JV 273 . Sonntag, den 27. November 1892. 19. Illhraorg
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„Ankunft."*)
„Thauet, Himmel", klingt es wieder in der Kirche. Ein neues Kirchenjahr nimmt wieder seinen Anfang. DaS bürgerliche Jahr wird zu Sylvester mit freudigem Juchhei eröffnet; das Kirchenjahr beginnt in der Farbe und Stimmung der Buße, der klagenden Sehnsucht nach Errettung. Bei unserer weltlichen Neujahrsfeier bilden wir uns ein, daß die Gliickr- fonne fchon am Himmel stehe; die Adventsfeier versetzt uns aber in die dunkle Nacht, bereit Grauen nur gemildert wird durch den Hoffnungsstern am Horizonte, der langsam aufsteigt als Vorbote des Heiles und Glückes. Sylvester ist der Selbsttäuschung geweiht, der Advent der Selbstprüfung.
Die Dinge in der Welt machm eS uns dieses Jahr gar nicht schwer, in die richtige AdventSstimmung zu kommen. Die Menschheit steckt schon überall tief darin. Im AlltagSgefpräch nennt man es schlechte Zeiten". Trübsal im GeschästSleben, Aergerniffe an allen Ecken und Enden, kein Vertrauen, keine Unternehmungslust, wachsende Unfriedlichkeit im Innern, Verschärfung der Gegensätze nach Außen; nichts blüht, als der Militarismus. Wo ist Aussicht auf Besserung?
Wenn kein schleuniges Wunder geschieht, werden wir ein flaues WrihnachtSfest und ein trübseliges Neujahr feiern.
Die Choleragefahr ist ja an uns Ueberlebenden vorübergegangen. Aber wenn auch die Menschen sich körperlich leidlich befinden, so scheint doch die ganze Welt krank zu sein, nicht gerade bettlägerig, aber doch matt und fieberig zum Umfallen. Leidet die alte Menschheit an marasmus senilis, an Altersschwäche mit ver- wäsierten Säften und verschlissenen Organen? Soll es zu Ende gehen mit der vielgepriesenen Kultur und dem Geschlecht, daS sie trägt?
ES wäre ja nicht das erste Mal. daß wilde Völker mit urwüchsiger Kraft abgelebte Nationen auf den Kehrichthaufen der Weltgeschichte würfen. Aber wenn jetzt die Parole erginge: Ablösung vor! — so wüßten wir kaum eine Bezugsquelle für vollkrästige Naturvölker. Im alkoholischen Rußland ist nichts Rechtes mehr zu haben; in Hinterasien ist die Verrottung noch ärger, als in dem übercivilisirten Europa; die „neue Welt" im Westen zeigt schon verzweifelt greifenhaste Züge; in Afrika sitzen noch hier und da kindliche Stämme, aber Pulver und Schnaps verderben dort mehr, als alle Missionäre der Welt gut machen können. Die europäische Menschheit kann nicht auf Ablösung warten; sie muß entweder sich verjüngen oder sich mit ihrer ganzen Kultur inS Grad legen."
Advent — Ankunft des Heiles! Kommt eS nur für die Seele des Einzelnm, der zugreift, und nicht auch für die Völker und die ganze Menschheit? Man Wnnte fast verzweifeln an dem Heil des Ganzen, wenn man bedenkt, daß feit 1800 Jahren das Licht des Glaubens und das Feuer des Altars in die Welt strahlt und wärmt und doch noch so viel Dunkel und Eis und Jammer und Elend herrscht. Hat denn das Christenthum keine Kraft?
Stellen wir uns lieber die Vorstage, ob denn die Welt wirklich christlich geworden ist? Den bisher noch unbekehrten Theil der Menschheit lassen wir natürlich aus dem Spiele. Aber betrachten wir die Völkerschaften, die seit vielen Jahrhunderten sich christlich nennen, und prüfen wir ihr ganzes öffentliches Leben und Treiben, bei sich zu Hause und unter einander, ob wirklich der Geist des ChristenthumS in sie gedrungen ist.
Fangen wir mit dem an, was uns am sckwersten drückt: Kriegsrüstungen und Kriegsgefahr! Nachdem mehr als 1800 Jahre das Evangelium Christi gepredigt ist, sind wir in diesem Punkte noch nicht weiter gekommen, als die Heiden in der AdventSzeit vor der Erlösung. Die Formen haben sich etwas geändert, aber die Sache ist dieselbe: Die eine Gemeinschaft von Menschen steht in Waffen gegenüber der andern; jede ist gefaßt auf einen Ueberfall von dem Nachbar; wenn sie tn Meinungsverschiedenheiten oder Interessen-Konflikt gerathen, so wiffen sie kein anderes endgiltigeS Mittel zur Lösung des Streites, als daS gegenseitige Abschlachten in Masse.
Ist der Krieg christlich? Nein und tausendmal nein! Die Nothwehr ist erlaubt, für den Einzelnen, wie für die Gemeinschaft; aber auch nichts weiter, als
*) Nachdruck nicht gestattet.
die wirkliche Nothwehr. Bei jedem Krieg muß aber mindestens ein Theil der unchristliche Angreifer sein; manchmal sind sogar beide Theile unchristliche FriedenS- brecher. Wie können Nationen, die sich seit Jahrtausenden Christen nennen, in frevelhafter Eitelkeit oder Habsucht sich zum Massenmord entschließen? Wie können die übrigen christlichen Völker eS dulden, daß streitsüchtiae Brüder sich gegenseitig in wahnsinniger Wuth zerfleischen? Warum bäumt sich nicht daS christliche Gefühl des ganzen bekehrten Erdkreises auf, wenn auch der Angreifer unter Anrufung des Namens Gottes, des Gottes der Gerechtigkeit und der Liebe, zu der teuflischen Mordbrennerei auszieht?
So lange der Krieg auf der polittschen Tagesordnung steht, ist die Welt noch nicht christlich — trotz aller Tempel und aller Kerzen, trotz aller christlichen Aeußerlichkeiten. — Wäre das öffentliche Leben von dem Geiste Christi durchdrungm, so würde der allgemeine Wille sofort die Friedens-Ordnung schaffen.
Die Wurzel der Kriege, das überspannte Nationalgefühl mit seinem „Chauvinismus", seiner Habgier und Eifersucht, ist ebenfalls weder christlich, noch vernünftig. In bett wilben Völkerschaften schlagen sich bie Einzelnen aus brutalem Ehrgeiz ober Raublust tobt; auf ber halbcivilisirten Stufe ist bie eine Familie bet Tobfeinb ber anderen; auf einer weiteren Stufe bekriegen sich die Dörfer gegenteilig um einen Hammel oder einen Wortwechsel oder um gar nichts. Und bei uns, auf der sog. „Höhe der Kultur," glaubt die eine Nation nicht glücklich sein zu können, wenn sie nicht die Nachbarnation demüthigt, beraubt, unterdrückt. Man singt gern das Lied ber Brüderschaft aller Menschen; aber man glaubt nicht an die schönen Worte, sondem richtet sein ganzes Denken und Trachten darauf, die eigene Nation recht unbrüderlich über die andere gewaltsam triumphirm zu lassen.
Hat es der Entwickelung unseres Familienlebens geschadet, daß die Kämpfe unter den Geschlechtern auf- gehört haben? Ebensowenig wird eS der gesunden „nationalen Entwickelung" schaden, wenn einmal der Aberglaube ein Ende hat, daß die „Größe" und „Würde" einer Nation in den Erfolgen des blutigen Nattonali- tätenkampfes beruhe. Aber ist es nicht zum Verzweifeln, daß man am Ende des 19. Jahrhunderts nach Christus noch von solchen barbarischen Gefühlen und Anschau- ungm daS Schicksal der Menschen beherrscht sieht?
Und sind wir christlich in dem innern Gemein- schaftsleben? Wir hören in steigendem Maße die Klagen über Unreellität, Betrügereien, Mangel an Vertrauen und an genossenschaftlichem Sinn, Ausbeutung und Unterdrückung der Kleinen durch die Großen, überall die traurigen Begleiterscheinungen des „Kampfes um's Dasein", wie wir sie schon aus der vorchristlichen Zeit kennen. Alles das ist unchristlich, und es besteht doch noch fort. Also wieder die schreckliche Erscheinung, daß das Christenthum, der Sauerteig des Heiles, das irdische Wohl noch nicht durchdrungm hat.
Das ist betrübend im Hinblick auf die Gegenwart; aber es erweckt Hoffnungen für die Zukunft. Es ist nicht wahr, daß die Welt zu Grunde gehen müsse, weil sie nicht mehr christlich sei. Nein, sie ist noch nickt christlich, noch nicht christlich bis in Knochen und Mark des öffentlichen Lebens hinein. Und da wir die Verheißung habm, so dürfen wir erwarten, daß sie noch christlich werden wird, daß das Zeitalter des Triumphs veS ChristmthumS noch bevorsteht. Nicht Altersschwäche, sondern Jugmdsündm erschüttern das Wohlbefinden der Menschheit. Wir stehen nicht im Zeichen deS traurigen Ausgangs, sondern der „Ankunft," deS Advents.
Und Jeder muß mitarbeiten, daß die Welt durch und durch christlich werde, indem er mit feiner eigenen Person ben Anfang macht unb sich int Advent zu einem wahren Christen zu gestaltm sucht.
Deutsches Keich.
Berlin, 25. November.
* Die Centrumsfraktion des Reichstags hat die Wiedereinbringung deS AnttagS auf Aufhebung des JesuitenaesetzeS beschlossen.
* Im Reichstage ist wieder ein ansehnlicher Postm von Initiativanträgen eingegangen. Die Abgg. Ackermann, Dr. Hartmann und Kropatscheck (kons.) beantragen, den Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstage alsbald Gesetze vorzulegen, durch welche 1) die Erlaubniß zur selbstständigen Betreibung eines Handwerks unter
vollständiger Zusammenlegung verwandter Gewerbe von dem borauSgegangenen Nachweis der Befähigung abhängig gemacht wird, 2) ben Konsumvereinen bie Abgabe von Waaren an Nichtwitglieder schlechthin unb unter Strafandrohung verboten wirb, 3) die Abzahlungsgeschäfte beschränkt, die Wanderlager aber und Wanderauktionen ganz verbotm werden, 4) der Hausir- handel eingeschränkt und den Detailreisenden, vorbehaltlich etwaiger durch daS Bedürfniß des Verkehrs unerläßlich gebotener Ausnahmen, untersagt wird, 5) der § 100 e ber Gewerbeorbnung dahin abgeänbert wirb, baß bie in demselben bett Innungen in Aussicht gestellten Vorrechte auch gegen bie Arbeitgeber, welche selbst zur Aufnahme in bie Innung nicht fähig sind, geltenb gemacht werben können, 6) bestimmt wirb, daß die Vorrechte aus §§ 100 e und 100 f beim Vorliegen der sonstigen Voraussetzungen einer Innung dann gewährt »erben müssen, wenn sie bie Mehrheit ber selbstständigen Handwerker ihres Bezirks in sich vereinigt, 7) vorgeschrieben wird, daß aus der Bezeichnung jede» kaufmännischen ober gewerblichen Geschäfts bas Geschlecht unb bet Name beS Inhabers erkennbar sein muß, 8) baß bemjmigen eine Strafe angebroht wirb, ber nach erkannter Zahlungsunfähigkeit Geschäfte auf Krebit macht, ohne bett attberen Theil zuvor davon in Kenntniß gefetzt zu haben. — Die übrigen eingebrachten Initiativanträge sind alle bekannte: Einführung der Berufung in Strafsachen, Entschädigung unschuldig Ber- urtheilter, Abänderung des Reichstagswahlgesetzes (Ab- gäbe der Stimmzettel in verschlossenen Kouverts).
* Der Bundesrath genehmigte gestern die Ein- führung der Arbeiterversicherungsgefetze auf Helgoland. Der Gesetzentwurf über die Begründung der Revision in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten und der Handelsvertrag mit Egypten wurden ben zuständigen Ausschüssen zur Borberathung überwiesen. Dasselbe ist mit ben Novellen zum Brausteuer-, zum Branntweinsteuer- unb zum Börsensteuergesetz geschehen, womit sich ber Bun- besrath einverstanden erklärte.
* Das Abgeordnetenhaus begann heute die erfte Berathung desKommunalabgabm-GesetzentWurfS. Abg. Hobrecht (ntl.) stand dem Reformplane günstig gegenüber, bemängelte aber die zu weit gehende Befugniß des staatlichm Aufsichtswesens. Abg. Seer (natl) forderte eilte gerechtere Bertheilung der Kreisabgaben, von denen die Domänmpächter oftmals schwer betroffen Würben. Ministerpräsibent Graf Eulenburg stellte da- gegen fest, baß von biesen Lasten alle Pächter, also auch Privatpächter zu leiben hätten, wogegen eS nur ein Mittel gäbe, nämlich eine vorherige zweckmäßige Berabrebung mit bem Verpächter. Was bie von Hobrecht gerügte zu weitgehende Staatsaufsicht anlange, so sei bieselbe nicht um des Staates willen, sondern im Jnter- effe ber Gemeinden eingeführt. Uebrigens stehe ber betroffenen Gerneinbe in jebem Einzelfalle bie Klage im Verwaltungsstreitverfahren offen. Abg. Fritzen (Ctr.) verlangte eine anberweite Regelung des Komrnunal- wahlrechts, damit nicht, wie bisher, der Bürgermeister die Wahlbezirke nach Belieben abgrenzen und mit einem Federstriche ganze Bezirke mundtodt machen könne. Was das Landtagswahlrecht anlange, so dürfe es in Zukunft nicht mehr vorkommen, daß ein ober einige Wühler ber 1. Klasse brei ober vier Wahlmänner wählen. Im Uebrigen war Redner mit ber ©teuer» Überweisung, bem staatlichen Aufsichtsrecht unb ben Vorleistungen für Wegebau rc. einverstanden. Abg. Knebel (natl.) schloß sich bem an. D'e Abgeordneten v. Tzschoppe und Bopelius (fteikons.) brachten ver- schiebene Wünsche vor, so eine gesetzliche Fixirung ber Grenze für bie Zuschläge zu ben Realsteuern unb zur Einkommensteuer, sowie baS Recht ber Gemeinden zur Besteuerung von Fabriken, welche bei ihnen Arbeiter- wohnungen errichteten unb ihnen bamit schwere Lasten in Schule hnb Armenpflege auferlegten. Abg. VopeliuS verlangte namentlich auch bie Heranziehung ber reichs- fiskalischen Anlagen zu ben Gemeindesteuern. Abg. Dr. Meyer-Berlin (freif.) erklärte diesen Entwurf ebenso wie die beiden übrigen Stenerresormgesetze für unannehmbar. Das Kommunalsteuerwesen sei revisionsbedürftig, doch könne die Regelung zunächst durch Einzelverordnungen erfolgen. Finanzminister Dr. Miquel erklärte, Dr. Meyer vertrete zwar den Standpunkt deS Freisinns, die Regierung aber den des Fortschritts. Den vom Vorredner erhobenen Vorwurf, daß die Regierung eine Klassengesetzgebung wolle, zu widerlegm, halte er unter seiner Wurde. Zur Regelung der Kommunalbesteuerung bedürfe es gerader, fester Rechts.