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JV 254 Samstag, den 5. November 1892. 19. Jahrgang

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wie sehr auch andere Kameraden schon die Unmöglich­keit der Weitergehens versicherten, bis endlich Keiner, auch der HoffnungSseligste nicht mehr, sich der gräß­lichen Gewißheit verschließen konnte, daß sie Alle, Alle — lebendig begraben seien.

Nur eine schwache Hoffnung blieb noch: wenn sie nämlich so lange daS Leben erhalten konnten, bis die Kameraden von draußen die Trümmer weggeräumt und den Weg gebahnt hätten. Freilich, das konnte lange dauern, vielleicht würde eS memals geschehen; jedenfalls aber mußten mit Umsicht und Energie alle Maßregeln getrosten werden. t

Vor allem galt eS, die kostbare Luft, von der sie athmeten, zu erhalten. Viel davon verzehrten die Gru- benlichter und erfüllten zugleich den Raum mit ihrem Qualm und Rauch, welcher daS Athmen erschwerte. Die einzelnen Trupps löschten daher ihre Lampen aus bis auf eine oder zwei. Sodann zogen sich die Ber- fchütteten zurück, bis in die entlegensten Gänge, wo die Nachschwaden erst zuletzt hineindringen konnten, und hinter sich schloffen sie die Thüren und stellten die Ventilationsröhren ab, durch welche jetzt die giftigen Dämpfe nur um so schneller geleitet wurden.

So befanden sich in den einzelnen langen Gängen viele Trupps von sechs, sieben und mehr Mann von dem AuSgang und von einander abgeschnitten. In dem

Gang aber, welcher vor dem Schacht aus ganz nach Nordwest führte, wohin sich die Grube am weiteste« auSdehnte, hatte sich eine viel größere Anzahl zusam­mengefunden, und darunter befanden sich auch unsere Bekannten Köhler und Franz Normann.

Die Männer hatten ihre Lampen gelöscht, deren schwaches Licht die dunklen Gestalten hier und da mit einem gespenstigen Schein beleuchtete.

Die Stimmung war im Allgemeinen nicht eine ver­zweifelte, sondern durchweg eine gesaßte und ernste; der tägliche Umgang mit der Gefahr macht eben den Bergmann mit ihr vertraut, und auf ihren plötzlichen Hereinbruch muß er mehr wie jeder andere Stand stets vorbereitet sein. Der Soldat im Felde schickt vorsichtig seine Sicherung voraus und schleicht behutsam von Busch zu Busch, daß er nicht vom Feinde überrascht wird, und wenn er ihm gegenübertreten muß, dann führt er selbst auch eine schützende Waffe in der Hand; der Schiffer auf der See sieht die Wolke von Weitem aufziehen, welche ihm Gefahr droht, und der Sturm­vogel meldet ihm lange vorher schon, wann er die Segel einziehen muß; ungesehen und ungeahnt aber brechen die tückischen Erdgeister gegen den Knappm los, und wchr- und hilflos ist er in ihre Hand ge­geben. Wer unter die Erde steigt, hat immer sem Todtenhemd an. Das weiß der Bergmann, und deS-

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum IS Ps., bei Wiedkrholungen entsvrechender Rabatt Vierteljährlich« Abo nur mkntSpreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen m Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.

(20. Fortsetzung.)

6. Kapitel.

Lebendig begraben und gerettet.

Während also die Einen die Hilfe des Himmels anriefen und unten in der Grube Andere unablässig gegen die niedersallenden und immer noch uachrollenden Trümmer ankäwpften, war hinter diesem Feld der Zer­störung noch lange nicht alles Leben erstorben.

DaS Gebiet von „BergrnannSglück" dehnte sich wohl eine Stunde weit aus und auf dieser ganzen Strecke waren die Bergleute zerstreut gewesen, als die Explo­sion vorn in der Nähe des Schachtes erfolgte uno sie Alle abschnitt. Manche hatten gar nichts von dem Unglück gemerkt und arbeiteten ruhig weiter, bis sie an dem Verschwinden der guten Luft merkten, daß nicht mehr Alles in Ordnung sei oder bis sie von anderen Kameraden abgerufen wurden.

Viele Menschen irrten daher in den hivterm Gän­gen herum und suchten einen Ausgang zu gewinnen. Allein sobald sie in die Nähe deS ExplosionsfeldeS kamen, wurden sie von den entströmenden giftigen Gasen zurückgetrieben. Von einem Gang wanderten sie dann zum solgenden, überall den Durchbruch selbst versuchend,

Deutsches Deich.

Berlin, 3. November.

* Die Ansprache des Kaisers bei der Früh­stückstafel im Luther Hanse hat folgenden Wortlaut:

„Im dankbaren Aufblick zu Gott dem Herrn, der uns in seiner Gnade das heutige Fest bereitet, erhebe Ich den Pokal, den die Stadt Wittenberg dem Reformator Dr. Marttn Luther zu seiner Hochzeit im Jahre 1525 dargebracht hat. Es war dies die Zeit, zu welcher die Reformation in den deutschen Landen bereits festen Fuß gefaßt hatte. Wittenberg, die Wiege und Werk­statt der deutschen Reformation, wurde reich an Ruhm und Ehren. Kein Wunder, daß bei dem Herannahen der vierhundert­jährigen Wiederkehr des Geburtstages Luther's die Augen der evangelischen Welt sich abermals hierher nach Wittenberg lenkten und der Gedanke Gestalt gewann, die Schloßkirche, welche die Stätte der ersten reformatorischen That gewesen und in der neben den irdischen Uebcrreften der ersten Schirmherren der evangelischen Kirche die Gebeine Luther's und Melanchthon's ruhen, würdig wieder herzustellen. Dieser Gedanke fand vollen Anklang in den Herzen Meiner in Gott ruhenden Borfahren, des Kaisers und Königs Wilhelm I. und des Kaisers und Königs Friedrich in. Majestäten. Aber in ihrer hochherzigen Weise er­weiterten sie den Plan dahin, durch den Erneuerungsbau zugleich ein Denkmal der deutschen Reformation zu stiften. Nachdem Mein hochfeliger Herr Großvater die Bereitstellung der hierzu erforderlichen Mittel angeordnet hatte, ergriff Mein verewigter Herr Vater das Projekt mit der ganzen Wärme seines tiefen Gemüthes. Seiner unmittelbaren Anregung und Einwirkung ver­danken wir bis in die kleinsten Ausgestaltungen das hehre Bau­werk, welches wir heute kirchlich geweiht haben. Fanden doch in dieser Ausgabe sein echt evangelischer Sinn und seine hohe künst­lerische Begabung die schönste Befriedigung. Gott hat es nicht gewollt, daß Mein unvergeßlicher Herr Vater das vollendete Werk hat schauen sollen. Nie aber wird die dankbare Nachwett es vergessen, daß sein Name mit diesem Denkmal der Refor­mation unzertrennlich verbunden ist. Uns aber, dem lebenden Geschlechte, soll die erneute Schloßkirche nicht nur ein Zeichen der Erinnerung sein an vergangene Zeiten, sondern sie ist und bleibt uns eine ernste Mahnung für Gegenwart und Zukunft; denn sie ist uns der beredte Ausdruck des Segens, den Gott uns durch die evangelische Kirche geschenkt hat und täglich auf's Neue darreicht. Diesen Segen nicht verkümmern zu lassen, ihn dankbaren und gläubigen Herzens zu bewahren und zu pflegen, ist unsere Aufgabe; denn auf dem gläubigen Festhalten an der ewigen Wahrheit des Evangeliums ruht unsere Hoffnung int Leben und int Sterben. Wir haben unfern Glauben heute vor Gottes Angesicht auf's Neue bekannt, und wir vergeßen eS nicht, daß dieses Bekenntniß uns auch heute noch mit der gesummten Christenheit verbindet. In ihm liegt ein Band des Friedens, welches auch über die Trennung hinüberreicht. Es gibt in Glaubenssachen keinen Zwang. Hier entscheidet allein die freie Ueberzeugung des Herzens, und die Erkenntniß, daß sie allein entscheidet, ist die gesegnete Frucht der Reformation. Wir Evan­gelischen befehden Niemanden um seines Glaubens willen. Aber wir halten fest an dem Bekenntnisfe drs Evangeliums bis in den Tod. Das ist Meine Zuversicht, Mein Gebet und Meine Hoffnung. Darin bestärkt Mich der Geist, der diese Fest-Bersamm- lung sichtlich durchweht. Auf dem festen Grunde unseres evan­gelischen Glaubens haben wir das heutige Fest feiern dürfen. Daß dies in so erhebender Weise hat geschehen können, verdanke Ich vor Allem bett allerhöchsten und höchsten Fürsten, sowie den Regierungen der freien und Hanse-Städte des Deutschen Reichs. Es drängt Mich, Ihnen dafür meinen tiefen Dank zu entbieten. Der gleiche Dank erfüllt Mich gegen die allerhöchsten Souveraine befreundeter Reiche, welche mit uns durch das Band des evan­gelischen Glaubens verknüpft sind und welche ihre Theilnahme an der heutigen Feier durch Entsendung erlauchter und hoher Vertreter so bereitwillig bekundet haben. Mein Dank und Meine Anerkennung gebühren endlich den Männern, welche den herr­lichen Bau geschaffen, ihn so reich und sinnreich geschmückt und dazu beigetragen haben, das heutige Fest so schön zu gestalten. Dieser Pokal aber, den einst Luther's Lippen berührten, soll Mir dazu dienen, das Wohl Meiner durchlauchtigsten Gäste

licherseits Fragebogen vertheilt worden, um in Bezug auf Zollherabsetzunge« die Wünsche zu erfahren, die sie im Interesse ihrer Industrie, zur Hebung unserer Ausfuhr nach Rußland berücksichtigt zu sehen wünschen. ES wird um Angabe der bis jetzt gütigen Zollsätze, er etwaigen erforderlichen Ermäßigungen, ob Ver- zollung nach Werth oder nach Gewicht erstrebt werden oll, um Mittheilung, ob Konkurrenzindustrie in Ruß- and existirt, ob dieselbe stark sei, wie viel die bisherige Ausfuhr beträgt u. f. w. hauptsächlich ersucht.

* DaS Berliner Distanzrittkomitee veröffentlicht eine Erklärung deS Wiener Komitee'-, in welcher die im .Berliner Tageblatt' erhobenen allgemeinen sowie die peziell gegen den Oberlieutenant MikloS erhobenen Anschuldigungen unwahr und bezw. als böswillige Verleumdung zurückgewiesen werden.

* Seitens der ärztlichen Schiffskontrollstatrone« im Stromgebiet der Oder und im Stettiner Hafenbe- zirk wurden in der Zeit vom 16. bis 31. Oktober d. IS. 9398 Fahrzeuge revidirt und 4765 desinfizirt. Die Zahl der revidirten Personen betrug 30880; da­von wurde eine als cholerakrank, eine als choleraver­dächtig befunden. t .

* Fürst und Fürstin Bismarck übersiedeln tm Laufe dieses MouatS von Barzin nach FriedrichSruh; während das Befinden des Fürsten vorzüglich ist, leider die Fürstin noch an ben Folgen einer ziemlich schweren Erkältung. Ä

* Nachdem die Sperrgeld-Verwenduugs-Kom- misfion der Erzdiözese Köln nunmehr in allen Sachen Beschluß gefaßt hat, sind die vorgeschriebmen Nachweisungen über die einzelnen Bewilligungen an den Herrn Oberpräsidenten behufs weiterer Veranlassung zur ministeriellen Genehmigung der Auszahlung abge­sandt worden. Nach Berücksichtigung aller gerechtfertigten Anmeldungen wird sich ein Ueberschuß von etwa 515,000 M. und nach Abzug aller Kosten des ganzen Verfahrens ein DiözesanfondS von etwa 509,000 M. ergeben, welcher in Gemäßheit des Artikels 5 des Ge­setzes vom 24. Juni 1891 nach Verabredung zwischen dem Minister der geistlichen Angelegenheiten nnb bem Diözesail-Obern anzulegen ist. In benjenigen Fällen, in welchen bie berechtigten Priester inzwischen — b. h. nach erfolgter Anmeldung — verstorben sind, ohne daß der Kommission rechtzeitig hiervon Mittheilung gemacht worden, haben die Erben ihre Berechügung berjenigen Regierungshauptkasse gegenüber durch Vorlage von Testamenten bzw. Erbbescheinigungen nachzuweisen, welche zur Zahlung angewiesen ist, b. h. in beren Bezirk bet Erblasser zur Sperrzeit amtlich fuugirt hat. Jebem Berücksichtigten mag anempfohlen werben, — so be­merkt bie .Köln. Volksztg.' — bei persönlicher Erhebung des Gelbes für hinreichenbe Legitimation seiner Per­sönlichkeit Sorge zu tragen; bie Kirchenvorstände mögen inSbefonbete auf bie gesetzliche Vorschrift zur Thätigung ber Unterschrift (brei Unterschriften unb Amtssiegey hingewiesen werben. Voraussichtlich wirb, ähnlich wie in vorhergehenben Fällen, binnen Kurzem bie ministerielle Genehmigung zur Auszahlung eintreffen, worauf von Seiten bes Herrn Oberprästdenten die RegierungS-

daraus zu trinken. Deutschlands evangelische Fürsten und die Regierungen der deutschen freien Städte — sie leben hoch!"

Die „Wittenberger Feier, schreibtbie,Germ.' u. A., nahm einen glänzenden Verlauf, unb wir wollen auch anerkennen, baß dieselbe trotz scharfer Betonung ter „Segnungen ber Reformation" unb bes evange- ischen Glaubenssatzes von ber sola fides, bem allein eligmachenden Glauben, gehässige Angriffe gegen bie acholische Kirche thunlichst tiermieben hat. Es wurde ogar in ber Einweihungsurkunde, wie in ber Weihe­nde bes Superintendenten Schultz Duldung gegen Andersgläubige proklamirt und anerkannt, daß das Grunddogma der Christenthums, das apostolische Glaubensbekenntniß, ber evangelischen unb ber katho­lischen Kirche gemeinsam ist. Die gegenwärtigen von protestantischer Seite ausgegangenen Angriffe gegen bas apostolische Glaubensbekenntniß haben offenbar bazu gefithrt, baß baS Bekenntniß zu bemselben unb zu bem „reinen Evangelium" in bemonstrativer Weise überall in ben Vorbergruub gebrängt würbe. Den freireligiösen Protestantenvereinlern unb Ungläubigen war daS freilich nicht recht, aber sie fachen sich bamit zu trösten, baß berKaiser beim Festmahle in seiner Ansprache erklärt hat: „Es gibt in Glaubenssachen keinen Zwang. Hier entscheidet allein bie freie Ueber­zeugung bes Herzens." Der Unglaube innerhalb ber protestantischen Kirche sucht biefe kaiserlichen Worte als einen Freibrief für bie Leugnung ber christlichen Wahrheiten zu beuten, unb von sozialdemokratischer Seite werben wir wohl balb hören, baß bamit nichts anberes gesagt sei als: „Religion ist Privatsache."

♦ Der Reichskanzler hat sich entschieden dahin ausgesprochen, daß Deutschland die Darnaraland-Kon- zession in vollem Umfange festhalte und nicht im Aller- entferntesten daran gedacht werde, sich unter welchen Umständen auch immer seines südwestafrikanischen Be­sitzes zu entäußern.

* Den Abendblättern zufolge hat der Kaiser in der gestrigen Konferenz mit Eulenburg und Miquel ben vorn Staatsministeriurn vorgelegten Stmerreforul- vorlagen seine Zustimmung ertheilt. Die Einbringung ber Vorlagen wird sofort nach Eröffnung bes Lanbtags erfolgen.

* Der Bunbesrath beschloß heute ben Entwirr eines Gesetzes wegen Abänderung des Strafgesetz­buches bem Reichstag wieder vorzulegen.

* Die Börsen-Enquete-Kommission vertagte sich gestern bis Anfang Januar 1893. t

* Der Kriegsminister hat aus allen Armeekorps bakteriologisch ausgebildete Sauitätsosfiziere auf kurze Zett nach Berlin berufen, damit sie sich mit den neuesten Erfahrungen betreffs der Cholerauntersuchung und der Bekämpfung der Seuche vertraut machen. Der Kursus hat bereits am Montag begonnen. Die bak­teriologische Untersuchung hat insofern einen bedeutenden Fortschritt gemacht, als geschulte Kräfte jetzt innerhalb 24 Stunden feststellen können, ob astatische Cholera vorliegt, ober nicht.

* Wie ber ,Confektionair' erfährt, sind vor einigen Tagen an eine Anzahl hiesiger Großindustrieller amt-