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19. Jahrgang

Donnerstag, den 3. November 1892.

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Der Feldzug wider das Kreuzzeichen.

M Wien, 31. Oktober.

ES ist nicht lange aus, daß im katholischen Ober- Oe st e r r e i ch nach Weisung des Kultus-Ministers eine Verordnung erging, wonach in Volksschulen, wenn auch nur ein protestantisches oder jüdisches Kind in einer Klasse vorhanden ist, das Ave Maria nicht gebetet werden dürfe, angeblich um die religiöse lieber- zeugung dieses einen akatholischen Kindes nicht zu ver­letzens Die Verordnung, welche so recht unsere an­geblich „konservative", in Wirklichkeit aber josefinische Aera charakterisirt, hat gerechtes Aufsehen erregt und wenn wir nicht irren, auch eine parlamentarische Inter­pellation veranlaßt, die leider aber zu keiner befriedi­genden Remedur führte. Die Katholikm fühlten sich durch die Hintansetzung des Ave Maria gekränkt und die unabhängige katholische Presse hat auch gegen diese Verordnung energisch Stellung genommen; während freilich das Abhängigkeitsverhältniß des Hohenwart- Klubs von der Regierung keine Aenderung erlitt und der Liberalismus die Sache ganz in Ordnung fand. Nun ist zu dieser Affaire eine neue getreten. Der Liberalismus, welcher mit Hilfe der Regierung das Ave Maria aus den Volksschulen ausmerzen wollte, hat nun auch sogar dem Zeichen der Erlösung den Krieg erklärt und dm Versuch gemacht, beim Schulgebete die Worte beim Kreuzeszeichen auszumerzm. Der Wiener Bezirksschulrath, in welchem die liberalen Elemente leider die Mehrheit besitzen, hatte nämlich an die sämmtlichen Schulleitungen von Wien fnlgenden Erlaß gerichtet: „Zufolge hieramtlichen Be- fchlusseS vom 29. April 1891, Z. 1636, wird in Interpretation des Erlasses des Bezirksschulrathes vom 21. Oktober 1874, Z. 730, darauf hingewiesen, daß im Sinne desselben von den katholischen Kin­dern bei dem Schulgebete in der Klasse wohl das Kreuzzeichen gemacht, die dazu gehörenden Worte aber nicht laut gesprochen werdm dürfen. Nachdem dieser Beschluß nunmehr laut Erlaß vom 29. Septbr. 1892, Z. 8705, von dem hochlöblichen Schulrathe zur Kenntniß genommen wurde, wird die Schulleitung hiervon zur Panachachtung verständigt."

Dieser Erlaß hat begreiflicher Weise nicht verfehlt, großes Aufsehen und Aergerniß im christlichen Volke Wiens zu erregen. Es ging ein wahrer Sturm der Entrüstung durch alle noch christlich fühlmden Kreise der Reichshauptstadt, und allgemein frug man sich, ob denn die höheren Behördm schlafm, daß sie sich einen derartigen liberalen Faustschlag gegen das christliche Gefsthl hingehen lassen. Die Katecheten Wiens be­reiteten einen Protest vor und es wäre voraussichtlich auch zu öffentlichen Protestversammlungen gekommen, wenn nicht der Statthalter von Niederösterreich als Vorsitzender des Landesschulraths ben so böses Blut erzmgenden Erlaß des Bezirksschulrathes aufgehoben Härte. Wir freiten uns dieser Thatsache; wenn freilich auch hier der hinkende Bote nicht fehlt, indem die

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Sine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.

(18. Fortsetzung.)

OesterS hatte der Jnspettor absetzen müssen bei diesen Worten, und immer wieder fielen ihm müde und matt die Augen zu. Dann flößte ihm ein Kollege einige Tropfen Wein ein, daß er wieder zu sich kam. Wenn man ihm aber auch einen Bissen Brod zur Stärkung reichen wollte, wehrte er es ab mit den gebrochenen Worten: „Laßt, laßt . . . hernach! — jetzt ist nicht Zeit." — Ein rührendes Beispiel treuer Pflichterfüllung für alle Anwesenden!

Ernst und lautlos hatten die umstehenden Beamten den Angaben des Inspektors gelauscht. Nachdem er ge­endet, wurde kurz berathen und ein bestimmter Plan entworfen, nach welchem, sobald Mannschaften genug vorhanden wären, das RettungSwerk systematisch aus­genommen werden sollte.

Unterdessen war ungefähr die achte Morgenstunde herangekommen und zahlreich fanden sich die Bergleute von den bmachbarten Gruben ein.

Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde von dem Unglück verbreitet, und Jeder wollte bei der Rettung der Kameradm der Erste fein, Keiner zu spät kommen.

In tiefem Ernst und ohne ein Wort zu sprechen, sammelten sich die Knappen auf der Bühne, auf welcher sonst die Kohlen abgeladen zu werden pflegten.

Die Kinder wärm konfessionell getrennt und es könnten dann in jeder Schule der betreffenben Konfession auch bie Gebete unb Anbachtsübungm uneingeschränkt zur Durchführung gelangen unb es brauchten bann nicht heute das Ave Maria, daS andere Mal die Worte des Kreuzzeichens und vielleicht einmal diefeS selbst wegm ein paar nicht katholischer Schulkinder aus der Schule verbannt zu werden. Nicht leicht kann eS etwas Kränkenderes für uns Katholiken geben, die wir doch die große Mehrheit der Bevölkerung repräsentirm, als diese ständige Hintansetzung unserer religiösen Be- dürfnisse zu Gunsten einer winzigen Minderheit von Andersgläubigen. Die ganze Misere des katholischm Oesterreichs ist darin ausgedrückt und so lange eS möglich ist, daß solche Zurücksetzungen geschehen, kann man von Zufriedenheit der Katholikm nicht fprechm. Auch der eifrigste „Klerikale" hat gewiß nichts bagegen, wenn auf die religiösen Bedürfnisse der protestantischm und jüdischen Kinder Rücksicht genommen wird, aber wir verlangen daS gleiche Recht auch für die katholischen Kinder. ES sollen, wie eS leider fchon vorgekommen ist, nicht 50—60 kath. Kinder auf ihre ehrwürdigen Gebete wegm zwei oder drei Nichtkatholiken verzichten müssm. DaS ist ein ganz und gar unhaltbarer Zustand und involvirt eine große Ungerechtigkeit gegen die Katholiken, die am sichersten beseitigt wird durch die Wiederherstellung der kon­fessionellen Schule. Deshalb wird der Ruf nach ber- felbm auch nie verstummen und das christliche Volk immer imd immer aufs Nme die konfefsionelle Schule verlangen. Mag man auch in Rezierungskreism meinen, daß diese Frage abgethan sei, so wird sie doch immer wiederkehren und so lange nicht verstummen, bis sie eine gerechte Lösung findet. Die beste katho­lische Antwort auf den liberalen Feldzug gegen daS christliche Kreuzzeichen ist die Verdoppelung der An- strmgungen für die Wiederherstellung der christlichm Schule. Gott gebe es!

Aufhebung nicht etwa aus Ehrfurcht vor dem Kreuz­zeichen oder aus religiösen Motiven, sondern wie die liberalen Blätter mittheilm, nur aus formellen Gründen erfolgte. Also nicht die Beseitigung der Worte des Kreuzeszeichen war eS, welche die Regie­rung veranlaßte, gegen eine so flagrante Beleidigung des christlichen Gefühls einzuschreiten, sondern nur der Umstand, daß die Urheber des liberalen Attentates gegen das Vaterunser nicht die rechte Form dafür gewählt haben. Das gibt sehr zu denken unb wirft ein Licht auf bie kirchenpolitische Situation in Oester­reich, in der 92 Prozent der Bevölkerung gegen eine verschwindende Minorität von Akatholiken sogar in den Schulgebeten hintangesetzt werdm können. Aus diesem Grunde ist die Sache auch mit der Entscheidung des Statthalters nicht abgethan, sondern das christliche Volk erwartet von seinen Vertretern im Reichsrathe, daß diese Angelegenheit im Parlamente besprochen unb bie Regierung zu einer Erklärung gmöthigt werbe, ob sie das erhabene Zeichen des Erlösers beim Schulgebete aufrecht erhalten wolle oder nicht. Es will hören, wie der oberste Chef der Unterrichtsverwaltung über diese Frage denkt und ob derselbe bereit ist, allen liberalen Plänen gegen das Schulgebet ein für allemal einen Strich durch die Rech­nung zu machen. Dies könnm die Katholikm auch mit Fug und Recht verlangen und es wird Sache der christlichm Abgeordneten fein, hierin klare Sicht zu schaffen. Es wäre Feigheit, ja sogar Verrath an unseren heiligsten Gütern, wenn die berufenen Ver­treter deS christlichm Volkes schweigen und nicht ein für allemal gegen jedes Rütteln an ehrwürdigen Ge­beten protestirm möchten. Das christliche Wim war auch entrüstet über die ganz und gar unqualifizirbare Haltung des .Vaterland', welches dm famosen Er­laß deS Bezirksschulrathes gewissermaßen zu beschönigen und darin nur ein Mißverständniß zu erblicken suchte. Das Blatt lieferte damit nur ein Seitmstück zu der bezeichnenden Leistung bei der Wahl Krona­wetters, als eS den christlichm Kandidatm Vietting- h o f - S ch e l l, den erprobten Veteranen der christlichen Be­wegung Wiens, den erklärtm Vertt auensmann des Kardi­nals Gruscha, den Neffm deS Grasen Belcredi, des Eigen- thümerS des ,Vaterland', den Präsidenten des patriottsch- katholischen Volksvereines für Niederösterreich, als nicht zu seinen engeren Parteigenossen gehörig, bezeichnete. Solche Leistungen machen es erklärlich, daß das ,Vaterland' in christlichen Kreisen Wiens immer mehr an Boden verliert und daß der Wunsch nach Grün­dung eines neuen katholischen Cmtralorganes fortgesetzt rege bleibt.

Der Feldzug gegen das christliche Kreuzzeichen liefert aber auch einen neuen Beleg für die dringende Nothwmdigkeit der Wiederherstellung der konfessio­nellen Schule. Hätten wir diese, dann wärm solche Erlässe wie die des Wiener Bezirksschulrathes ein Ding der Unmöglichkeit. Es gäbe dann in Wien katholische, protestantische und jüdische Volksschulen.

Von den ab- und zugehenden Beamten wurden die Grubenlampen ausgetheilt, doch einige bei der großen Gefahr besonders wichtige Vorsichtsmaßregeln einge« schärft, die Mannschaften in Gruppen von je zehn Mann abgethM und jeder derselben ein Führer bei­gegeben, wenn möglich ein solcher, dem die Verhält­nisse der Grube von früherer Beschäftigung in derselben bekannt waren, unter ihnen auch Peter Hochfeld, der von seinem neuen Arbeitsfeld sofort herüber geeilt war.

Währmd fo auf der einen Seite des Schachtes die Rettungsmannschaften sich sammelten und ordnetm, er­füllten rings umher den weiten Hof die Angehörigen der verschütteten Bergleute. Hunderte, ja Tausende waren schon da, und immer noch kamen neue Züge an. Entsetzen und Verzweiflung malte sich in allen Ge­sichtern, und ein leises Schluchzen wogte durch die Menge, die sich sonst in musterhafter Ordnung und Ruhe verhielt.

Auch einige Bekannte von uns waren noch da. Etwas abseits von dem großm Haufm, an einen Posten gelehnt, stand die Frau des alten Köhler, den Rosen­kranz in der Hand und das Taschentuch bisweilen nach den Augen führend. Neben ihr auf einem Balken hin­gekauert, fast aufgelöst in Thränm saß Lisbeth, die in ihrem Schmerz ebenso maßlos war, wie in anberen Gefühlsäußerungen. „

Auf der anderen Seite der Mutter Köhler aber äußerlich so ruhig und gefaßt wie immer, nur tiefe

Deutsches Keich.

Berlin, 1. November.

* Der Kaiser hat der Stadt Wittenberg an- läßlich der Einweihung der Schloßkirche fein Bilimiß für den RathhauSsaal verliehen. Die theologische Fakultät der Universität Halle hat auS dernselbm Anlaß dm Präsidenten des evangelischen Oberkirchm- rathS, Dr. Barkhausen, dm Geueralsuperintendentm Dr. Teichmüller-Dessau, den Sicentiaten Professor Reinecke und den Superintendenten Quandt inWittm- berg zu Ehrendoktoren ernannt. — Die fürstlichen Personen, welche an der gestrigen Feier in Wittenberg theilnahmm und den Kaiser nach Potsdam zurückbe­gleiteten, sind int Laufe des gestrigen Abends und deS heutigen TageS wieder abgereist. — Der Kaiser begibt sich am Donnerstag zu dm Trauerfeierlichkeiten für die verewigte Königin Olga von Württemberg nach Stuttgart. Der hiesige Hof legt auf drei Wochm Trauer an.

Trauer im Gesicht, stand Marie und stützte die alte Frau mit ihrer jugendkräfttgen Gestalt.

Ihre Augen warm fest auf Peter gerichtet, den die beiden Anderen noch nicht gesehen hatten, und der auch sie noch nicht bemertt zu haben schien, berat er war eifrig mit feiner Gruppe Leute beschäftigt, bie Rettungswerkzmge unb bie getroffenen Vorkehrungen prüf mb.

Endlich war Alles bereit zum Einfahren, jeden Augenblick konnte daS Zeichm dazu gegeben werben.

Da flog Peter's Blick noch einmal über bie trau* ernbe Menge hin, unb ein Blick tiefen Mitleids ging über sein Angchcht, welches, seitdem wir es nicht mehr schm, noch bedeutend ernfter erschien.

Plötzlich aber erschrickt er: Ist das nicht die Fran seines alten Gönners, des biederen Köhler, welche dott hinten steht und weint? — Also ist auch er unter ben Verunglückten! Ohne Verzug will er hingehen unb einige Worte deS Trostes an bie betrübte Frau richten, — da fällt fein Blick auf die beiben Mädchen unb nnfchlüfsig zieht er ben Fuß wieber zurück.

Aber er bemerkt, daß der Blick Mariens fest auf ihm ruht, als befehle sie ihm zu kommen.

Die geliebte Lisbeth hätte dies kaum über ihn ver­mocht; aber dem Einfluß dieses reinen, ruhigen Auges kann er sich nicht entziehen, und nachdem er dem vor­gesetzten Beamten einige Worte über seine Absicht mit»