JM 269
Mittwoch, den 23. November 1892.
19. Jahrgang
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ä Der arme Liebknecht mit 7200 Mark Gehalt.
Herr Liebknecht ist der oberste Schriftleiter (auf deutsch Chefredakteur) der fozialdemokratischen Haupt- organs ,Vorwärts' und läßt sich jährlich mit 7200 Mk. bezahlen. (In einigen Berichten wird das Gehalt auf 7000 Mk. abgerundet, denn auf 200 Mk. mehr oder weniger kommt es nicht an.) Auf dem sozialdemo- krattschen Parteitage haben nun mißvergnügte Rech- nungsräthe ihre nörgelnde Stimme erhoben gegen das übermäßige Einkommen des Genosfen Liebknecht. Sie meinen, so lange der Arbeiter aus feinem Schweiß nur 1000 oder bestenfalls 2000 Mark herausschlage, könne Genosse Liebknecht seine bequeme Redaktionsarbeit auch wohl etwas billiger machen. Liebknecht aber sagt, er könne nicht einmal mit 7000 Mk. auskommen, geschweige denn mit weniger. Es würde ein Verbrechen an seinen zahlreichen Kindern fein, wenn er seine Arbeitskraft billiger verkaufe. Außerhalb der Partei würde er das Dreifache verdienen können, die geistige Arbeit könne man nicht ebenfo wie die materielle schätzen. Diejenigen, die ihm die 7000 M. nicht gönnten, leien ja selbst wahre Krösusse im Vergleich mit den schlesischen Webern.
Armer Liebknecht, du hast ja so recht — d. h. vom Bourgeois-Standpunkt aus. Aber die Gehaltsbeschneider haben recht vom fozialdemokratischen Standpunkt aus.
7000 Mark für eine starke Familie in Berlin — das ist in der That kein beängstigender Ueberfluß. Um das Sümmchen „alle zu machen", braucht man nicht Sammet und Seide zu tragen, keinen Seft zu trinken, keine Rennbahn zu besuchen, keine Gesellschaften zu geben, sondern blos ein „anständiges" Mittelstand-Leben zu führen. Aber immerhin fallen dabei doch eine Menge nützlicher und angenehmer Dinge ab, die der Ein-, Zwei- oder Dreitausender entbehren muß. Herr Lieb- cknecht wohnt vermuthlich weder im Keller, noch Hof rechts II. Aufgang 5 Treppen links unter dem Dache; er wird auch wohl nicht auf eine Küche und ein Wohnzimmer beschränkt sein und sich schwerlich zur Erleichterung der Miethslast Schlafburschen halten. So lange es Genossen gibt, die trotz fleißiger Arbeit ihre starke Familie in kleinen, unbequemen und sehr ungesunden Wohnungen unterbringen müssen, wird man das Lieb- knecht'sche Dasein nicht ganz in Einklang mit der „Gleichheit und Brüderlichkeit" finden.
Die Ausrede lautet: „Wir leben jetzt noch nicht im Zukunftrstaat der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sondern noch in der jammervollen kapitalistischen Gesellschaftsordnung, und da muß sich naturnothwendig auch daS Leben der Genossen nach den Formen und Gesetzen dieser Ordnung entwickeln." Diese Entschuldigung hat große Löcher. Werden denn im sozialdemokratischen Zunkunftsstaate alle Leute ein so behagliches Leben führen können, wie es jetzt eine Familie mit mehr als 7000 Mk. Einkommen führen kann? Das JahreS-Einkommen der Leute, die mit mehr als 900 Mark Einkommen zur preußischen Einkommensteuer veranlagt sind, beträgt zusammen 53/4 Milliarden Mark.
Im Wetter geschüttelt.
Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.
(34. Fortfetzung.)
ES war gut, daß soeben der alte Köhler mit seiner Tochter zu der Gruppe stieß, sonst würde die Verlegenheit der beiden jungen Männer noch mehr offenbar geworden sein. Der Alte aber klopfte Peter treuherzig auf die Schulter und meinte in gemüthlichem Tone: „Recht so, Peter; recht so, mein wackerer Lebensretter!"
Dann wandte sich wie von selbst das Gespräch anderen gleichgiltigen Dingen zu. Köhler erkundigte sich, wie eS Peter gehe, was eS Neues auf der Grube gebe, ob er gedenke, jetzt wieder für immer in Kohldorf zu bleiben und dergleichen. Zum Schluß fragte der alte Steiger auch, wann ihm Peter endlich die Ehre des schon längst versprochenen Besuches schenken werde.
Peter, der sich in der Gegenwart der einstigen Geliebten noch immer nicht ganz sicher fühlte, gab meistens einsilbige Antworten und stotterte auf die letzte Frage einige Worte der Entschuldigung, da er noch keine Zeit gehabt habe, einmal zu kommen. Dann aber verabschiedete er sich kurz, um seinen Weg nach Hause fortzusetzen, während die Anderen nach der Grube weitergingen. —
Am Abend desselben Tages saß Peter Hochfeld tote
Nehmen wir an, daß die 4 bis 5 Millionen von nicht einkommensteuerpflichtigm Familien noch etwa 4 Milliarden Einkommen haben, so würdm im Ganzen noch nicht 10 Milliarden herauskommen. Getheilt unter 30 Mill. Einwohner, ergibt daS auf beit Kopf 333 Mk. DaS wäre daS Höchste, waS man sich als Beglückung deS Zukunftsstaates denken kann; denn es steht außer Zweifel, daß daS Gesammteinkommen der Staatsangehörigen dann sicherlich nicht größer fein wird, als jetzt; aller Wahrscheinlichkeit nach wegen geringerer Leistungen, größerer Verwaltungskosten und Fortfall von Einnahmen aus dem Auslande wird es viel kleiner werden. Also wenn Herr Liebknecht im Geiste der Zukunftsstaates leben wollte, so dürfte er höchstens für sich und jedes Familienglied je 333 Mk. jährlich verwenden, oder — wenn man für Berlin eine Mieths- zutage bewilligen will — je 1 Mark täglich. Den Ueberschuß seines Haushalts müßte er ärmeren Genossen oder der KriegSkaffe der Partei opfern.
Herr Singer, der Millionär, verzehrt freilich auch mehr, als die zukunftsstaatliche Durchschnittsrate, und Herr Bebel, der Inhaber eineS flotten Geschäfts, thut in kleinerem Maße desgleichen. Aber diese „Bourgeois" unter den „Genossen" können sich damit entschuldigen, daß sie daS Geld den Gegnern, den bösen Bourgeois der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, abjagten. Herr Liebknecht bezieht seine 7000 Mark von den Parteigenossen, auS den Taschen Derjenigen, die mit einem Bruchtheil seines Einkommens sich mühsam durchschlagen müssen.
Herr Liebknecht sagt, er müsse für seine Kinder viel aufwenden, damit sie für den Kampf um'S Dasein gut gerüstet feien. Aber haben denn die ärmeren Genossen nicht auch Kinder und Elternliebe? Möchten sie nicht alle ihren Kindern eine Erziehung geben, die ihnen ermöglicht, etwas Besseres zu werden, als ein gewöhnlicher Handarbeiter? Mit welchem Recht verlangt Herr Liebknecht eine bessere Erziehung für seine Kinder? Im sozialdemokratischen Staate sollen ja alle Kinder gleichmäßig erzogen werden; nur die persönlichen Eigenschaften deS angehenden Staatssklaven, nicht die Stellung oder die Mittel der Eltern sollen in Be- tracht kommen. Im Zukunftsstaat wird das Kind deS Präsidenten mit dem Kinde seines ThürschließerS in derselben Anstalt als ganz gleichberechtigt zu erziehen sein. Jetzt aber will Herr Liebknecht daS Geld, daS ihm die ärmeren Parteigenossen liefern, dazu benutzen, um seinen Kindern eine Erziehung zu geben, die sie befähigt, die Kinder der Genossen im Kampf um's Dasein unterzukriegen. Herr Liebknecht denkt und handelt berechnend, aber nicht sozialdemokratisch.
Ebenso ist eS nicht sozialdemokratisch, wenn er für die geistige Arbeit einen höheren Lohnsatz verlangt. Im Zukunftsstaate ist ein Privilegium der Kopfarbeiter gar nicht denkbar. Eher könnte man dort den schweißtriefenden Handarbeiter bevorzugen, indem man ihm 11/a oder 2 Portionen in der Staatsküche verabreichen läßt, weil der Grobschmied und der Steinklopfer mehr Nahrungsstoff verbrauchen, als der Chefredakteur, der
gewöhnlich in seiner Wohnung und las in einem belehrenden Buche oder versuchte wenigstens zu lesen.
Es war wieder daS nämliche alte Stübchen, in welchem er früher so viele glückliche Jahre verlebt hatte.
Als er vor beiläufig dreiviertel Jahren so plötzlich von seiner Wirthin, der Wirthin Georges, weggezogen war, hatte die gute Frau Anfangs immer gemeint, er müsse doch wieder zurückkehren. Sie hatte sich deshalb auch keine Mühe gegeben, das Zimmer anderweitig zu vermiethen und so hatte es leer gestanden die ganze Zeit, ohne daß jedock, Peter eingetroffen wäre.
Nun aber war plötzlich das große Unglück auf Grube „Bergmannsglück" gekommen und als die von Auswärts eingetroffenen wackeren Hilfsmannschaften nach all' den Strapazen der ersten furchtbar langen Stunden todt- müde endlich einmal ein Ruhelager aufsuchen konnten, da war Peter geraden WegeS zu Frau Georges gegangen und sie hatte ihn sofort wieder mit offenen Armen empfangen, als wenn es nie anders gewesm wäre.
Mehrere Tage waren dann vorübergegangen. Aber in der halb zerstörten Grube war doch noch ungeheuer viel zu thun und da einerseits die Lücken in der Belegschaft nicht so schnell ergänzt werden und andererseiS nur Leute zur Verwendung kommen konnten, welche zuverlässig und in der Grube bekannt waren, so war
bloß die Feder und die — Papierscheere zu schwingen braucht.
Schließlich müssen wir noch ein Fragezeichen machen zu der Behauptung Liebknechts, daß er außerhalb der Partei daS Dreifache verdienen könnte. Kein Verleger eines „Bourgeois"-Blattes würde Herrn Liebknecht 21,000 Mark JahreSgehalt zahlen. Alle Achtung vor feinem Wissen; aber wie die schwachen Leistungen deS .Vorwärts' zeigen, ist er kein Redakteur ersten oder auch nur zweiten Ranges. „Außerhalb der Partei" ist der Kampf um's Dasein in mancher Hinsicht schwerer alS drinnen.
Möge er seine 7000 Mark noch lange genießen, wir gönnen eS ihm, weil er längst nicht der gefährlichste Gegner ist. Aber daß feine Genossen nicht sämmtlich ihm daS Einkommen gönnen, finden wir begreiflich. Seine Worte sind sozialdemokratisch, seine Thaten bourgeoiLmäßig. ES gäbe kein größeres Unglück für die „Führer", als wenn ihnen derZukunftS- staat über den Hals käme!
Deutsches Keich.
Berlin, 21. November.
* Der sozialdemokratische Parteitag hat heute die Abgg. Bebel und Singer zu Vorsitzenden deS Parteivorstands, Auer und Fischer zu Sekretären und Gerisch zum Kassirer gewählt. Bei der Wahl der Kon- troleure deS Vorstands blieben sämmtliche süddeutsche Kandidaten in der Minderheit. Als Ort deS nächsten Parteitags wurde Köln a. Rh. bestimmt. — Während der heutigen Sitzung des sozialdemokratischen Parteitags wurde der Delegirte Haeckel-Sagan von Kriminalbeamten aus dem Sitzungssaals gerufen und wegen Verdachts des Meineides verhaftet.
* Die Erwiderung der russische» Regierung auf die Vorschläge der deutschen, betteffs einer zollpolitischen Abkommens, ist erfolgt. Ueber den Inhalt der russi- schenAntwort-Note ist selbstredend noch nichts bekannt; auch bildet dieselbe ein solch' umfangreiches Schriststück, daß es erst von den zuständigen Ressorts genau geprüft werden muß, ehe sich feststellen läßt, ob überhaupt eine weitere Verhandlung angezeigt erscheint.
* DaS Abgeordnetenhaus setzte die 1. Berathung der Steuerreform fort. — Avg. Frhr. v. Zedlitz-Neu- kirch (freiks.) suchte die Nothwendtgkeit der Reform zu begründen, die man nicht daran scheitern lassen dürfe, daß auch Einzelne Bortheil davon hätten, die einer Entlastung nicht bedürften. Er legte an der Hand von Beispielen dar, daß die ländlichen Gemeinden, welche am schwersten unter dem heutigen Steuersystem zu leiden hätten, erleichtert würden. Er vertheidigte ferner die vorgeschlagene Ergänzungssteuer, während einer schärferen Heranziehung des fundirten Einkommens im Rahmen der Einkommensteuer technische Schwierigkeiten gegenüberständen; gegen eine Erbschaftssteuer sprächen dagegen psychologische Momente. — Abg. Herrfurth (der frühere Minister des Innern) wandte sich ebenso gegen die Ziele deS Steuerplanes wie gegen die Mittel zur Ausführung desselben. Den Gemeinden Peter auf Anordnung der Bergverwaltung einstwellen hier geblieben.
In Kohldorf hatte ihm Niemand mehr etwas tn den Weg gelegt. An die früheren Feindseligkeiten — soweit die Betheiligten überhaupt noch am Leben waren — dachte jetzt Keiner mehr, sondern Jeder lobte nur den wackeren Kameraden, der durch seinen Muth und die bewiesene Umsicht so Vielen daS Leben gerette t hatte.
So fühlte Peter auch gar keine Veranlassung, sein Wegkommen sehr zu beschleunigen. Vielmehr hatte er, ohne gerade ganz überzusiedeln, sich bei seiner alten Wirthin einigermaßen wohnlich eingerichtet und dachte manchmal sogur daran, ob er nicht die günstigen Zustände benutzen und wieder für fest auf Grube „Bergmannsglück" eintreten sollte.
Daß bei diesen Erwägungen auch die Nähe LiSbeth's mitwirkte, deren Pater er daS Leben gerettet und der ihm seitdem in der aufrichtigsten Weise seine dankbare Gesinnung bewiesen und ihn schon wiederholt zu sich eingeladen hatte, wollte er sich zwar selbst nicht einge- stehen, aber Thatsache war, daß die ehemals Geliebte, wenn sie ihm hier und da einmal begegnete, durchaus nicht mehr daS schnippische Wesen zur Schau trug, wie eS früher wohl geschienen hatte. . ,
Auch heute Abend wieder mochten vielleicht schon solche Ueberlegungen Peter'S Geist beschäftigen; ober