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Mittwoch, den 30. November 1892.
19. Jahrgang
FuIdaerMZkitulig
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Deutsches Keich.
Berlin, 28. November.
* Der Kaiser empfing gestern Mittag das Präsidium des Reichstags im Neuen Palais bei Potsdam. Er unterhielt sich längere Zeit mit den Herren und fragte den Vizepräsidenten Dr. Baumbach, Oberbürgermeister von Danzig, nach dem Stande der Cholera in Danzig. Dr. Baumbach konnte erwidern, daß die Gefahr für Danzig überwundm sei. Der Kaiser stellte die baldige Einbringung des Reichs-Seuchen- gesetzeS in Aussicht und betonte die Nothwendigkeit gesetzlicher Maßregeln gegen die Verunreinigung der Flußläufe. Auf eine Anfrage des Präsidenten v. Levetzow erwiderte der Kaiser, daß er sich in der Wohnung des Erbprinzen von Meiningen zwar einen starken Schnupfen geholt, dm er aber durch Anwendung seines gewöhnlichen Hausmittels, indem er 24 Stunden das Bett hüte, bereits wieder vertrieben habe. Er sei wieder ganz wohl und freue sich der Einladung nach Pleß Folge geben zu können, wo er einen prächtigen Auerochsen zu erlegen hoffe. Schließlich wünschte der Kaiser den Herren guten Fortgang der parlamentarischen Arbeitm. Die Militär-Vorlage wurde nicht erwähnt. An den Empfang durch den Kaiser schloß sich der Empfang des Reichstags - Präsidenten durch die Kaiserin, welche besonders ihre Befriedigung über die Wittenberg-Feier aussprach.
* Den vom Kultusminister vorgelegten Gesetzentwurf betr. die Aufbefferrmg der Gehalte der Volksschullehrer hat daS preußische Staatsministerium gestern genehmigt.
* Der Bundesrath hat am Sonnabend genehmigt, daß zwecks Verlängerung des mit der spanischen Regierung getroffenen provisorischen Abkommens die für die Einfuhr nach Deutschland bestehenden Zollbefreiungm und Zollermäßigungen den spanischm Boden- und Industrie-Erzeugnissen bei der Einfuhr in das deutsche Zollgebiet bis einschließlich den 31. März 1893 zuge- standen worden. Dar Zvllprovisorium mit Rumänien wurde dagegen nur bis zum 31. Dezember d. I. verlängert. — Die Vorverhandlungen für den Abschluß eines Handelsvertrags mit Spanien haben gestern in Madrid begonnen.
* Die Steuer-Kommission konstituirte sich und wählte den Frhr. v. Huene zum Vorsitzenden und dm Abg. Sattler zum Stellvertreter. Die Kommission beschloß zwei Lesungen, da frühestens am 17. Dezember die Weihnachtsferien beginnen. Bis dahin foll auf beit Reichstag keine Rücksicht genommen werdm. Bezüglich der Reihenfolge beschloß die Kommission, zunächst die Frage zu erörtern, ob die ganze oder nur die theilweise Ueberweisung der Realsteuer befürwortet werden soll; alsdann soll die Deckungsfrage, die Ber- mögmssteuer, die Erbschaftssteuer und die Besteuerung innerhalb der Einkommensteuer, dann die Spezialbe- rathung der VermögenSst uer und schließlich das Kom- munalstmergesetz zur Verhandlung kommen. Der Finanzminister wohnte der ganzen Sitzung bei und sagte 6er» schiedmes statistisches Material zu. Die Kommission beginnt morgen.
* Der Entwurf eines Gesetzes betr. die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung, welcher dem Reichstag am 22. ds. Mts. zugegangm ist, lautet: „Die gesetzliche Zeit in Deutschland ist die mittlere Sonnmzeit des 15. Längengrades östlich von Greenwich. (In der Nähe desselben liegen Stargard in Brandenburg und Görlitz in Schlesim; Berlin liegt etwa 13V2 Grad östlich vofi Greenwich.) Dieses Gesetz tritt mit dem Zeitpunkt in Kraft, in welchem nach der im vorhergehenden Absatz festgesetzten Zeitbestimmung der 1. April 1893 beginnt." So kurz das Gesetz, so lang die Begründung. Sie geht von der Ansicht aus, daß, seitdem Eisenbahnen, Telegraphen und Fernsprecher weit entfernte Orte unter einander in schnelle Verbindung gebracht haben, diese Verkehrsmittel die Herstellung einer einheitlichen Zeitbestimmung für größere Ländergebiete nothwendig machen. Die Annahme des 15. Grades ist von den Beschlüffen des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen im Sommer 1890 übernommen worden, welche Europa in 3 Zonen eintheilte, von denen die erste nach dem Mittelmeridian von Greenwich (westeuropäische Zeit) England, Frankreich, Belgien, Holland, Spanien und Portugal, die zweite 15 Grad östlich (mitteleuropäische Zeit) Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Dänemark, Norwegen, Schweden, Italien und die Schweiz, und die dritte,
30 Grad östlich von Greenwich (osteuropäische Zeit) daS europäische Rußland und die Staaten der Balkanhalbinsel umfassen sollte. In Bayern, Württemberg und Baden ist diese Zeitrechnung am 1. April d. Js. auch für den öffentlichen Verkehr eingeführt worden. Auf den preußischen und sächsischen Staats- wie auch auf den andern Bahnen wird die MEZ (mitteleuropäische Zeit) am kommenden 1. April maßgebend. Von dem für Deutschland angenommenen 15. Grad ist die Ostgrenze dek Reichs 31, die Westgrenze 36 Zeit-Minuten entfernt.
* Die Spiritus-Brenner aus Rhein-Bayern, Rheinpreußen, Heffen, Baden und Württemberg waren heute in Land stuhl (Rheinpfalz) verfammelt und haben folgende Refolution befchloffen: In Erwägung, daß die einseitige Erhöhung des niedrigen Satzes der Verbrauchs-Abgabe von 50 auf 55 Mk. pro Hektoliter ab- fohlten Alkohols als ein verhängnißvoller Eingriff in die Erwerbs-Berhältniffe des Brennerei-Gewerbes sich darstellt und nur bei voller Erhaltung der Differenz von 20 Mk. die süddeutschen Brennereien einen genügenden Schutz gegen die erdrückende Konkurrenz des Ostens finden, wird befchloffen, mit allen gesetzlichen Mitteln gegen diese Erhöhung anzukämpfen. Selbst die Einführung eines Rohspiritus - Monopols in einer die Interessen der Allgemeinheit schonenden Form würde dieser folgenschweren Aenderung vorzuziehen sein.
* Der Stellvertreter des P. Franz in Ma- riannhill versendet nachstehendes Zirkular:
An unsere geehrten Wohlthäter!
Eine schwere Prüfung ist nach Gottes heiligem Willen über unsere Klöster in Mariannhill und ihre Missionsstationen her- einflebrochen. Es hat dem hl. Stuhle und dem General-Kapitel in Rom gefallen, unseren Ehrwürdigen Vater aus ein Jahr in die Ruhe zu schicken und für diese Zett den Unterfertigten als Administrator an feine Stelle zu setzen. Der Ehrwürdige Vater hatte bei seinem raschen Vorgehen manche kirchliche Vorschrift in der Einrichtung und Leitung unserer Klöster und der Mission bei Seite gesetzt, was in der Zukunft für das große und schöne Werlnachtheilig gewesen wäre.. Diele Mängel traten bei der Visitation zu Tage, und der hl. Stuhl und das General-Kapitel bringt nun darauf, daß dieselben beseitigt und die gegebenen! Vorschriften ausgeführt werden. Da es aber unferm Ehrwürdigen Vater wegen feines vorgerückten Alters und wegen der liebgewonnenen Grundfätze schwer wird, den Wünschen der höchsten kirchlichen Behörden genügend zu entsprechen, so hielt man es für das angemesfenste, ihn für eine kurze Zeit von feinem Amte zu entfernen. Ich mußte mich trotz meiner Unwürdigkeit und Armseligkeit bei meiner Anwesenheit zu Rom 'int heiligen Gehorsam fügen und die schwere Aufgabe der Administration auf mich nehmen. Da aber diese Verordnung vom Apostolischen Stuhle und von der höchsten Autorität unseres Ordens ausgeht, so können wir ja auf Gottes Beistand und Segen sicher rechnen. Weder der hl. Vater bei der Audienz, noch der Kardinal Ledochowski, Präfekt der Propaganda, noch das General-Kapitel haben eine Silbe der Mißbilligung geäußert, daß die Trappisten in Süd-Afrika die Mifsion bei den Koffern übernommen haben; im Gegentheile zeigte sich der hl. Vater überaus erfreut und gratulirte mir mit väterlicher Theilnahme zu unseren Erfolgen in Natal. Man hat schon längst die Ueberzeugung gewonnen, daß für die Völker Afrikas Missionäre nothwendig sind, welche nebst der Predigt des Wortes Gottes auch noch Ackerbau und Gewerbe lehren und betreiben.
Wir bitten unsere Wohlthäter in Europa um der Liebe Jesu willen, uns in dieser schweren Prüfung nicht zu verlassen, sondern ihre Mildthättgkeit uns fernerhin zuzuwenden. Wir haben ja weder ein Verbrechen, noch eine Schlechtigkeit begangen, wie dies unser Hochwürdigster Bischof Joliat in Moritzburg und unser Pater Visitator, der Hochwürdigste Abt Franz des Trappistenklosters Oelenberg bei Lutterbach im Elsaß, bezeugen können. Unsere lieben Wohlthäter können uns um so vertrauensvoller ihre milden Spenden zukommen lassen, da sie wissen, daß wir von nun an unter der Aufsicht und dem Schutze der hl. Kongregation de Propaganda fide und unseres neuen Ordens-Generals in Rom stehen werden. Möge es der Barmherzigkeit Gottes gefallen, die Tage unserer Heimsuchung abzukürzen und sie zu Seiner größeren Ehre und zu unserem Heile zu wenden!
Blissingen in Holland, am Tage unserer Abreise nach Afrika, am 12. November 1892.
Fr. Amandus, Administrator von Mariannhill.
Der Vorfall zeigt, wie die Kirche, wenn man ihr freie Hand läßt, fick felbst reformirt. Pater Franz hatte tn Mariannhill — der berühmten Trappisten- Kolonie in Südafrika — in der besten Absicht, jedoch in Uebercifer. Unklvghciten uud Uebereilurgen begangen, welche der Entwickelung der Kolonie fchaden konnten und nicht ganz im Einklänge stehen mit den kirchlichen Vorschriften. Er wurde nun auf ein Jahr feiner Stellung enthoben. Die Kirche hat immer, solange sie frei walten konnte, ähnlich gehandelt. „Rom reformirt nicht" ist zwar em protestantisches Wort, allein es gilt nur dort, wo die weltliche Gewalt, der Staat, die Fürsten und der Adel sich unbefugter Weise in die Kirche -in mischen, ihre eigenen Mißbräuche, ihre Sonder- intereffen und ihre Selbstsucht ihr aufzuprägen. DaS war zu Ausgang des Mittelalters in hohem Maße
der Fall, indem damals die weltlichen Mächte jede Reform der Kirche verhinderten, statt gemeinsam mit allen Edeldenkenden sie zu begünstigen.
* Mainz, 26. Nov. Bei Gelegenheit der im Anschluß an den diesjährigen deutschen Katholikentag stattgehabten R h e i n f a h r t" hatte daS Mainzer Tageblatt'bekanntlich die unwahre Mittheilung gebracht, daß bei der Fahrt französische Freiheitslieder gesungen worden seien und der Präsident der Katholiken-Bersamm- lung, Dr. Porfch, selbst den Ton hierzu angestimmt habe. An diese Mittheilung waren verschiedene Bemerkungen geknüpft, die Dr. Porfch zu einer Seiet» digungS - Klage gegen daS Mainzer Tageblatt' veranlaßten. Heute veröffentlicht daS genannte Blatt nun folgende Erklärung: „In Bezug auf den in Nr. 239 des Mainzer Tageblatt' gebrachten Bericht über die bei der Rheinfahrt anläßlich des Mainzer Katholikm- tageS gefundenen französischen Lieder erklärt die Redaktion des M. Tagebl,' aus freiem Antrieb, daß sie, nachdem sie die Ueberzmguug gewonnen hat, diesen französischen Liedern habe keinerlei aggressiver oder demonstrativer Charakter angehastet, den in dem Artikel erhobenen Vorwurf als unbegründet zurücknimmt. Gleichzeitig gibt die Redaktion ihrem Bedauern Ausdruck, daß die Perfon des Herrn Dr. Porfch in die irrthümliche Auffassung einbezogen wurde und hält eS für ihre jouma- listifche Pflicht, dies ehrlich und offen zu bekennen." Herr Dr. Porfch hat sich, wie daS M. Tagebl.' weiter mittheilt, durch biefe Erklärung befriebigt erklärt unb bie Klage zurückgezogen. — Durch ein jüngst erfolgtes AuSfchreibeu ber kirchlichen Behörden ist eS den Geistlichen der hiesigen Diözese untersagt worden, den Vertrieb von religiösenBildern und sogen. Devotionalien zu Gunsten armer Kirchen in irgend einer Weise durch pfarramtliche Empfehlungen zu veranlaffm ober zu unterstützen.
Ausland.
* Vorläufig konzentrirt sich das öffentliche Jntereffe in Frankreich noch immer auf die Panama-Angelegenheit unb was brum unb bran hängt. Die Depntirten Millwaye unb La Ferronnay'S haben eine Interpellation über bas Ableben des BaronS Reinach unb die Gründe, welche die Regierung zum Verzicht auf die Leichenschau in diesem Falle veranlaßten, eingebracht.
* Rom, 26. Nov. Der Briefwechsel zwischen dem Vatikan und der Regierung der Vereinigten Staaten, welcher jetzt veröffentlicht ist, legt die Bedingungen klar, unter welchen elfterer an der Chicagoer Ausstellung amtlich theilnimmt. Staatssekretär Foiser sagte dem Kardinal Rampolla zu, daß die AusstellungS- gegenftänbe des Vatikans in einem besonderen, ringsum von Wasser umgebenen Gebäude untergebracht werden sollen, daS genau dem spanischen Kloster La Rabida nachgebildet wird, und daß die Regierung der Vereinigten Staaten, die volle Garantie für bie Sicherung ber vom hl. Stuhl ausgestellten werthvollen Gegenstände übernimmt. Der Papst wird auf der Ausstellung durch Erzbifchof Satelli vertreten fein, der fchon feit einiger Zeit in Amerika weilt.
* Die Rede, welche der frühere italienische Ministerpräsident Crispi kürzlich in Palermo hielt, ist geeignet, starkes Kopffchütteln hervorzurufen. Man hat Crispi oft vorgeworfen, daß er Bismarck kopire. Er hat des deutschen Ex-Kanzlers aufbrausende Heftigkeit der Opposition im Parlament gegenüber, er hat dessen Angriffe wider seinen Nachfolger im Amte nachgeahmt, und nun scheint er nicht übel Lust zu haben, sogar gegen den Dreibund loszuziehen — genau wie Bismarck „aus wirthschaftlichen Gründen". Schon das Lob, welches Crispi der ftanzösischen Republik spendete, muß in seinem Munde auffallen; noch mehr die Bemerkung, daß bei dem Bündniß mit den Kaisermächten die wirthschaftlichen Jntereffen Italiens zu wenig berücksichtigt' worden feien. Aber Crispi geht noch weiter. Er, ber es, fo lange er am Ruder war, nach fetter eigenen Erklärung als feine Hauptaufgabe in ber auswärtigen Politik betrachtete, die Tripel-Allianz enger unb inniger zu gestalten, mißbilligt jetzt bie angeblich überstürzte, von Rudini vollzogene Erneuerung berfelben unb behauptet, er hätte in die Erneuerung nur unter anderen, für Italien günstigeren Bedingungen gewilligt. Er, der in ber Kammer bei jedem Anlasse den Nachweis führte, daß ber Dreibund Italien äußerst nützlich, ja nothwendig fei, er erklärt heute, Italien leide unter den drei verbündeten Mächten am meisten durch die Tripel-Allianz! Man begreift wohl, daß der