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19. Iahrgam

Donnerstag, den 10. November 1892.

JM 258

Die Entfernung der Juden aus Rußland.

* Die Verfolgung der Andersgläubigen in Ruß­land ist zur Zeit stärker als je. Katholiken, Protestanten, Juden und Sekttrer werden mit allen Mitteln ge­knechtet und drangfalirt. Freiheit der Religionsübung genießen außer den Orthodoxen nach alter russischer Ueberlieferung nur die Mohammedaner und Heiden. Zwar haben die Mohammedaner sich auch durch einen neuerlich ergangenen UkaS beschwert gefühlt, daß in jeder Moschee das Bildniß des Samodsrschez (Selbst­herrschers) aufzuhängen sei, indessen werden sie aus Gründen der Staatsraison sonst nicht gemaßregelt. Rußlands Vordringen in Asien würde durch eine religiöse Bedrückung der Mohammedaner auf's Aeußerste erschwert werden, z. B. würden die Afghanen bis auf den letzten Mann gegen Rußland fechten und auf die Seite Englands treten.

Im vorigen Jahre wurden von den „fremden Religionsgenoffenschaften" in Rußland die Juden am stärksten verfolgt. Seitdem Rothschild, Baron Hirsch und andere Hochfinanziers, deren Rußland bei seinen steten Geldklemmen nicht entbehren kann, sich in's Mittel gelegt habm, hat man rückstchtlich der Juden ein gütliches Abkommen getroffen. Vor zwei Monaten ist nämlich das Gesetz, welches die Auswanderung der Juden aus Rußland verfügt, nach den vom Baron Hirsch gemachten Vorschlägen endgiltig von der Regie­rung genehmigt worden. Die jüdische Bevölkerung in Rußland beziffert sich zur Zeit auf 2,855,958 Seelen. Alle diese Juoen müssen in etwa 20 bis 25 Jahren sämmtlich aus Rußland ausgewandert sein. Der Be­ginn dieser Völkerwanderung war für ben Herbst an­gesetzt; die Cholera hat aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Rach den Hirsch'schen Plänen sollen die meisten Auswanderer nach Argentinien, ein kleiner Theil nach den Bereinigten Staaten befördert werden. Die bis heute ausgewanderten Juden, die nicht durch daS Hirfch'scke Komitee befördert worden sind, sondern die selbstständig, allerdings mit Unterstützung des Ber­liner Central-Komitee's, in der Wahl ihres neuen Aufenthaltsortes waren, sind meist nach den Vereinigten Staaten, viele auch nach England gewandert. Ein kleiner Theil, noch nicht ein Prozent, wurde in Folge der neuen, die Einwanderung beschränkenden ameri­kanischen Gesetze am Landen verhindert. Im Uebrigen wurden gegen die Juden diese Gesetze sehr milde ge­handhabt, was der Fürsorge der reichen amerikanischen Glaubensgenossen in Newyork zuzuschreiben ist, die ganz bebmtenbe Bürgschaftsleistungen übernahmen. Die Nichtaufgenommenen mußten nach Rußland zurück, woselbst sie sofort von der Grenze aus, „bis auf Weiteres" nach Sibirim bezw. dem Kaukasus abge- schobm wurden.

England kennt keinerlei Beschränkung der Einwande- rung, auch keine Ausweisung von Ausländern, doch gehen die meisten russischen Juden nach einem verhältniß- mäßig kurzen Aufenthalt von England nach Amerika. Auch nach Palästina ist eine große Anzahl russischer Juden gewandert. Besonders bieten die Vereinigten

Im Wetter geschüttelt.

Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach (24. Fortsetzung.)

Es war freilich in den beschränkten Verhältnissen keine kleine Aufgabe, den verstorbenen Kameraden die letzten Ehren in aller Würde zu erweisen. Die Sarg­magazine der nahen Stadt waren bald völlig ausver­kauft und die Schreiner mußten Tag und Nacht arbei­ten, um jedem der Tobten die letzte Wohnung aus den bekannten sechs Brettchen zu zimmern. Aber da Alle redlich zusammen halfen, so gelang eS doch.

Schon am Abend des ersten und am Morgen des zweiten Tages nach der Explosion kamen aus allen Richtungen, oft Stunden wen her, einfach gezierte Särge heran auf den ärmlichen Gefährten, wie sie bei der Bergbevölkerung in Gebrauch sind. Meistens waren em oder zwei Rinder, hier und da auch ein Pferd vor­gespannt, und wo die Entfernung nicht zu weit war, mußte öfters sogar ein Handkarren oder eine Tragbahre für die letzte Reise dienen.

Indessen ging Alles so schnell nicht, wie Mancher gedacht hatte.

Zunächst mußte, wie immer bei gewaltsamen Todes­fällen, für jede Leiche ein gerichtlicher Todtmschein bei­gebracht werden.

Staaten den russischen Judm ein sehr großes Feld der Zukunft dar. Dr. Pagilski aus Posen, der vor einigen Tagen von Baron Hirsch empfangen wurde, unter­breitete demselben den Vorschlag, die Gesammtheit der russischen Juden deshalb nach den Vereinigten Staaten zu überführen. Hirsch will aber vorher nory einen Ver­such mit Argentmien machen. Im Falle dieser miß­glückt, wird die Gesammtauswanderung nach den Ver­einigten Staaten geleitet werden. Die dort ansässigen reichen Israeliten interessiren sich sehr für diesm Plan. In den letzten 20 Jahren (von 1872 an) find mit Unterstützung des Komitee's über 300,000, im Ganzen wohl eine halbe Million russische Juden nach dem „Lande der Freiheit" ausgewandert. Die junge Gene­ration assimilirte sich sehr rasch. Die Regierung der Vereinigten Staaten ist durchaus nicht, wie vielfach irrthümlich angenommen wird, gegen die Einwanderung. Wird dieser Plan so durchgeführt, wie er jetzt gesetzlich festgelegt ist, so vollzieht sich eine kleine „Völker­wanderung", wie wir sie in der Neuzeit nicht mehr gekannt haben. Rußland wird dann ein Staat nach dem Herzen der antisemitischen Parteien. In Nord­amerika aber werden die Juden sich bald zu einer be­deutenden sozialen Macht entfalten und der Zahl nach dort weit stärker werden, als sonst in einem Lande der Welt.

Deutsches Keich.

Berlin, 8. November.

♦ Der Präsident des Herrenhauses, Herzog v. Rattbor, hat sich eine Fußverletzung zugezogen und kann deshalb an der morgigen Landtagseröffnung nicht theilnehmen.

* Der weitere Ausschuß des Wahlverems der deutsch-konservativen Partei berieth heute über die Programmrevision und den Parteitag. Der dem Aus­schüsse vorgelegte Programmentwurf fordert u. A. den Ausschluß der Juden von allen autoritativen Staats­ämtern.

* Der neue österreichisch-ungarische Botschafter am hiesigen Hofe, v. Szoegyenyi, ist zur Uebernahme seiner Postens heute Mittag in Berlin eingetroffen.

* Der offiziöse Telegraph meldet aus Petersburg, daß dortselbst m den letzten Tagen die zur Berathung einer Zollkonvention mit Deutschland einge­setzte Kommission eine Sitzung abgehalten habe und daß in der nächsten Sitzung die Antwort Rußlands auf die Frage Deutschlands, welche Zollherabsetzungm man den deutschen Produkten gewähren wolle, festge­stellt werden solle. — Es ist hiernach ein schnelleres BorwärtSschreiten der deutsch-russischen Handelsvertrags­verhandlungen bezw. deren baldiger und zufriedenstellen­der Abschluß zu erwarten.

* Zur Lehrerbesoldungsfrage bringt bte ,Rordd. Allg. Ztg.' einen neuen Artikel. Das offiziöse Blatt verdreiret fich über die NothwendigkeU einen stärkeren staatlichen Einwirkung bei der Entscheidung über die Leistungsfähigkeit der Gemeinden in Bezug auf die Schulunterhaltung. Das Recht der

Um diese Formalität möglichst zu erleichtern, hatte sich in einem Saale des Zechenhauses selbst eine Ge­richts-Kommission niedergelassen.

Ihre Mühe war eigentlich keine große; es mußte nur nachgewiesen werden, daß der Betreffende an dem Unglückstage in die Grube eingefahren und daß er nicht mit den wenigen Geretteten herausgekommen sei, so stand sein Tod unzweifelhaft sch und der Schein wurde ausgefertigt.

Biel fchwieriger ist er fchon, die Leichen der ein­zelnen Personen ausfindig zu machen.

Zu dem Ende werden Alle, die einen Angehörigen vermißten, zu dem Leichenfeld drüben in dem großen Zechensaale zugelassen.

Meistens sind es Frauen, halberwachsene Kinder, schwache Greise, welchen die saure Arbeit zugefallen ist, da die kräftigm Männer noch alle in der Grube be­schäftigt sind, und sie ziehen nun in langen Trauer­zügen durch die schmalen Gänge, welche zwischen ben Leichenreihen freigelassen ftnb.

Da liegen sie Alle, bte theueren Lieben, kalt unb stumm! So Manches hätte man ihnen boch noch zu sagen, noch so Vieles sie zu fragen gehabt — und jetzt hält eS so schwer, nur auSfinbig zu machen, wo Emer hingehört!

Selbstverwaltungsbehörben, hier zu mtfcheiben, habe vielfach zu einer Stagnation (Versumpfung) in ben Schulverhältnissen auch ba geführt, wo bte Lage ber Schulunterhaltungspflichtigen sehr wohl einen Fort- schritt gestattet haben würbe. Die SelbstverwaltungS- organe seien sehr oft Richter in eigener Sache. Be­kanntlich beabsichtigt bie Regierung, sich größere Be- fugniffe geben zu lassen, um bte Gemeinden zur Auf- besserung der Lehrergehälter zu zwingen. Die ,Norbb.' weisi darauf hin, „wie ganz besonders auch in einzelnen katholischen Distrikten die Ertheilung zu weit gehender Befugnisse an die Selbstverwaltungsorgane für die Entwickelung des BolkSschulwesenS Resultate von recht zweifelhafter Güte ergeben hat." Belege wärm sehr erwünscht. Bis jetzt waren wir gewohnt, daß die drastischen Beispiele über elende Lehrerbesol- düngen und elende Schulhäuser vorwiegend aus Pornrnem, Preußen unb anderen protestantischen Gegenden kommm. Zwar wollen wir durchaus nicht leugnen, daß es ka­tholische Gemeinden gibt, wo die Behandlung der Lehrerbesoldungsfrage viel zu wünschen übrig läßt. Jedenfalls wird man aber den katholischen Gemeindm nicht vorwerfen können, daß sie weniger für die Kinder der protestantischen Minderheit gesorgt hätten, als protestantische Gemeinden für die der katholischm Minderheit. , „

* In Betreff der zweijährige» Dienstzeit ist bte Regierung entschlossen, keinerlei Konzessionen über ihren Entwurf hinaus bet Reichstagsmehrheit zu machen, fo schreibt ben ,Hamburger Nachrichten' ein national- liberaler Reichstagsabgeorbneter, bessert Mittheilungm über ben Regierungsstanbpunkt in Betreff ber Militär­vorlage sich bisher als burchaus zutreffend erwiefm habm. Die Regierung werde nicht in eine Abänderung der Verfassungsbestimmung über dreijährige Dienstzeit willigen. Auch eine andere Garantie, welche der Ein­führung der zweijährigm Dienstzeit den Charakter deS Endgiltigm aufprägte und ihre Wiederaufhebung nur im Wege der Gesetzgebung zuließe, wird voraussichtlich nicht gewährt werden. Die Thatfache, daß hiernach die Verfaffungsbestimmung über die dreijährige Dienst­zeit unberührt bleibt, daß die vielerwähnte zweijährige Dienstzeit sich lediglich als eine allgemeine Durchfühmng des Systems der Dispositionsurlauber darstellt, daß das Ganze eine Probe ist, von welcher man spätestmS nach Ablauf des Quinqumnates wieder zmückttetm kann, habe allerdings die Konservativen sichtlich mit der Militärvorlage versöhnt. Dagegen sei die CmtrumS- partei um so mißtrauischer geworden. Die Aussichten der Vorlage hätten sich deshalb nach dem näherm Bekanntwerden ihres Inhalts durchaus nicht gebessert.

* Die Erwartung, daß eS in der gestrigen General- Versammlung des deutschen Bundes für Bodenbesitz« refovm zum Bruche kommen werde, hat sich nicht er­füllt. Eine von Dr. AronS beantragte Resolution, wonach der Bund feine Hauptaufgabe in der bestän­digen Kritik der bestehenden Gesellschaftsordnung unter besonderer Betonung der Verderblichkeit der Einkommm aus Monopolen und Renten erblicken sollte, wurde ab- gelehnt. Mit der Annahme dieser Resolution würde

Gleichmäßig sind alle Leichen mit Kohlmstaub unb Ruß bebeckt, aber boch sehr verschieden hat der Tod seine Spuren hinterlassen.

Biele, welche in den entiegeneren Gängen arbeiteten, waren durch die Explosion von dem Ausgang abge» schnitten, lange in ben finsteren Gängen umhergeirrt, enblich ntübe in einer Ecke niebergetauert; bas Haupt war ihnen auf bie Kniee gesunken unb so waren sie, betäubt von ben giftigen Gasen, bewußtlos unb ohne TodeSkampf hinübergeschlummert, borthin, von wo keine Wieberkehr ist. Ihre GesichtSzüge sinb noch fast un- veränbert, nur tragen sie einen schlaffm, abgespannten Ausbruck. — Die Wiebererkemtung hat hier keine Schwierigkeit. . _

Anbere dagegen, welche sich näher bet der Explosion besanbm, haben schon gleich tu der furchtbar erhitztm Lust einen gräßlichen Erstickungstod erlitten. Ihre Lippen sind blau unb geschwollen. Die weit aufgeriffmm Augen stehen fast vor bem Kopfe unb das Weiße in denselben glänzt unheimlich aus dem geschwärzten Ge­sicht. Die weit aufgeblasenen Nasenflügel klaffen aus« einander und von ihnen au8 laufen quer über bie furchtbar aufgebunfenen Wangen bitte Striemen dunkel geronnenen BluteS. Die Fäuste aber ftnb krampfhaft geballt, so baß bie gespannten Adern wie häßliche schwarze Würmer an ben nackten Armen hinauskriechm.