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jy 267 Sonntag, den 20. November 1892. 19. Jahrgang

MdaerWZeitllng

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39* Zweites Blatt. >G

± Zum 19. Uovember.

(Schluß.)

Da wir schon früher auf die Elifabeth - Dichtung Adam Trabert's hinzewiesen haben, so ergreifen wir heute gern die Gelegenheit, den Leser mit dieser edlen dramatischen Schöpfung unseres fuldaischen Lands­manns etwa- näher bekannt zu machen, indem wir die Hauptzüge des fünfaktigen Schauspiels nebst zweiaktigen Vorspiels so voiführen, wie dies s. Z. von kompetenter Seite im Wiener .Vaterland' geschehen ist.

König Andreas' von Ungarn fünfjähriges Töchterlein Elisabeth, wird schon in zarter Kindheit dem erst sieben­jährigen Söhnlein, Ludwig, des Landgrafen Hermann von Thüringen zur künftigen Gemahlin versprochen. Im Thron­saale zu Preßburg versammeln sich die Großen des Reiches und eine Schaar Mönche aus Jerusalem, die vom Könige Hilfe er­flehen für das hartbedrängte heilige Land. Sie erhalten vom Könige dieselbe zugesagt, als der alte Klingsor, der Held des Sängerstreites auf der Wartburg, die kleine Elisabeth an der Hand führend, auftritt und dem Könige und seiner Ge­mahlin vorhersagt, daß noch am selben Tage die Boten des Landes Thüringen erscheinen werden, um für den jungen Prinzen Ludwig von Thüringen die Hand der kleinen Elisabeth zugesagt zu erhalten. Klingsor verkündet dem erstaunt horchenden Eltern­paare die Mission Elisabeth's, die ein Segen, von Gott gewollt, dem Lande Thüringen sein werde. Die Abgesandten des Land­grafen erscheinen, Walther von Vargila an der Spitze, in dem Andreas seinen Waffengefährten und Lebensretter im Kampfe vor Ptolemais erkennt. Die Eltern Elisabeth's geben ihre Zustimmung zur Verlobung mit dem Prinzen Lud­wig, und Elisabeth zieht mit der Gesandschast nach Thüringen, um am Hofe des Landgrafen Hermann erzogen zu werden. Hiermit schließt der erste Tbeil des Vorspieles.

Im zweiten Theile desselben tritt Nora von Laura- nien, die Gattin von Graf Otto, des Onkels des Landgrafen Hermann, die Verkörperung menschlicher Hinterlist, Bosheit und sträflichen Ehrgeizes aus. Ihr maßloser Hochmuth hat sie zur verbrecherischen Ehe mit Frankreichs König, dessen Gaktin noch lebte, hingerissen, und sie sucht nun ihr aus diesem sträflichen Verhältnisse stammendes Töchterchen Fanchon nach ihrer Ver- treibuna aus Frankreich und nunmehrigen Vermählung mit Graf Otto um jeden Preis auf den Thron Thüringens zu bringen. Sie bildet den Gegensatz zu Elisabeth! — Sie dingt den berüchtigten Banditen Antonio, um die kleine Elisabeth, die auf der Reise nach der Wartburg begriffen ist, zu ermorden oder wenigstens auf Lebenszeit zu verunstalten. Doch wie der Schutzengel wacht Klingsor, der treue Freund seines Königs, über das holde Kind und die Gesandtschaft kommt mit dem theueren Schatze unversehrt unter dem stürmischen Jubel des Hofes von Thüringen auf der Wartburg an. Nora beschließt nun, durch List und Verrath die unschuldige Elisabeth zu ver­derben und heuchelt dem Kinde Mutterliebe. Hiermit beginnt ;ber dramatische Knoten sich zu schlingen. Ein herrlicher Chor- lgesang zum Lobe und Preise der edlen Blüthe vom Donaustrande schließt stimmungsvoll das„dieBrautwerbuug" betitelteBorspiel.

Der fünfaktige Haupttheil des Werkes, „Die Heilige auf der Wartburg", zeigt im ersten und zweiten Aufzuge dem Zuschauer Elisabeth auf dem Throne Thüringens, an der Seite ihres edlen Gemahles Ludwig, zum Tröste aller Be­drückten wirkend.

Nora von Lauranien ist wüthend über das Ansehen, daS -Elisabeth weit über die Grenzen Thüringens hinaus genießt und eS gelingt ihr, Heinrich Raspe, den herzlich unbedeutenden, aber darum um so ränkevolleren Bruder deS Landgrafen, endlich dessen scheelsichtige Mutter Sophie in ihr Interesse zu ziehen. Beide Frauen verdächttgen vor dem Landgrafen Ludwig die reine Frömmigkeit Elisabeth's. Ihre Anschläge werden aber zurück­gewiesen, und als das historische Rosenwunder sich abspielt, hat der Ruhm Elisabeth's und die verehrungsvolle Hingabe des Land­

grafen an sie den höchsten Grad erreicht. Da läßt der heil. Vater in Deutschland durch eifrige Glaubensboten das Kreuz predigen. In Thüringen erscheint ein Mönch, dem es gelingt Bürger, Bauern und Adelige zu entflammen, das Kreuz zu nehmen und Ludwig, Landgraf von Thüringen, wird der Ober­feldherr der Kreuzfahrer aus Mitteldeutschland.

Nun reisen die finsteren Pläne Nora's. Sie sucht das Vor­haben Ludwig's zu beschleunigen, damit er nur schleunigst das Land verlasse; Heinrich Raspe aber muß zurückbleiben. Sie will ihm ihr Töchterchen Fanchon zur Gattin geben, Elisabeth soll aus Thüringen vertrieben werden und sodann Raspe-Fanchon in räuberischer Weise vom Throne Besitz nehmen. Zu dem sZwecke muß aber Landgraf Ludwig sterben und abermals taucht die finstere, dämonische Gestalt des Banditen Antonio auf, der auf Geheiß Noras's auch das Kreuz nimmt, um in Verkleidung in der Nähe Ludwig's bleiben zu können!

Im dritten Aufzug spielt sich der überaus rührende Ab­schied Ludwig's von Elisabeth ab. Ludwig hält zuSchmalkal- den Heerschau über seine Truppen und zieht von bannen, wäh­rend Elisabeth zermalmt zurückbleibt. Freilich erhebt sie der Gedanke, daß ihr Gemahl dem Allerhöchsten diene!

Während die Heerschau in Schmalkalden stattfindet, zechen Nora, Fanchon, Raspe und eine Schaar loser Kumpanen in der Festhalle der Wartburg, sich freuend des nahen Sieges ihrer Niedertracht. Da erscheint Elisabeth, vorschnell von Schmal­kalden zurückgekehrt, und, empört über die stattgefundene Verun­glimpfung der zartesten Gefühle, macht sie von ihrem Rechte als nunmehrige Landesherrin Gebrauch und verweist Raspe und Nora auf längere Zeit vom Hoflager. Wuthschnaubend verlassen Beide die Halle, verdoppelte Rache schwörend, während Fanchon, die zurückbleiben darf, als Spion ihrer Mutter die Vorgänge auf der Wartburg berichten muß.

Im vierten Aufzuge bringen Kreuzsahrer die Leiche des tobten Lanbgrafen Ludwig int Schneesturme zur Wartburg. Ludwig hat im Lager von Brindisi ausgerungen, eine heftige, unerklärliche Krankheit hatte ihn befallen. Antonio war sein Pfleger. Elisabeth eilt vor das Thor und der jähe Schmerz um den theuren Gatten zerreißt fast ihr Herz. Sie ahnt aber, daß der Edle durch Mörderhände gefallen und kündet den Anstiftern des Mordes die Vergeltung der göttlichen Gerechtigkeit an. Nora und Raspe eilen herbei und bemächtigen sich noch Angesichts der Leiche des Landgrafen der Herrschaft, indem sie Elisabeth in stürmischer Winternacht mit ihren Kindern von dannen treiben.

Nun sieht sich Nora am Ziele ihres Strebens. Jetzt wirst aber Heinrich Raspe die Larve ab und erklärt ganz trocken, daß er ihr und ihrer Tochter Fanchon wohl für eine Nacht, aber ja nicht für länger auf der Wartburg Herberge gewähren wolle. Am nächsten Morgen gibt es einen furchtbaren Sturm zwischen Raspe und Fanchon, welch' letztere laut wehklagt, daß Raspe sie betrogen habe. Nora soll auf Geheiß Raspe's zur Beruhigung ihres aufgeregten Gemüthes int Kloster zu Kitzinaeu bis auf Weiteres eingesperrt werden. Letztere wartet indessen, wüthend über die ihr von Raspe zugedachte Belohnung, in Eisenach auf das Weitere, da erscheint Antonio, um von Nora den Lohn für die Ausführung der ihm ertheilten Befehle zu erhalten. Nora erschrickt beim Anblicke des Mördets, Antonio aber stürzt in wilder Licbesgluth zu ihren Füßen hin und erheischt von ihr Gegenliebe. Nora stößt den Banditen entsetzt zurück, indem fte ihm zuruft, er möge zu seines Gleichen gehen und entflieht ins Nebenzimmer. Auf diese Worte stürzt Antonio ihr nach und erdolcht in einem Anfalle wilder Raserei Nora v. Lauranien und sich selbst. So findet der an dem edlen Landgrafen verübte Mord seine Strafe.

Währenddessen eilt Elisabeth von Ort zu Ort, Hilfe suchend und fast erschöpft. Da wendet sich in wunderbarer Weise ihr Geschick. Rudolph von Vargila hat alle dem Rechte er­gebenen Edlen des Landes gesammelt und will Elisabeth durch Waffengewalt wieder in die Herrschaft einsetzen; da eilt Raspe herbei, erschüttert durch das Schicksal Nora's, und fleht Elisabeth an um Verzeihung für den von ihm geübten Frevel. Die Boten des Kaisers erscheinen und bieten der edlen Elisabeth die Hand des verwittweten Kaisers an, damit sie an seiner Seite den Segen über ganz Deutschland bringe und den Frieden zwischen Papstthum und Kaiserthum vermittle! Elisabeth aber schlägt die ihr zugedachte hohe Ehre aus, ernennt den treuen Vargila zum

Vormunde ihrer Kleinen und zieht sich in das von ihr gestiftete Siecheuhaus in Marburg zurück, um ihre letzten Tage Gott und den von ihr so innig geliebten Armen allein zu schenken. Nachdem ihre Mission vollendet ist, verläßt der edle Klingsor das schöne Thüringen, um im Lande seiner Ahne« und seiner Sehnsucht, in Ungarn, zu sterben. Elisabeth stirbt endlich, um­geben von ihren Pfleglingen, und mit der Huldigung des deut­schen Kaisers vor dem Katafalke Elisabeth's in der Kirche zu Marburg schließt weihevoll das Meisterwerk Trabert's.

Aus dieser kurzen Skizze des Drama's wird der Leser erkennen, daß der Verfasser, wie er ja selbst ein» gesiebt, sich nirgends mit sklavischer Aengstlichkeit an die Geschichte gehalten, sondern diese überall, wo es die dramatische Entwickelung forderte, der freien Phan­tasie dienstbar gemacht hat; doch hat ja diese Freiheit des Dichters ihre volle Berechtigung und trotz ihr hat die Kritik nicht angestanden, das Stück als historisches Schauspiel im besten Sinne zu erklären.

Um nun dem Leser einen Begriff von der Sprach­schönheit dieser edlen, formvollendeten Dichtung zu geben, möge hier eine Probe folgen, die wir dem erstm Aufzug des eigentlichen Schauspiels entnehmen. Die Scene schildert den bekannten Vorgang, wie Landgräfin Sophie und Nora von Lauranien Elisabeth mit bösen Worten schmähen, weil fie im Gotteshause vor dem Kruzifix die Krone von dem Haupt genommen. Land­graf Ludwig kommt dazu und fragt die über die Ver­letzung höfischer Sitte so zornig aufgebrachten Frauen, was vorgefallen. Landgräfiu Sophie, die sich mit Nora entfernen will, entgegnet:

„Laß Dir Dein Weib erzählen ihr Gebahren:

Für uns genügt's, baß wir es fehen mußten.' Elifab eth.

O nicht bvch! Laß sie bleiben, theu'rer Herr, Mich anzuklageu, wenn ich fchulbig Bin Vor Dir, bem Richter, ben mir Gott gesetzt.

Lubwig.

Dich anzuklagen? Ei, wer bürste bas?

Wenn Du nicht selbst Dich auzuschulb'gen hast. So haben biese ba kein Klagerecht.

Frau Mutter, bleib' l Ich bitte Dich barum.

Auch Du wirst bleiben, Nora, benn ich will's;

Unb nun, Elisabeth, was ist geschehen?

Elisabeth.

Ms heute wir ben Kirchgang angetreten, Da brang ein Helles Tönen aus bem Walbe, Der laublos noch, boch voller Knospen prangt. Die Finken sangen jubelnb in ben Büschen Unb munt’re Drosseln wiegten fingenb sich Auf schwankem Ast, ber solcher Last sich freute. Fern aber aus bem lichten Aetherblau Scholl zu uns her ber Lerche Lustgeschmetter, Unb was ba kreucht unb fleugt schien einjuftimmen Jn'S allgemeine Frühlings-Halleluja.

Wie war bie Welt so schön an biefem Morgen, So sonnenhell, so frei von Leib unb Klage, Unb gleich ber Lerche Hütt' ich fingen mögen, Dem ero’gen Vater meinen Dank zu stammeln Für alles Gute, baS er Dir unb mir Unb unseren Kindern schüttet in ben Schooß. Doch andere Gedanken drängten sich An mich heran im ernsten Gotteshaus.

Dort fragt’ ich mich — ich weiß nicht, wie es kam — Sind denn wir armen fünb'gen Menschenkinder Der Gnade würdig, bie uns Gott erweist?

Erlöst burch seinen Sohn auf Golgatha,

Wie kreuz'gen doch ben Herrn wir stets aufs Neue, In Schuld unb Leichtsinn fein fo oft vergessen!». Daß stündlich toieberum ben Schmerz er fühlt Der Dornenkrone, bie er fterbenb trug.

Im Wetter geschüttelt.

'Eine Erzählung aus bem Bergrnaunsleben von Paul v. Wilbbach

(33. Fortsetzung )

Franz war daS Blut in die Wangen gestiegen bei diesen Worten des Mädchens. Wenn ihm auch sein Verhältniß zu dem Steiger etwas zu Alltägliches war, um besonderen Eindruck hervorzurufen, so hatte er doch vor dem alten Sanitätsrath und den barmherzigen Schwestern, welche ihn im Lazareth so aufopfemd ge­pflegt hatten, einen großen Respekt bekommen und um Alles in der Welt hätte er ihnen gegenüber nicht un­dankbar erscheinen mögen.

Marie aber war einmal im Zuge und so fuhr sie, ohne auf die Bewegung zu achten, die in Franz vor­ging, fort: „Du fügst, Du hättest keinen Freund, der nach Dir fragt: aber wer hat Dich denn aus der Grube gerettet? — Ist das der Dank für Diejenigen, welche Leib und Leben daran setzten, um ihre unglücklichen Kameraden dem sicheren Tove zu entreißen? — O Franz — ist Dir denn nur allein der Sachsenfritz, der hundertfache Mörder, so an's Herz gewachsen ....?"

„Schweige — schweig' mir, Du treibst mich zur Verzweiflung!" unterbrach Franz die Sprecherin, welche allmählich ganz in Feuer gerathen war.

Er war von feinem Sitze aufgesprungen und stand

an dem Eingang der Laube, rathlos gegen den blauen Früdlmgshimmel starrend. Aller, was seine stille Ver­zweiflung verursachte und was er durch sein inneres Wüthen und seinen Ingrimm gegen sich selbst zuzu­decken suchte, hatte das Mädchen schonungslos hervor­gezogen und es stand ihm vor Augen in einem Lichte, wie er es bei seinem Hinbrüten noch nicht erkannte.

Marie warf ihm seinen Undank gegen Peter Hoch­feld vor, dem er für seine Rettung noch nicht ein Wort des Dankes gesagt hatte. Auch der alte Köhler hatte schon wiederholt darauf angespielt, daß dies die einfachste Höflichkeit verlange. Er hatte sich aber immer damit entschuldigt, daß sich noch keine passende Gelegenheit ergeben habe; auch sei er selbst noch zu krank, um sich den aufregenden Erinnerungen auSzusetzen, welche damit verbunden sein würden. In Wirklichkeit freilich war er dem ehemaligen Freunde mit Bedacht aus dem Wege gegangen, weil er Demjenigen nicht unter die Augen treten mochte, den er seiner Zeit so schmählich verrathen und aus der Heimath vertrieben hatte.

Unb der Verrath an dem Freunde war verknüpft mit noch einem anderen doppelten Verrath: hatte er doch, als er den Einsprechungen des Sachsen nach­gebend, der feurigen Lisbeth den Hof machte, sein eigenes wahres Gefühl vei leugnet, welches ihn zu der sanften Marie hinwies. Diese selbst aber sollte seinem

„Freund" ausgeliefert werden, den sie soeben mit un­aussprechlicher Verachtung einen hundertfachen Mörder hieß.

Mit einem Male sah Franz in furchtbarer Deut­lichkeit, welche verächtliche Rolle er in der Hand diefeS Menschen gespielt hatte. Marie konnte freilich nur Kenntniß von den äußeren Thatsachen und seiner Feind­schaft mit Peter haben, aber in diesem Augenblick war eS ihm, als habe sie Einsicht genommen in alle schwarzen Pläne, welche damals geschmiedet worden waren. — Um Alles in der Welt hätte er sich nicht umwenden und ihr ins Gesicht blicken können . . .

Da legte »sich plötzlich eine weiche Hand auf seine Schulter, und Mariens Stimme sagte mit einer Milde, die ihm tief in das Herz hineinklang:

„Nun, Franz, was geschehen ist, ist eben geschehen und läßt sich nicht mehr ändern; aber wieder gut machen läßt sich für die Zukunft noch Manches. Sich, Peter hat Dich aus der Grube geholt und Dir daS Seien gerettet; aber eigentlich hat er damit doch nichts Anderes gethan, als was seine strengste Pflicht war. — Oder würdest Du an seiner Stelle nicht ebenso gehandelt haben?"

Wie Klänge auS anderen Regionen tönten Franz diese Worte durch die furchtbare Schwüle, in welcher er eben noch geglaubt halte, ersticken zu müssen. Wie