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JV 265 . Freitag, den 18. November 1892. 19. Jahrgang

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* Die Lösung der ungarischen Kabinets-Krisrs ist in einem Sinne erfolgt, der jeden aufrichtigen An­hänger des dynastischen Prinzips mit tiefer Besorgniß erfüllen muß. Die Krone ist vor dem ebenso anti­dynastischen wie krrchenfeindlichen Radikalismus neuer­lich zurückgewichen und die Loge feiert einen Triumph. Kaiser Franz Joseph kündigte in der gest­rigen denkwürdigen Besprechung dem Fürstprimas Vaszary an, daß er mit Rücksicht auf die politische Lage sich gezwungen sehe, seine Emwilltgung zur Ein­bringung jener Gesetzes-Vorlagen zu geben, durch welche ein entscheidender Schritt zur Trennung der Kirche vomStaate geschieht und unter welchen die Einfüh­rung der obligatorischen Civilehe die erste Stelle ein­nimmt. Wie ernst die Lage auch bei Hofe aufgefaßt wird, geht aus dem Umstande hervor, daß Graf Kalnoky, der als Minister , des Aeußeren sonst allen auf die inner- politische Gestaltung der beiden Reichshälften bezüglichen Vorkommnissen sich grundsätzlich fernhält, diesmal sehr eingehend vom Kaiser zu Rathe gezogen wurde, da es sich in Folge der jüngsten in Pest vorgekommenen Er­eignisse zugleich um das stark in Mitleidenschaft ge­zogene Ansehen der Monarchie bei den auswärtigen Mächten handelt. Der mit der Kabinetsbildung be­traute bisherige Finanzminister Wekerle nimmt in der Lage in Ungarn eine hervorragende Stellung ein. Man rühmt ihm große Energie nach, eine Eigenschaft, welche durch sein fast noch jugendliches Alter besondere Bedeutung erlangt. Die Hoffnungen, mit denen man sich in Hofkreisen trägt, als sei eine Verzögerung der Durchführung oder eine Abschwächung des radikalen kirchenpolitischen Programms zu erwarten, dürften sich als trügerisch erweisen. Dafür werden nicht nur die Oppositions-Parteien, sondern selbst die Tisza-Gruppe dec liberalen Reg'erungs - P'^ci Sorge tragen. Der persönliche Ehrgeiz der"Familie Tisza mußte vorläufig freilich unberücksichtigt bleiben. Wenigstens verlautet, daß sowohl Koloman Tisza als auch Stephan Tisza auf jede Berufung in's Kabinet verzichtet haben, um die Empfindungen der Krone zu schonen. Ueber die Besetzung der einzelnen Ressorts verlautet bisher nur, daß Wekerle bemüht sei, möglichst viele seiner Kollegen, so weit sie ihm politisch gleichartig sind, zu erhalten. Man hat aber abzuwarten, wie sich die Lage weiter entwickeln wird. Die Sieges-Fanfaren der Liberalen, die heute schon über den Sieg des Freimaurerthums jubeln, können nur Kurzsichtige täuschen. Die obliga­torische Civilehe ist noch lange nicht angenommen, denn eS sind noch bedeutende Schwierigkeiten zu überwinden, was die ungarischen Offiziösen selbst eingestehen. Ungarn ist das Land der Zwischenfälle und fait accompli’s. Ueber die Pläne Wckcrle's erfährt das .Vaterland', daß man die staatliche Matrikelführung in einem näheren Zeitpunkte Vorschlägen und dadurch die Csaky'sche Verordnung beseitigen will, welche die Äussolgung der Taufscheine durch die Pfarrer verfügte. Wüters ist die freie Religionsübung (nicht die Religionsfreiheit) und zugleich die Wiederaufnahme der jüdischen Konfession geplant. Die civile Rechtssprechung in Ehesachen und

Im Wetter geschüttelt.

Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach

(31. Fortsetzung.)

Besonderer Aufmerksamkeit erfreute sich hierbei d r junge Franz Normann, welcher zwar noch im Kranken­hause untergebracht war, aber seit einiger Zeit doch hin und wieder einmal ausgehen durste. Die beiden Genesenden holten sich einander daher öfter ab, und man sah sie dann, so verschieden sie auch an Alter und Temperament waren, einträchtig ihren Spaziergang zusammen machen.

Heute war wieder ein Tag so recht einladend zum Aufenthalt in Gottes wiedererwachender Natur. Milde spielte ein leiser Südwind, und Die Sonne lächelte so freundlich vom Himmel nieder, als wolle sie mit Ge­walt die jungen Gräser und Blümlein aus der Erde hervor zaubern, wo sie so lange ihren Winterschlaf gehalten.

Fast ungeduldig harrte Franz daher nach dem Mit- tagStisch auf den alten Freund, und als dieser gar so lange nicht erscheinen wollte, machte er sich endlich selbst auf den Weg.

Franz war seit dem Unglück fast nicht mehr zu erkennen.

Aller LebmSmuth schien aus dem jungen Mann

die obligatorische Civilehe sollen auch kommen und jetzt gleich feierlich durch die Regierung versprochen werden. Es ist jedoch in diesem Punkte schon viel mehr in Un­garn geschehen. Die 1868er Civilprozeßordnung z. B. enthält beide Verstaatlichungs-Bestimmungen und doch ist seither viel Wasser die Donau hinabgeronnen, ohne daß das Eherecht, Die civilen Ehegerichte und die obli- gatorlsche Civilehe zu Stande kamen. Zwar hat man jetzt die Absicht, diese Civilehe dadurch occeptabler zu machen, daß die kirchliche Trauung ihr vorangehen kann. Ob aber überhaupt die Ungarn an die Erschütterung der ehelichen Institution sich ernstlich werden heran­machen wollen, ist noch sehr die Frage. Gewtß ist, daß die von dem Hochw. Fürstprimas und von dem Gros des katholischen Klerus und der Gläubigen ver­langte Aufhebung der 1868er Zwangsbestimmung über die Religion der Kinder aus gemischten Ehen nur dann erfolgt, wenn die obligatorische Civilehe eingeführt ist. Graf Julius Szapary. dieser seine katholischen Pflich­ten seit Langem gewissenhaft erfüllende hingebungsvolle Diener Sr. Majestät, hat es für nöthig gefunden, nicht weiter für die Gestaltung der konfessionellen Fragen sich verantwortlich zu machen. Er sah den Moment ge­kommen, wo er aufzuhören bat, sich im Schlepptau des Protestantismus führen zu lassen. Diesem mannhaften, wahrhaft adeligen Beispiele hat der gesammte katholische Adel Ungarns zu folgen, wenn er die Regierung vor den Pressionen der radikalen Himmelsstürmer und Un­garn vor nicht wieder gut zu machenden Umwälzungen auf dem allerwichtigsten, dem kirchlichen und sozialen, Gebiete bewahren will. Man muß Den Katholiken wie den Staatsmann Szapary zu seiner That beglückwün­schen; sie wäre aber ein vergebliches Signal, ein be­dauerliches Opfer, wenn der katholische Adel Ungarns es nicht verstehen, nicht danach möglichst einmüthig sich verhalten wollte^

Deutsches Keich.

Berlin, 16. November.

* Der neue Olmützer Erzbischof Dr. Kohn, zu dessen Diözese auch einige preußische Parochien ge­hören, wird sich dem deutschen Kaffer nach Eintreffen der päpstlichen Bestätigung vorstellen.

* Der Reichskanzler hat. nachdem die Cholcra- cpidemie erloschen ist, die Regierungen der Bundes­staaten ersucht, von einer gesundheitspolizeilichen Kontrole der aus Hamburg, Altona und Stettin kommenden Seeschiffe fortan Abstand zu nehmen. Diesem Ersuchen liegen folgende von der Cholera-Kommission des Reichs- gesundheiksamts gestern gefaßten Beschlüsse zu Grunde: 1) In Anbetracht der Thatsache, daß im Hamburger Hafen seit dem 13. Oktober eine Erkrankung an Cholera nicht mehr vorgekommen ist, daß ferner seit dem 23. Oktober nur noch drei vereinzelte Choleraerkrankungen in der Stadt Hamburg sich ereignet haben, mit Rück­sicht endlich auf die fortlaufende gesundheitliche Ueber- wachung der im Hamburger Hafen verkehrenden Schiffe erscheint es zulässig, von Anwendung der Maßregeln gegen Herkünfte von Hamburg auf Grund der Verein­

geschwunden zu fein, so trübselig schaute sein Auge, und so matt schlich er dahin, das Haupt vornüberge­beugt und von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer aus- stoßcnd, der aber die drückende Last nicht zu mindern schien.

Auch in gesunden Tagen hatte Franz bei seinem cholerischen Gemüth nach heftiger Aufregung oft trübe Stunden gehabt. Ein ehrliches Einkehren bei sich selbst und ein fester Vorsatz oder ein warmer, vernünf­tiger Zuspruch von befreundeter Seite, sowie auch der lindernde Enflaß der Zeit hatte ihm dann nach und nach über die schlimme Stelle weggeholfen.

Aber seitdem hatte sich gar viel verändert. Er selbst verspürte in sich gar keinen Halt mehr, und seinen besten Freund Peter Hochfeld, hatte er von sich gestoßen dem Sachsenfritz zu Liebe, der ein so furcht­bares Ende genommen und viele Andere mit sich ins Unglück gerissen hatte. Wenn Franz dabei noch be­dachte, wie er selbst früher an den leichten Streichen des Sachsen Theil gehabt hatte, so kam er sich fast wie ein Mitschuldiger an dem letzten Verbrechen vor, und eine gute Laune konnte bei ihm gar nicht mehr Platz finden.

Nur in der Gesellschaft des alten Köhler fühlte er eS noch hier und da wie eine Erleichterung seines trostlosen ZustandeS über sich kommen und der Alte

barung vom Jahre 1883 in deutschen Häfen nunmehr abzusehen. AuS gleichen Erwägungen ist eS zulässig, die Herkünfte von Altona und Stettin in ähnlicher Weise zu behandeln. 2) In Anbetracht der Thatsache, daß auch während der diesjährigen Choleraepidemie irgend welche Fälle von Verschleppung der Seuche durch den Waarenverkehr im Jnlande nicht bekannt geworden sind, trotzdem in eine große Zahl von Ortschaften solche Sendungen von Hamburg aus gelangt sind, erscheint es nicht gerechtfertigt, im Auslande Waarensendungen aus Hamburg (beziehungsweise aus Altona oder Stettin) gesundheitlich auf Grund der Choleragefahr zu bean­standen, zumal soche Sendungen bis zu ihrer Ankunft im ausländischen Bestimmungsort erheblich längere Zeit nach dem Verlassen von Hamburg (beziehungsweise Altona und Stettin) unterwegs gewesen sind, als die in inländischen Orten eintreffenden Sendungen.

* Der sozialdemokratische Parteitag setzte heute die Erörterung über das Parteiorgan ,Vorwärts' fort. Liebknecht erklärte, mit weniger, .als seinem Re­dakteurgehalt könne er nicht auskommen. Für das geistige Vermögen müsse ein anderer Entschädigungs­maßstab existiren, toie für baS materielle. Ec würde glauben, ein Verbrechen an seinen Kindern zu begehen, wenn er seine Arbeitskraft geringer verwerthete, als jetzt. Schließlich wurde Decharge ertheilt und beschlossen: „An allen Orten, an welchen eine Parteiorganisation besteht, ist das Centralorgan (der ,Vorwärts') auf Kosten der örtlichen Parteikasse von den Vertrauens­männern zu halten und zu sammeln." Alle übrigen Anträge wurden abgelehnt. Dann wurde die parla­mentarische Thätigkeit der Reichstagsfraktion diskutirt. Der Referent Singer erklärte bezüglich der Militär­vorlage, die Partei bekämpfe daS Militärsystem, bis es zerschmettert am Boden liege und beantragte eine be­zügliche Resolution, ht dec gesagt wird, das herrschende Militärsystem sichere Deutschland nicht gegen feindliche Ueberfälle, bilde eine fortdauernde Bedrohung des Vöikerfriedens und diene der kapitalistischen Klassen­herrschaft. Beantragt wurde ferner die sofortige Ein­bringung eines Antrages im Reichstage auf Einführung des Achtstundentages, eines solchen auf Aushebung der elsaß-lothringischen Diktaturgesetze, auf Beseitigung der Majestäts-BeleidigungS-Paragraphen rc.

* Die Kreisblätter sind, wie die ,Freis. Ztg.' feststellt, durch Vermittelung des Preßbureau's im preußischen Ministerium des Innern veranlaßt worden, Leitartikel für die Militär-Vorlage abzu­drucken, welche ihnen zu diesem Zweck auS dem Preß­bureau des Ministeriums des Innern übersendet werden. Es scheine, als ob dieselben Artikel für kleinere Kreis­blätter noch in verkürzter Ausgabe versandt würden.

* Essen, 14. Nov. Die in Verbindung mit der Stempel-Prozeß-Angelegenheit gegen den Chefredakteur Fusangel noch schwebende Anklage wegen Beleidig­ung von Abnahme-Beamten wird nun doch noch zur Verhandlung kommen. Die Ladung deS General- Direktors Thielen (Bruder des Elsenbahuministers) vom Phönix (Lahr bei Ruhrort), des Geueral-Direk- torS Braun von der Dortmunder Union, des Geheim­

selbst war auch bemüht, immer ein aufrichteudes Wort ihm zu spenden. Auf die früheren, unangenehmen Ver­hältnisse kam man dabei nicht zurück, ebenso wenig wie auf die Vorkommnisse in der Grube, an weich' letzteren bei beiden Männern auch nur verschwommene Vorstellungen zurückgeblieben waren.

Heute langte Franz wieder in recht niederge­schlagener Stimmung im Hause des alten Köhlers an und erfuhr hier zu noch größerem Leidwesen, daß der Steiger zur Erledigung verschiedener Angelegenheiten zum Bergamt in Die nahe Stadt beschicken worden sei. Hoffentlich werde er aber nicht mehr allzu lange bleiben, so meinte Mutter Köhler, und forderte Franz auf, so lange einzutreten und die Rückkunft ihres Mannes abzuwarten.

Franz war diese freundliche Einladung gar nicht angenehm. Er fürchtete, in dem Hause vielleicht den beiben Mädchen Lisbeth und Marie zu begegnen, vor welchen er feit feinem zweideutigen Verhalten nach dem Bergfest auf dem Pappelhof immer eine gewisse Scheu verspürte.

Auch hatte er von der bis vor wenig Tagen dauern­den wackeren Verpflegung der 'armen BergmannSftan und ihrer Kinder durch die Mädchen gehört, und einem solchen Heldenmuth gegenüber kam er sich noch ver­ächtlicher vor.