IS. Iahrzarg
JV 278
Samstag, den 3. Dezember 1892. _______
lMerMZtitung
Berlin, 1. Dezember.
* Der Etat, dessen Berathung im Reichstage begonnen hat, zeigt ein keineswegs erfreuliches Bild, da die Ueberweisungen an die Einzelstaaten nur noch auf die Summe von 6 Millionen Mark veranschlagt werben konnten. Vermehrung der Ausgaben und Rückgang der Einnahmen verschulden diese Lage, welche zur größten Sparsamkeit mahnt, zumal auch jetzt wieder wie bisher zur Bilancirung des Etats eine beträchtliche Anleihe — 146 Millionen — ausgegeben werden muß. Die Schuldenlast des Reiches ist im Lause der Jahre dermaßen angewachsen, daß zu ihrer Verzinsung jetzt jährlich 65 Millionen Mark nöthig sind. Der Ausfall an Zoll-Einnahmen in Folge der Handelsverträge ist auf 27 Millionen veranschlagt, eher zu niedrig als zu hoch; die Erträge der Branntwein- und Börsensteuer haben schon in den vorhergehenden Jahren den Erwartungen nicht entsprochen. Dazu kommt auf der andern Seite der mit jedem Jahre bis zur Erreichung des BeharrungSzustandes wachsende Zuschuß deS Reiches zur JnvaliditätS- und Alters-Versicherung, welcher inzwischen auf 12 Millionen gestiegen ist, und die fort- dauernde Erhöhung des Pensions-Fonds, namentlich in Folge der sogen. Verjüngung des Heeres. Der Pen- sionS-FondS, von welchem nur eine Million für
die Civil - Verwaltung nöthig ist, wird jetzt um zwei Millionen (auf 42'/, Millionen) erhöht. Dabei klagt die Militär-Verwaltung immer über Mangel an Ausbildungs-Personal. Die Mehrforderungen aller Einzel- Etats geben zu weit weniger Bedenken Anlaß, erreichen auch bei Weitem nicht die Höhe, als im He eres- und Marine-Etat. Bei den beiden letzteren muß der Reichstag einsktzen, wenn der Gesammt - Etat ein einigermaßen erträgliches Aussehen erhalten soll. Der Rückgang der Getreidepreise und Futterpreise ist ein so bedeutender, daß man mit vollem Rechte bezweifeln muß, ob der Minder - Ansatz von 3 Millionen an Natural- Verpflegung für das nächste Jahr nicht zu niedrig angenommen ist. Auch die „militärischen Interessen", um derentwillen das Augusta-Regiment von Coblenz nach Berlin verlegt werden soll, was den Bau einer neue» Kaserne nothwendig machen würde, bedürfen einer eingehenden Prüfung. DieGesammt-Kosten dieser neue» Kaserne sind auf die Kleinigkeit von über 3'/, Millionen veranschlagt. Auch das Garde-Kürassier-Regiment soll eine neue Kaserne zum Preise von etwa 3 Millionen erhalten. Ferner werden für Berlin zwei neue Arresthäufer verlangt, welche etwa eine Million kosten würden, ein neuer Truppen-Uebungsplatz für das Garde-Korps — 7 Millionen —, ein solcher für das 8. Armee-KorpS — 2,900,000 Mk. —, zur artilleristischen Ausrüstung der Festungen 6 Millionen mehr u. s. w. Diesen Ausgaben würden allerdings zum Theil Einnahmen gegenüberstehen ausdemVerkaufvonKasernen- Grundstücken und unzulänglichen Uebnngr Plätzen; allein das Reich müßte immerhin noch bedeutend zuzahlen. Die Concentrirung des Heeres in größeren Städten führt insbesondere wegen der Platzfrage zu ganz ungeheuren Kosten, ein Gesichtspunkt, der bet den jetzt beliebten Verlegungen von Garnisonen auS Meinen Stabten erhöhte Bedeutung beansprucht. Im Marine-Etat kehrtdieKreuzer-KorvetteLwieder; außerdem werden Wei Panzer-Fahrzeuge, ein Kreuzer und ein Aviso neu gefordert. 12'/- Millionen werden für Ersatz - Bauten verlangt u. s. w. Dabei ist die Militär-Verwaltung in diesem Jahre noch sparsam mit ihren Mehrforderungen gewesen, um bei neuen Militär- Vorlage nicht allzu hinberlich zu werben. —
* Der Reichstag setzte bie erste Berathung beS Reichshaushaltsetat für 1893/94 fort. Abg. Dr. Buhl (natl.) erklärt, baß eine Einschränkung bet Militär- Vorlage schon aus technischen Gründen nöthig sein werbe; man werbe nicht eine genügenbe Zahl von Osfizieren unb Unteroffizieren beschaffen können. Be- bauerlich sei bas mangelnde Entgegenkommen' bes Bunbesraths gegenüber ben Resolutionen beS Reichstags betreffend bie Reform beS StrafrechtSverfahrenS. Die Marineforberungen feien Angesichts der Forderungen für das Heer zu beschränken. Reichskanzler Graf Caprivi erklärte, in der Kommission werbe ber zahlenmäßige Beweis geliefert werden, daß es an Osfizieren und Unteroffizieren zur Durchführung der Militärvorlage nicht fehlen werde. Mit der Militär- Strafprozeßordnung werde sich der Reichstag in der nächsten Session zu beschäftigen haben. Abg. Liebknecht (Soc.) bekämpfte die Militärvorlage und verlangte allgemeine Volksbewaffnung. Durch bie Mittheilungen beS Reichskanzlers sei an ber Thatsache nichts geänbert, daß ohne bie Redaktion ber Emser Depesche durch den Fürsten Bismarck der Krieg mit Frankreich, das ja gar nicht gerüstet gewesen, vermieden worden wäre. Eine Besserung der wirthschaftlichen Lage sei bei dem jetzigen Wirtschaftssystem unmöglich. Abg. Dr. von Frege (kons.) bemerkte, daß sich die konservative Fraktion ihre Stellungnahme zu der Militärvorlage Vorbehalte, bis dieselbe auf ber Tagesordnung stehe. Die Deckungsvorschläge anlangend, so sei es dankens- Werth, daß auf die Heranziehung des Tabaks verzichtet worden sei. die Börse aber stärker herangezogen werden solle. Schließlich verlangte Redner zur Behebung des wirthschaftlichen Nothstandes Renovatisirung des Silbers. Weiterberathung morgen.
* Gegen den Jesuiten-Antrag des Centrnms Hetzen bezeichnender Weise sächsische Blätter am eifrigsten. Dies kann nicht verwundern, wenn man sich erinnert, mit welch' klei»lichen Mitteln in Leipzig versucht worden ist, die Abhaltung einer Katholiken- Versammlung zu vereiteln. Hören wir, wie das gelesenste Blatt SachsenS, die in Bismarckschwärmerei und Anti-SemitismuS machenden ,Dresd. Nachrichten', über den Jesuiten-Antrag sich äußern: Stets in den Zeiten, wo ber neue CourS in Verlegenheit sei und
stötzung. Der Sieg beS MahbiSmuS, ber ostafrikanische Aufstanb und die wiederholten Katastrophe» in Uganda haben ihn schwer getroffen, aber verloren ist seine Arbeit wahrlich nicht. Der Erfolg ist in weitere Ferne gerückt, aber daS Zurücksinken in die volle Barbara, der Triumph deS Islam in Afrika erscheint ausgeschlossen. Entmuthigen aber ließ sich Kardinal Lavigerie nicht, und in das Grab nimmt er das Zeugniß aller christlichen Rationen mit, daß er seine letzten Kräfte einem großen und edlen Werk gewidmet hat.
Wie sehr man allseitig seine Verdienste anerkennt, daS geht daraus hervor, daß auch die nichtkatholische Presse seiner mit Hochachtung und Ehrfurcht gedenkt. So nennt ihn z. B. die ,Franks. Ztg.' eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der „römischen" Kirche der Neuzeit. Ueber sein Wirken in Algier schreibt sie: Als er (in Algier) ankam, brach gerade in Folge starker Heuschrecken züge und einer schlechten Ernte eine Hungersnoth und der TyphuS aus, und die Araber starben zu Tausenden dahm. Der Erzbischas griff zunächst die Waisen auf, sammelte für sie, baute ihnen Häuser, legte ihnen Gärten und Felder an, erzog und unterrichtete sie, und gründete Kolonien mit ihnen. Da er in allen diesen und ähnlichen Werken etwas selbstherrlich vorging, so gerieth er mit Mac Mahon, ber bamals Generalgouverneur von Algerien war, in hes- tigen Streit, ber lange Jahre bauerte unb in Frankreich viel Staub aufwirbelte. Bei seinem Civilisations- werk in Algier sah Lavigerie freilich balb ein, baß eine Hauptstütze beS MuhamebaniSmus die Sklaverei sei, unb baß man biese abschaffen müsse, wenn man den Bau deS MuhamedanismuS in feinen Grundfesten erschüttern wolle. Er schreckte vor dem schwierigen Werke nicht zurück, sondern faßte eS herzhaft an, indem er die Gesellschaft zur Unterdrückung der Sklaverei gründete, und unermüdlich für sie wirkte und sammelte.
Auf seiner Reise hat er unser Vaterland nicht berührt und die Einladung zur Freiburger Katholiken- Versammlung freundlich abgelehnt. Da mag dienoth- gedrungene Rücksichtnahme auf seine Landsleute mitgespielt haben; aber mit feinem Takt hat er alles vermieden, was Verstimmungen in Deutschland hätte Hervorrufen können. In herzlichster Weise haben selbst konfessionell gemischte Veranstaltungen, wie die bekannte Kölner Antisklaverei-Bersammlung, ihn begrüßt, und dem Afrika-Verein der deutschen Katholiken stand er mit einer Sympathie gegenüber, welche den Verdiensten desselben entsprach. Auch in Deutschland, und nicht bloß in katholischen Kreisen, wird man heute des französischen Kardinals in vollen Ehren gedenken.
Eine nur au8 übernatürlichen Motiven erklärbare Selbstaufopferung und Selbstentäußerung, eine keine Grenzen kennende Hingabe an sein Hirtenamt, eine glühende Begeisterung für Gottes Ehre unb das Heil ber Seele», eine fleckenlose Reinheit ber Gesinnung unb des Wandels zeichneten ben Verstorbenen aus: mit einem Worte, mit Kardinal Lavigerie ist ein dem Worte unb ber That nach heiligmäßiger Mann dahingeschieden.
Sardwal Lavigerie t
* Eine bet herragendsten Gestalten in ber katholische» Kirche ist am Samstag gestorben. Sein Tob erregt in ber ganzen Welt aufrichtige Trauer. Zwar haben in ben letzten Jahren seine Thätigkeit aus politt- schem Gebiete, seine eifrigen Bemühungen, im Einvernehmen mit Papst Leo, ben Widerstanb gegen bie republikanische Staatsform in Frankreich zu überwinde», bei manchen seiner Landsleute Widerspruch gefunden. Aber diese Verstimmungen haben, so schreibt die .Köln. Volksztg.' auch bei seinen Gegnern nicht die Erinnerung an jene Jahre ausgelöscht, wo er als begeisterter Apostel der christlichen Nächstenliebe halb Europa durchzog, um in flammenden Worten zur Befreiung der afrikanischen Völker vom Schandfleck deS Sklavenhandels und in späterer Folge vom Joche der Sklaverei aufzurufen. Er entwickelte als Lehrer der klaffrschen Sprachen wie als Ptofeffor der Theologie eine erfolgreiche Thätigkeit. Später wurde er Auditor der Rota in Rom (eine der höchsten Prälaturen nach de» Bischöfen), 1863 zum Bischof von Toul und Nancy, 1867 zum Erzbischof von Algier ernannt, am 27. März 1882 zum Kardinalpriester mit dem Titel St. Agnes außer den Mauern prornovirt. Nach der Errichtung des französischen Protektorates über Tunis resuScitirte Papst Leo XIII. das Erzbisthurn Karthago, weswegen der Kardinal seit dieser Zeit den Titel eines Primas von Afrika und Erzbischofs von Karthago und Algier führte. Lavigerie erbaute an der Stelle des alten Karthago eine Metropolitarkirche und rief außerdem in feinen beiden vereinigten Diözesen eine ganze Reihe kirchlicher Anstalten ins Leben.
Charles Martial Allemand Lavigerie war Süd» franzose, geboren in Bayonne am 31. Oktober 1825. Die ersten Jahre seiner bischöflichen Thätigkeit (1863 bis 1867) verbrachte er an der französischen Ostgrenze, als Bischof ber vereinigten Diözesen Toul unb Nancy. Dan» würbe er Erzbischof von Algier unb entfaltete hier eine Missionswirksamkeit im großartigsten Stil, welche ihm die warme Dankbarkeit auch jener seiner Landsleute eintrug, welche zwar dem religiösen Leben enffremdet waren, aber sich ein Berständniß für bie Unterstützung bewahrten, bie ber französischen Kolomal- Herrschaft aus ber katholischen Mission erwuchs. Mit ungeheuren Summen, welche die Opferwilligkeit ber französischen Katholiken spenbete, errichtete er eine be- wnnbernswerthe Pflanzschule von Glaubensboten. Hunderte von ausgezeichneten Münnern, auch zahlreiche Ausländer, wie unser trefflicher Landsmann August Schynse, haben bei ihm ihre Schule durchgemacht, ehe sie ihr Leben als „weiße Väter" der Bekehrung und Kultivirung des dunkeln Welttheiles widmeten. Das thatkräftige Eingreifen Lavigerie'S knüpft direkt an die gewaltigen Entdeckungen an, welche das größten- theilS noch unbekannte JnnereAfrikaS entschleierte». DaS weiße OrdenSgewand, das ber unterworfene Araber Algeriens unb selbst ber freie Sohn der Wüste zu achten gelernt hatte, tauchte jetzt vorübergehend am Mittlern Congo, bauernd in Ostafrika, am Biktoria- unb Tanganjika-See aus, unb in ber reichen Literatur über daS afrikanische Seengebiet findet sich kein Buch, in welchem dieser gebildeten, liebenswürdigen unb selbstlosen unb heldenmüthigen Mönche nicht mit Achtung, Verehrung unb Begeisterung gedacht würbe. Wohl am wärmsten haben bie deutschen Entdecker und Offiziere sich ausgesprochen. Uganda schien wiederholt, Dank ben Bemühungen dieser edlen Männer, bereits für bas Christenthum gewonnen, bis neuerdings das verblendete Bündniß der englischen Offiziere mit der kleinen protestantischen Minderheit das Werk wieder zerstörte.
Bereits ein Greis, hat der am 27. März 1882 zum Kardinal erhobene Kirchenfürst sich an die Spitze der Antisklav 1-ei-Bewegung gestellt. Die Aufmerksamkeit Europas war schon seit Jahren auf die Verwüstung und Entvölkerung gelenkt worden, welcher Afrika durch den organisirten Menschenraub anheimfiel. Diesen Augenblick hat Kardinal Lavigerie zu seiner berühmten Agitations-Reise benutzt. In London, wie in Paris und Rom wurde der hinreißende Redner in einer Weise ausgenommen, die wohl seine eigenen Erwartungen überstieg. Der Kardinal glaubte, durch i einen weit angeregten Plan ben Sklavenhandel Ost- AfrikaS, wenn nicht mit einem Schlage vernichten, so doch unterbinden zu können. Bei den Regierungen fand er jedoch nicht immer die gewünschte Unter»