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Beilage zu Nr. 277 der „Fuldaer Zeitung".

Die Wahrheit über die Emser Depesche.

* Der Reichskanzler Graf Caprivi hat in feiner großen Rede vom 23. d. M., wie fchon bemerkt, den Beweis dafür erbracht, 1) daß Deutschland 1870 nicht provozirte, 2) Bismarck die Emser Depesche nicht fälschte, 3) daß es nicht wahr ist, daß Kaiser Wilhelm zu versöhnlich gewesen und Benedetti gegenüber nicht den richtigen Accent getroffen habe, wie die Bismarck­presse stets behauptet hat. Die echte Emser Depesche vom 13. Juli, die bisher nie publizirt worden ist, und die den Wirkt. Geh. Legationsrath Abeken, der den König Wilhelm nach Ems begleitete, zum Verfasser hatte, lautet nach der Mittheilung des Reichskanzlers:

„Se. Maj. der König schreibt mir: Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich solle ihn autorisiren, sofort zu telegra- phiren, daß ich für alle Zukunft mich verpflichte, niemals wieder meine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkämen. Ich wies chn zuletzt etwas ernst zurück; da man ä tont jamais dergleichen Engagements nicht nehmen dürfe noch könne. Natürlich sagte ich ihm, daß ich noch nichts erhalten hätte, und da er über Paris und Madrid früher benach­richtigt sei als ich, er wohl einsehe, daß mein Gouvernement wiederum außer Spiel sei. Seine Majestät hat seitdem ein Schreiben des Fürsten bekommen, (der Fürst nämlich ist der alte Fürst von Hohenzollern); da Seine Majestät dem Grafen Bene­detti gesagt, daß er Nachricht vom Fürsten erwarte, hat Aller- höchstderselbe, mit Rücksicht auf die obige Zumuthung, auf des Grafen Eulenburg und meinen Vortrag beschlossen, den Grafen Benedetti nicht mehr zu empfangen, son­dern ihm nur durch einen Adjutanten sagen zu lassen: daß Seine Majestät jetzt vom Fürsten die Bestätigung der Nachricht erhalten, die Benedetti aus Paris schon gehabt, und dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe. Seine Majestät stellt Euer Excellenz (das ist der damalige Bundes­kanzler Fürst Bismarck) anheim, ob nicht die neue Forderung Benedetti's und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unsern Ge­sandten als in der Presse mitgetheilt werden sollte."

Die Depesche, welche Fürst Bismarck daraufhin einem Beamten diktirte, und die sofort durch die Zei­tungen veröffentlicht wurde, lautet:

„Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erb­prinzen von Hohenzollern der Kaiserlich französischen Regierung von der Königlich spanischen amtlich mitgetheilt worden sind, hat der französische Botschafter in Ems an Se. Majestät den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisiren, daß er nach Paris telegraphire, daß Seine Majestät der König sich über alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkommen follten. Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt den französischen Botschafter nochmals zu em­pfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß S eine Majest ät dem Botschafter nichts weiter mitzutheilen habe."

Der vielbespöttelte „Troupier", dessen Sünde eben der Platz ist, auf dem er steht, hat also das Wort ge­nommen, um seinen unerbittlichen, unversöhnlichen Gegner von einer Anklage zu entlasten, die dieser gegen sich selbst heraufbeschworen hat! War's wirklich ritterlicher Edelmuth, der den Grafen Caprivi antrieb, die neueste und nun wohl auch letzte Legende von der Emser De­pesche zu zerstören, oder wollte er glühende Kohlen auf das Haupt der „historischen Persönlichkeit" sammeln, die sich nur noch für die Politik interessirt und von der glücklichen Ruhe des Landlebens, einst seiner Wünsche höchstem Ziel, nichts wissen will? Was Graf Caprivi im Reichstag vollbracht hat, war allerdings eine Ehrenrettung, aber nicht für den Fürstm Bismarck, sondern für eine andere historische Persönlichkeit, für den König und Kaiser Wilhelm I.; was er mit der Legende zerstörte, war der falsche Nim­bus, den sie um das Haupt des Herzogs von Lauen­burg breiten sollte.

Die Bismarck'sche Depesche vom 13. Juli ist, wie nunmehr aktenmäßig festgelegt ist, in lediglich verkürzter Form weiter nichts, als die Emser Depesche des Königs; die Striche Bismarcks haben weder an dem Inhalt, noch an der Form etwas geändert, sie haben sogar den Eindruck, den die vom König befohlene Veröffentlichung machen mußte, eher abgeschwächt als verstärkt. Der König hatte die Herausforderung Frankreichs voll­ständig verstanden und gewürdigt, er war ihr auch so entgegengetreten, wie er als König von Preußen und als deuffcher Mann thun mußte. Das hat Graf Bis­marck als erster Minister dem deutschen Volke und den auswärtigen Mächten mitgetheilt, wie es seine Pflicht war, weiter nichts; er war nur Werkzeug seines Herrn, nur Vollstrecker eines Befehls.

Welche Gründe mögen nun den Fürsten Bismarck veranlaßt haben, den Schein einer Fälschung auf sich zu nehmen? Alle Geständnisse Bismarcks aus der jüngsten und einer früheren Zeit kamen stets auf den Punkt hinaus, e r habe am 13. Juli 1870 die von Ems aus dem königlichen Hoflager erhaltene Depesche so „redigirt" oder „bearbeitet", daß nach des Feld- marschalls Moltke Worten aus einer „Chamade" eine „Fanfare", aus einem Signal zu Kopitulationsver- handlungen ein Kriegsruf geworden sei. Die ,Franks. Zeitung' gibt wohl die richtige Antwort auf die Frage: Er, Fürst Bismarck, wollte es gewesen sein, der den Franzosen die letzte Rückzugsbrücke zur Be­sinnung zerstört, der sie durch etliche Federstriche ge- zwungen habe, die letzten Konsequenzen ihres Revanche­

Freitag, den 2. Dezember 1892.

geschreis für Sadowa, ihrer feindlichen und chauvini­stischen Ideen gegen die Einigung Deutschlands zu ziehen; was Madame Eugenie ihren kleinen Krieg ge­nannt hatte, das sollte sein großes Werk, seine eigene und freie nationale That gewesen sein, die der Gott Erfolg, der Deus eventus gekrönt habe, und der das deutsche Reich seine Wiedererstehung zu danken habe! Aus den scheinbaren Geständnissen Bismarcks sollte man den Eindruck empfangen, den nach seinen Worten er selbst mit Roon und Moltke an jenem 13. Juli durch die Botschaft aus Ems erhalten hatte, den Ein­druck, als habe der König der französischen heraus­fordernden Anmaßung gegenüber nicht entschieden genug die nationale Würde und seine persönliche Ehre ge­wahrt, als habe es der ministeriellen Korrektur bedurft, dieser Pflicht den vollen Ausdruck zu geben. Das war der Niederschlag, der nach der ersten Ueberraschung und dem ersten Lärm über die Enthüllung übrig bleiben sollte.

Diese Legende von der Emser Depesche hat Caprivi gründlich vernichtet, und man kann ihm dafür nur Dank wissen; sie ist tobt, und weder Gegenwart noch „Zukunft" werden sie wieder zum Leben bringen können. Von der „Fanfare" des Grafen Bismarck wird nicht mehr die Rede sein, desto mehr aber — denn das bleibt allein übrig — von der Fanfaronnade des Fürsten Bismarck, die der „Troupier" der Welt enthüllt hat.

Gefundenes Glück.

Skizze von Erich Krafft.

(Schluß.)

„Ach wie es mich friert," stotterte es zähneklappernd. Elisabeth stand erschüttert. So viel Roth und Unglück, gepaart mit so viel Schönheit und Unschuld hatte sie noch niemals gesehen. Ein tiefes Mitleid mit der Armen durchschauerte ihre Brust. Sie zauderte keinen Augenblick, hier helfend einzugreifen.

„Komm, Dorchen," Hub sie freundlich an und faßte die Kleine an der Hand. „Ich will mit dir zu deiner Mutter gehen."

Das Kind sah groß und erstaunt zu der Dame auf. Derartiges mochte ihm noch nie begegnet sein.

„Aber meine Veilchen?" wandte es ein. „Ich habe sie noch nicht alle verkauft und auch noch nicht genug Geld gelöst, um für Heute Abend und Morgen früh unseren Unterhalt zu bestreiten."

„Laß nur, mein Kind," klang es gütig zurück. „Ich werde schon sorgen. Du brauchst dir kein Kopf­zerbrechen darüber zu machen."

In der Wohnung der kleinen Dora angekommen, die in einem feuchten kalten Erdgeschosse lag, wußte sich Elisabeth vor Staunen kaum zu fassen. Wie konn­ten in diesem elenden Gelasse Menschen leben? Bon den feuchten Wänden sickerten Wasiertropfen zur Erde nieder, die Tapeten waren zerrissen, der Fußboden schadhaft.

In der einen Ecke des ungesunden, ungemüthlichen Raumes lag auf einem elenden Bette die todtkranke Mutter ihres Schützlings. Die Arme war von Roth und Siechthum ganz verzehrt: die Augen lagen tief in den Höhlen, Gesicht und Hände waren skelettartig ab­gemagert.

Es berührte Elisabeth wohlthätig, als sie sah, mit welcher Zärtlichkeit das Kind an seiner Mutter hing. Nicht sobald war Dorchen in das Zimmer getreten, als sie auch schon auf daS Kuankenlager zueilte, die Mutter herzte und küßte und besorgt frug, wie es ihr gehe.

„Nicht gut, mein Engel", hauchte die Arme. „Aber wer ist denn die Dame, die mit dir kam?" frug sie, erstaunt auf Fräulein Hausner blickend.

Elisabeth trat nun an das Bett, reichte der kranken Frau ihre Rechte und erzählte ihr, wie sie auf der Straße Dorchen begegnet fei und von ihr die Nothlage erfahren habe, in der sie sich befände.

„Da habe ich mir gedacht", fuhr die Lehrerin wohlwollend fort, „daß ich Ihnen vielleicht mit etwas behülflich sein könne."

Ein unendlich dankbarer Blick aus den umflorten Augen der Kranken lohnte die Gute für diese Worte. „Für mich können Sie nicht mehr viel thun", lispelte sie schwach. „Aber hier, mein armes Kind empfehle ich Ihnen und Ihrem Wohlwollen".

Die Kranke schloß die Augen; zwei Thränen rannen durch die tiefen Gramfurchen hernieder, die sich auf ihren Wangen gebildet hatten.

Elisabeth schuf mit Hülfe der flinken Dora ein wenig Ordnung in dem Zimmer, sorgte für Heizung, Speise und Trank und verabschiedete sich sodann mit dem Bedeuten, daß sie morgen früh wiederkommen werde.

Unterwegs kehrte sie in dem Kloster der Barmherzigen Schwestern ein nnd sorgte dafür, daß noch am selben Abende eine Schwester die Pflege der kranken Frau Miller übernahm.

In der Folge verbrachte die Lehrerin nun Tag für Tag ihre gesammte freie Zeit bei der Kranken und ihrem Töchterchen. Nichts mangelte den Beiden mehr; aber auch die beste Pflege und ärztliche Hülse konnten nicht mehr daS fliehende Leben der Mutter DorchenS aus­halten. Ruhig und gottergeben gab sie ihren Geist in die Hände deS Schöpfers zurück, nachdem sie für die Zukunft DoraS nicht mehr zu zittern brauchte. Ihre letzten Worte waren eine Bitte an Gott um gnädige Aufnahme ihrer Seele und um Belohnung der Wohl- thäterin ihres Kindes.

Und daS Gebet der sterbenden Frau blieb nicht ohne Erhörung. Elisabeth nahm Dorchen zu sich, und aus der Pflege und Obsorge um dieselbe erwuchs der Lehrerin fürderhin ein neues, ftischeS Leben. Sie war nicht mehr allein; ein blühendes, emporstrebendes Dasein umgab sie und flocht wundersame, seither ungekannte Freuden in ihr Leben. Die trübe Melancholie, die ehedem so oft ihren Sinn verdüstert, floh vor den liebe­strahlenden blauen Aeuglein Doras wie Morgenschatten vor dem aufflimmernden Frühroth, die tausend Sorgen welche die Erziehung eines Kindes mit sich bringt, ließen ihr zum Grübeln und Träumen nicht die min­deste Zeit. So floß daS Leben der früher so Einsamen nunmehr abwechselungsreich und freudig dahin. Dor­chen entwickelte sich vorzüglich an Körper und Geist und ward mit der Zeit ihrer Pflegemutter alles; sie ersetzte ihr Eltern und Geschwister, Verwandte und Familie, sie war der Engel ihres stillen bescheidenen HeimS.

Wie aber aus ein und demselben Wurzelgeflecht oft mehrere Blumen entsprießen, so erwuchs Fräulein Hausner aus ihrer Samariterthat neben ihrem häus­lichen Glücke auch noch die Erfüllung eines Herzens­wunsches. Hatte sie srüher ihre Jugenderzählungen lediglich aus ihrer Phantasie und ihren Empfindungen herausgeschrieben, so daß dieselben einen allzu idealen Anstrich erhielten und deshalb nicht allseitig gefielen, so konnte sie nunmehr ihren Stoff für dieselben aus dem frischpulsirenden Leben, aus dem Gebühren und Gepflogenheiten ihres Pflegekindes schöpfen und derart wirkliches, Jedermann ansprechendes Leben schildern. Aus Doras Geplauder, aus den kleinen Freuden und Nöthen ihres Herzens, aus ihrem ganzen kindlichen Thun und Lassen flössen Elisabeth reiche Quellen zu ihren Jugendschristen zu. Dieselben wurden mit den Jahren immer begehrter und gesuchter, und selbst der Verleger, der ihre Arbeiten vor etlichen Jahren nicht in Verlag nehmen wollte, bat sich nunmehr den Druck wie eine Gunst aus.

So entfaltete Elisabeth eine reiche, segensvolle Wirk­samkeit in ihrem kleinen Familienkreise und weit darü­ber hinaus und ward mit jedem Tage mehr inne, wie huldvoll der himmlische Vater sich denen erweist, die den Armen und Bedürftigen Gutes thun.__

Vermischtes.

* Schwabenschlacht. In Gö rlitz hatten dieser Tage die Bewohner eines Hauses der Prager Straße eine förmliche Schlacht mit den angenehmen Hausthierchen zu bestehen, welche in Norddeutschland unter dem Namen „Schwaben" bekannt sind. Zur Vertilgung der massenhaft auftretenden Schwaben waren die unteren Lokalitäten des Hauses einer Räucherung unterzogen worden, und nun strömten die Thiere in dichten Schaaren durch die geöffneten Fenster ins Freie, zum größten Theil am Hause hinaufkletternd, woselbst die Bewohner der oberen Etagen schnell mit Besen zur Hand waren, um die Fakaden von den ungebetenen Gästen zu säubern und dieselben zum Rückzug nach der Straße zu zwingen. Hier hatte sich bereits eine originelle Jagd nach den schwarzen Gesellen ent­faltet und Alt und Jung war dabei beschäftigt, ihnen mit den verschiedensten Instrumenten den Garaus zu machen. Erst nach Verlauf fast einer Stunde konnte das zu Tausenden zählende Heer als gänzlich vernichtet angesehen werden, und das mit schwarzen Leichen übersäete Straßenpflaster legte Zeugniß von der furchtbaren Schlacht ab, die hier soeben gescklagen worden.

Haus- und Landwirthschaft.

* Im Vereinsgebiete der nassauischen Land- und Forstwirthe wendet man der Ziegenzucht erhöhte Aufmerksamkeit zu. Man sucht durch Einführung und Prämiirung besferen Ziegenmaterials die Ziegenzucht möglichst zu heben und durch rationelle Fütte­rung und Pflege die Milchergiebigkeit zu erhöhen. Bon welch' hoher wirthfchaftlicher Bedeutung der letztere Punkt ist, möge an nachstehendem Rechenexempel gezeigt werden. Es sind im deut­schen Reiche 2,500,000 Ziegen vorhanden. Wird der Milchertrag von diesen täglich nur um 1- Schoppen (’/i Liter durchschnittlich gesteigert, so gibt das im deutschen Reiche 2,500,000 Schoppen Milch mehr. Rechnen wir den Schoppen nur zu 5 Pfg., so wer­den dafür »täglich 125,000 Mark vereinnahmt, was eine jähr­liche Einnahme von rund 45i/, Million Mark ausmacht. Ein so hoher Werth steckt in dem unscheinbaren Hausthiere, der „Kuh des armen Mannes".

Literarisches.

„In der eigene» Schlinge gefangen." Lustspiel in 3 Aufzügen. (Theaterbibliothek Bdch. 9.) Nach einer Komödie des dänischen Dichters L. H o l b e r g, frei bearbeitet von Max Hohnerlein. Verlag der Paulinus-Druckerei in Trier. Preis 60 Pfg., 6 Expl. Mk. 3.-.

Die Auswahl an Theaterstücken ist heutzutage so groß, daß es den Vorständen von Vereinen bezüglich der theattalischen Fähigkeiten oft schwer fällt, etwas Passendes zu finden. Vor­stehendes, leicht aufführbare Merkchen, dem einige drollige Ver­wechslungen zu Grunde liegen, ist deshalb bei seinen wirklich komischen Situationen für die herannahende Winterszeit Dilet­tantenbühnen und Vereinen sehr zu empfehlen.