JM 266
Samstag, den 19. November 1892.
19. Jahrgang
Illi) litt
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Deutsches Keich.
Berlin, 17. November.
* Das Sparsystem der preußischen Eisenbahn- Verwaltung gestaltet sich immer sonderbarer. Daß die Verwaltung angesichts der Mindereinnahmen aus dem Bahnverkehr und des Fehlbetrages im preußischen Etat sich der Sparsamkeit befleißigt, ist an und für sich gewiß nur zu billigen. Ob aber der Weg, der jetzt hierzu eingeschlagen wird, der richtige ist, kann füglich bezweifelt werden. So berichten schlesische Blätter, daß die Absicht bestehe, vom 1. Januar ab die Kosten für die Beleuchtung und Heizung der Wirthschafts- räume auf den Bahnhöfen den Bahnhofswirthen aufzulegen. Da die Wartesäle zu den Betriebsräumen gehören und dem gesammten reisenden Publikum, auch denjenigen Personen, die nichts verzehren, zur Verfügung stehen, so scheint uns diese Anordnung nicht berechtigt, oder es müßte wenigstens im Kontrakt der Bahnbehörde mit den Wirthen darauf hingewiesen werden. Noch schlimmer aber sind Sparsamkeitsmaßregeln, die in Dortmund getroffen sind. Der ,A. R.-C.' wird darüber aus Dortmund gemeldet: „Die ohnehin gering besoldeten Rottenarbeiter dürfen nur noch einen um den anderen Tag arbeiten, so daß auf jeden Arbeiter wöchentlich 3 bis 4 Schichten kommen; die auf diesem Wege erzielte Ersparniß dürfte zur Ausgleichung der Mindereinnahmen der Bahnen wohl herzlich wenig beitragen, die Arbeiter aber der bittersten Noch preisgeben. Einigen älteren Arbeitern wurde „gestattet", bei einer Lohnreduktion von 40Pfg. Per Schicht, täglich zu arbeiten." Bewahrheitet sich diese Meldung, so wäre sie, meint mit Recht die ,Voss.
ein weiterer Beweis dafür, daß die Verwaltung der Staatsbahnen sich nicht genügend der sozialpolitischen Aufgaben bewußt ist, die dem Staate aus der Verstaatlichung der Bahnen erwachsen sind.
* Hebet die Stellung der Parteien zu den Steuerreform-Entwürfen nach den bisher stattgehabten Fraktions-Berathungen verlautet, daS Centrum habe im Großen und Ganzen einen wohlwollenden Standpunkt eingenommen, aber die Wahlrechts-Reform in den Vordergrund gestellt. Nur wenn das Wahlgefetz rechtzeitig eingehe und die Jnteresfen befriedige, deren Berücksichtigung das Centrum verlange, fei eine befriedigende Lösung der Steuerreform zu erwarten. Die Stellung der Freikonservativen ist noch unentschieden und unklar; ein Theil derselben folge der von Graf Frankenberg eingenommenen gegnerischen Richtung, ein anderer Theil ist für die Miqael'schen Entwürfe; die Nationalliberalen wollen die Ergänzungssteuer, die sie verwerfen, durch eine Erbschaftssteuer ersetzt wissen. Die Freisinnigen verhalten sich zu der Reform im Ganzen ablehnend.
* Der sozialdemokratische Parteitag hat mit 167 Stimmen beschlossen, die Maifeier am 1. Mai Abends zu begehen. Für die Verlegung der Feier auf den nächsten Sonntag nach dem 1. Mai stimmten 71 Delegirte, für absolute Arbeitsruhe am 1. Mai nur fünf. Für die absolute Arbeitsruhe sprach namentlich Dr. Adler-Wien, welcher meinte, daß, wenn man die Arbeitsniederlegung in diesem Jahre nicht habe, man
Im Wetter geschüttelt.
Eine Erzählung aus dem Bergmann sieben von Paul v. Wildbach
(32. Fortsetzung.)
Es war die alte Art, in welcher Marie sprach und mit welcher sie früher auf Franz eine fast magifche Gewalt ausgeübt hatte.
Sie verfehlte auch diesmal ihre Wirkung nicht. Wie in einer plötzlichen Erinnerung jener besseren Zeiten schaute der Angeredete hastig auf und in die tiefgründigen Augen, welche seinen Blick fest aushielten.
Nicht wie ein fchüchternes Mädchen, sondern wie der Arzt dem Kranken fühlte er sich ihm gegenüber.
Auch Franz selbst kam es so vor und er fühlte das Hebergewicht, welches sie über ihn aurübte. Er konnte den Anblick dieses Gesichtes nicht lange ertragen und scheu glitten seine Augen wieder abwärts, während feine Sippen zweifelhaft und trostlos vor sich hinflüsterten: „Lebensmuth — was ist Lebensmuth für mich?"
„Du redest nicht weise," erwiederte Marie, welche die kaum hörbaren Worte wohl aufgefaßt hatte; „soll ein junger Mann in der Vollkraft seiner Jahre keinen LebenSmuth und Lebenslust mchr haben? — Das widerspricht ja der Natur, Franz!"
„Lebensmuth und Lebenslust ist nicht für den, der
sie überhaupt nicht mehr bekommen werde. Dagegen sprachen vornehmlich v. Vollmar und Bebel. Letzterer sagte: sei die Partei im Stande, 100,000 Arbeiter, die infolge der Arbeitsniederlegung arbeitslos würden, auf Monate zu unterstützen, so möge man demonstriren; die Bourgeoisie wäre sehr thöricht, wenn sie den Kampf nicht aufnehme, bei dem die Partei eine schwere Niederlage erleiden müßte.
* Das Centralkomitee der deutschen Vereine vom RothenKreuz veröffentlicht das Preisausschreiben des Königs und der Königin von Italien für einen Wettbewerb bezüglich der Herstellung von vervollkommneten Einrichtungen auf dem Gebiete der Verwundeten- und Krankenpflege. Gegenstände des Bewerbes sind alle diejenigen Gegenstände, die geeignet sind, das Aufheben der Verwundeten vom Boden, ihre rasche, sichere und bequeme Beförderung zu ermöglichen und zu erleichtern, also Krankentragen, Wagen und Beleuchtungsapparate für daS Gefechtsfeld. Der Preis beträgt 10,000 Lire, der auch getheilt werden kann; außerdem werden silberne Denkmünzen vertheilt. Die Gegenstände werden vom 15. August bis 15. Sept, k. I. öffentlich ausgestellt.
* Die Verbreitung des in London erscheinenden Auarchisteuorgaus, die „Autonomie" ist vom Reichskanzler auf die Dauer von 2 Jahren verboten worden.
* Der Kaiser hat dem russischen Botschafter Grafen Schuwalow eine große Porzellanvase mit seinem Por- trait als Geschenk zur Erinnerung an die diesjährige Zusammenkunft mit^dem Zaren, der Graf Schuwalow beiwohnte, überreichen kaffen.
♦ Einer amtlichen Hebersicht zufolge haben bei den König!, preußischen medizinische« und pharmaeeu- tischen Prüfungskommissionen int Prüfungsjahre 1891/92 — 571 Doktoren und Kandidaten der Medizin und 265 Kandidaten der Pharmazie bestanden. Nicht bestanden haben refp. von der Prüfung zurückgetreten sind 251 Mediziner und 39 Pharmaceuten.
* Wie man der ,D. Rchsztg.' aus Rom vom 15. d. M. mittheilt, ist P. Amandus mit der Verwaltung (Administration) der Abtei Marianuhill iu Afrika beauftragt worden und befindet sich auf der Rückreise nach dort. P. Amandus, ein ausgezeichneter Ocdensmann, bisher Novizenmeister in Marianuhill, befand sich als Vertreter der Abtei in Rom.
* Köln, 15. Nov. An der 42. Jahresfeier, welche daS Bürgerkomitee zur Feier der Kardinals-Erhebung des Erzbischofs Johannes v. Griffel am Samstag durch Bewirthung von 72 armen Greifen aus der Altstadt veranstaltete, nahmen auch die Herren Erzbischof Kremeutz, Weihbischof Fischer, die Domkapitulare Dr. Dumont, Dr. Braun und Lic Belten, sowie mehrere Pfarrer der Stadt und Mitglieder des Stadtverordnetenkollegiums Theil. Im Namen des Komitees sprach Herr Matter den Ehrengästen den Dank für ihr Erscheinen aus und wies auf die hohen Tugenden des verewigten Kardinals hin, defsen Ge- dächtniß in dieser schönen Feier geehrt werde. Der Herr Erzbischof dankte für die freundliche Einladung und ermunterte das Komitee, int Geiste des hochseligen Kirchenfürsten das schöne Werk fortzusetzen. Auch an
ein Leben verloren hat," entgegnete er noch immer in demselben hoffnungslosen Tone.
Dann aber fuhr er plötzlich auf, schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die halbleere Taffe herunterflog und von seinen Lippen tönte es wie ein wilder Fluch:
„Ich wünschte, dar Wetter in der Grube hätte mich erschlagen — dann lüg’ ich unten in kühler Erde und hätte Ruhe vor dem Wurm, der da drinnen wühlt und brennt!"
Marie war erschrocken in die Höhe gefahren und starrte entsetzt in die verzerrten. Züge des aufgeregten Menfchen ihr gegenüber. Die Raue Zornader trat auf feiner fahlen Stirne ganz furchtbar hervor und feine Augen leuchteten in einem unheimlichen Feuer, daß sie fast zweifelte, ob er bei gefunden Sinnen fei.
„Franz," rief sie, „was redest Du!--O, Du
weißt nicht, wie Du lästerst ... Du wünschest Dir den Tod? — O, Du hast sie nicht gesehen, die zer- schmetterten Glieder, die verbrannten Leiber, die verzerrten Gesichter, auf denen die Verzweiflung gekämpft hat. — Ja, hattest Du sie gesehen, Du könntest nicht so sprechen!"
Der junge Bergmann horchte erstaunt auf bet dem ungewohnten Ton, in welchem Marie ihre Worte rief. Er hatte sich längst bei feinem Grübeln ganz einge;
die Greise hielt der Oberhirt eine Ansprache und er- theilte der Versammlung den oberhirtlichen Segen. Die Ehrengäste unterhielten sich dann in leutseligster Weise mit den alten Leutchen, welche zusammen das Alter von 5278 Jahren repräsentiren. Der Senior derselben zählt 87 Jahre, der Jüngste 62 Jahre, 12 Greise waren im Alter von 60 bis 70 Jahren, 54 int Alter von 70 bis 80 Jahren und 6 über 80 Jahre alt. Die Bedienung erfolgte durch die Mitglieder des Komitees.
* Dresden, 15. Nov. Ein kleines Stück „Kulturkampf" scheint sich während der nächsten Session der sächsischen Ständekammern abspielen zu sollen. Die Verhältnisse der katholischen Kirche und besonders die Oberaufsicht der Staates über sie sind in Sachsen durch Gesetz vom 23. August 1876 derart geregelt, daß der kathol. Kirche wohl Bewegungsfreiheit in Ausübung ihrer kathol. Pflichten zugestanden, die der Propaganda dienenden Orden jedoch verboten sind. Nur einige der Krankenpflege und anderen gemeinnützigen Zwecken dienende Frauenkonzregationen sind unter bestimmten staatlichen VorauSfetzungen ausgenommen. Am 21. März d. I. stellte nun Bischof Wahl in der ersten Kammer an die Regierung den Wunsch, sie möge jenes Gesetz abändern oder ganz beseitigen. Protestantische Gemüther gerieten über diesen Wunsch in große Ausregung, und man hat unter geschickter Benutzung der Jesuitenfurcht in der sonst allem kirchlichen Zwist abgeneigten sächsischen Bevölkerung eine gewisse Aufregung gegen den kathol. Wunsch nach Aufhebung des genannten Gefetzes zu Stande gebracht. Im Allgemeinen ist die Stimmung der Bevölkerung der Aufhebung des Gesetzes ungünstig, und wenn die Frage im nächsten Landtag zur Sprache kommt, so darf man heiße Debatten erwarten. Der „Evangelische Bund" darf natürlich bei dieser schrecklichen, drohenden Gefahr für den Protestantismus nicht fehlen. Bereits vor einigen Tagen hat der „Sächsische Landesverein des evangelischen Bundes" in seiner Hauptversammlung in Chemnitz eine an die Adreffe der sächsischen Staatsrezierung gerichtete Resolution angenommen, in der um entschiedene Zurückweisung des bischöflichen Wunsches ersucht wird. Zugleich ist man angriffsweise vorgegangen und hat das Konsistorium ersucht, bei oer Landessynode zu veranlassen, daß solchen Personen, die von der evangelischen Konfession zu einer anderen übertreten, daS etwaige kirchliche PatronatSrecht entzogen werde. Auf die Stellung der Regierung zu dieser Frage darf man gespannt sein.
* Bei der Reichstagsersatzwahl in Kaufbeuren, die am 29. d. M. stattfindet, wird, wie schon erwähnt, der Herausgeber des berüchtigten bayerischen .Vaterland', Dr. Sigl, abermals als Kandidat auftreten. Wenn diese Nachricht sich bewahrheitet, schreibt die .Germania', begrüßen wir dieselbe, weil die Kandidatur Sigl den Wählern deS Kceises Kaufbeuren Gelegenheit bieten würde, zu zeigen, ob blos die Bevölkerung des HeimathsbezirkS Sigl's oder auch diejenige anderer bayerischer Distrikte der politischen und religiösen Verirrung soweit anheimgefallen ist, daß sie es über sich
spönnen in den Gedanken, auf einmal nur so — „weg zu sein" von der Erde, „unter dem kühlen Rasen", wie eS zu heißen pflegt, so daß es ihm ganz fremd vorkam, wie Jemand diese Meinung nicht theilen wollte. Wie dieser Weggang bewerkstelligt werden müsse, und ob es nachher besser oder schlechter sein würde, darüber hatte er sich freilich keine Gedanken gemacht: seine einzige Sehnsucht war nur: fort zu sein, weit fort aus all dem wirklichen und eingebildeten Elend, welches er rings um sich sah und zu sehen glaubte.
Bei dem entsetzten Aufschrei Mariens aber wurde ihm jetzt erffplötzlich die ganze Hohlheit und Haltlosig- feit seiner Ideen klar.
Dennoch aber gab er doch nicht nach, sondern murmelte bitter vor sich hin: „Was soll ich denn auf der Welt, wo ich nichts hab', keine Freunde unb Verwandten und keine Freud' am Leben!"
„Keine Freud' mehr am Leben?" wiederholte Marie und schüttelte langsam das Haupt, als könne sie nicht begreifen, wie der junge Mann das sagen dürfe. „O, Franz, sieh, wenn der Wurm im Staub getreten wird, er krümmt sich und schaudert vor dem Tode; daS geduldige Lamm blökt-, wenn es zur Schlachtbank geführt wird: so schwer ist dem unvernünftigen Thier der Abschied. vom Leben. — Hnb sieh, wie mancher Mensch