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Samstag, den 12. November 1892. 19. Jahrgang

uldilerWZeitling

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Deutsches Keich.

Berlin, 10. November.

* Die bei der gestrigen Eröffnung des preußischen Landtages vom Minister-Präsidenten Grafen Eulenburg im Auftrage des Kaisers verlesene Thronrede trägt einen rein geschäftsmäßigen Charakter. Der Varziner Nörgler, der in den letzten Tagen auch mit den „Phrasen" der Thronreden sich mehrfach beschäftigte, obgleich er doch 28 Jahre lang dieselben besorgen mußte, wird in der gestrigen Rede keine „Phrasen" finden. Sie ist streng sachlich, wenn auch gier und da nicht ganz be­stimmt. Sie wurde mit lautloser Stille angehört, an keiner Stelle erhob sich ein Beifallsruf. Das Bild unserer preußischen Finanzen, welches zu zeich­nen war, ist ja auch durchaus kein erfreuliches, und im Schatten der Militär-Vorlage, die ja im Reiche bedeu­tende Erhöhungen der Belastung erfordert, wird das Bild noch dunkler. Der Haupttheil der Rede aber, die Steuer-Reform, behandelt zwar eine nothwendige und populäre Aufgabe, aber von Erleichterungen kann ja auch hierbei keine Rede sein und die Einzelausfüh­rung wird schwere Arbeit kosten und die Gegensätze der Interessen hart aufeinander stoßen lassen. Betreffs der Wahl-Reform aber enthält die Rede gar nichts Concretes, und die Ankündigung, die Gesetzes-Vorlage darüber solle „sobald als thunlich" vorgelegt werden, scheint sogar die Möglichkeit off.-n halten zu wollen, erst die Steuerfrage zum Abschluß zu bringen und dann die Wahl-Reform zu betreiben, während doch auf keinen Fall auch nur noch die nächstjährigen Herbst­wahlen ohne vorherige Wahl-Reform stat'.finden dürfen und der Landtag den Abschluß der Steuer- Reform nicht bewilligen darf, ohne einer auch ihm zu­sagenden Wahl-Reform sicher zu fein. Was den In­halt der Eröffnungsrede im Einzelnen angeht, so sind die Darlegungen, so weit sie überhaupt in die Sache eingehen, klar genug, um für Jedermann verständ­lich zu sein, der sie mit Aufmerksamkeit liest und be­dürfen also keiner weiteren Umschreibung und Erläute­rung. Man kann nur Einiges herausheben. Die Rech­nung des Jahres 1891/92 hat, wird uns gesagt, wesentlich in Folge der Steigerung deS Ausgabebedarfs bei den Staatseisenbahnen mit einem Fehlbeträge von mehr als 42 Millionen Mark abgeschlossen. Die erforderliche Vorlage wegen Deckung dieses Be­trages durch Aufnahme einer Anleihe wird folgen. Auch für das laufende Jahr kann nach den bisherigen Ergebnissen ein günstiger Abschluß nicht erwartet werden, da insbesondere die Einnahmen der Staats­eisenbahnen unter der durch das Auftreten der Cholera verschärften Ungunst der wirthschaftlichen Ver­hältnisse nicht unbeträchtlich hinter dem Vor­anschläge zurückbleiben. Diese Lage der wirthschaft­lichen Verhältnisse Deutschlands uno diese Lage der Finanzen des größten deutschen Staates sind natürlich nicht sehr ermuthigend, um noch im Reiche für die Armee ungeheuere Summen zu bewilligen, die ein großer Theil der militärischen Fachmänner theils nicht für

Im Wetter geschüttelt.

Tine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach

(26. Fortsetzung.)

Endlich war Allen ihre letzte Ruhestatt angewiesen und die Geistlichkeit verrichtete die Gebete für die Ver­storbenen.

Als diese vollendet waren, trat der greife Pfarrer von Kohldorf, fo daß ihn alle sehen konnten, auf den hohen, aus dem Grabe ausgeworfenen Erdhügel, um die Leichenrede zu halten, wie es bei dem außergewöhn­lichen Ereigniß angezeiqt war.

Das Klagen und Weinen auf dem weiten Kirch­hofe, welches bei dem dumpfen Hinabsenken der Särge wieder von Neuem und in verstärktem Maße ange­hoben hatte, verstummte allmählich bei dem Anblick der bleichen gebrechlichen Gestalt, welche wie aus dem Grabe selbst erstanden und kaum noch dieser Welt anzugehören schien.

Eine Thräne stand in dem matten Auge des alten Pfarrherrn, und einen Augenblick weilte er in Betrach­tung versunken, während kein Laut mehr gehört wurde.

Endlich aber begann er mit schwacher, zitternder Stimme und schildene zunächst all' das Unglück und Elend, welches ihn rings umgab:

„Wie hatten vor Kurzem noch alle so in frischer Kraft gestanden, die starken Männer, auf welche der

erforderlich und theils nicht für richtig angewandt hält. Dazu bei der sichern, in den letzten Monatsrech- nungen schon bestätigten Aussicht, daß nicht nur, wie selbstverständlich war, wegen des neuen Zolltarifs die eigenen Einnahmen des Reiches abnehmen wer­den, sondern auch noch wegen der allgemein anerkannten Ungunst «er wirthschaftlichen Verhältnisse. Für den neuen preußischen Staatshaushalt von 1893/94 rechnet man, wie die ,Germania' hervorhebt, auf ein Defizit von 50—60 Millionen Mark, obgleich man in allen Ressorts sich der höchsten Sparsamkeit beflissen und der Finanzminister dazu gedrängt hat. Und doch Steigerung der Armeelasten in solchem Grade — man kann ja Anleihen in den Einzelstaaten machen, sie decken ja die Defizits. Nun — das Ende trägt die Last. Wenn unter der nothgedrungenen Sparsamkeit die begonnene Aufbesserung der Beamten­besoldungen fast ganz stockt, und wenn zwar Vor­schläge wegen Erweiterung, Vervollständigung und besserer Ausrüstung des Staatseisenbahnnetzes auch in diesem Jahre erfolgen sollen, aber nur in einem durch die Finanzlage des Staates bedingten beschränkten Umfange, fo daß also auch hier die Aufträge für die Industrie und die Beschäftigung der Arbeiter abnehmen werden, und so die wirthschaft- liche Depression noch verstärkt wird — so sind das Alles Dinge, welche die finanzielle und wirihschaftliche Zulässigkeit einer ungeheueren Steigerung der Militär­lasten ins rechte Licht stellen und die Stimmung dafür in immer weiteren Interessentenkreisen sogar selbstverständlich sehr heben werden. Erwähnen wir nun noch, daß das sogenannte Komptabilitäts- g es e tz, d. h. die gesetzliche Feststellung der Grundsätze für die Veranschlagung, Führung und Kontrolle des Staatshaushalts in dieser Session noch nicht er­scheinen wird, io ist mit Ausnahme der Steuer­reform der Inhalt der Eröffnungsrede erschöpft. Ueber diese Reform aber gibt sie ein möglichst ein­gehendes Bild, dem wir noch besondere Aufmerksamkeit widmen werden. — Der Mangel eines Passus über die „Auswärtige Lage" in der Thronrede hat nichts Auffälliges; auch in den Thronreden der letzten Jahre war ein solcher Passus nicht enthalten.

* Die neuen Steuerreform-Vorlagen, und zwar der Gesetzentwurf wegen Aufhebung direkter Steuer­gesetze, das Ergänzungssteuergesetz (Einführung einer Vermögenssteuer) und das Kommunalsteuergesetz, sowie die dazu gehörige Denkschrift sind bereits gedruckt aus- gegeben worden.

* Die Centrumsfraktion des Abgeordneten­hauses hielt heute vor Beginn der Plenarsitzung eine Fraktionssitzung ab, in welcher die Fraktion ihre Neu- konstituirung vornahm. Wiedergewählt wurden Abg. Dr. Frhr. von He er em an als Vorsitzender der Fraktion, zu dessen Stellvertreter Abg. General z. D. v. Glysczinski; in den Vorstand wurden außer­dem berufen die Herren: Graf Ballestrem, Briesen- bach, Dr. Brüel, Sieben, Freiherr von Huene, Frhr. v. Kehler, Kochann, Dr. Lieber, Graf Matuschka und

Bestand von Staat und Gemeinde so fest begründet schien, — die blühenden Jünglinge, die jetzt hier lägen so kalt und tobt, verbrannt zu Asche und Staub! — W'e seien sie noch zum letzten Mal vor drei Tagen voll Muth und Zuversicht an die Arbeit gegangen, die Gatten und Väter, von deren Fleiß Weiber und Kinder zehrten; wie hatten mit liebevollem Eifer die Söhne uno Brüder ihr Leben dem hehren Zwecke geweiht, ge­brechliche Eltern, unmündige Geschwister vor Roth und Entbehrung zu schützen!--Da fei der tückische

Tod gekommen und habe sie weggemäht, jäh und un- verskhens — Alle auf einmal — ohne ihnen Zeit zum Abschied von den Ihrigen zu gönnen; ja mitten in der Arbeit, ehe nur das mühselige Werkzeug niedergelegt war, habe er die Hände gefaßt mit feinen eiskalten Fingern und die Armen roeggeriffen auf Nimmer­wiedersehen !

„Daheim aber warteten vergebens die theuren An­gehörigen auf den abberufenen Ernährer: o, wie viele Wittwen würden jetzt darben — wie viele Waisen das Hungerbrod der Armuih essen müssen! Wie viele schwache Geschwister und von Alter gebeugte Eltern sehen sich erbarmungslos hinausgestoßen in den rauhen Kampf des Lebens, wo Mühsal und Entbehrung ihrer harren!

„O, wie schwer empfinde auch er selbst das Un­glück seiner Pfarrkinder, er, ihr langjähriger Hirte und

Dr. Reichensperger. Zu Schriftführern der Fraktion wurden gewählt die Herren Abgg. Schmidt (Warburg) und Graf Strachwitz. Da der Abg. Sperlich sein Amt als Schriftführer des Abgeordnetenhauses wegen Ueberhäufung mit Geschäften niedergelegt hat, wurde Seitens des CentrumS als fein Nachfolger der Abg. Jerusalem vorgeschlagen.

* Auf der Tagesordnung der heutigen Stziung deS Abgeordnetenhauses steht zunächst die Wahl deS Präsidiums. Durch Zuruf werden wiedergewählt v. Köller (kons.) als Präsident, v. Heereman (Ctr.) als erster und v. Benda (natl.) als zweiter Vizepräsi­dent. Ebenso werden die bisherigen Schriftführer wiedergewählt. Die Gewählten nehmen die Wahl dankend an. Graf zu Eulenburg bringt die Steuer­vorlagen ein und legte in längerer Rede die Ab­sichten der Steuerreform vor, die bei Erlaß des Ein­kommensteuergesetzes bereits vom Hause gebilligt seien. Er erHärte dabei, er hoffe in der Lage zu fein, im Laufe dieser Session eine Reform des Wahlrechts vor­legen zu können. Die Staatsregierung fei sich bewußt, welche große Aufgabe sie damit an das Abgeordneten­haus stelle. Eine Gesundung deS Steuersystems sei nur zu erwarten, wenn ganze Arbeit gemacht werde. Nach längerer Geschäftsordnungsdebatte wurde be­schlossen Freitag den 18. Novbr. die erste Lesung der Denkschrift und des Gesetzes über die Aufhebung der direkten Staatssteuern vorzunehmen.

* Im Herrenhause wurde daS neu eingetretene Mitglied, Fürst zu Fürstenberg, vereidigt und der An- trag Adikes, betreffend die Aenderung der für die Stadterweiterung bestehenden gesetzlichen Bestimmungen an eine Kommission verwiesen. Nächste Sitzung unbe­stimmt.

* Heute fanden Hierselbst Verhandlungen statt zwi­schen dem Präsidenten und Direktorium der Reichs­bank und dem Direktor Cremer sowie mehreren Mit­gliedern des AufsichtsratheS der landwirthschaftliche« Central-Darlehus-Kasie für Deutschland (Raiff- eisen'sche Organisation) zu Neuwied behufs Herbei­führung des Bank-Verkehrs mit der Reichsbank. Die Verhandlungen nahmen einen befriedigenden Verlauf.

* Der dem Bundesrath zugegangene Etat des Auswärtige» Amtes setzt u. A. für den Botschafter in Madrid eine Erhöhung der Miethseutschädigung und für den Botschafter in Rom eine Gehaltserhöhung fest. Beim Seminar für orientalische Sprachen, das dem Auswärtigen Amte untersteht, soll ein Lehrstuhl für Erlernung der russischen Sprache errichtet werden. Was die Kolonialetats anlangt, so balancirt der für Kamerun mit 580,000, für Togo mit 143,000 und für Südwestafrika mit 273,000 Mark.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich die Ernennung des Landraths v. Klitzing zum Reichs- bankdirekior.

* Der ,Staatsanzeiger' veröffentlicht einen Erlaß deS Kultusministers wegen der vom Magistrat der Stadt Neiße in Schlesien beschlossenen Auflösung des Realgymnasiums. Es wird darin ausgefühtt,

Seelsorger — habe er doch die meisten von ihnen selber getauft, habe sie heranwachsen sehen und an ihrem leiblichen und geistigen Gedeihen seine Freude gehabt. — O warum habe der Herr die junge Heerde geschlagen und nicht lieber ihn, den alten Hirten, hin­weggenommen, dem der Tod eine Erlösung gewesen!"

Wohl nur die wenigsten der Umstehenden hörten die flüsternden Worte, wie sie von den zitternden Lippen deS greifen Pfarrherrn floffen. Und doch öerftanben ihn Alle, unb fein Auge blieb thränenleer bei bem An­blick bes schmerzdurchzuckten Antlitzes, welchem man die Tiefe des Leides von Weitem anfah.

Als sich dbS laute Schluchzen, welches sich erhoben, wieder etwas gelegt hatte, fuhr der Pfarrer fort:

„Aber der Herr hat's gegeben, der Herr hat'S ge­nommen. Wie dürfen wir murren gegen feinen gött­lichen Rathfchluß?

„Auch uns ist eS ja gefetzt zu sterben; wenige Jahre, vielleicht nur Monate, vielleicht nur Tage unb Stunben — unb wir werben sie alle wieberfehen, bie uns um ein Kleines tiorangingen.

„Weg daher mit dem Klagen unb Weinen! — Was ist es benn, was sie verloren haben? O, nur ein Leben, fo voll Mühsal unb Bitterkeit, voll Roth unb Entbehrung, fo arm und erbärmlich; — lohnt eS sich überhaupt, dasselbe zu leben?

„Jene riest der Herr ab auS diesem Thränenthale