jy 255 Sonntag, den 6. November 1892. 19. IahrgW
HuldaerMZeitllng
Fenster hinaus. Weg damit! lautet das Rezept des Dr. Eisenbart. Die Sozialdemokratie hat kem anderes. Sie ist der Dr. Eisenbart für die kranken Völker; sie hat seine Grundsätze, sie müßte auch seine Erfolge haben.
-Z- Dr. Eisenbart.
Die Sterne, die durch alle Zeiten tagen, Ihr wollet sie mit frecher Hand zerschlagen, Und jeder leuchten mit dem eign'en Licht.
I. Frhr. v. Eichendorff.
Die Sozialdemokratie ist der wiedererstandene Doktor Eifenbart, lebendig und leibhaftig, wie er im Liede wirkt und wandelt. Das Heilverfahren inefeS berühmten Arztes ist weltbekannt. Der gewaltige Medizinmann kurirt ebenso einfach als gründlich; er vertilgt jedes Nebel von der Wurzel aus und ein Schaden, gegen welchen Dr. Eisenbart einmal seine Heilkunst losgelassen hat, ist gehoben für ewige Zeiten. Er heilt das entzündete Auge, indem er es ausreißt, dm wunden Fuß, indem er ihn abhackt, den kranken Hals, indem er ihn kurzweg abfchneidet. Er bedarf keiner langer Studien, keiner zeitraubenden Untersuchung, seinem Universal- mittel, dem Messer und der Holzhacke, widersteht kem Uebel. Mag der Patient ächzend nach dem kranken Kopfe greifen oder auf den offenen Fuß weisen, das erste wie das letzte Wort des Dr. Eisenbart lautet immer: Nur weg damit! .
Ganz nach dem gleichen Rezepte arbeitet die Sozial- demokratie an der Heilung der kranken Gesellschaft. Um die Uebelstände zu beseitigen, welche unseren Einrichtungen ankleben, beseitigt sie einfach die Einrichtungen selber. Sie heilt die Gesellschaft, indem sie ihr Herz und Hirn und das Leben herauSreißt.
Alle Welt klagt heute laut darüber, daß unfere Eigenthumsverhältniffe ganz widernatürlich sich verschoben haben, daß größter Reichthum und tiefste Ar- muth nebeneinander wohnen; daß sich die Millionen in den Händen Einzelner häufen, während Hunderttaufende wirthschaftlich immer mehr zu Grunde gehen.
Was spricht da der rothe Medizinmann, der neue Dr. Eisenbart? Lächelnd zeigt er nach feinem Uni- versalmittel, der Holzhacke. Weg mit dem Privateigen- thume lautet sein Gutachten, laßt das Eigenthum verschwinden, und mit ihm ist die ganze Armee von Uebeln verschwunden, die in feinem Gefolge emher- marschirt. ,
Unser Familimleben ist vielfach zerrüttet. Unbe- fonnene Wahl des Lebensgefährten, Heirathen, die nur nach dem Einmaleins oder ganz ohne das Einmaleins geschloffen wurden, machen mehr als ein Haus zu emer wahren Schule des Unglücks und des Lasters. Ber- rathene Herzen, verführte Seelen, gebrochene Treue, zerriffene Bündnisse, die am Altäre geschworen wurden — wer zählt die Thränen, welche die betrogenen Braute, welche die hinausgestoßenen Frauen weinen, wer jene, welche so manches Weib vergießt, das an der Seite des überdrüssig gewordenen Mannes aushält?
Schwer krank, läßt Dr. Eisenbart sich hören, sehr bedenklich krank ist die Familie. Gut, daß ihr bei mir euch Rath holt. Ich und ich allem weiß Hilfe. Fort mit der Ehe! Ist nur einmal die Ehe ab- geschafft, so verschwinden die unglücklichen Ehen von selber. , ~ ,
Wie schadhaft ist vielfach unsere Familienerziehung! Vater und Mutter den ganzen Tag in der Fabrik, die Kinder den ganzen Tag auf der Straße. Die gnädige Frau verzärtelt und verzieht in blinder Affenliebe ihre bleichen Sprößlinge, die Taglöhnerin verwahrlost die herumluugernde Schaar ihrer jungen Proletarier. Wie viel wird aus Unwissenheit, au§ Roth, aus Ehrgeiz an den jungen Menschenkindern gesündigt!
Nur heran, immer heran, ruft Dr. Eifenbart aus Inner Jahrmarktsbude, ich kenne eure Schmerzen und ich weiß den Großen wie den lieben Kleinen zu helfen. Fort mit der Familienerziehung! Die Familie wird abgeschafft! Es ist doch sonnenklar: Wenn es keinen Vater und keine Mutter mehr gibt, dann kann es auch leinen schlechten Vater und keine unverständige Mutter mehr geben. , , L r.
Was haben die Völker manchmal durch die Fürsten, tzurch deren Diener und Beamten gelitten! Manche Regenten sind eine wahre Gottesgeißel für ihre Unter- lhanen gewesen. Wie ost hat die Laune eines Günst- lingS im Männergewand oder im Frauenkleid das Schicksal von Tausenden entschieden! In Republiken ist eS um nichts bester, da tritt die Bestechlichkeit und die Parteiwirthschaft noch greller zu Tage.
Merkt ihr endlich, ruft Dr. Eifenbart, daß ;ede Obrigkeit die Knechtschaft und die Ausbeutung der
Berlin, 4. November.
• Entgegen der Meldung der .Köln. Zeitung' daß der Papst ernstlich erkrankt sei, meldet die .Köln. Volkszeitung', daß der Papst sich des vorzüglichsten Wohlseins ersreue; er habe heute (Freitag) den Unterstaats ektretär Mocenni und andere Personen empsangm und werde morgen dm Großsürften und die Groß- fürstin Sergius empfangen. Dagegen bestätigen Wiener diplomatische Kreise die Nachricht von der Erkrankmig des Papstes; sein Gesundheitszustand sei m Folge wiederholter längere Zeit anhaltender Ohnmachtsansaüe sehr geschwächt. Wir wollen hoffen, daß die Nachricht der ,Köln. Bztg.' sich als richtig erweist.
* Der Kaiser hat telegraphisch anbefohlen, daß die Schloßkirche i« Wittenberg am Tage Jedermann und unentgeltlich zugänglich zu machen fei.
• Der .Reicksanzeigtt' publizirt die anläßlich der Wittenberger Feier verliehenen Auszeichnungen. Unter den Dekorirtm befinden sich auch die Abkömmlinge des Reformators. Sanitätsrath Dr. Luther zu Luckenwalde und Pastor Johannes Luther zu Plstm im Kreise Merseburg. -
* Die Eröffnung des preußischen Landtages findet am 9. November Mittags 12 Uhr im Rittersaal- des Berliner Schlosses statt.
* Die Cholera kann in Deutschland als erloschen gelten. Nur ganz vereinzelte Fälle kommen hier und da noch vor; nichtsdestoweniger geschieht Alles, um gegen ein etwaiges Wiederauftauchen der Epidemie nach Ablauf des Winters gewappnet zu fern. Im RerchS- qefundheitsamte wird das Material an Erfahrungen, welches die verfloffene Epidemie gebracht hat, forgfam gesichtet und geprüft, und man hat infofern einen wesentlichen Fortschritt konstatiren können, als geschulte Kräfte heute in der Lage sind, binnen 24 Stunden das Vorhandenfein oder Nichtvorhandenfem von Komma- Bazillen mit Sicherheit festzustellen. Freilich werdm jetzt, und zwar gerade auf Grund der Erfahrungm dieses Sommers, in ärztlichen Kreifm wieder Stimmen laut welche das Vorhandensein von Komma-Bazillen als eine nur zufällige und keineswegs regelmäßige Begleit-Erscheinung der asiatischen Cholera erklären.
* Die im Reichsgesundheitsamt errichtete Cholera- kommisfion hat auf bezügliche Anfragen erwidert, daß von Seefischen und Lebern noch nie eme Verschleppung der Cholera festgestellt ist, ebenso wmig von fertig ver- arbeiteten Pelzwaaren und von Mineralwasser (gegen welches letztere Brasilien ein Einfuhrverbot erlas m hatte. Einfuhrverbote auf getrocknete amerikanische Aepset, die über Hamburg nach Deutschland kommen, ferner auf Vieh, Weine und alle Metalle erklärte die Kom- Mission für überflüssig. Die Kommission hat übngens in mehreren Fällen, in denen die Besorgmß vorlag, daß ihre Gutachten zu Reklamezwecken verwerthet wer- den könnten, bezügliche Gesuche von Gewerbetreibenden und Fabrikanten abgelehnt.
* Der Ausschuß des deutschen Handelstages tritt am 12. d. M. zusammen. Auf der Tagesordnung stehm u. A. das Checkgefetz, Herabsetzung der Fernsprechgebühren, Schutz der Wa^enze'chen und Ver- billigung der Passagier-Gepackstacht für die Muster- koffer der Handlungsreisenden.
• Die Börsen-Enquete-Koulmisfion hat sich, tote schon kurz erwähnt, biS Anfang Januar vettagtt In dm letzten Sitzungen wurden die Fragen des Makler- wesens, der Kurs-Feststellung, der Börfenorganisatwn, des Ehrengerichts für Börsenbesucher, fowie des Kommissionsgeschäftes erledigt. Die gefaßten Beschlüsse unterliegen noch einer 2. Lesung. Bis Mm Wied^- zusammenttitt der Kommission sollen noch statistische Erhebungen unter Leitung einer dazu eingesetzten Subkommission veranstaltet, die Nachrichten über die ausländischen Börsenverhälmisse ergänzt und die Spezial- Berichte der Referenten über die einzelnen Fragm- aruppen vorbereitet werden. Anfang Januar wlld mit Abhörung von Sachverständigen der Produtten-Börse fortgefahren, und zwar zunächst denen der Landwrrth- schaft und verwandten ÄerufSartm.
Untergebenen bedeute? Ihr merkt eS, aber ihr wißt euch nicht zu helfen. Und doch ist das Mittel fo em- fach! Fort mit aller Obrigkeit! D»e Menschen, sage -ch euch (Protokoll des sozialdemokratischen Parteitages in Erfurt, S. 340), so7en frei sein und gleich, nicht Herren und Knechte, nur Genossen und Genossinnen, nur Brüder und Schwestern! Nur die Holzhacke her, die Obrigkeit wird abgeschafft und den möchte ich kennen, der dann noch von einer Bedrückung durch die Obrigkeit reden wollte!
Die Logik des Dr. Eisenbart »st unwiderstehlich; sein Heilverfahren von durchschlagender Wirkung. Der kleine Fehler daran ist nur der, daß der Patient immer auch dabei daraufgeht.
Eine äußere Zuthat zum Menschmwefen, tote etwa die Warze an der Hand, oder der Schnurrbart an der Lippe läßt sich ohne Schaden für Leib und Leben weg- nehmen; aber lebenswichtige Bestandthetle des Letbes, wie Herz und Hirn und Lunge darf man Niemand herausreißen, wenn er nicht zu Grunde gehen soll. Privateigenthum, Ehe, Kindererztehung durch Vater und Mutter, Obrigkeit sind aber keine blos äußeren, nebensächlichen Zuthaten zur menschlichen Gesellschaft, wie Warzen und Hühneraugen, sondern gehören zu ihren nothwendigen und unentbehrlichen Bestandthetlen, wie Herz und Hirn. Diese Einrichtungen find nicht künstlich gemacht, sondern natürlich gewachsen; sie sind nicht zufällige Erfindungen, willkürliche Emsalle, die sein können oder auch nicht sein können, sondern sie sind Gesetze, Forderungen der vernünftigen Menschennatur, die fein muffen.
Das Privateigenthum, die Ehe und Familie, die Obrigkeit, die Religion sind nicht bloße Angewöhnungen der Menschen wie Rauchen und Schnupf«,, sondern unabweisbare Bedürfnisse, wie Essen und Timken; sie sind nicht leeres Zier- und Schmuckwerk der Gesell- schäft fondern die granitenen Grundpfeiler, über welche Gott seine Menschheit aufgebaut hat.
Einer der Grundirrtyümer des Liberalismus tote der Sozialdemokratie liegt in dem Wahne, daß sich die Mmschheit wie ein Stack Lehm in jede gewünschte Form hineinzwingen lasse und daß das Lebe,, der Völker durch einen papierenen Mehrheitsbeschluß zu jeder Stunde hin- und hergelenkt und geändert werden könne, wie eS gefällt. Nichts in der Welt ist ohne feste und bestimmte Ordnung geblieben. Wmd und Wolken haben ihre Straße, jeder Stern zieht ferne vor- gezeichnete Bahn, jedes Thierlein trägt die Gesetze seines Werdens, seines Wachsens und Vergehens tu sich. Wie sich das Zusammenleben der Bienen und Ameisen nach bestimmten Gesetzen ordnet, welche keinen Eingriff gestatten, so wird auch das Zusammenleven der Menschen, die Gesellschaft, nach unverrückbaren Gesetzen geordnet, deren Mißachtung die Verwilderung und den Untergang der Menschheit nach sich ziehen müßte.
Es ist ein kindisches Unterfangen, für die Menfch- heit eine neue Verfafsung zusammen zu dichten und den festen Unterbau der Gesellschaft, das gottgegebene Naturgesetz, herauszureißen, um als neuen Grundstein der Ordnung ein hohles Phantasiegebilde emzusenken; es ist ein lächerlicher Versuch, die Sterne, die, tote der Dichter sagt, durch alle Zeiten tagen, mit dem Spazier- stock herunterzustechen, um dafür die Oelllchter der eigenen Weisheit am Himmelsbogen auszuhangen.
Nicht die Natur ist ruchlos und verkehrt. Nur schlechte Führung hat die Welt verdüstert singt Dante. Gegen „die schlechte Führung" also, nicht gegen die Natur, muß der Kampf sich richten. Wo Schäden an jenen wesentlichen Einrichtungen zu Tage treten, ohne welche noch kein Kulturvolk gelebt hat, müssen die Schäden, die schlechten Zuthaten^be- kämpft, aber nicht die guten Einrichtungen abgeschafft werden. Kluge Leute schütten das gebrauchte Bade- wasfer, aber nicht das Kind m den Rmnstem, sie raufen das Unkraut aus dem Gartenbeet, aber schonen die Rüben. Die Mißbräuche müssen abgeschafft, der rechte Gebrauch muß erhalten bleiben. Zündholz und Wasser, Flinte und Degen haben des Unheils genug in der Welt gestiftet, aber keine Gesetzgebtrng verbietet den Gebrauch dieser nützlichen Gegenstände; sie verhütet und straft nur den Mißbrauch. .
Die Sozialdemokratie liebt freilich em anderes Verfahren. Sie arbeitet nur nach „großen Gesichtspunkten. Schlechtes und Rechtes, Gesundes und Krankes, Kind und Bads Unkraut und Weizen, Fuß und Wunde — solch kleinliche Haarspaltereien machen ihr kerne Sorge. Alles kommt in Einen Topf, Alles fliegt zum