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■ V 257 Mittwoch, den 9. November 1892. 19.

..^chcntt tägl'ch. Sonn- und Fnertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierttllatzrucher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

illdaer

• Den Bericht an den sozialdemokratischen Parteitag veröffentlicht der soziaidemokrotlsche Partei- Vorstand im offiziellen Parteiblatte. Denselben durch­weht nicht der sonst übliche siegesgew-sie Ton, wenn auch zum Schluß behauptet wird, daß die Partei auf das abgelaufene Jahr mit „Genuglhuung" zurück,licken könne. Aber was über die Erfolge der Landagitation, was über das innere Parteileben, was über den Stand der Parteipresse berichtet wird, gibt zu diesem Gefühle der Genugthuung doch nur wenig Anlaß, obgleich da- bei noch manches Unangenehme vertuscbl oder bemän­telt worden ist So wird z B. bei Besprechung der inneren Entwickelung des schweren Streites zwischen v. Vollmar und dem .Vorwärts' gar nicht gedacht. Auch die Opposition der„J ungen" wird kurzer Hand abgethan. — Ein besonderer Abschnitt wird in dem Bericht der Eid frage gewidmet. Unter Hinweis auf das Verhalten des Staatsanwalts Romen und des Land­gerichts - Direktors Schmidt wird dagegen Protest er­hoben, daß eine ganze Partei von vorn herein grund- und beweislos (?) der Meineids - Begünstigung ange­schuldigt und damit rechtlos gemacht würde. Die Sozial­demokratie halte zwar die religiöse Bedeutung des Eides für belanglos (!), sie erkenne aber den Wahrheitszwang vor Gericht als bürgerliche Verpflichtung an, der gegen­

über für den Zeugen nur das Recht der Eidesverwei­gerung, nicht das der Lüge anerkannt werden könne. — Das der Maifeier gewidmete Kapitel enthält außer der Angabe, daß die Maifest-Zeitung in einer halben Million Exemplaren hergestellt sei, im Wesent­lichen nur Phrasen über die internationale Bedeutung der Kundgebung. Dasselbe gilt von dem Bericht über die Theilnahme Auers am Wiener Parteitage und über die Reise Liebknecht's nach Marseille. — lieber die Agitation wird an verschiedenen Stellen berichtet. Es haben 20 Landes- und Provinzial-Parteitage statt­gefunden, zu denen noch eine Reihe von Kreis-Konfe­renzen kamen, um zu berathen, wie „der politische Klein­krieg" mit Rücksicht auf die besonderen örtlichen Ver­hältnisse am besten zu führen ist. Größere Agitations- Reisen wurden veranstaltet Seitens der Partei-Leitung durch Thüringen, Rheinland, Schlesien, Westfalen, Provinz Sachsen, Schleswig-Holstein, das Erzgebirge und Ostpreußen, auch im Maingau, Baden, in der Pfalz und im Saar - Revier. Daneben wurden von Agitations - Komitee's ebenfalls größere Reisen veran­staltet, z. B. durch Württemberg, Baden, Rheinland, Nord-Bayern. Dazu kommen noch die einzelnen Ver- scmmlungen. Auch der Verbreitung von Broschüren wurde große Aufmerksamkeit gewidmet. Für die Agi­tation auf dem Lande sind neue Flugblätter her­ausgegeben; die für die ländlichen Proletarier bestimm­ten Broschüren aber, an denen nun schon mehrere Jahre gearbeitet wird, sind — immer noch nicht fertig gestellt. Als ein zu den schönsten Hoffnungen berechtigendes Zeichen wird eS aufgefaßt, daß überall die Genossen vom ländlichen Proletariat aus's Herzlichste begrüßt wo:den seien, trotz aller Gegenbemühungen der „ge- scheltelten und tonsirten Geistlichkeit". — Der Kassen- Bericht beweist, daß die Partei-Leitung trotz aller Klagen über die zurückgehenden Beiträge mit dem Opfer- much der Arbeiter immer noch zufrieden sein kann. Betragen doch die Einnahmen von Oktober bis Oktober nicht weniger als 231,895 Mark. Den veihältnißmäßig größtenTheil des Geldes hat die Presse verschlungen. Die Partei-Leitung hat auch der ausländischen Presse erhebliche Zuwendungen gemacht, z B. dem .Peuple' in Brüssel, welcher den famosen Revolutions-Plan des Genossen Lafargue veröffentlichte. Trotz dieser Geld­aufwendungen kann von der Presse nicht allzu viel Günstiges erzählt werden. . Zwar der .Vorwärts' er­scheint in einer Auflage von 37,000 und wirst 40,000 Mark Ueberschuß ab. Aber mit der Lokal - Presse steht es um so schlimmer. ES wird sehr nachdrück­lich vor überei ten Zeitungs - Gründungen gewarnt. — Endlich kommt noch das Strafregister, das sich auf insgesammt 117 Jahre 26 Tage Freiheits­strafe und 20 232,10 Mark Geldstrafe beläuft. „Dieser Opfermuth und diese Begeisterung unserer Genossen — so schließt der Bericht — haben bisher unsere Partei über ihre Feinde und Verfolger obsiegen lassen, und sie werden auch künftig die Partei zu weiteren Triumphen führen, bis ihr letztes Ziel erreicht ist."

* Gine Schraube ohne Gude ist die neue Militärvorlage. Schon sind in der jetzigen Vorlage die Ansätze für neue und künftige Mehrforde- rungen sichtbar, welche aus der Annahme derselben ' ebenso sicher hervorgehen würden, wie hinter dem A i das B, C, D bis zum Z folgt.

Selbst von der jetzigen Heeresstärke entbehren 16,000 ■ Mann und 7000 Pferde noch der Kasernirung. Es müssen also für die neuen 100,000 Mann Kasernen ! mit allen dazu gehörigen sonstigen Garnisonbauten, ' Proviantmagazine, Bäckereien, Lazarethe, Garnison­waschanstalten, Offizierkasinos, Gefängnisse, Militär- kirchen, Exerzierplätze, Schießplätze geschaffen werden. Ganz abgesehen von den sonstigen Garnisonanstalten " kostet jede neue Kaserne für ein Jnfauteriebatarllon gegenwärtig rund 1 Million Mark, jede neue Kaserne für ein Kavallerie-Regiment oder eine Abtheilung Feld­artillerie einschließlich der Ställe 2 Millionen Mark. Hiernach kostet die Kasernirung allein ohne jene Neben­anstalten für die neuen Truppentheile schon mindestens 175 Millionen Mark, mit jenen Anstalten aber etwa 300 Millionen. Bis zur Erbauung dieser Kasernen müssen die neuen 100,000 Mann mit ihren 6000 Pferden bei den Bürgern in Einquartierung gelegt wer­den. Vor Allem aber birgt das Prinzip der Vorlage von selbst, auch abgesehen von Vorstehendem, eine fort­gesetzte Erhö hung der Friedenspräsenzstärke in sich. Es soll ja eine Organisation geschaffen werden, welche alle wirklich Diensttauglichen aufnimmt. Dann erst könne Deutschland mit Ruhe einem Angriff ent­gegensehen. Nun vermehrt sich aber die Zahl der Diensttauglichen mit jedem Jahr entsprechend der Zu­nahme der Bevölkerung. General Verdy hat auch, als er seine Pläne im Sommer 1890 zuerst darlegte, gar kein Hehl daraus gemacht, daß er eine fortgesetzte Heeresvermehrung auch in der Zukunft nothwendig er­achte. Ausdrücklich erklärte er za Protokoll, daß „später in dem Prozentsatz fortzufahren sei, den die Zunahme der Bevölkerung ergibt." Ebenso äußerte Caprivi, als er im Reichstag im November 1891 zuerst Andeutun­gen über die jetzige Militärvorlage machte, daß, wenn einmal die Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht in die Hand genommen werden solle, dann es mit den siebenjährigen Perioden nicht mehr gehen werde, weil mit steigender BevölkerunqSziffer auch die Zahl der prä­senten Menschen bei der Fahne wachse. Dee Empfehlung des Qainquennats unter Bezugnahme auf die fünf­jährigen Perioden der Volkszählung gibt dann auch in der jetzigen Begründung schon deutlich kund, wohin die Reise grhn soll. Frankreich ist zwar in Bezug auf das AusbildungSkontingent am Rande seiner Kräfte angekommen, aber es kann, wenn auch auf Kosten der Leistungssäh'gkeit, seine Armee durch Erweiterung der kriegsdienstpflichtigen Jahrgänge erhöhen. Rußland aber kann sehr wohl die Zahl der Emberufenen mindestens verdoppeln, da von den 650,000 bis 700,000 Leuten, die jährlich sich zu stellen haben, nur etwa der dritte Theil eingereiht wird.

Deutsches Keich.

Berlin, 7. November

* Nach der im Bureau deS Abgeordneten­hauses offiziell zusammengestellten Fraktionsliste werden die Fraktionen in folgender Stärke in die neue Land tags seision eintreten: Die Konservativen 124, das Centrum 95, die Nationalliberalen 84, die Frei- konservativen 64, die Freisinnigen 28, die Polen 15, die Wilden 12. Erledigt sind 11 Mandate.

* Zur Vermählungsfeier der Prinzessin Mar­garethe werden der .Post' zufolge auch der Kronprinz und die Kronprinzessin von Griechenland in Berlin er­wartet. Offiziell ist die Ankunft derselben jedoch noch nicht angezeigt. Seit dem Uebertritt der Kronprinzessin Sophie zur griechischen Staatskirche ist das Stroit- Primenpaar am Hofe in Beilin noch nicht erschienen.

* Dem Kaiserlichen Gesundheitsamt ist vom 4. bis 7. d. M. Mittags nur folgende Chvlerameldung zugegangen: In Altona verlief eine am 4. d. M. eingetretene Erkrankung am folgenden Tage tödtlich. (Einschleppung von auswärts). — Hvffentlich ist unter „auswärts" nickt Hamburg zu verstehen.

* Die Buschhoff-Sammlung in Berlin hat. wie schon erwähnt, die Summe von 51 362 Mk. 45 Pf. ergeben. Davon sind überwiesen 36 339 M. an das Buschhoff-Kuratorium in Köln zu Händen des Herrn Moritz Rosenthal zur Verwendung für die Familie Buschhoff und 15,000 M. an den Oberrabbiner Dr. Horwitz in Krefeld zur Verwendung für geschädigte tiraelittsche Famili n in Lauten und Umg-gend. Der Rest von 23 M. 45 Pf. ist verausgabt für Rohrpost- Couverts, Postkart-» und Brief,narken.

Im Wetter geschüttelt.

Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.

(23. Fortsetzung)

Indessen ist die dringendste Gefahr doch vorüber. Die Hauptsache ist, daß die Lungen wieder mit besserer Luft gespeist werden, und weitere Hülfe kann nicht mehr gar zu lange ausbleiben.

Die zur Meldung zurückgesandten Männer sind denn auch bald schon auf einzelnen Gruppen gestoßen, welche die Rettung auf anderem Wege versuchte; und nachdem die Nachricht einmal nach vorn gelangt, und die Strecke durch die wieder funktionirende Wetterführung passirbar gemacht ist, sind die Helfer bald zur Stelle.

Die Aerzte kommen und flößen den wieder zum Leben Erwachenden stäikende Essenzen ein, und sobald es die Umstände erlauben, wird einer nach dem Andern von den Kameraden auf die Tragbahre gelegt und nach dem Schacht gebracht.

Zu zwei und zwei werden sie dann an das Tages­licht gefördert, welches kaum noch Einer wiederzusehen hoffte.

Krankenwagen stehen hier schon bereit und führen sie vorläufig ins Lazareth. Denn zur Herstellung be­dürfen Alle noch längere Zeit der sorgsamsten ärztlichen Pflege, und bet Manchen ist eS noch lange nicht ent­schieden, ob er sich des neugewonnenen Lebens überhaupt auf die Dauer wird erfreuen können.

Emer, bei welchem das Zünglein der Waage sehr ängstlich zwischen Leben und Tod schwankte, war Franz Normann. Die ungeregelte und ungemäßigte Lebens­weise, welche er seit einigen Monaten angenommen, batte die Widerstandskraft seines Körpers geschwächt. Wenn auck seine Wangen blühten, so waren doch seine Nerven, wie bet allen denjenigen, welche ein sogenann­tes „gutes Leben" führen, nicht mehr so fest, w'.e sie früher gewesen. Sodann halten auch die Aufregung und Gewissensdisse seine Strafte erschüttert, bis der alte Köhler ihn in etwas beruhigte; und endlich hatte er, als er mit Gewalt sich einen Ausweg bahnen wollte und in dem Nachschwad-n ohnmächtig nieder- sank, viel mehr von den giftigen Gasen eingeathmet als die übrigen Verschütteten.

Wie Franz in den Armen deS alten Köhlers ein­geschlummert war, so fand ihn Pet r wieder, da er als der erste von seinem Trupp mit hastigen Schritten an der langen Reihe der regungslosen Körper in dem Gang musternd vorüberschritt.

Obwohl alle Gesichter von dem Kohlenstaub gleich­mäßig geschwärzt und entstellt waren, so erkannte er doch sofort die Gefta t seines Gegners, und bei dem Anblick des Mensch.n, der ihm so ungeheure Unbill angethan, krampfte ein wildes Weh seine Brust zu- samrnen.

Das Versprechen, welches er Marie gegeben, war gänzlich verc--ssw. und scknn wnllte er firfi Mh »hmen-.

den, als er, von Franz halb verdeckt, den alten Köhler erblickte.

Sofort legte er Hand an, um dem väterlichen Freunde Erleichterung zu verschaffen. Vor Allem mußte der schwere Körper Franzens weggehoben werden, den der Alte im Erstarren noch immer an sich drückte, wie ein Vater den geliebten Sohn. Es kostete eine nicht geringe Mühe. — Doch da fiel Peter die alte Mutter Köhler ein und Lisbeth und die Bitten Maries, auch an Franz zu denken — und davor hielt Peters Groll nicht Stand. »

Ja er schämte sich seines Zauderns, und gleich als wenn er selbst jetzt etwas gut zu machen habe, wandte er seine Bemühungen zuerst dem Freunde zu. Er suchte den finsteren Bann zu lösen, welcher den Be­wußtlosen gefangen hielt, und als später Aerzte kamen, dirigirte er sie zunächst zu dem alten Steiger und sorgte zugleich, daß mit diesem auch Franz möglichst bald nach der rettenden Luft verbracht werde.--

Es war ein schöner Sieg, welchen so das bessere Selbst in Peter über seine Racke davontrug — und die herrlichste Krönung dieses Sieges war, daß die Rettung wirklich auch gelang.--

7. Kapitel.

Des Todes Ernte.

Ungefähr zweihundert und fünfzig Bergleute waren an dem Tage des großen Unglücks auf der untersten