Beilage zu Nr. 255 der „Fuldaer Zeitung
Sonntag, den 6. November 1892.
„nein in her Welt und praktischen Einfall, sich die Audienzen bezahlen zu lassen. ZU allem in oer u»u L.t ' o__* „„ s;„ SHrhrifaiimmprii eine"
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Die Seinen standm ganz -------- .
wenn er tobt war, war Keiner mehr, der für ne
sorgte.
Das war ein harter Gedanke für den alten Mann, und eine bittere Thräne drängte sich ihm unter die Wimpern — ihm, der bisher dem Tode so unerschütterlich ms Auge geschaut hatte.
Und er wußte wohl, wer ihm dies Alles angethan hatte: so eben hatte er seinem Feinde mit eigener Ge- sahr das Leben gerettet, als er den sinnlosen Franz aus den giftigen Nachschwaden herauszog, und immer noch hielt er ihn auf dem Schooße, wie ein Vater seinen kranken Sohn. ,
Unwillkürlich ballte sich die Faust des Steigers und feine Knice, auf welchen Franz ruhte, zogen sich zusammen, als wollten sie die verhaßte Bürde abschütteln.
Aber da fiel ihm ein: Durfte er hier Rache nehmen? Stand nicht auch er unmittelbar im Begriff vor einen A chter hinzutreten, vor welchem Keiner gerecht tft? — das Gleichniß aus dem Evangelium von dem undankbaren Knecht fiel ihm ein, dem sein Herr die Talente nachließ, und der seinen Mitknecht wegen einiger Denare ins Geiängniß werfen wollte.
Und bei diesem Gedanken zogen auch wieder sanftere Gesinnungen in den Busen des Alten ein.
Milde beugte er sich über den jungen Mann und
sprach mit bewegter Stimme:
„Du hast mir wehe, ja, bitter wehe gethan, Franz, Doch jetzt ist nicht die Stunde, etwas nachzutragen. Mi» den Lebenden wttd es der da droben schon fügen, wie er's für's Beste hält. — Wir aber müssen uns Alle, der Eine wie der Andere, seiner Erbarmung em-
biefem Zweck ließ er an die Thüre seiner Arbeitszimmers eine" Tarif aufstellen und folgende Audienztaxe ankündigen: Einstündige Unterredung 20 Franks, halbstündige Konsultation 10 Franks' viertelstündiges Gespräch 3 Franks, einfache Besichtigung bei Redakteurs (ohne Gespräch) 1 Franks. ,
* Merkwürdiges Kommando. Zu der lungst mitgetheilten amüsanten Schreib- und Aussprachweise der Kommandos vom Exerzirplatz in Bagamoyo interessirt vielleicht folgendes Gegenstück. Als ich 1880, so wird den,Hamb. Nachr/ geschrieben, bei den Gardefüsilieren diente, gewann ein Gefreiter von Einjährigen wiederholt folgende Wette, die er ihnen um Kleinigkeiten, wie eine Weiße und ein paar Würstchen, in der Kantine anbot: Er wolle in Gegenwart jedes beliebigen Vorgesetzten bei der Ausbildung der Einjährigen — cs wurde gerade der Griff „Piäsen- tiren" geübt — laut und deutlich statt des Kommandos: „Achtung präsentirt das Gewehr" kommandiren „Acht Pfund — Preßwurst sind nicht schwer." Er gewann, wie gesagt, wiederholt die Wette: die in gleichem Takt wie das Kommando gesprochenen Worte lauteten so sehr den richtigen gleich, daß kein Mensch den humoristischen dienstlichen Fehler entdeckte.
* Kaltblütig. Der verstorbene König von Hannover unterhielt sich sehr gern mit einer Engländerin, Mrs. Stewart, die in ihren Memoiren darüber eine hübsche Anekdote mittheilt Sie erzähl'e ihm eines Tages auf einer Ausfahrt eine Geschichte; plötzlich scheuten die Pferde und der Wagen drohte umzuschlagen. Da die Erzählerin natürlich verstummte, fragte der König, warum sie nicht fortsahre; sie entschuldigte sich mit der gefährlichen Lage des Wagens, worauf der König erwiderte: „Das ist Sache des Kutschers. Fahren Sie nur mit Ihrer Geschichte fort.
* Zerstreut. Der Herr Doktor bestellt beim Kellner eine Portion Kalbsbraten. Der Kalbsbraten wird gebracht, der Doktor aber, der zu gleicher Zeit eine Partie Schach spielt, merkt nicht, daß des Wirthes Hund auf den Stuhl steigt und sich über den Kalbsbraten hermacht. Nach zehn Minuten, als die Partie beendet ist, bemerkte der Doktor den leeren Teller und ruft dem Kellner zu: „Fritz, ich habe heute einen gefunden Appetit, bringen Sie mir noch eine Portion Kalbsbraten, aber größer, denn an der da war gar Nichts".
Um dieselbe Zeit, wo die erstarrende Hand des alten Köhler „acht Uhr" an seinen Förderwagen schrieb, haben wir die Rettungsmannschaften verlassen, welche zur Ablösung der schon während der Nacht Angetretenen in die Grube einfuhren.
Mehrere Hundert Mann hatte nach und nach der noch brauchbare Förderkorb hinuntergebracht, und sie hatten alle Hände voll zu thun. Die Emen waren beauftragt worden, unbekümmert um Alles, was ihnen in den Weg kommen möchte, in die entferntesten Winkel der Grube vorzudringen. Andere räumten die gewaltigen Schutt- und Trümmerhaufen weg, welche die Explosion geschaffen hatte, stellten die Wetterführu-g wieder her und waren überhaupt bemüht, die Giube wieder einigermaßen in Stand zu setzen; noch andere waren mit der Bergung der Tobten beschäftigt, welche in Menge aufgesunden wurden, theilS zerschmettert, zerstückelt und verbrannt, unter den Trümmerhaufen des eigentlichen ExolosionSfeldes, theils zufammen- gekauert und langsam erstickt in den umliegenden Gängen und Ecken.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
* Die Taxen eines Redakteurs. Der Redakteur des Sidney-Herold in Australien ist ein praktischer Mann Er sah nämlich ein, daß ihm lästige Besuche viel Zeit rauben. Um sich nun zudringliche Personen vom Halse zu halten, kam er auf den
Anfangs hatte er eine fast übermütige Zuversicht i zur Schau getragen, daß sie Alle gerettet werden würden. Er hatte sich zu einigen jüngeren Kameraden gedrängt, die bisher theilweise mit zu der Stamm-Gesell- schcst in der verrufenen Kneipe gehört hatten; seine Rede ging laut und er suchte auch die Süßeren in seine scheinbare Sorglosigkeit hineinzuziehen.
Aber seine Haltung zeigte etwas Unnatürliches, Gezwungenes; was er sprach, schien ihm selbst nicht von Herzen zu kommen und bei den Kameraden machten heute die kecken Worte durchaus nicht den Eindruck, wie sonst in dem bekannten Hinterstübchen.
Als dann Stunde um Stunde verstrich, ohne daß man von Hilfe etwas bemerkte, wurde Franz unruhig. Während alle Anderen still standen oder kauerten, ging er allein unsicheren Schrittes auf und ab, lauschte öfrers an der verschlossenen Wetterthür, als könne er dadurch die Rettung beschleunigen und kam, wenn er nichts vernommen, noch aufgeregter wieder zurück.
Als nun aber der alte Köhler zur Vorbereitung auf den Tod aufforderte, da ergriff es Franz wie ein wildes Feuer. „Nein, nein — es kann, es darf nicht sein," murmelte er vor sich hin, „Alles muß ich versuchen, um durchzukommen."
Seine Augen rollten wild. Er sprang auf, ergriff das eine der brennenden Grubenlichter, ging hastigen Schrittes auf die verrammelte Thür zu und stieß sie ungestüm auf.
Aber kaum war er in den giftigen Luftzug eingetreten, als seine Sinne schwanden und er lautlos zu- sammensank. Die Lampe fiel zu Boden und erlosch.
Der alte Köhler hatte schon lange besorgt das unruhige Wesen Franzen's betrachtet und ihn auch jetzt nach der Thür gehen sehen. Zwar hatte er nicht geglaubt, daß Franz die Verwegenheit besitzen werde, den giftigen Schwaden den Weg zu öffnen, daß sie Alle umkommen müßten; als er jetzt das Licht erlöschen sah, nahm er alle Kraft zusammen und rüttelte zur Hilfe noch zwei Kameraden aus ihrem Halbschlummer auf.
Kaum vermochten die Männer sich aufrecht zu erhalten, aber die fürchterliche Gefahr gab übermenschliche Stärke: mit Todesverachtung drangen sie durch die einströmenden Schwaden vor, zogen den ohnmächtigen Franz wieder zurück und schlossen die Thür.
Es war keine leichte Arbeit, bis Franz wieder zu sich kam. Endlich aber schlug er die Augen auf und sah dem Steiger in's Gesicht. . .
(Sein Blick war stier und eS ging tote ein Entsetzen über seine Züge, als er den Alten erkannte. Dieser aber schüttelte bedenklich das Haupt, denn so sah Keiner aus, der sich bewußt war, mit reinem Gewissen vor den ewigen Richter zu treten. .
„Weg — weg da!" rief Franz. „Laßt wich los, ich muß durch; ich will, ich kann nicht sterben!"
Sein Leib verrenkte sich bei diesen SBorten, als wenn er aufspringen und davoneilen wollte, so daß Köhler, welcher ihn an sich gezogen und auf dmKnieen liegen hatte, ihn kaum zu halten vermochte. Gleich darauf aber sanken seine Arme wieder kraftlos am Leibe herunter und er glich einem Ohnmächtigen.
Der alte Steiger hatte tiefes Mitleid mit dem jungen Manne und suchte ihn zu beruhigen.
„Sterben müssen wir ja Alle," sagte er, „und es kommt schließlich wenig darauf an, ob es heute oder morgen, einige Jahre früher ober später geschieht. — Zudem sehen wir uns ja einst Alle wieder ..."
„Nein, nein", schrie Frmz dagegen. „Ich will Euch nicht sehen . . . Euch nickt und Alle nicht . . . Was habe ich mit Euch zu schaffen .... Wollt Ihr mich umbringen?"
Es kommt ost vor, daß in großer Angst ein Mensch den Verstand verliert, und auch Köhler meinte, das plötzliche Unglück und die giftigen Gase hätten Franz zum Wahnsinnigen gemacht. HülfSmittel aber, um ihm feinen Zustand zu erleichtern, waren keine da und so blieb denn nichts übrig, als immer wieder durch einige Worte dem Armen Dost zuzvsprechen.
„Niemand will Dir etwas zu Leide zu thun , sagte er weich. „Du bist hier unter Freunden. — Ich bin es ja, der alte Köhler, der mit Dir spricht."
„Weg, weg von mir!" keuchte Franz wieder. „Ihr gehört auch zu Jenen. Ja, ich kenne Euch — Ihr steht zu Peter Hochfeld — ich aber hasse ihn — hasse ihn auS Grund meines Herzens!"
Ein tiefer Seufzer entrang sich bei der Erwähnung Peter's oer Brust des alten Steigers. Er dachte an das Schicksal seiner eigenen Hinterbliebenen.
Ja, wie würde jetzt für Alle gesorgt sein, wie leicht könnte er selbst die Augen schließen, wenn Peter seine Tochter heimgeführt hätte.
Aber das war längst vorbei. Die letzte Hoffnung hatte er aufgeben müssen, als Peter fvrtgezogen war.
pfehlen."
Regungslos hatte Franz dagelegen. Sem umnach- teter Geist schien ausgetobt zu haben, seine Kräfte zu schwinden. Aber als diese versöhnenden Worte des ctten Mannes an sein Ohr schlugen, da gingen seine Augen lÄse auf und die finsteren Schatten wichen von seinem Antlitz: ,
„Ihr wollt mir nicht zürnen Vater Kühler? rief Franz mit schwacher Stimme. „O, ist eS wirklich möglich, daß ihr mir verzeiht?"
Gewiß will ich das", erwiderte der alte Mann, „so "wahr ich selbst Verzeihung meiner Schwachheit dort oben erwarte.“
„O, habt tausend Dank", flüsterte Franz, wahrend seine Augen müde zufielen. — „Nun kann ich auch in Frieden sterben, Gort segne Euch dafür!"
Ue6er das Gesicht des alten Köhler rollte eine dicke Thräne und fiel auf das Haupt des vor im Liegenden "^Auch sein Kopf wurde schwer. Noch einmal griff er nach der Kreide und sah nach der Stunde.
„Acht Uhr“! schrieb er an den Wagen, gegen welchen sein Rücken angelehnt war — also schon acht Stunden seit der schrecklichen Katastrophe, und immer noch keine Hilfe nahe! , .
Darunter setzte er noch einen letzten Gruß, dann sank seine Hand müde hernieder, und auch ihn ver- ließen die Sinne.
Kem Zeichen unter den rings umher Sitzenden verrietst mehr eine Spur von Leben. Nur daS einzige Lampenflämmchen flackerte noch leise hin und her, aber auch fein Licht wurde immer kleiner und matter und verrieih, daß die tödtende Stickluft über Alles die Oberhand behielt. — — *
Im Wetter geschüttelt.
Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.
(21. Fortsetzung.)
Die Gedanken.
Kennst du des Geistes flücht'ge Segler nicht, Die schneller als des Himmels Blitze reisen, Berweg'ne Stürmer, die dem raschen Licht Enteilend um den weiten Erbring kreisen, Die Wunderboten, deines Winks gewärtig Dir Raum und Zeit mit kühnem Zug zu theilen. Geschäftig stets und doch stets reisefertig, Nach Nord und Süd, nach Ost und West zu eilen? Es schreckt sie nicht des Ozeanes Wüthen, Nicht Wogenfluth, nicht Sturmes Drang und -Wucht Hielt sie zurück und kann sie je ermüden, Es hindert sie nicht Berg, nicht Fels und Schlucht. Jetzt steh'n sie an des Nordpols eis gen Brücken, Jetzt an des Südpols ewig starren Kanten, Befahren jetzt des Weltmeers schwanken Rücken An fremden, fernen Küsten jetzt zu landen. — Und fragst du nach des Erdballs inn'rem Grund, Noch nie geöffnet, nie dem Auge bloß, Schon stürzen sie sich in des Aetna's Schlund Und dringen in der Tiefe tiefsten Schooß. — Und blickst du fragend nach dem Himmelsraume, Die Götterboten eilen frei voran, Durch tausend Welten nach dem fernsten Saume Des Firmaments sie lenken stolz die Bahn, Durchstürmen des Komets gigant'sche Spuren Und messen leicht die ungeheuren Fernen, Durchmustern keck die weltbesäten Fluren Und fragen noch nach neuen, größ'ren Sternen. — Und weiter bis zu des Allmächt'gen Pforten Sie frevelnd die verweg'nen Bahnen wagen;
Umsonst, umsonst ihr Müh'n — vergebens dorten
Die Lösung ew'ger Räthsel sie erfragen. Leb.
Literarisches.
Aus dem Berlage der Jos. Kösel'schen Buchhandlung in Kempten erhalten wir soeben den dritten Jahrgang deS illustr. Wörishofener Kneipp-Kalenders (Preis broch. 50 Pf). Derselbe übertrifft an Reichhaltigkeit und Originalität des Inhaltes seine Vorgänger bei Weitem und kann daher Jedem, der sich einigermaßen für den Wörishofener Menschenfreund intereffirt, auf's wärmste empfohlen werden. Das Hauptinteresse beanspruchen die Aussätze des Herausgebers: Ein Kapitel über die N e r v o s r t ä t, den Vampyr unserer Zeit. Es sind goldene Worte, welche Kneipp über dieies gewiß sehr zeitgemäße Thema schreibt, und es wäre nur dringend zu wünschen, daß seine einsten Mahnungen und Rathschläge allseüig Beachtung fänden. Ein zweiter Aussatz bringt Etwas aus meiner Apotheke", eine kurze, treffliche Beschreibung einiger in „Meine Wasserkur" noch nicht erwähnten heilkräftigen Pflanzen, und ein weiterer Aufsatz ist betitelt: „Zur genaueren Orientirung bezüglich des Gußverfahrens. Kneipp gibt hier authentische ausführliche Anweisung über die Anwendung der bei seiner Heilmethode gebräuchlichen Güsse; fünf Illustrationen, welche den Herrn Pfarrer selbst in Ausfüvrung der verschiedenen Güsse darstellen, erleichtern das Verftändniß und machen es für Jedermann möglich, die Güsse richtig.und genau im Sinne und Geiste Kneipp's vorzunehmen Der Kalender enthält seiner noch aus der Feder Kneipp's einige hochinteressante Mütheilungen über auffallende, durch seine Methode erzielte Hei ersolge mit Abbildungen, darunter die Krankengeschichte eines franz. Priesters, der seit vier Jahren gänzlich gelähmt in Wörishofen innerhalb weniger Wochen so hergestellt wurde, daß er wieder ungebindert seinen Beruf erfüllen kann, weiteres kurze bygienische Abhandlungen „Vom Barsußgehen", „Ueber den Durst", „Der Nothhelfer filr Arme". An fremden Beiträgen finden wir u A. einen sehr be- achtenswerthen Aufsatz Dr. Bilfingers „Ueber Hausgymnastik , eine kleine Chronik von Wörishosen vom Jahre 1887 bis August 1892 von Lehrer C. Dillmann in Wörishosen und eine lustige Krankengeschichte von dem bekannten Humoristen Alois Binder, dem Be'fasser der „Kneippkur". Erwähnen wir noch das hübsche Titelbild: „Piarrer Kneipp unter den Kinde-n seines KinderasyleS, so haben mir damit zwar den Inhalt des Kalenders noch lange nicht erschöpft; wir zweifeln aber nicht, daß schon diese kurzen Notizen die Freunde und Anhänger Kneipps veranlassen werden, den diesjährigen Kalender, welcher eine sehr werthvolle Ergänzung der berühmten Bücher Kneipp's bildet, ihrer Hausbibliothek einzureihen.