JW 261 Sonntag, den 13. November 1892. 19. Ilchrgarg
FuldaerMZeitiing
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△ Eine berlinisch-wienerische Gründung.*)
Berlin, 10. Novbr.
Von dem Ronacher-Theater in Berlin, das vor anderthalb Monaten mit so riesigen Fanfaren eröffnet wurde, haben wohl viele Leser in Folge des großen Reklame- geschrei's etwas vernommen. Ich will sie aber keineswegs einladen, die Vorstellungen auf dieser „allerfeinsten" Tingeltangelbühne zu besuchen, sondern vielmehr zur Betrachtung der blutigen „Gründung" des soeben ausgebrochenen Krachs. Man kann da recht hübsch sehen, „wie es gemacht wird."
Der Linden-Bauverein konnte seine Grundstücke an der berühmten Straße „Unter den Linden" nicht recht verwerthen. Denn obscyon die „Linden" als die vornehmste Straße Berlins gelten, geht eS doch mit dem Handel und Wandel dort nicht recht vorwärts; die beste „Geschäftsgegend" befindet sich nicht dort, sondern in der Friedrichs- und Leipzigerstraße. Die löbliche Aktiengesellschaft kam nun auf die an sich nicht üble Idee, zwischen Linden- u. Behrenstraße ein Riesengebäude mit einem Theater, einem Restaurant, einem Hotel, einem Cafs und einem Durchgang anzulegen. Sie nahm aber diese Gründung nicht ganz aus ihre Schultern, sondern zog Herrn Ronacher von Wien zu Hilfe. Herr Ronacher hatte als Begründer und Verwalter Verschiedener amüsanter Anstalten in dem lebenslustigen Wien sich Erfahrung und einen Namen erworben, aber das große Geld fehlte ihm. Trotzdem übernahm er die Einrichtung eines Theaters, dar ein Anlagekapital von vielen Hunderttausenden und seine Jahresmiethe von 350,000 Mk. erforderte. Ehe das Theater eröffnet werden konnte, starb Herr Ronacher. Seine Wittwe und die zwei Söhne traten an feine Stelle in den Vertrag, die Söhne übernahmen nicht allein die Vollendung des Theaters, sondern auch die Restauration, das Hotel, das Caf4, also den ganzen Inhalt des großen Gebäudes, und luden sich dadurch neben den Gagen und sonstigen Spesen — die Last auf, etwa 2000 Mk. täglich als Miethe an dm Linden-Bau-- verein zu zahlen. Wohlverstanden, täglich rund 2000 Mk.! Den Linden-Bauverein wird man vielleicht auf den erstm Blick für leichtsinnig haltm, weil er mit kapitallofen Leuten sich in ein so riesiges Geschäft ein» ließ. Aber die Aktiengesellschaft ist nicht so dumm, wie sie auSsieht. Sie war die Nächste an der Quelle; -jeden Abend nahm sie ihren Theil von der Tageseinnahme vorweg. Obendrein hatte sie sich im Vertrag so maßlose Rechte Vorbehalten, daß sie jeden Augenblick, so bald die Zahlung stockte, die Herren Ronacher auf's Pflaster setzen und die ganze Einrichtung für sich .in Anspruch nehmen konnte.
Da haben wir ein treffliches Beispiel von dem unbemittelten Zwischenglied, das bei Gründungen so oft eine verhängnißvolle Rolle spielt. Die Lieferanten, die Handwerker, Künstler und alle sonstigen Gläubiger, waren auf die Firma Ronacher angewiesen; an den eigentlichm Unternehmer und Herrn, die Aktiengesellschaft, konnten sie nicht heran. Der nominelle Schuldner hatte kein Vermögen hereingebracht; die Gläubiger konnten alfo nur in dem, was sie selbst in das Haus geschafft hatten, einen Rückhalt für ihre Forderungen sehen. Dieser Rückhalt wurde ihnen aber entzogen durch die Abmachungen Ronacher's mit der Ballgesellschaft, wonach diese das erste und allein wirksame Pfandrecht sich verschaffte.
Ganz ähnlich liegen die Dinge bei einem großen Theil der Berliner Neubauten. Der Baustellenbesitzer ist wohlhabend, aber baut trotzdem ober vielmehr gerade deshalb nicht selbst, sondern verkauft das Grundstück recht theuer einem Mann, der nichts hat. Der Kaufpreis und ein erstes Stückchen Baugeld werden zunächst hypothekarisch eingetragen. Weitere Baugelder läppert sich der „Bauherr" für Hypotheken zweiten und dritten Ranges zufammen, natürlich mit Damm. Soweit eS ihm eben möglich ist, läßt er die Arbeiten auf Borg machen. In der Regel pflegt schon der Krach einzutreten, ehe das Haus ganz fertig ist; sonst kommt er bald darnach. Die unbezahlten Handwerker haben das Nachsehen. Und wenn auch ihre Forderungen ganz hinten auf dem Hypothekenblatt stehen, so hilft ihnen das meistens auch nichts. Die letzten Hypotheken fallen aus; der frühere Besitzer der Bau-
♦) Nachdruck verboten.
stelle ober ein zweiter Hypothekargläubiger oder ein stiller Genosse derselben ersteht das Haus in der Subhastation recht billig. Nun ist der Unternehmer „sanirt", die Mietherttäge können diesen Schleuderpreis recht schön verzinsen. Der „Bauherr" ist kreuzvergnügt; er leistet den üblichen Offenbarungseid und kehrt in den Schooß seiner Familie zurück, die von den Abfällen der „Baugelder" ein vergnügter Leben führt. Die geprellten Handwerker schreien, aber es hilft ihnen nichts. Und wenn man ihnen sagt, sie hätten nicht so leichtsinnig auf Kredit arbeiten und liefern fallen, so ist die Antwort: Wir kriegen ja keine Arbeit für uns und unsere Gesellen, wenn wir nicht Kredit gebe» wollen!
Mancher der Lieferanten und'Handwerker sucht sich nun für das Risiko durch sehr hohe Preise schadlos zu halten. Freilich kann die doppelte Kreide auch nicht helfen, wenn der Schuldner überhaupt nicht zahlt!
In dem Fall Ronacher zeigt sich auch die Ueber- forderungskunst in höchster Blüthe. Ein Prager Möbellieferant stellte für die Herren Ronacher eine Rechnung von 800,000 Mark auf. Als ihm« der Linden- Bauverein das Unsinnige dieser Summe vorhielt, verstand er sich dazu, 300,000 M. von seiner Forderung zu streichen. Daraus folgt, daß er um mehr als 300,000 M. den Unternehmer übervortheilt hatte. Die besitzlosen Herren Ronacher hatten sich kaltblütig verpflichtet, diesem „Geschäftsfreunde" täglich 2000 Mark abzuzahlen auf feine horrende Forderung. Also auf 400 Tage hinaus hatten sie von den Tageseinnahmen 4000 M., zur Hälfte für Prag, zur Hälfte als Miethe, festgelegt. Und dieser Biedermann aus Prag war gerade derjenige, der die Sache zum Krachen brachte, indem er bei dem Ausfall von ein ober zwei Tageszahlungen sofort mit Zwangsmaßregeln drohte.
Im Ganzen hatte sich die unbemittelte Firma Ronacher eine Schuldenlast von einer Million aufgeladen. DaS einzige Attivum demgegenüber ist das Inventar im Hause, das die Gläubiger-Versammlung auf 200,000 M. Zwangsverkaufswerth schätzte. Bei einem Konkurs würden also die Gerichtskosten wahrscheinlich gedeckt werden. Ob für die Gläubiger sonst noch waS abfiele, würde von sehr zweifelhaften Prozessen gegen die Verträge der Aktiengesellschaft abhängen. Darum suchen die Gläubiger den Konkurs zu vermeiden. Um so mehr, als daS Theater bisher sehr stark besucht war und die ganze Tageseinnahme im Durchschnitt 9000 M. betrug.
Man bedenke, welch' eine riesige Summe die Berliner und die in Berlin herum bummelnden Fremden für ihr „Vergnügen" aufwendm müssen, wenn schon dieser eine Unternehmen Tag für Tag 9000 M. Einnahme zu verzeichnen hat.
Und was für ein Theater ist das? Ein prachtvoll eingerichteter Tempel, aber nicht ein Tempel der Kunst, sondern der Sinnenlust in ihren verschiedensten Schatttrungen. Die Anlage und die Ausstattung sind in der That großartig und man könnte dem Unternehmen alles Gutes wünschen, wenn auf der Bühne solide Sachen vorgeführt und für Ungemischtheit des Publikums gesorgt würde. Aber dahin wird es wohl nicht kommen. Denn je solider, desto öder! — werden sich die Unternehmer und die Gläubiger sagen. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, wie sehr sich in Berlin sowohl die Zahl, als die Frivolität der sogen. Varioto-Theater vermehtt. Lokale zum „Bummeln" mit „pikanter" Augen- und Ohrenweide. In diesem Genre wollte das Ronacher-Theater das „Höchste" leisten, und hat ja auch für die ersten sechs Wochen einen prächtigen „Kassenrapport" erzielt. Ich glaube aber, daß diese ganze „höhere Tingeltangelei" in Berlin dem Krach zntteibt. Die Konkurrenz wird zu groß, die Ansprüche des Publikums steigen immer höher, die „Direktionen" greifen zu immer bedenklicheren Sachen, um das blastrte Publikum zu reizm, und werden endlich eine kräftige polizeiliche Gegenwirkung heraufbeschwören. In diesem Tingeltangel- Kampf um's Dasein müssen bald die schwächeren zum Opfer fallen.
Die Ronacher-Gläubiger irrten sich aller Wahrscheinlichkeit nach sehr, wenn sie glauben, daß fort und fort 9- oder wenigstens 8000 Mk. täglich eingehen werden. Vorläufig hat sich der Reiz der Neuheit wirk- fam gezeigt, der ja durch die Preßreklamen besonders angestachelt war. Aber ich kenne manche Leute, die einmal „der Wissenschaft halber" dagewesen sind und sich auf Nimmerwiedersehen empfohlen hatten. Mit den
unbezahlten Handwerkern und Künstlern, die solide geliefert haben, muß man ja Mitleid haben; aber sonst ist der Krach gar nicht vom Hebet, sowohl in sittlicher, als in wirth'chastlicher Hinsicht. Diese Erfahrung dämpft das Gründungsfieder etwas ein und predigt Vor ficht bei Geschäften, die mit einem kapital- losenZwischengliede abgeschlossen werden. Nebenbei kann man auch wieder einmal daraus lernen, daß der Borger zu theuer kaust.
Ueber die Wiener in Berlin ließe sich ein langes Kapitel schreiben. Die „Phäakenstadt" an der Donau hat uns eine Menge von „Bergnügungsräthen" hierhergeschickt. Man muß anerkennen, daß einige davon sich redlich verdient gemacht haben um die Besserung und Verschönerung des Berliner WirthschaftSbettiebeS, allerdings nicht um die Verbilligung. Aber die Wiener Errungenschaften haben leider zwei ©eiten. Es gibt Wiener Cafo's, die mit ihrem reichen Zeitungsvorrath, ihrer prompten Bedienung und ihren sonstigen prakti» schm Einrichtungen ganz musterhaft sind, und daneben gibt es eine Menge Wiener Cafo's, die sich als die scheußlichsten Brutstätten der Liederlichkeit darstellen. Die eingewanderten Unternehmer von Wien sind kühn imb geschickt, aber vielfach mit einem weiten Gewissen versehen. Daß man dem Selbe seine Herkunft nicht anriecht, scheint ihre Lieblings-Parole zu sein. In Norddeutschland herrscht durchschnittlich mehr Steisheit mtb Langsamkeit, aber dementsprechend auch mehr Solibität. Aber schließlich brauchen wir bett Oesterreichern auch keine Kapuzinerpredigt zu hatten, beim es wirb überall mit Wasser unb vielfach mit schmutzigem Wasser gekocht. Die Millionenstäbte werden immer internationaler in dem ganzen Leben und Treiben, besonders aber in den sogen. Vergnügungen. Die Frivolität ist eine Epidemie, die sich noch schwerer als die Cholera abwehren läßt.
Deutsches Deich.
Berlin, 11. November.
* Deutsche Ordensverleihungen an Franzose« sind erklärlicher Weise selten. Der.Reichsanzeiger, veröffentlicht heute die Seitens des Kaisers erfolgte Verleihung des Kronenordens 2. bezw. 3. Klasse an den Kommandanten des stanzösifchen Kriegsschiffes „Hugon" und an den stanzösischen Schiffslieutenant Garnier.
* Der Pariser ,Matin' meldet: Am Samstag Nachmittag ? Uhr erfolgte in Petersburg die Unterzeichnung des PrälimiNSr-Bertrages der russisch-französischen Allianz. Die .National-Zeitung', der diese wegen der derzeitigen Abwesenheit beS französischen Botschafters in Petersburg von seinem Posten wenig wahrscheinliche Nachricht übermittelt wirb, bemerkt dazu: „Möglicherweise ist bie an sich unrichtige Meldung deS ,Motin' das Echo eines wirklichen Vorganges.
* Gestern, am Tage der Hinrichtung der Chicagoer Anarchisten, sollte hier eine anarchistische Zeitung erscheinen unb zwar in einer Auflage von 4000. Als bie ersten 500 Exemplare gebrückt waren, würben biese polizeilich beschlagnahmt, ber Satz zerstört unb ber Rebaktenr verhaftet. Letzterer würbe am Äbenb wieder auf freien Fuß gefetzt.
* Die türkische Regierung hatte bas Centtal- Komitee beS deutschen Rothen Kreuzes ersucht, ihr bei ber Herstellung unb inneren Einrichtung eines Baracken-LazarethS von 200 Betten behilflich zu sein. Dem ist entsprochen worben unb schon in ben nächsten Tagen geht baS Lazareth nach Konstantinopel ab. Gestern würbe basselbe vom türkischen Botschafter besichtigt, ber sich ebenfo wie bie anwesenden sachverständigen Autoritäten äußerst anerkennend über die Zweckmäßigkeit der Einrichtungen deS LazarethS aussprach.
* Auf der Tagesordnung der gestrigen Bundes» rathSsitzung, stand die Militärvorlage nicht. Die Ausschüsse, denen die Vorberathung oblag, schlagen verschiedene Aenderungen in der Begründung vor, wozu sich einige BundeSrathSbevollmächtigte erst die Instruktionen ihrer Regierungen einholen. Bis dahin bleibt die Beschlußfassung im BundeSrathe ausgesetzt. Die Vorlage soll übrigens dem Reichstage bei seinem Zusammentritt am 22. b. Mts. zugehen. Die Vorlagen, betreffenb bie Deckung ber Mehrausgaben sollen bis Weihnachten fertig gestellt fein. Dem BunbeS- rathe sinb nun auch ber Militär - unb der Marine- Etat zugegangen.
* Heute würbe mit dem Abbruch deS Baugerüstes deS neue« Reichstagsgebäudes begonnen. DaS