf die Dauer mit schlechten Gewehren zu versehen. Sollte eS auch gelingen, die sammtlichen hohen und niederen Abnahmebeamten zu bestech«, so würde doch der ganze Schwindel zusammenkrachen, sobald die Gewehre in den Gebrauch der Trupp n kommen. Die ungeheure Anstrengung und Geldverschwendung würde also auf jeden Fall erfolglos bleiben.
Also das Märchen mußte jedem Unbefangenen sofort unglaublich erscheinen. T otzdem kann man nicht mit voller Sicherheit sagen, daß Ahlwardt eS nicht geglaubt habe. Man muß beachten, wie er während der Verhandlungen mit der größten Sicherheit behauptete, daß in der u. derBuchhandlung einKomitee tage, das mit seiner moralischen Vernichtung und der Entfernung seiner Z ugen von Berlin beschäftigt sei. Er beantragt die Vernehmung des Besitzers, muß also gewärtig sein, ^ßnoch in einigen Stunden die Wahrheit an den Trg kommt. War des eine unerhörte Frechheit? Ooer steckt eine Art Dersolgungswahi sinn dahinter?
Die Gegner Ahlwardt'S schildern ihn als überaus verschmitzt, und in seiner Vcrga-genyeit fi tben sih ja auch manche Punkte, die ihn i'-icht als harmlos erscheinen lassen. Aber an andern Punkten kommt ein ganz übermäßiges Selbstbcwrßtsein, eine Art G ößen- lvahn zu Tage. Wenigstens scheint e? mehrfach fo, a'S ob Ahlwardt fest überzeugt sei, daß das Juden» thum ungezählte Tausende springen lasse, um ihn, den
gefürchteten Feind, aus dem Wege zu schaffen. Zum Größenwahn gesellt sich, wenn der Erfolg ausbleibt, sofort der Verfolgungswahn.
Ob Ahlwardt'L Spiel auf Verwegenheit oder aus Krankheit beruht, ist schwer zu entscheiden; aber, daß eS verloren geht, steht fest. Deutschlands Bewaffnung ist über jeden Verdacht erhaben, und das genügt zur Beruhigung der patriotischen Gemüther,
Vermischtes.
* Eine poetische Strafandrohung hat in Lichtenfels ein Jagdeigenthümer an der Grenze feines Reviers in Gestalt einer Tafel aufstellen lassen, die folgende humoristisch poetische Umschreibung der §§ 294 und 295 des Reichsstraf esetzbuches enthält: „Wer Wilddieb ist von Profession, Erhält als allerkleinsten Lohn
Ein Vierteljahr Gefangenschaft;
Auch sichert die erlitt'ne Hast Bor Bürgerehr-Berlust ihn nicht. Sowie vor Polizeiaufsicht. — Bei Jagdvergeh'n ist nebenher Stets einzuzich'n daS Schießgewehr, Das Jagdgeräth fowie der Köter, Die mitgesührt der Schwörenöter, Und es verfallen dem Gesetze Dergleichen Schlingen auch und Netze, Mit deren Hilfe Jnkulpat
Am Jagdgesetz gefrevelt hat. Egal, weh' Eigenthum sie sind; — Denn die Gerechtigkeit ist blind."
Literarisches.
§ Weihnachtsgeschenk für die katholische Mission in Kamerun. Bor einigen Tagen berichtete der hochw. Herr Präfekt Bieter P. 8. M., daß das alte schlechte Segelboot der Mission, welches den Verkehr zwischen den drei katholischen Missionen unterwirft, verunglückt sei. Die Redaktion des ,Gott will es' in Münster i. W. hat nun ein neues bestellt, welches zu Weihnachten wahrscheinlich in Dienst gestellt werden kann. Das Boot eil’ä't zu Ehren der Patronin der Frommen Missionsgesellschast den Namen .Ave Regina Apostolorum“ und wird etwa 1500 Mark kosten. Der Vertrauensmann des Raphael - Vereins in Hamburg, Herr Meynberg, hat die Besorgunff und Absend- una übernommen. Unter den für diesen Zweck bereits einge- gangcncn Gaben erwähnen wir spezi-ll eine von 200 Mark vom Hochw. Herrn Bischof von Rottenburg Weitere gütige Beiträge an die Redaktion des ,Gott teilt es' zu Münster in Westfalen erbeten. ________________
Aufstand und Reich des M. hdi im Sudan und meine zehn- jährige Gefangenschaft dortselbst, von Joseph Ohrwal der, apostolischem Misionär. Originalausgabe, mit einer Karie und dem Porträt des Verfassers. Preis M. 4.20.
D e Bedeutung deS vorliegenden Buches für die Zeitgeschichte liegt aus der Hand. Es enthält eine pragmatische Darstellung bei groß-n mahdlstischen Reiches bis auf unsere Tage. Alles, was im Sau e dieser Zeit aus dem ägyptischen Sudan berichtet wurde und die politische Well in Ausregung gesetzt hat, erfährt hier zum ersten Mol Klärung, Berichtigung und historische Feststellung aus der Feder eines Äugen- und Ohrenzeugen, der mit die er Darstellung eine Erzählung seiner unerhörten Leiden und Entbehrungen während zevnjähriqer Gefangenscba't verbindet. Tas Werk rst nicht illustrirt. Bon der Hand des BerfasierS liegen keine Skizzen vor. In Uebereinstimmung mit den Herausgebern der deutschen Oringinalausgabe hat der Verleger darauf verzichtet, den Eindruck der Einfachheit und Wahrhaftrg'eit, die aus diesem Buche spricht, durch fremde Zulhaten zu zerstören. Dagegen ist dem W rke eine Karie der Nilländer bei« gegeben, die, in sorgfältiger Ausiührung gearbeitet, eine willkommene Beigabe sein dürste. Wir können das Werk, das mit seinem gediegenen Jnbalte eine Zi-rde für jede Bibliothek bildet, unseren Lesern auf's Wärmste emp elften.
Die Nr. 49 der „Gefiederten Welt", Zeitschrift für Bogelliedhaber, -Züchter und Händler, heraus- gegeben von Dr. Karl Ruß (Magdeburg, Creutz'sche Verlagsbuchhandlung, R. L M Kretschmann), enthält: Warum singt der Bogel? — Die Vernichtung u serer Vögel im Süden (Fortietzung). — Betrachtungen über das Seelenleben der Vögel (Schluß). — Der Samen der Zwerg - Sonnenblume als Bogel« futter. — Zum Mechanismus der Vogelstimme. — Briefliche Mitthrilungen. — Aus den Vereinen: Mainz. — Anfragen und Auskunft. — Bücher und Schriftenschau. — Die Beilage enthält: Anzeigen.
Gottesdze«st-Ord«tt«g in Fulda.
Sonntag, een 4. Dezember.
-Dam. Nm 51/», 6, 6*1* und 7<-i Uhr bl. Messen, 9 Uhr Hochamt mit Predigt, Christenlehre um 10» « Uhr für die Jünglinge, und um '1 Uhr für die Jungfrauen. 2 Uhr Vesper. Um 4 Uhr Predigt und Abendandacht. 7 Uhr Andacht in der Marien- kapelle. — Kiadivfarrk-r he. Um Uhr hl Messe mit Predigt, 7 Uhr hl. Messe, 8 Uhr hl. Messe mit (Predigt, 91/, Uhr Hochamt mit Predigt, 11 Mr hl. Meße. 11 und 17» Uhr Christenlehre. 3 Uhr Todesangstbruderschast. 77, Uhr Rosenkranzbruder- schast. — Mtch-rrrsttrche. 10 Uhr Gottesdienst. — tz-spiral»« «eck' z»m heilige» «eiSe. Um 8 Uhr Amt mit Predigt, 4 Uhr Andacht. — WT- Sodalitäi. > -10 Uhr. — Franr»- berz. Um -5 und 67» Uhr hl. Messen, 8 Uhr Hochamt, 2 Uhr Bruderschaft. Mittwoch. Vorabend deS Festes der unbedeckten Emvsängniß. Fasttag für die Mitglieder des 3. Ordens Donnerstag. Fest dar unbefleckten Emvfängniß. Vollk. A'Avß. 5, 6, und 6' - Uhr hl. Messen, 8 Uhr Hochamt, 2 Uhr feiert I ■ - Die Generaiabjolntion wird ertheilt nach der ersten hl »Reffe, Hochamt und Vesper. J.-S. (Marienkapelle) 6l/2 und 21 Uhr.