19. Jahrgang
JV 276
Donnerstag, den 1. Dezember 1892. _____
MkrMMllM
politischer Handelsartikel ist die Aushebung deS Jesmten- aesetzeS nicht. Wir haben ein Recht darauf, und Rechte kauft man nicht, sondern man straft, wenn sie verweigert werden.
Möge man sich endlich auch der großen Verantwortlichkeit bewußt werden, welche man durch längere Verweigerung der Rückkehr der Jesuiten und ihrer Verwandten auf sich ladet. Wir als Katholiken, die wir doch am besten wissen müssen, was bei uns wirkt, sind fest überzeugt, daß es gegen die Ausbreitung von Sozialdemokratie, Anarchie, revolntto- närem Antisemitismus und alle umstürzlerischen Bestrebungen unter der katholischen Bevölkerung kein besseresMittelgibt, alsdieThätigkertderOrden. Wer sie hindert, den machen wir dafür verantwortlich, wenn diese destruktiven Richtungen allmählich auch in unseren Reihen dieselben Fortschritte machen, wie bei den Protestanten, nachdem wir viel länger das Böse abgewehrt haben!
Gefundenes Glück.
Skizze von Erich Krafft.
(Nachdruck verboten.)
Welch' trauriges Erdenloos ist es, eltern- und geschwisterlos, ohne Freunde und Verwandte auf der Welt leben zu müssen! Jeder Mensch sehnt sich darnach, Jemanden zu besitzen, der seinem Herzen nahe steht, mrt dem er durch eine geringe Aufmerksamkeit, ein kleines Geschenk den Strahl der Freude ins Auge zu zaubern vermag. Oede und kalt aber blickt Denjenigen das Leben an, welchem solches nicht beschieden ist, der allein ist mit seinem Schmerz, allein mit seiner Freude.
Tausendmal hatte dies Elisabeth Hausner schon empfunden, tausendmal bittere Thränen darüber vergossen. Sie war Lehrerin, hatte Geschwister nie ge- hadr und ihren Vater schon kurz nach ihrer Geburt verloren. So lange ihr treues Mütterchen noch lebte und für sie sorgte, war ihr dieser Umstand nie so sehr zum Bewußtsein gekommen. Als aber auch diese vor vernähe einem Jahr in die ewige Heimath hinübersiedelte, als Elisabeth von da ab auch ihr fürsorgliches Schalten und Walten um sich herum missen mußte, da legte es sich tun ihr Herz wie kalter Winterfrost, der jede darin aufkeimende Freudenblüthe bald ersterben ließ. Um Auge und Mundwinkel zeigten sich in Kürze
* Der Iesuiteuantrag, schreibt die .Germania' kurz und treffend, ist ein Antrag, den das Centrum Jahr auf Jahr immer von Neuem einbringen muß und wird, bis er angenommen ist. Wenn nicht ein großer Therl unserer protestantischen und ungläubigen Mitbürger zu b e q u e m oder zu hochmüthig wäre, sich in unsere lieber» zeugungen und Empfindungen und die dadurch geschaffene Lage für unsere Fraktion etwas hinerazu» denken, so würden sie selbst recht gut finden, weshalb wir nicht davon abstehen können, die Beseitigung eines Ausnahmegesetzes zu verlangen, das selbst dann noch über den Jesuitenorden und die „verwandten Ordm verhängt geblieben ist, als das Sozialistengesetz beseitigt wurde und dm Sozialistm wieder volle freie Thätigkeit unter dem gemeinen Recht gestattet wurde. x
Sollen wir etwa glauben, daß unsere Ordensleute und ihre Thätigkeit gefährlicher sind und strenger gehalten werden müssen, als die für Atheismus, Republik und Gütergemeinschaft arbeitenden Sozialdemokraten? Soll unsere Kirche nicht das gleiche Recht freier Entwicklung ihrer vollen Thätigkeit Haben, während dieses den Protestanten und Juden Niemand bestreitet ? Sollen wir die Ehrverletzung uns gefallen lassen, daß Institutionen unserer hl. Kirche von Andersgläubigen als so staatsgefährlich bezeichnet werden, daß man ;ene vom Boden unseres Vaterlandes ausschließt, daß man unsere Söhne und Töchter, unsere Brüder und Schwestern als staatsaefährlich behandelt und sie wegen chreS Be- mfS, in dem wir und unsere Kirche die höchste Blüthe christlichen Lebens sehen, vom Vaterlande ausschlteßt?
Nimmermehr werden wir daS dulden! Und auch die Gegner müssen sagen, daß wir ehrlos wärm und uns selbst und unsere Kirche als minder berechtigt anerkännten, wenn wir es duldeten. Wir fragen unsere Gegner offen, ob sie nicht auch selbst diese Ehrverletzung und diese Rechtsv er- letzung in der Aufrechterhaltung deS JesmtengesetzeS sehen? Sie werden Ja sagen müssen, und indem sie es sagen, zugleich zugeben, daß sie wirklich, sagen wir einmal den — Muth haben, einem Drittel der Nation die Rolle von Bürgern zweiter Klasse, von Bürgern mit geminderter Ehre und gemindertem Recht aufzuzwingen, selbst aber über dieses Drittel sich zu erheben! , , , ,
Möge man sich das doch einmal recht klar machen, diese eigene Lage und diese uns bereitete Lage, und möge man sich dann sehr ernstlich fragen, ob man bei diesem Hochmuth beharren und unS werter m unserem Bewußtsein so niederdrücken will, ob dabei der friedliche Zufammenhalt im Lande und das freudige Zusammenwirken für des Vaterlandes Wohl auf die Dauer bestehen kann? Auch die größte Geduld wird doch endlich einmal erschöpft! Wir können manche Repressalien ergreifen, wenn wir in geeigneten Fällen unsere parlamentarische Macht eine Zeit lang vorzugsweise als Zwangsmittel gebrauchen, falls man uns nicht endlich freiwillig gerecht wird. Em
ueteuhauses hat heute die erste prinzipielle Entscheidung getroffen: sie hat mit 23 gegen 2 Stimmen die Aufhebung der Grund- und Gebäudesteuer, der Se- werbest uer und der Bergwerkssteuer gutgeheißen. Da- gegen stimmten die beiden fteisinnigen Vertreter m der Kommission. , ', m ...
* In dem Befinden des Abg. Peter Relcheusperger ist leider die erhoffte Befferung noch immer nicht em- getreten, während sich leiderem bedenklicher Verfall der Kräfte bei anhaltender Appetitlosigkeit zeigt, so daß der greise Patient nur noch wenige Augenblicke außerhalb d-S Bettes zubringt. Behandelt wird Dr. P.Reichm- sperger von einem Arzt Dr. Sachs.
* Die Reichstags-Stichwahl rat Wahlkreise Arus- walde-Friedeberg ist auf nächsten Montag anberaumt. Die Wahl des Rektor Ahlwardt gilt als sicher.
♦ Der Reichskommissar für die Gesundheitspflege im Stromgebiete der Elbe macht bekannt, daß der ärztliche Schrffskontrolldienst im Stromgebiete der Elbe, der wegen der Cholera eingeführt war, mit dem heutigen Tage vollständig eingestellt wird.
* Köln, 29. Nov. Die Strafkammer verhandelte heute die Klage des Paters Aurelian gegen die Köln. Ztg.' wegen unbefugten Abdrucks seines Protokolls über die Wemdinger Teufelsaustreibung. Der verantwortliche Redakteur des Blattes wurde zu 50 Mark Geldbuße verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte 1000 Mark beantragt.
* Aus Württemberg, 25. Nov. Auch der vor- letzte Sonntag sah wieder zwei jener herrlichen^ Versammlungen des Volksvereins für das katholische Deutsch- land die dem Schwabenland in den letzten Monaten mit Recht Ruhm und Ehre gebracht haben. Beide Versammlungen wurden in Neckarsulm abgehalten. Der Andrang der katholischen Männer aus der StaR und Umgebung, sowie aus den benachbarten badischen Grenzorten war so stark, daß kein Lokal sich groß genug erwies, um alle Besucher auf einmal zu fassen; es mußten deshalb zwei Versammlungen veranstaltet werden. Die erste fand in der in Restauration begriffenen Kapuzmer- kirche, die zweite im sogenannten Bandhause statt. In der ersten präsidirte Herr Stadtpfarrer Mancher, Neckarsulm, in der zweiten Herr Landr^ter, Kiene, Schwäbisch-Hall. Daß, so führte Herr Stadtpfarrer Mancher aus, solche Versammlungen veranstaltet werden können, das sei den Vorkämpfern der katholischen Sache zu danken, vor Allem den Herren Gröber und Dr. Lieber, diesen Zierden des Centrums, die stets auf dem Vordergrund deS Planes stehen, wenn es gelte, die katholischen Interessen zu vertreten. Der Raum, in der die heutige Versammlung tage, erinnere an die in Württemberg so mächtig in Fluß gerathene OrdenS- frage, die nicht zur Ruhe kommen werdebls sie erae befriedigende Löfung gefunden. Nachdem Redner noch dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß auch die soziale Frage eine solche Lösung finden möge, ertheilteer daS Wort an Pfarrer Herzer aus Sontheim, der über den Bolksverein sprach. Lehrer Weber-Heilbronn sprach über den sozialen Kursus in M-Gladbach, Abg. Dr. Lieber über Liberalismus und Sozialdemokratie! in dem Gaslichte ihr Antlitz. Auch nicht einen Hauch von Röthe hatte die ungewohnte Anstrengung des Gehens durch den Aprilsturm auf ihren Wangen hervor- gemfen. . „ ,
Sie hatte heute wieder erae arge Enttäuschung erleben müssen; eine neue Hoffnung, die sich Glück ver- heißend vor ihrem Auge erhoben, hatte sie zu Grabe getragen. Elisabeth besaß nämlich em hübsches Talent, Märchen und Jugendgeschichten zu erfinden und vorzutragen, und hatte sich deshalb von einem sachverständigen bekannten Herrn bestimmen las en einige Erzählungen für die Jugend zu verfassen und dieselben einem bekannten Verleger zum Drucke anzubieten. Wie hatte sie sich in dem Gedanken gefreut, auf diese Weise Hunderten von Kleinen angenehme Unterhaltungsstunden zu bereiten bess-rnd und veredelnd auf sie einwirken zu können! Wre fuß hatte sie der Gedanke angemuthet, derart die ungesehene und unbe- kannte Wohlthäterin einer Menge von Kindern zu werden! An Ruhm und materiellen Erwerb hatte sie hierbei gar nicht gedacht: Ihre Absicht war eine reut ideale und selbstlose gewesen.
Um so härter tras sie heute bte Ruckaußerung des Verlegers, der in höflichem, aber entschiedenem Tom den Druck ihrer Arbeiten ablehnte, da dieselben noch nicht zu dem Grade der Vollkommenheit herangereist
Berlin, 29. November.
* Graf Ballestrem hat bekanntlich auf der vorjährigen Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Danzig feierlich erklärt daß er rn Betreff des Jesuitenantrages der Testamentsvollstrecker Wmdt- horst's sein werde und auf zahlreichen Katholikenversammlungen in verschiedenen Gegenden Deutschlands ist seitdem daS Verlangen zum Ausdruck gekommen, daß der Antrag auf Aufhebung des Jesuiteu- Gesetzes unter allen Umständen wieder dem Reichstage unterbreitet werde. Gleichwohl wird es tn der gegnerischen Presse nicht an hämischen Bemerkungen fehlen, daß das Centrum nach dem Einbringen der Militärvorlage mit dem Anträge auf Aufhebung deS Jesuitengesetzes seine „ G e g e n r e ch n u n .präsin' tirt habe. Das ist nun freilich eine böswillige Behauptung, denn der Jesuitenantrag würde ra dieser Session ganz bestimmt und unter allen Umstanden wieder eingebracht worden sein, auch wenn die Milüar- vorlage nicht dem Reichstage unterbreitet worden wäre. Die Verdächtigung des Centrums, die in dieser böswilligen Behauptung liegt, hat den Abgeordneten Dr Lieber vor wenigen Tagen auf einer Versammlung des katholischen Volksvereins in Neckarsulm (Württemberg) in treffenber Weise zurückgewiefen. (Vergl. „Ans Württemberg" in heutiger Nummer.) Die Frage bet Rückberufung ber Jesuiten ist für bas Centrum unb für bie Katholiken Deutschlands kein Gegenstand eines Handelsgeschäftes, sondern eine grundsätzliche Frage deS gleichen Rechts, ist eine Ehrensache und Herzenssache. Durch Annahme oder Ablehnung des Antrages auf Aufhebung des Jesmten- gesetzes wird an der Stellung des CentrumS der Militärvorlage gegenüber nichts geändert werden, und wenn der Reichstag oder ber Bnnbesrath den Antrag ablehnen sollte, so wirb unb muß er wiederkehren, biS er Annahme gefunden hat.
* Die Steuerreform-Kommission des Abgeorv-
jene verrälherischen Fältchen, bie Leid und Gram zu graben pflegen, ein Lächeln verklärte nur selten ihre schönen, durchgeistigten Züge, frohes Geplauder floß fast niemals von ihren Lippen. Emst und erae gewisse Melancholie wurden immer mehr ihre hervorstechendsten ^Erholung^ und Frieden suchte Elisabeth lediglich im Gebet und in guten Werken, Herzensbefnedigung in treuer, gewissenhafter Erfüllung ihrer mannigfachen, wichtigen unb nicht allzu leichten Berufspflichten.
Es war an einem naßkalten Apriltage, als Elisabeth gegen Abenb aus ihrer Wohnung aufbrach unb ben Weg zur Kirche einschlug.
Rauh wehte ber kalte Wind durch bas regenfeuchte Geäst ber Plantanen, bie zu beiden Seiten der Haupt- verkehrstraße stauben, so baß eisige Wassertropfen in bichter Menge auf bie einsame Wanderin mederschau- ertert. Es pfiff unb ächzte in ben Kronen bet schlanken Bäume, wenn ber tolle, rauhe Nord durch sie hinbrauste; fast dünkte es Elisabeth, als ob die Zweige stöhnten unter dem übermüthigen Gebühren dieses schlimmen Gesellen. .
Eben bog sie um eine Ecke und kam an einer Laterne vorüber, deren Gasflamme in dem heftigen Wehen des Windes die abenteuerlichsten Sprünge machte. Wie blaß sie aussah! Weiß wie Marmor schimmerte