19.Zührkirg
Freitag, den 25. November 1892.
W 271
iilld>ikrWZcitling
Erlcheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. - Inserate kosten die einsaitige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatts , Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen tn F
** Sachsen - Weimar und die Katholiken.
Für die Kctboliken Sachstn-WeirnarS hat die jetzt tagende Cynode hohes Interesse. Nach bei St Öffnung der Sitzung am 12 November erhielt laut ,W imar Ztg.' der Synodale B, aas ch-Jena das Wort zu folgender Anfrage:
Tie ehrerbietigst Unterzeichneten richten an die Großherzogl. Kirchenregierung die Anfrage, ob nicht der gegenwärtig tagenden Synode der erwartete Gesetzentwurf über die konfessionelle Erziehung der ausMischehen geborenen Kinder vorgelegt weiden solle?
Zur Begründung derselben führt derselbe etwa Folgendes aus: Hinsichtlich dieier Frage sei das Gesetz vom 6. Mai 1857 maßgebend. Das Gesetz vom Jahre 1823, denselben Gegenstand betreffend, habe bestimmt: Die Kinder sind in der Konfession desjenigen Ehegatten zu erziehen, dessen Familie am längsten im Lande ansässig ist. Dies war für die evangelische Kirche günstig. Vom Jahre 1857 an sei die Konfession des Baters enrscheidend gewesen, wenn nicht vor der Trauung ein Ve trag von dem zuständigen Gerichte abgeich offen worden wäre, daß die Kinder der Konfession der Mutter folgen sollten. Seit dieser Zeit iei aber eine tiefgreifende Veränderung her Verhältnisse eingetreten: 1) durch die Freizügigkeit, in Folge deren d-c Mischehen in der Zunahme begriffen seren, 2) durch die Verschärfung der konsessto- nellen Gegensätze. .
Die Veränderung in unserem Lande dokumentrre stch durch die Zunabme der Mischehen und durch d s Streben der katholischen Kirche, die Verhältnisse in ihrem Sinne auszunutzen, namentlrch auch durch äußere Mittel Propaganda zu machen. So habe man sich auf das Gesetz von 1857, dos fast in Vergessenheit gerathen sei, wieder besonnen. Während die Praxis ge- wosen, den Erzieher über die Konfession der Kinder enticheiden zu lassen, habe man in den letzten Jahren das Gesetz ftrthe ge- handhaol. Da hätten nun die Evangelischen erkannt wie ungünstig das Gesetz für sie sei. Die katholisch-evangelischen Ehen hätten in Preußen in der Zeit von 1867—1876 rund 67 000, die evangelilch kathol.schen 57,000 betragen. Das Verhältniß tn unserem Lande fei dem g> dachten emsprechend Da nach der Konf.ssion des Vaters die Kindererzie mng sich zu richten habe, so wirke das Ges tz zu Gunsten der katholrschen in einem überwiegend evangelischen Lande. Der Mißstand werde aber dadurch größer, daß das Gesetz nur für die im Lande geschloffenen Ehen giltig sei. Es könne zw gesagt werden, daß ein Vertrag über die Erziehung der Kind r in der Konfeision der Mutter geschloffen werden könne, doch sei dies in Der Praxis recht schwierig.
Uebrigens erwarte man so allgemein im Satioe eine Neu- re gulirung dieser Angelegenheit, daß es allseitige Berwu berung erregen werde, wenn sie in dieser Sy ode nicht zur Sprache gebracht worden sei. Die Unterschrift der Anfrage durch 22 Synodale sei gewiß ein Beweis dafür, d ß man ein neues Gesetz wünsche.
Geh. Staalsrath Dr v. Box berg gibt eine s.ffo tige Antwort dahin, daß ein Gesetz in Vorbereitung und ein Gesetzentwurf bereits fertig gestellt fei; jedo t> feien die Vorarbeiten noch nicht fo weit gediehen, daß der jetzigen Synode noch eine Vorlage zugehen könne.
(Sme schwächere Begründung solchen Antrages ist uns denn doch noch richt vorg.kommen. „Die kalhol. Kirche sucht die Verhäilniffe auszunützen, namentlich auch durch äußere Mittel Propaganda zu machen." So etwas thut die protestantische Kirche natürlich nicht, sie läßt die Veryältmsfe unausgenützt, braucht keine äußeren Mittel, sondern rein geistige! „Propaganda". Man braucht nur die große Zahl dec form ll oder materiell zum Protestantismus Uebergetretenen zu vergleichen mit der Zahl der Konveitnen, um zu sehen, daß es mit dec katholischen Propaganda nichts ist. Wie froh wären wir, wenn nur 3/4 aller weimari- frften Katholik n treu zu ihrem Bekenntniß hielten, die
Im Wetter geschüttelt.
Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.
(Schluß.)
II.Kopitel. Friede denen, die guten Willens find!
Schon ehe Franz seinen Gang zu Peter antrat, war seine Bram Marie von ihm in Alles eingeweiht worden, was ihn bedrückte
Bei dem Gang nach der Grube hatte sie sehr wohl bemerkt, wie d e alten, schlimmen Geister, welche während der frohen Verlodungitage geschwiegen batten, wieder in ihm wach wurden, und das unftäte W-sen ihres Bräutigams bei der plötzlichen Begegnung mit Peter hatte ihr genau gezeigt, wo sein wunder Punkt sei und wo mit der H.-ilung eingesetzt werden muffe.
Nach der Rückt.hc benutzte sie daher eine stille Stunde, um sich die ihr ja j tzt rechtmäßig zustehende Hälfte seiner Sorge und seines Herzeleids redlich von ihm ausliefern zu lafsen.
Die Beichte war für den Reuigen manchmal recht schwer geworden. Aber dte sanfte und verföhnltche Werfe, wie seine Braut Alles, selbst ihre eigene Ber- leugnunq durch ihn, entgegennahm, eimöglichte doch ein volles Geständniß und gab ihm zugleich auch den Muth zu den nothwendig scheinenden weiteren Entschlüssen.
Propaganda, die uns nichts wie Ueberarbeit und Haß ein bringt, schenken wir uns gern. Aus dem von Preußen auf S.-Weimar übertragenen Verhältniß der kathol.-evangel. zu den evangel.-kathol. Ehen 67 : 57 wird weiter gefolgert: Also ist das Gesetz von 1857 den Katholiken viel günstiger! Darauf antworten wir:
1) Nicht das Gesetz ist unS günstiger, sondern höchstens die Thatsache, daß mehr kathol. Männer nach S -Weimar einwandern und dort heirathen. Hat nun etwa der Staat den Beruf, die kathol. Einwanderer und ihre Nachkommen protestantisch zu machen? Entweder mag er die Einwanderung neuer Katholiken erschweren oder verbieten, aber ihren und ihrer Kinder Glauben soll er nicht antasten.
2) Der Mißstand eines vorehelichen Vertrages rc ist beiden Parteien gleichmäßig ungünstig.
3) Dagegen günstig ist dem Protestantismus, wovon der Synodale freilich nichts sagt:
a) Das große nummrische Uebergewicht des Protestantismus im ganzen Lande.
b) Günstig, daß es überall protestantische Pfarreien, Kirchen, Schulen (zu denen die Katholiken in den Kommunalsteuern zahlen, während sie die katholischen Schulen allein unterhalten) Protest. Lokal - Zeitungen, Arbeitgeber rc. gibt. .
c) Günstig, daß ei'8 im größeren östl. Thetle Weimars nur eine kathol. Pfarrei mit 3 Kirchen gibt, während ganze Gebietstheile, besonders der ganze 5. Verwaltungsbezirk, mit Tausenden von Einwohnern keine kathol. Seelsorger ober Kirche haben.
Wie wirkt denn dort das Gesetz für die Katholiken? Wie viel Kinder aus kathol.-evangel. Ehen werden dort nach dem Gesetze kathol. getauft und erzögen? Unsere Kirchenbücher weisen in dieser Beziehung geradezu erschreckende Lücken auf!
d) Ungünstig ist das angeblich günstige Gesetz den Katholiken, weil die Mutter am meisten erziehlich thätig ist, diese aber in kath.-evang.'Ehen stets protestantisch ist
e) Und endlich, was nützt uns Katholiken in der großen Diaspora das Gesetz auf den meisten Dörfern und Städten, die von der kathol. Kirche auch nur ein wenia entfernt sind? In ganz protestantischer Umgebung und Schulen aufgewachsen, oft noch erst wegen ungesetzlicher evangelischer Taufe reklamirt, können die Kinder, wenn man es überhaupt so weit bringt, kaum ein Viertelj.hr dem kathol. Unterrichte beiwohnen, verur- fachen große Kosten (unsere „äußeren Mittel", die leider sehr bescheiden, aber doch wenigstens sittlich erlaubt sind), kehren in die protestantische Heimat zurück, und bald ist alle aufgewendete Mühe verloren. Da nützt das angeblich günstige Gesetz bitter, bitter wenig. Gegen den Willen vollends eines Ehetheils ist eine katholische Erziehung fast unmöglich und die Mischehen, von Ausnahmen abg sehen, sind und bleiben der Ruin der katholrschen Konfession.
Kurz, man mag die Sache betrachten tote man will, die kath. Kwche zieht naturgemäß stets den Kürzeren, mag das Gesetz noch so paritätisch sein. Wir wissen nicht, nach welcher Richtung der neue Gesetzentwurf
Gemeinsam berielhen sie, was zu thun sei, und nachdem Franz sich gründlich ausgesprochen hatte, erklärte er sich bereit, gleich zu Peter selbst hinzugehen, während es Marie auf sich nahm, an Lisbeth die nö- thigen Mittheilungen zu machen.
Auch diese wurde manchmal roth, als sie erfuhr, wie sie, während sie glaubte, dem eigenen Stolze zu folgen, nur das Werkzeug in der Hand jenes verworfenen Menschen, des Sachsenfritz, gewesen; tote sie dem Geliebten Unrecht gethan und geholfen hatte, ihr eigenes Glück zu untergraben.
Eine innerliche Umkehr war bei ihr nicht mehr erforderlich. Diese war schon gründlich eingetreten, als ihr Vater in der Grube verschüttet lag und sie nicht wußte, ob sie ihn noch jemals Wiedersehen würde, um bei ihm Abbitte für ihren Stolz und Eigenwillen zu thun, durch welchen sie ihm in letzter Zeit so manche bittere Stunde bereitet hatte. Als dem alten Steiger dann von Peter Hochfeld das Leben gerettet wurde, da fühlte sie stch tief beschämt, und ihre Gesinnung gegenüber dem wackeren jungen Manne, welchen sie einst schnöde im Stich gelassen hatte, änderte sich vollständig. Es bedurfte bloß noch der öffentlichen Bestä- tigung, und dazu sollte ja die Gelegenheit jetzt eintreten — rote schon ihre schneller schlagenden Pulse zu verkündigen schienen. *
*
sich bewegen wird, haben aber den einen Wunsch, daß der Staat nämlich auf diesem Gebiete den Grundsatz anerkennt, daß die Eltern selber vor ihrem eigenen Gewissen und Glaubensüberzeugung die Entscheidung bezüglich der Kindererziehung treffen sollen, und ber Staat in diese Entscheidung nichts hineinredet. Auch davon werden wir uns, wie Preußens Statistik wohl beweist, keine für uns günstige Position versprechen; aber dies entspräche der sittlichen Selbstbestimmung, der Parität, ber vielgcrühmten Glaubensfreiheit und beseitigte den polizeilichen Zwang in Sachen des Glaubens und Gewissens. Gleiches Licht, gleiche Luft für beide Kon- feffionen! Aber die Bündler ruhen nun einmal nicht. Den Katholizismus, der doch mit dem Protestantismus die breite Scholle ber hl. Schrift als deS Wortes Gottes gemeinsam hat, bekämpft man; dagegen der Unglaube, die nackte Gottesleugnerei, umhüllt von dem fadenscheinigen Gewände moderner „Wissenschaft" erhebt unbeläftigt ihr Haupt. „Wir glauben an keine Uebernatur, glauben an keine alten Kleiderreste, wir glauben, — nun woran? — „etwa an die Weltseele Goethe'S?" tief ber Jenenser Prof. Häckel aus. Und in Altenburg wagte er die granbiofe Prophetie: BiS zum Ende bes XIX. Jahrhunbeits wirb der Glaube an einen persönlichen Gott von der Welt verschwunden sein!! Ja, der Monismus ist groß, und Häckel sein Prophet!
Wo aber erheben sich in S.-Weimar die Proteste gegen solch' maßlose Uederhebnng, gegen solchen auch den Protestantismus vernichtenden Unglauben? Wahr- lieh, die protestantische ,D.-E.-Kirchen-Ztg.' hat Recht, wenn sie schreibt: „Zur Zeit haben wir im eigenen Hause die schlimmeren Feinde." Dann aber heraus mit den geistigen Waffen gegen diese schlimmeren Feinde!
Deutsches Keich.
Berlin, 23. November
* Der Inhalt der gestern in Wortlaut mitgetheilten Thronrede wird von der Militär Vorlage in dem Grade beherrscht, daß sich alles Uebrige, wie die .Germania' treffend tagt, nur wie Einleitung und Schluß zu dieser in ber Mitte beljanbelten Hauptsache auS- nimmt. Neben ihr werben auch überhaupt keine Vorlagen an den Reichstag mehr genannt, als die Steuervorlagen, welche zur Deckung der Kosten bes erhöhten Militärausmanbes angekünbigt werben. „Mit Rücksicht auf die Ansprüche, welche die zur Fortbildung unserer Heereseinrichtungen bestimmte Vorlage und die damit in Verbindung stehenden Steuergesetzent- toürfe an Ihre Arbeitskraft stellen, werden Ihnen, außer dem Etat, von bett tierbünbeten Regierungen, nur solche Vorlagen zur Beschlußfassung zugehen, deren Erledigung besonders dringlich erscheint," heißt es: Um was es sich da handelt (lex Heinze, einige handelspolitische Regelungen u. s. w.) ist im Laufe ber Zeit offiziös angekünbigt worben. Die Thronrede beginnt mit einem Rückblick auf das vergangene halbe Jahr und nennt das da gewonnene Bild ein nicht
Als Franz von Peter wieder zurückkam, erwartete ihn Marie schon an der Hausthüre.
„Nun, Wie war es?" fragte sie kurz.
„Gut," erwiderte Franz.
„O, Franz," rief sie gerührt und faßte seine beiden Hände mit tiefer inniger Ergebung, „o, Franz, wie danke ich Gott, daß Du gegangen bist. So lange Du mit dem Freund nicht ausgeföhnt warst, war es mir immer, als stehe ein feindlicher Schatten zwischen unS. _ Aber jetzt — jetzt gehören wir uns an — uns ganz allein — für immer und ohne Trennung!"
„Ja für immer — ohne Trennung!" befeuerte auch" Franz, „aber wie ist es mit Lisbeth?"
Ich habe ihr Alles erzählt," erwiderte Marie, „und ich denke, die Beiden werden stch bald wieber» finden."
Arn nächsten Sonntag wunberten sich die Kohldorfer nicht wenig, als sie zum ersten Mal wieder seit langer Zeit die geschiedenen Freunde Franz Normann und Peter Hochfeld zusammen aus der Kirche kommen und gemeinschaftlich die Familie Köhler erwarten sahen.
Franz begleitete seine Brant, welche, wie immer neben Lisbeth und deren Mutter daherschritt. Peter aber wurde gleich von dem alten Köhler in Beschlag genommen, und gemeinschaftlich schritten sie geraden Weges zu dem Häuschen des Steigers, welches an die-