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JV 279 Sonntag, den 4. Dezember 1892« 19. Jahrgang

FiildkerMZeitiing

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IV Erstes Blatt. -Ml

Deutsches Keich.

Berlin, 2. Dezember.

* Am 7. Dezember findet beim Reichskanzler ein parlamentarisches Abendfest statt.

* Die Centrnmsfraktiou des Reichstages hat in ihrer Freilagssitzung beschlosien, eine Kommission zu bilden, welche überlegen soll, wie am besten die Fragen der Handwerkerkammern, des Lehrlings- wesens, des Befähigungsnachweises und des Hausir« Handels wieder im Reichstag zur Verhandlung gebracht werden können. Die Frage des Hausirhandels wird wahrscheinlich zur Einbringung eines besonderen, formulirten Gesetzentwurfs führen, wie durch das Centrum früher auch schon die Fragen des Moximal- arbeitstages und des Befähigungsnachweises durch Ein­bringung formulirter Gesetzentwürfe in Fluß gebracht worden find. In Sachen der andern erwähnten Fragen dürfte zunächst eine Interpellation an die Reichs­regierung in Frage kommen. Ebenso wird in den Kreisen des Centrums die Frage erwogen, wie den Schwindelausverkäufeu und sonstigen Miß- bräuchen im gewerblichen Leben entgegengetreten werden kann. Wahrscheinlich wird zunächst versucht werden, eine Beschränkung des Gewerbebetriebes durch solche anznstreben, welche wegen betrügerischm Konkurses ver- urtheilt worden find, welche besonders schlimme Kon­kurse oder mehrfach Konkurs gemacht haben. Auch dieser Versuch wird hoffentlich zu einem formulirten Gesetzesvorschlag führen.

* Die Kommission des Abgeordnetenhauses für die Steuervorlagen begann heute die Spezial- berathung des BermögenssteuergesetzeS. Der erste Paragraph, der das Prinzip der Vermögenssteuer ent­hält, wurde mit allen gegen 3 Stimmen angenommen, und dann nach weiteren langen Debatten die nächsten 6 Paragraphen mit geringen Aenderungen, welche fest­setzen, wer Vermögenssteuer zu zahlen hat und was als steuerpflichtiges Vermögen anzusehen ist.

* Ueber „ein Gegenstück zur Jesuitenangst" schreibt die .Germania' u. A.: Die Angriffe Prof. Dr. Haruacks auf das Apostolische Glaubensbekenntniß find bekannt. Ein Cirkular-Erlaß des Evange­lischen Oberkirchenraths, betr. den Gebrauch und die Werthschätzung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses beklagt jetzt, nachdem schon zahlreiche private Kundgeb- ungm stattgefunden haben, mit der Gesammtheit der Herren Generalsuperintendenten, daß durch die Aus­lastungen des Professors Dr. Harnack sowohl bei vielm evangelischen Geistlichen, als auch in weiten Kreisen deS evangelischen Volkes eine tiefe Beunruhigung hervorgerufen sei. Eine besonders gnadenreiche Fügung Gottes sei dagegen „die erhebende Bekenntniß- that des Kaisers und der evangelischen Fürsten Deutsch­lands zu Wittenberg am 31. Oktober d. I., welche in den weitesten Kreisen und Schichten des evangelischen Volkes lauten Widerhall gefunden habe." Weiterhin erklärt der Erlaß: „Daß wir bei aller e v an ge lisch en Weitherzigkeit und entfernt davon, aus dem Be- kenntniß oder aus jedem Einzelstück desselben ein starres Lehrgesetz zu machen, doch etwaige agita­torische Versuche, das Apostolikum aus seiner Stellung zu verdrängen, bei unseren Geistlichen nicht dulden werden, darüber ersuchen wir Ew. Hochwürden, in den kirchlichen Kreisen, ins­besondere auch in der Geistlichkeit Ihres Amtsbezirks bei sich bietender Gelegenheit keinen Zweifel zu lasten." Es fei der Auffastung zu wehren, als könne auch Der­jenige, welcher in einer den Grundwahrheiten des ge­meinsamen Christenglaubens widersprechendm Glaubensüberzeugung steht, aufrichtigen Herzens Diener am Wort in der evangelischen Kirche sein. „Der Um­stand, daß ein Mißverständniß hierüber hat entstehen können, erhöht die Pflicht der Herren Generalsuperin- tevdenten, den die Ordination zum geistlichen Amte Begehrenden mit seelsorgerischer Treue ernste Selbst- Prüfung in Beziehung auf die Stellung zu dm Glau- dmswahrherten der evangelischen Kirche zur Gewissens- Pflicht zu machen und das ganze Schwergewickt der mit dem Ordinationsgelübde zu übernehmenden Pflichten für Zeit und Ewigkeit vor Augen zu führen." — Wo ist etwas von einer Aechtung ungläubiger Pre­diger und Professoren gehört worden! ? Nicht, als ob wir eine solche Aechtung befürworteten — bewahre!

Aber haben die Jesuiten z. B. nicht den „gemein­samen Christenglauben" viel eher als Harnack und Gmosten? Den Evangelischm Oberkirchenrath und alle ehrlichen Protestantm darf man wohl fragm: Wo bleibt da die Logik?

* Der Reichstag setzt die Berathung über dm Etat fort. Abg. v. KoScielski erklärt, die Polen wolltm erst das Ergebniß der Kommisstons-Berathung abwartm, bevor sie Stellung zu der Militär-Borlage nähmen. Die Polen seien nach wie vor bereit, alles zur Wehrkraft des Reiches Nothwendige zu bewilligen. Bezüglich des Etats bedauert der Redner, daß er wiederum große Forderungen für die Marine enthalte. (Große Heiterkeit links.) Abg. Schalfcha schildert die wirthschaftliche Lage nnd die Roth der Landwirth- schaft, die unter den Handelsverträgen, der Freizügig­keit, der chronischen Maul- und Klauenseuche leide und auch die Kosten für die neue Militär - Vorlage trogen solle, aber nicht einmal durch die Einführung der Dop­pelwährung aufgebtstert werde. Abg. Rickert ver­breitet sich über die Finanzlage des Reiches. Bon einer Wahmehmung der witthschaftlichm Interessen durch den Bundesrath sei im Etat nichts zu merken, das beweisen namentlich die großen Marine-Forderungen. Die Mili­tär-Vorlage werde auch seine Partei sachlich prüfen ohne Rücksicht darauf, ob die auswärtige Politik Berttauen verdiene; wir haben dieser Vertrauen und verurtheilen jene Versuche, welche die jetzige auswärtige Polittk diS- kreditiren. Bei aller politischen Gegnerschaft zu dem jetzigen Reichskanzler liegt uns jeder persönliche Angriff fern. Die Angriffe des Reichskanzlers auf die frei­sinnige Partei wegen ihrer Haltung in Militärfragen sind unbegründet. Die jetzige Vorlage, welche die zwei­jährige Dienstzeit bringt, rechtfertigt unS. Die große Mißstimmung deS Landes über die neue Militär-Vor­lage ist bei dem unerträglichen Druck der direktm und indirekten Steuern erklärlich. Redner schildert die wirth­schaftliche Lage, dabei das neue konservative Programm, die frühere und die jetzige Handelspolitik berührmd. Fern liegt uns jede persönliche Spitze gegen den Reichs­kanzler, aber wir vertreten auch wirthschaftliche Jnter- effen und glauben ebenso patriotisch zu handeln, wenn wir die Militär-Vorlage in dem jetzigen Umfange nicht bewilligen. Caprivi: Die wirthschafttichen Jnter- effen würden im Buudesrathe stets voll gewürdigt. Dasselbe gilt vom Reichs-Schatzamte. Ich freue mich, daß der Vorredner, wie Herr Buhl, die Militär-Vor­lage sachlich prüfen will, ich hoffe, daß er sich über­zeugen läßt und nachgibt. Er danke Rickert für seinen sachlichen Ton. Richter'- Angriffe habe er hmgenom- men, wie er Manches hinnehmen müsse. Die Mili­tär - Vorlage habe ursprünglich mit viel höheren Kosten abgeschlossen, er habe Punkte her ausge­funden, die einen Abstrich ermöglichten, so daß die Heranziehung des Tabaks nicht nothwendig würde. Freiherr v. Münch: Die wirthschaftliche Lage ist so betrübend, daß nicht nur die Militärvorlage abzu­lehnen ist, sondern die Friedenspräsmzstärke herabge­setzt werden wüßte. Redner führt des Näherm aus, daß die Militärvorlage wirthfchaftlich und auch mili­tärisch schädlich sei. Bebel gegen Caprivi und Frege polemisirend, führt aus, daß die ganze neue Gesetz­gebung der Sozialdemokratie keinen Abbruch thnn, sondern sie fördern werde. Persönlich bemerkt Rich ter: Wir treiben hier im Reichstage keine Politik des per­sönlichen Wohlwollens oder Mißwollens gegenüber dem Reichskanzler, fonbern nur sachliche Politik. Ich bin mir bewußt, solche stets getrieben zu haben. — Morgen lex Heinze und andere kleine Vorlagen.

* Bon Major Wißmann sind bei der Aus- führungs-Kommiision des Antisklaverei-Komitee's Be­richte eingetroffen, welche vom 27. August bis zum 27. Sept, reichen. Rach dem letzten (botirt Chiromo, 27. Sept.) befand sich die gesummte Expedition mit Ausnahme des Dampfers „Pfeil" und des Majors mit seiner unmittelbaren Begleitung in Port Herold. Der „Pfeil" ist vorläufig, bis daS Waffer deS Schire wieder steigt, bei Pinda an der Mündung des Zin Ziu in den Schire, 50 Seemeilen unterhalb von Port Herold, ftationirt worden, während der Major nach Chiromo voraufgegangen war. Da der ungemein niedrige Wasserstand — seit sieben Jahren ist er nicht so niedrig gewesen — den »eitern Transport zu Wasser vorläufig nicht gestattet, anderseits ausreichend Träger. zu sehr niedrigen Lohnsätzen zu haben sind, so hat der Major seine Expedition in zwei Abtheilungen getheilt, eine für den Transport des Dampfers und ein Expeditions-

Korps. Erstere unter Führung des Herrn v. Eltz, wird sich bis zum November mit dem Transport des Dampfers nsw. über Land von Port H ratb nach Chiromo be­fass m, um von bort bei höhe.m W-ff?rstande ben Weg zu Waffer bis an ben Fuß ö r Schrre-Fälle fortzu­fetzen. Das ExpebittonS-Korps unter Dr. Bumiller wirb in Begleitung Wißmann's zur Stations-Anlage am Nyaffa voraufmarfchiren. Bumiller hat sich von einem schweren Fieber wieber ganz erholt. Am 27. August schreibt Wißmann, baß er feit 14 Tagen ein schleichendes Fieber nicht los würbe, in spätem Be­richten ist bavou nicht mehr die Rede.

• Köln, 1. Dez. Man lieft in der ,Köln. Bztg/: Fürst Löwenstein hat, als Kommissar der deutschen Katholiken-Bersammlungen, Würzburg als Ott für die nächstjährige General-Versammlung bestimmt. Herr Bischof v. Stein hat feine freudigste Zustimmung ge< gegeben. Die alte fränkische Bischofsstadt hat zuletzt vor 15 Jahrm (1877) die General-Versammlung bei sich begrüßt. Die Einladung Köln's ist also wieder abge­lehnt toorben, obwohl die Versammlung dort erst ein einziges Mal getagt hat. Anscheinend hat die Er­wägung, daß man nach Koblenz und Mainz nicht zum dritten Mal eine rheinische Stadt wählen könne, den Ausschlag gegeben.

* Trier, 2. Dez. Die Sperrgelder für die Diözese Trier sollen Mitte Dezember zur Auszahlung kommen.

* Aus München, 30. Rov. erhält dos .Fränk. Volksbl.' nachstehende sehr zeitgemäße Zuschrift: Heuer werden es 80 Jahre, daß ca. 30,000 bayerische Krieger auf ben Eisfelberu Rußlands ihren Tob fanbm; bie Mehrzahl betreiben fiel in ber Schlacht am Riemen, deren Gedenktag am 12. Dezember wieder­kehrt. Den tapferen Soldaten zu Ehren hat bekanntlich BayemS kunstsinniger König Ludwig I. ein imposantes Denkmal, einen Obelisken, dahier errichten lassen. DaS neue nattonalliberale Organ der Hauptstadt, bie im Verborgenen ölühenbe „Bayrische Ztg.", will nun für ben Gedenktag ein Uebriges thun und fordert zur Unterzeichnung einer Petition auf, in welcher beim Prinzregenten um die Erlaubniß zur Bekränzung dieses DmkmalS und zu einem entsprechenden Feste gebeten werden soll. Es wird uns gewiß Niemand Mangel an Patriotismus vorwerfen, und wir haben schon wiederholt bedauert, daß man an den bayerischen Volks- und Mittelschulen zu wenig das preußische Beispiel bei der Pflege des Patriotismus nachahmt — allein wir gestehen offen, etwas UeberflüssigereS als biefen 80. Gedenktag festlich zu begehen, tonnen wir uns nicht denken. Früher pflegte man 50- und 100jährige Jubiläen zu feiern, heutzutage machm gewisse Gschaftlhuber förmlich JagdaussolcheTage und suchen sich ober Freunbe unb Verwandte bei solchen Gelegenheiten auf Kosten des großen Publikums, dem die sauer verdienten Pfennige dabei aus den Taschen gelockt werden, zu bereichern. Das macht umsomehr böses Blut, als gerade während der harten, kalten Wintertage Tausende von beschäftigungs­losen braven Arbeitern nicht wissen, womit sie üjren und ihrer Familien Hunger stillen sollen. Wenn man überflüssiges Geld hat und will es auf eine gute, wirklich patriotische Art verwenden, sounterstützeman die bedürftigen Nachkommen jener Gefallmm ober sonstige würdige Arme. DaS ist jedenfalls ver­nünftiger, als wenn man am 12. Dezember theure Kränze am Obelisk nieberlegt und Abends beim Cham­pagner den Heldenmuth jener 30,000 Bayern rühmt und sich dafür noch Beifall klatschen läßt.

Ausland.

* Am 1. Advent-Sonntag wurde von allen Kanzeln sämmtlicher Diözesen Oesterreichs der gemeinsame Hirtenbrief deS Episkopats verlesen, welcher anläßlich deS goldenen Bischofsjubiläums unsereshl. Vaters Leo XIII. erlassen wurde. Das schöne Hirtenschreiben bezieht sich ausschließlich auf bie hehre Festfeier unb mahnt zum Gebete, wie zu Werken der Liebe für den Stellvertreter Christi auf Erden. — Die partiellen Bischofskonferenzen, welche vorige Woche in Wien stattgefunden haben, beschäftigten sich mit der KatechismuSfrage. — Die feierliche Konsekration und Inthronisation deS neugewählten Erzbischofs von Olmütz Dr. Kohn, findet voraussichtlich fchon im Januar statt, da in Rom die Präkonisation schon im nächsten Konsistorium zu Weihnachten erfolgen dürfte. — Die Berschlimmung der kirchenpolitischen Lage in