Af 272 Samstag, den 26. November 1892. 19. Ianw'vg
FuldaerMZeitlliig
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Deutsches Deich.
Berlin, 24. November.
* Die Ceutrums-Fraktion des Reichstages hat sich konstituirt. Graf Ballestrem wurde auf Antrag des ältesten Mitgliedes der Fraktion, des Abg. Diedm, durch Zuruf als Vorsitzender wiedergewählt. An Stelle des Abg. Orterer, der durch die Beförderung in seinem Beruf sein Mandat verloren hat und einstweilen Bedenken trägt, ein solches wiederum anzunehmen, wurde auf Borfchlag der bayerischen Mitglieder der Fraktion der Abg. Graf Konrad Prey sing zum stellvertretenden Vorsitzenden ernannt. Neu eingetreten sind in die Fraktion der Abg. Dr. Stephan als Nachfolger des Abg. Müller (Pleß) und der Abg. Rauchenecker für Kelheim. Den auSgefchiedenen Abgg. Perger und Orterer widmete der Vorsitzende ein warmes Wort der Anerkennung für ihre bisherige Wirksamkeit. Der ebenfalls durch Beförderung ausgeschiedene Abq. Spahn wird voraussichtlich in kurzer Zeit durch Wiederwahl wieder in die Fraktion eintreten können. Zum Schluß richtete der Vorsitzende an alle Mitglieder die eindringlichste Bitte, angesichts der tiefgreifenden Militärvorlage und der besonders schwierigen Lage der Fraktion ihr gegenüber, dauernd in Berlin anwesend zu bleiben.
* Die in der gestrigen Sitzung des Reichstages gehaltene Rede Caprivis erfüllte die darauf gesetzten Erwartungen nicht. Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte der Reichstag die Rede an, aber die Zeichen des Beifalls waren sehr spärlich bemessen, und nur am Schlüsse ertönte von den konservativen Bänken ein Bravo. Fürst BiSmarck würde bei einem solchen Anlasse nach dem Muster deS SeptennatSgesttzeS unzweifelhaft die Sturmglocke geläutet haben. Dem ehrlichen und geraden Charakter deS Grafen Caprivi, sagt das ,Schw.Bl?, entspricht das allerdings nicht, aber wenn man sah, wie seine Worte im Reichstage lautlos und kalt ausgenommen wurden, so konnte allerdings das Gefühl entstehen, daß man ein Grabgeläute höre. Allerdings bot die Rede deS Grafen Caprivi manche interessante Punkte; gleich im Eingänge verflocht er in dieselbe eine Darstellung über die Emser Begebenheiten beim AuSbruche des Krieges von 1870, wobei er aus den Akten des Auswärtigen Amtes auch die erste und echte Emser Depesche vom 13. Juli 1870 verlas. Diese echte Emser Depesche hat allerdings sehr große Aehnlichkeit mit der von Bismarck „redigirten" und am Abend des 13. Juli veröffentlichten Depesche, so daß ein Widerspruch bestehen bleibt, wenn Fürst Bismarck behauptet, er habe die Emser Depesche so „redi- girt", daß er den Sinn derselben vollständig geändert und aus der Chamade eine Fanfare gemacht habe. Was Graf Caprivi zur Begründung der eigentlichen Militärvorlage vorbrachte, war nicht von durchschlagender Wirkung. Er behauptete allerdings, daß es sich dabei um Deuschlands Zukunft handle und im Falle einer Ablehnung der Vorlage ernste Gefahren für Deutschland entstehen könnten. DaS Hauptmotiv für die Rechtfertigung der neuen Militä'Vorlage war
Das Gebet -es Kindes.
(Nachdruck verboten.)
Ein grauer, regnerischer Himmel brütet über der Reichshauptstadt Berlin. Es ist gegen Abend. Die Sonne, die sich heute den ganzen Tag über nur durch einen blaßgelben Schein, der sich an dem schweren, dichten Gewölk abhob, bemerklich gemacht, geht völlig zur Neige, und die hereinbrechenden Schatten der Dämmerung verscheuchen alsbald noch die letzte Tageshelle.
Rüstig schreiten die Laternenanzünder in den Straßen auf und nieder, und bald blitzen hüben und drüben eine Reihe von Gaslichtern in ihren Behältern auf; sie flackern munter in dem Winde, der sausend durch die Straßen dahinfährt und verbreiten beinahe größere Helle, als es die Sonne heute vermocht hatte.
In einer der weniger besuchten Nebenstraßen schreitet ein hochgewachsener Mann. Aengstlich meidet er, wie es den Anschein hat, den Menschenstrom, der trotz der ungünstigen Witterung die größeren Verkehrsadern Berlins durchwogt; er schlägt stets Seitensträßchen ein und drückt sich fast an die Häuserwände, wenn er an Jevianden Vorbeigehen muß.
Wie blaß der Mann aussieht! Fast irre und ge- spensterhaft funkeln seine Augen, wenn er sie einmal aufschlägt. Eine nervöse Hast muß durch seine Glieder ziehen, denn der Stock in seiner Rechten zittert heftig
auch für den Grafen Caprivi der Krieg mit zwei Fronten, dem wir nach der Ansicht militärischer Autoritäten nicht gewachsen sein sollen, wenn wir nicht nach dem Vorschläge der Militärvorlage unsere Armee „verstärken, verjüngen und verbessern." Dabei kam der Reichskanzler auch auf die Artikel des Mrlitärwochenbl.' zu reben, welche eine Verunglimpfung der Landwehr enthielten. Es machte im Reichstage einen peinlichen Eindruck, daß Graf Caprivi zwar die Verantwortung für diese Artikel ablehnte, aber den Inhalt derselben für richtig fand und auch darin keine Herabsetzung der Landwehr erblicken wollte. Die Kostenfrage der Militärvorlage wurde nur gestreift; die Verdoppelung der Biersteuer, so meinte der Reichskanzler, werde nur ’/a Pfennig pro Seidel betragen und somit den Genuß des Bieres nicht vertheuern. Das Zugeständniß der zweijährigen Dienstzeit für die Fußtruppen machte er davon abhängig, daß als Kompensationen die Mehr- forderungen der neuen Militärvorlage angenommen werden. Er schloß seine Rede nicht ganz glücklich mit einem Appell an die Furcht mit der Schilderung der Folgen einer Niederlage, während man im Frieden wie im Felde ruhig sollte erklären dürfen: „Lieb Vaterland kannst ruhig sein!"
* Im Reichstage interpellirte heute Abg. Petri (natl.) unter Anknüpfung an die Straßburger Schieß- affaire vom 22. Oktober die Regierung darüber, ob bezüglich der zur Zeit bestehenden Bestimmungen über den Gebrauch von Schußwaffen Seitens der Wachtposten Aenderungen in Aussicht stehen, durch die der Gefährdung des Lebens der Einwohner wirksam vorgebeugt werde. — Kriegsminister von Kaltenborn- Stachau theilte mit, daß in den Garnisonen gemischte Deputationen zur Prüfung der Frage einer Verminderung der Wachtposten nievergesetzt feien, daß aber die Civilbehörden großen Werth auf Militairposten legten; ferner, daß jetzt eine Verfügung ergeht, wonach in belebten Straßen stehende Polten künftig nicht mehr mit Munition versehen werden sollen. — Abg. Singer (soz.) kritistrte die Beförderung des Gefreiten Lück, die als Anreiz zum weiteren Schießen aufgefaßt werde, und verlangte, daß, wenn überhaupt Militairposten, in, nicht vor die zu bewachenden Gebäude gestellt werden. — Abg. Gröber (Ctr), Eberty (freis.), Dr. Hartmann (kons.) und Dr. Petri (natl.) erklärten eine gesetzliche Regelung der Angelegenheit für geboten. — Der Gesetzentwurf, betreffend die Anwendung der vertragsmäßigen Zollsätze gegenüber nicht meistbegünstigten Staaten wurde zunächst in 1. und 2. Lesung angenommen, nachdem Staatssekretär v. Marschall erklärt hatte, daß die der Regierung mit der Vorlage gewährte Vollmacht nur gegenüber Spanien und Rumänien, mit denen Handelsvertragsverhandlungen geführt werden, gebraucht werden soll, und nachdem Abg. Dr. Frege (kons.) gegen einen Zollvertrag mit Rußland gesprochen hatte, der die deutsche Landwirthschaft schädigen, der deutschen Industrie aber nichts nützen würde. — In einer späteren besonderen Sitzung wurde diese Vorlage in 3. Lesung endgiltig angenommen. — Der Gesetzentwurf,
und klappert in bebenden Bewegungen auf dem harten Asphalttrottoir. Die Linke des Erregten ist fest auf die Rocktasche an der Brust gepreßt, in der sich ein harter Gegenstand befinden muß. Jäh fährt sie immer wieder zu dem Gegenstände empor, wenn sie in einem unbewachten Augenblicke niedergesunken war.
Jetzt ist der Mann an einem hübschen Hause in der L.-Straße angekommen. Eine Laterne, die direkt vor dem Gebäude steht, macht alles ringsum wohl kenntlich. Auf großer, messinqblanker Platte prangt an der EingangSthüre die Aufschrift: „Erich Wollfurt, Kaffeegeschäft."
Einen Augenblick hastet der unflorte Blick deS Mannes auf diesem Schilde, das seinen Namen trägt; dann blickt er scheu nach rechts und links und verschwindet rasch durch die Thüre.
Er öffnet ein erleuchtetes Gemach zur ebenen Erde und tritt hastig ein. Die Einrichtung der Stube ist behaglich, fast elegant zu nennen. Jedes Stück Möbel zeugt von der Wohlhabenheit und dem guten Geschmack« des Besitzers. Allein dieser hat keinen Blick für alles dieses. Er finkt auf einen Lehnstuhl nieder, der am Tische steht, holt verschiedene Papiere aus seiner Tasche und stiert wie gebannt auf dieselben hin. Tiefe Seufzer ringen sich aus feiner Brust los, während er wie verzaubert auf die Schriftzüge starrt.
„Verloren, alles verloren, alles, alles," ringt es
betr. Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung, wurde an eine Kommission verwiesen, nachdem Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) seinen früheren Widerspruch gegen die EmheitSzeit aufgegeben. — Nächste Sitzung: Mittwoch den 30. d. M. Erste Berathung des Etats.
* Bei dem Reichstage ist eine mit ca. 1000 Unterschriften bedeckte Petition von Kombattanten des deutsch-französischen Krieges, R etzschel, Reber und Gen. aus Dresoen, eingegangen, welche die vorjährige Petition einer Anzahl Unteroffiziere und Soldaten zur Erlangung eines Ehrensoldes für die Inhaber der Eifernen Kreuzes bekämpft. Gleichzeitig ist von den Petenten eine Eingabe an den Reichskanzler mit der Bitte um Vortrag bei dem Kaiser gerichtet worden.^^W WKjWA '
* Das preußische Abgeordnetenhaus begann heute die 1. Berathung über die Ergänzungssteuervorlage. Abg. Humann (Ctr.) bekämpfte die Vorlage einmal wegen der rigorosen Veranlagung, dann aber auch wegen der zu niedrigen Vermögensgrenze, bei der die Besteuerung beginnt. Abg. Höppner (kons.) sprach zwar Bedenken gegen die Beranlagungsbestimmungen aus, hoffte aber doch auf eine Einigung in der Kommission und damit auf das Zustandekommen der Vorlage. Abg. Bötlinger (ntl.) hielt den gegenwärtigen Zeitpunkt für Einbringung der Vorlage wenig geeignet, die überdies auch die Auswanderung begünstige und empfahl eine Erbschaftssteuer. Abg. Brömel (dfr.) erklärte die Vermögenssteuer für unannehmbar; diefelbe würde noch ungleich härter drücken, als die Einkommensteuer. Auch von Einführung einer Erbschaftssteuer rieth Redner ab, da dieselbe neben der Vermögenssteuer sehr schnell als neue selbstständige Steuer erscheinen würde. Geh. Rath Wallach wies die Bedenken hinsichtlich der Auswanderung zurück; dieselbe wäre um so weniger zu befürchten, als fast überall, mit Ausnahme Bayerns, die direkten Steuern höher wären, als in Preußen. Auch bezwecke ja die Vermögenssteuer keine Mehrbelastung. Fmanz- minister Mquel hoffte, daß sich auch die Kommission von der Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit der geforderten Vermögenssteuer überzeugen werde, wie denn auch die Bevölkerung ihre Abneigung gegen das neue Gesetz mit der Zeit überwinden werde. Abg. v. Eynern (natl.) hielt das Vermögenssteuergesetz mit den Veran- lagungsbestimmungen der Regierungsvorlage für unannehmbar, weil damit der Willkür Thür und Thor geöffnet sei. Gch. Rath Wallach plcndirte für ein möglichst einheitliches Veranlagungsverfahren für Einkommensteuer und Ergänzungssteuer. Nachdem noch die Abgg. Fuchs und Brandenburg (Ctr ), Dr. Meyer (freis.) und Dr. Gerlich (freikons.) gegen die Vorlage gesprochen, Finanzminister Miquel dagegen darauf hingewiesen hatte, daß, wenn der Ersatz für die überwiesenen Steuern verweigert werden würde, damit das Zustandekommen der Reform verhindert werde, wurde die Debatte geschlossen und damit die 1. Lesung der Vermögenssteuervorlage beend» t. Die Beschlußfassung Über die geschäftliche Behandlung wurde bis nach der
sich endlich aus feiner Brust los. „Kein Heller ist mehr mein eigen. Morgen schon muß ich meine Geschäftszahlungen einstellen — und dann — dann wird das Haus Erich Wollfurt, eines der ältesten und besten Berlins, in Bankerott erklärt."
Der starke Mann bebte am ganzen Körper. Sein Auge irrte über die Porträtgemälde seines Vaters und Großvaters, die an der Wand ihm gerade gegenüber hingen und ihn wie verweisend ansahen. Unwillkürlich zuckte Wollfurt zusammen. Dann aber fuhr er plötzlich enpor, rang die Hände gegen die Bilder feiner Ahnen und rief halblaut:
„Verzecht' mir, Vater und Großvater, verzeiht euerem armen und unglücklichen Nachkommen. Nicht Unfletß und Verschwendung hat ja unser Haus ruinirt, sondern die Mißgunst der Verhältnisse. Ich habe gearbeitet und gerungen, um mich über Wasser zu erhalten ; es war vergeblich. Alles schien sich gegen mich zu verschwören, nichts, nichts gelang mir.--
Aber ein Wollfurt wird die Schmach des Zusammenbruches seines Hauses nicht überleben, er steht und fällt mit ihm."
Unheimlich leuchtete das Auge deS Mannes, als er nach diesen Worten in die Brusttasche griff und einen sechsläufigen Revolver herausnahm. Schon erhob er daS entsetzliche Geschoß gegen seine Stirne, da irrte sein Blick wieder auf die Wand und blieb auf einem