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./HF 264 Donnerstag, den 17. November 1892.
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* Das Gentium und Gaprivi.
Wenn eine gewisse Prtsse ihre Betrachtungen über die muthmaßliche Stellung des Centrums zur Militärvorlage anstellt, geht sie regelmäßig von der Voraussetzung aus, dem Centrum liege ungemein viel an der Erhaltung des Grafen Caprivi in seinem Amte, weil es mit ihm die besten Geschäfte machen zu können glaube. Gewiß, wir sind dem neuen Reichskanzler mit großem Vertrauen entgegengekommen, und das Centrum hatte in der ersten Zeit ein großes Interesse daran, seinen Sturz zu verhindern. Für seine Person verdient er auch die höchste Achtung; er ist tüchtig, ehrlich, offen, nicht, wie Bismarck, von Haß und Voreingenommenheit gegen alle beherrscht, die eine von der {einigen abweichende Meinung haben. Ec hat insbesondere das Centrum stets anständig behandelt, was es seit 20 Jahren nur in einigen lichten oder vielmehr bedrängten Augenblicken deS leitenden Staatsmannes gewohnt war. Allerdings überwand er die Centrumsscheu nicht ganz und hütete sich ängstlich vor dem Schein, das Centrum irgend bei seinen Plänen zu Rathe gezogen zu haben. Bei dem Volksschulgesetze z. B. versicherte der Kultusminister v. Zedlitz ausdrücklich, er habe mit Mitgliedern aller Parteien über die Vorlage gesprochen, nur mit dem Centrum nicht; damals war Graf Caprivi noch leitender Minister in Preußen, er hatte eS also nicht für nöthig oder klug befunden, aus dem Centrum Jemand sich äußern zu lassen. Derartiges hat uns indessen nicht verstimmt; wir haben gern anerkannt, daß er Rücksichten zu nehmen und die protestantischen Vorurtheile bis sebr hoch hinauf zu schonen hat. Wir haben nie vergessen, daß an seiner Stelle ein viel Schlimmerer stehen könnte und es hat Augenblicke gegeben, wo sicher ein Schlimmerer gekommen wäre, wenn er hätte abtreten müssen. Sehen wir aber des Näheren zu, was denn Caprivi so Großes für uns gethan hat, daß er auf besonderen und dauernden Dank, auf unerschütterliches Vertrauen Anspruch machen könnte, so wird nicht viel zu finden sein. Sein Verdienst ist wesentlich negativ: er hat uns nicht direkt und angreifend schlecht behandelt und hat Schlimmeres verhindert. In den offiziösen Blättern sind die Angriffe und Verleumdungen gegen die „ultramontanen Reichsfeinde" eingestellt worden; in den parlamentarischen Körperschaften hat man von Seiten der Regierung das Centrum anständig behandelt, und wir wollen sogar zugeben, daß es nicht blos deshalb geschah, weil man es nöthig hatte. Vielleicht ist man auch in Personenfragen etwas rücksichtsvoller gegen die Katholiken gewesen, wenngleich in hervorragende Staatsstellen auch unter Caprivi kein entschiedener Katholik gelangt ist. Die Regelung der Sperrg>lderfrage ist dem jetzigen Reichskanzler nicht zu verdanken, denn sie war schon unter seinem Vorgänger in die jetzigen Wege geleitet worden. Die Jesuitenfrage steht noch auf dem alten Fleck, ja, Graf Caprivi hat sogar dem rasenden liberalen See vergebens das Opfer gebracht, öffentlich und feierlich zu erklären, Preußen werde im Bundcs-
Im Wetter geschüttelt.
Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach
(30. Fortsetzung.)
Auch der Doktor sah ein, daß hier Fäden gesponnen waren, welche gewöhnliche Augen nicht gesehen hatten, sei es nun, daß Marie bloß entern plötzlichen inneren Antriebe und dem Mitleid mit dem Kranken gefolgt war, oder sei es, daß das stille Mädchen schon lange eine geheime Neigung hegte, die bei dem traurigen Anblick des Geliebten jetzt gewaltsam zum Durchbruch gekommen war. Dr. Knauer schien aber gar nicht sehr entrüstet über die Aufregung, welche so unerwartet in die stillen Räume des Krankenhauses gedrungen war, sondern er trat ganz ruhig an die Thüre des Nebenzimmers und sah mit beifälligen Blicken auf die Scene, die sich dort abspielte.
Marie kniete noch immer vor dem Bette.
Sie hatte die Hand des Kranken erfaßt, und heiße Thränen stürzten aus ihren Augen darauf nieder. Franz aber, welcher bisher nur in wilden Träumen phantasirte, hatte den Kopf nach ihr gewendet; seine Augen gingen wie suchend durch das Zimmer und blieben dann auf der neben ihm Knieenden haften, während seine bleichen Lippen leise zwar und wie erstaunt über die ungewohnte Umgebung, aber doch ruhig und klar fragten:
rathe gegen einen Antrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes stimmen. In so schroffer Weise hat sich nicht einmal der Fürst Bismarck in dieser Frage den Rückzug verlegt. Beim Bundesrathe liegt feit Jahr und Tag friedlich und still der bayerische Antrag auf Wiedergutmachung des den Redemptoristen geschehenen doppelten Unrechtes. Hätte der Reichskanzler nicht wenigstens sorgen können, daß diese Angelegenheit befriedigend geregelt wäre? Daß die Entscheidung nur von seinem persönlichen Willen abhängt, darf man doch wohl nicht bezweifeln. In der Schulfrage hat er allerdings guten Willen bewiesen, aber es hat sich ja gezeigt, daß er die Macht nicht in Händen hatte. Jetzt hat er hier gar nichts mehr zu bieten. Also was haben wir Großes an Caprivi, daß wir um ihn sollten weinen? Das Arbeiterschutzgesetz entspricht langgehegten Wünschen des Centrums, wäre aber unter jedem Nachfolger Bismarcks zu Stande gekommen, weil der Kaiser hier die treibende Kraft war. Konnte man früher befürchten, ein Sturz des Grafen Caprivi möchte eine zweite und schlimmere Aera Bismarck bringen, so ist jetzt jeder Gedanke hiervon ausgeschlossen. Eher wäre zu fragen, ob wir denn wirklich erheblich zurück wären, wenn Bismarck das Heft noch in Händen hätte? Daß an Caprivis Stelle ein gefährlicher Gegner der Katholiken treten würde, ist nicht mehr wahrscheinlich; die Zeiten sind nicht mehr darnach. Wir wollen keineswegs sagen, daß wir den Grafen Caprivi gern von seinem Platze haben möchten, durchaus nicht. Wir wollen nur sagen, daß uns die Erhaltung seiner ohnehin schon einen hippokratischen Zug tragenden Person im Amte nicht den Werth zu haben scheint, daß ihretwegen, wenn es sich darum handelte, das Centrum für eine so ungeheuerliche und von den Centrumswählern wohl ziemlich einstimmig verurtheilte Vorlage, wie die Militärvorlage, stimmen könnte. Das Opfer scheint uns Graf Caprivi um so weniger werth zu sein, als damit sehr wahrscheinlich die Existenz des Centrums und die Eintracht in der CentrumSpartei aufs Spiel gesetzt wäre.
Deutsches Deich.
Berlin, 15. November.
* Die Generalsuperintendenteu der preußischen Landeskirche sind heute hier zusammengetreten, um über den Streit des Apostolikums (Fall Har- nack) zu berathen. Ein Ekgebniß ist noch nicht bekannt.
* Wird die Militärvorlage zurückgezogen? Zu dieser Frage, welche die nationalliberale .Berliner Börsen-Zig.' aufgeworfen hat, bringen auch die .Leipziger Neuesten Nachrichten', in welchen der National- liberale Hans Blum dieser Tage erst seine Unterhaltungen mit Bismarck veröffentlicht hat, ihren Beitrag. Die .Leipziger Neuesten Nachr.' kommen auf die kürzlich von München aus verbreitete, aber auch bestrittene Mittheilung zurück, wonach die Könige von Sachsen und Württemberg, sowie der Großherzog von Baden bei den Manövern ittt Elsaß mit
„Marie, Du bist es?--Wo bin ich?--
Was soll das?"
Es war der erste lichte Moment, welchen Franz nach der Katastrophe hatte.
Der Doktor athmete bei diesen Wahrnehmungen wieder freudig auf und flüsterte vor sich hin: „Gott fei Dank! nun ist er gerettet." — Dann trat er leise näher und indem er Marie die Hand auf die Schulter legte, sagte er: „Kommen Sie, Kind, wir dürfen den Kranken nicht zu sehr aufregen; wenn er gesund ist, sehen Sie ihn wieder."
Ganz verwirrt und tief erröthend über ihr Verhalten, dessen Ungewöhnlichkeit ihr jetzt erst klar wurde, erhob sich Marie und trat wieder heraus in das Zimmer des alten Steigers. Der Sanitäts-Rath aber schellte der Krankenschwester, machte derselben Mittheilung, daß die Krisis bei dem Kranken vorüber sei, und gab Maßregeln, daß derselbe jetzt Ruhe haben müsse.
Franz schloß auch schon nach wenigen Minuten wieder die Augen und sank in einen tiefen Schlaf.
Der alte Doktor lauschte noch einen Augenblick mit Befriedigung auf die tiefen Athemzüge des Kranken und trat dann ebenfalls in das Zimmer Köhlers, wo sich noch immer Alles stumm gegenüberstand: auf der einen Seite Marie, in tiefer, jungfräulicher Verschämtheit, daß ihre Gefühle, die sie so lange geheim gehalten, offenbar geworden waren; auf der anderen Seite aber
dem Kaiser die durch die Militärvorlage hart zugespitzte Lage zu besprechen und die Möglichkeit zu erörtern, beabsichtigt hätten, wie die Kluft zwischen dem Kaiser und Bismarck zu überbrücken sei. Das Blatt behauptet, trotz aller Dementis beruhe diese Nachricht auf voller Wahrheit. Späterhin feien erfolgreiche Verhandlungen in dem gedachten Sinne geführt worden und sollten eingehende Besprechungen auf dem Jagdgebiete zu Moritzberg stattfinden, wohin der Kaiser kommen wollte. Diese Absicht sei jedoch wieder auf- gegeben worden wegen der Einladung des Königs von Sachsen zur Jagd nach Königswusterhausen. Die dortigen Besprechungen zwischen dem Kaiser und König Albert dürften von maßgebendem Einfluß auf das Schicksal der Militärvorlage sein. — Es liegt nahe, auch diese „Enthüllung" auf den Besuch BlumS bei Bismarck zurückzuführen. Wer nun Lust hat weitere Vermuttzungen anzustellen, kann darauf Hinweisen, daß König Albert am Freitag Abend mit dem Kaiser von Königswusterhausen zurückgekommen ist, und der Kaiser am Samstag Vormittag in Potsdam mit dem Reichskanzler konferirte und darauf den Vortrag desGeneral- stabs-Chef Grafen v. Schlieffen entgegennahm. In welcher Weise die Besprechungen zwischen den beiden Monarchen „von maßgebendem Einfluß" auf das Schicksal der Mckitärvoilage sein sollen, sagt das Leipziger Blatt nicht, es kann aber doch nur ein ungünstiges Schicksal gemeint sein. Undenkbar scheint uns jedoch, daß jetzt noch könne auf die Einbringung der Vorlage verzichtet werden. Wenn also der König von Sachsen überhaupt etwas hat ausrichten wollen und ausgerichtet hat, so könnte es nur sein, daß die Ablehnung nicht mit der Auflösung des Reichstags beantwortet werden soll. Diese Ablehnung aber wird mit jedem Tage sicherer.
* lieber die Steuervorlagen urtheilt das Hauptorgan der Centrumspartei, die ,Germania', wie folgt: „Die Vorlagen selbst und ihre Begründungen und Anlagen sind tüchtige Arbeiten, und eine Reihe richtiger Grundgedanken sollen, nachdem sie Jahrzehnte lang zur Erörterung standen, durch sie verwirklicht werden. Daß Anfechtbares bleibt, daß im Einzelnen Gegensätze aufeinander platzen werden, daß sogar Einiges zwischen den Zeilen gelesen werden muß, bleibt dabei bestehen. Es ist z. B. sicher, daß die Vorlagen den Ersatz des Staates für die an die Gemeinden abzutretenden Ertragssteuern sehr reichlich bemessen. Der Staat tritt Steuern ab von einem theils fixirten und theils seiner Natur nach nicht rasch steigenden Ertrage, er behält aber die neuen Einkommensteuer-Erträge der lex Huene, die beide schon jetzt zu niedrig angeschlagen und beide auch noch steigen werden; es wird sich daher fragen, ob die neue Vermögenssteuer als dritter Ersatz überhaupt erforderlich ist, oder ob sie nicht wenigenS ihrem Charakter als „Ergänzung" gemäß unter einer Maximalgrenze so beweglich gemacht werden soll, daß sie niedriger wird oder ganz wegfallt, je nach den Erträgen der Einkommensteuer und der lex Huene. Es wird sich ferner fragen, ob
die Köhler's, Vater, Mutter und Lisbeth, alle sprachlos vor Staunen über die Vorgänge, welche sich soeben vor ihren Augen abgespielt hatten.
Ein freundlich verschmitztes Lächeln glitt über die Züge des alten Herrn, als er die allgemeine Verlegenheit bemerkte. Wie um sich noch länger an dem Anblick zu weiden, holte er bedächtig seine Tabaksdose aus der Tasche und nahm in aller Gemüthsruhe eine Prise. Dann erst klopfte er der erröthenden Marie zuttaulich auf die Schulter und sagte:
„Sehen Sie nun, wie so ein junges Blut oft mehr fertig bringt, als wir studirten Leute mit all' unserer Kunst."
„Doch jetzt ist es Zeit," fuhr er, zu den Anderen gewendet, fort. „Zuviel Aufregung könnte meinen Patienten schaden. Hoffentlich wird es nicht mehr lange dauern, bis wir Alle uns gesund Wiedersehen. „D'rum wollen wir jetzt den Abschied kurz machen."
Die Zeit des Besuches schien Allen viel zu schnell verlaufen zu sein; noch kaum hatte man ein Wort gesunden, um über die Erlebnisse der letzten Zeit zu berichten ; dazu war jetzt auch der Zwischenfall mit Maria und Franz gekommen, den man sich gar nicht erklären konnte. Doch das Drängen des Arztes ließ keinen Aufschub mehr zu. So reichte man sich denn endlich still die Hand mit der Hoffnung auf eine baldige Wiederholung des Besuches, und dann traten die drei Frauen