Dienstag, den 1. November 1892,
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W Die nächste Nummer -s. Bl. gelangt am Mittwoch zur Ausgabe.
Auf dem Friedhof.
Am Allerseelentage Ich auf dem Friedhof stund, Im Auge weint die Klage, Gebete spricht der Mund.
Es nennt kein Stein den Namen, Wer der Verstorb'ne war. Und keine Beier kamen, Er ist vergessen gar.
Ich legt' es auf die Scholle, Sprach ein Gebet dazu: „Barmherz'ger Vater wolle Der Seele geben Ruh'I"
Manch' Marmorkreuz mit Prunken Ein Perlenkranz umflicht, Daneben eingesunken
Ein Grab ohn' Kranz und Licht.
Da drängt es mich zu knien An dieses Hügels Rand, Ein Lichtlein ließ ich glühen, Die Hand ein Kränzlein band.
Da war's, als rauschten Flügel Um mich am Grabesrand, Als streckte aus dem Hügel Sich dankbar eine ^and.
Nicht überall bietet sich jedoch das Bild der Verwüstung und Zerstörung, wie in der Nähe des Schachtes. Du Reiter kommen auch an Gegenden, wo die Explosion nicht unmittelbar gewirkt hat. Dort sind die Gänge noch in Ordnung, die hier Beschäftigten wurden nicht gleich verbrannt und zerschmettert, aber der Ausgang war ihnen versperrt. Die Nachfchwaden drangen zu rhnen, sie mußten die Ventilation absperren und sich in den äußersten Winkel zurückziehen. Dort sitzen sie zu sechs, zu acht, zehn oder mehr Mann, wie sie sich zusammengefunden, den Rücken gegen die Wand gelehnt, das Kinn auf die Knie gesunken; kein Zeichen verräth, ob noch kostbares Leben in ihnen pulsirt.
Jetzt kommen die Retter hierher: leben die Kameraden noch oder sind sie tobt? Sie rütteln die Dasitzenden auf, gießen ihnen von der Flüssigkeit in's Gesicht, welche sie in der Grubenflasche zum Löschen des heißen Durstes mit sich führen — endlich macht einer ein unverständliches Zeichen. Also es ist noch Leben da, es fehlt nur au frischer Lust.
Behutsam nehmen die Männer einen nach dem andern auf und schleppen ihn mühsam nach dem Ausgang, wo inzwischen die Aerzte mit ihrem Personal eine primitive Rettungsstation eingerichtet haben und an den Gefundenen Wiederbelebungsversuche anstellen.
Mancher zwar stirbt den Aerzlen unter den Händen — mit einem Zug von Glückseligkeit im Gesicht, wenn ihm noch die Tröstungen seiner Religion zu Theil geworden, welche liebreich zu spenden, neben dem alten
den Sternen aus, um den rechten Weg zu finden. Die Heiligen sind wie leuchtende Sterne am Himmel des Glaubens. Hinauf den Blick zu ihnen, um die Irrungen im Erdenwallen zu vermeiden. Gut und glücklich im Diesseits wird nur sein, wer das Jenseits im Auge behältDas letzte, einzig erstrebenswerthe Ziel, durch das die Seligen schon eingezogen sind zur Vollendung und an dessen Pforten die büßenden Seelen mit der Gewißheit des nahenden Heiles warten. Frisch vorwärts gestrebt auf dem engen und steilen Wege, und die Ohren verschlossen für alle Verführer, die ein anderes Heil predigen, als das Heil im Kreuze des Gottessohnes!
Berlin, 29. Oktober.
* Die Erhebung des Hochw. Herrn Erzbischofs Krementz von Köln zum Kardinal steht nunmehr, wie die .Germania' aus zuverlässiger Quelle melden kann. fest. Ob dieselbe schon in dem gegen Weihnachten stattfindenden Konsistorium erfolgt, oder bis zum nächsten Jahre, in welchem der Herr Erzbischof sein 25jährigeS Bischofsjubiläum feiert, verschoben wird, ist noch unent- chieden.
* Die ,Nationalzeitung' erfährt zuverlässig, daß es dem Kultusminister Dr. Bosse nicht in den Sinn ge. kommen sei, sich in die Harnack'sche Angelegenheit einzumischen, die nach seiner Auffassung nicht die Unter- rlchtsverwaltung, sondern ausschließlich die evangelische Kirche angehe.
* Die Kommission für die 2. Lesung des Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuchs für das deutsche Reich erledigte in ihren letzten Sitzungen die Bestimmungen über Schuldverhältnisse aus unerlaubten Handlungen. Es wurde hierbei die Bestimmung ausgenommen, daß, wer vorsätzlich oder aus Fahrlässigkeit widerrechtlich das Recht eines Anderen verletzt oder gegen ein den Schutz deS Anderen bezweckendes Gesetz verstößt, ihm zum Ersatz des daraus entstandenen Schadens verpflichtet ist.
* Bei der Berliner Kriminalpolizei wird jetzt ein neues Berliner Berbrecherlexikon ausgearbeitet, das eine Zusammenstellung der gangbarsten Verbrecheraus- drücke enthalten soll. Das bisher gebräuchliche (daS Sneber'sche) stammt aus dem Jahre 1848 und ist natürlich veraltet.
* Die Verhandlungen der durch Vertreter der Aerztekammern erweiterten wissenschaftlichen Deputation für das Medizinalwesen erstrecken sich außer auf die Anzeigepflicht für ansteckende menschliche Krankheiten auch auf die staatliche Aufsicht bei Einrichtung und Betrieb von Privatkrankenanstalten.
* Zum Stellvertreter des Gouverneurs von Deutsch- Ostafrika ist Oberstlieutenant Freiherr von Schele zunächst auf 6 Monate kommandirr worden. Korvettenkapitän Rüdiaer kehrt nickt nack Oüasrika zurück. Es
? Allerheiligen und Allerseelen.
Am Vorabend von Allerheiligen hat Luther die 95 Thesen aw die Thüre der Wittenberger Schloßkirche geschlagen. Obschon die Thesen den Ablaß und die päpstliche Gewalt nock anerkennen, hat man doch diesen Anschlag als die Wurzel des kirchlichen Umsturzes betrachtet, und den Tag vor Allerheiligen zum „Reformationstag" gemacht und die Schloßkirche zu einer Geburtskirche für den Protestantismus. Dieses Jahr wird die Einweihung der restaurirten Kirche zu einem glänzenden Feste benutzt, an dem der Kaiser und die von ihm eingeladenen protestantischen Fürsten Europas in Person oder durch ^Vertreter .theil- nehmen.
Möge das Fett mehr einen evangelischen, als einen protestantischen Charakter tragen! Die Betheiligung der höchsten Personen darf uns wohl als Bürgschaft gelten, daß bei dieser Gelegenheit der Geist des unfriedlichen „Bundes" sich nicht hervorwagen kann. Die deutschen Katholiken werden zusckauen im Geiste christlicher Liebe und dem Gebete: Ut omnes unum sint! Daß Alle, die an Christus, den Sohn Gottes und den Erlöser der Menschheit glauben, zur Einigung gelangen mögen — zur Gemeinschaft der Heiligen in der -Einen ringenden Kirche auf Erden, der triumphirenden und leidenden Kirche im Jenseits.
375 Jahre sind verflossen seit dem Anschlägen der Thesen, die so verhängmßvolle Folgen nach sich ziehen sollten. Fast vier Jahrhunderte — und noch immer steht Altar gegen Altar, Kanzel gegen Kanzel. Nicht einmal am Grabe der Verstorbenen finden sich die Christen zusammen. Die protestantische Kirche hat an dre Stelle des alten Allerseelentages ihren Todten- sonntag gesetzt, und an Stelle unseres Gebetes um die ewige Ruhe ein unthätiges Gedenken. Den tröstlichen Aufblick zu den Verklärten, die am Throne Gottes für den ringenden Nachwuchs bitten, Haden sie gänzlich verworfen. Der Hinbück auf die andauernde Spaltung im Glauben wirkt jetzt um so ergreifender, je mehr die Grundlage des gemeinsamen Christenglaubens, das apostolische Bekenntniß, in Gefahr geräth.
Aus den Nöthen und Kümmernissen des Diesseits ziehen die Festtage vom Anfang November die Gedanken in das Jenseits. Wohl euch, die ihr schon eingegangen seid in den Himmel, wo das Glauben sich in Schauen wandelt und kein Zweifel, kein Streit, keine Sünde mehr Platz findet! Ja, wohl auch euch, die ihr noch an der Stätte der Reinigung weilt; trotz der Buße, die noch über euch verhängt ist, seid ihr glücklich zu preisen; denn ihr habt die Sicherheit des Heiles, des ewigen Friedens und Glückes, während wir Alle noch mit Furcht und Zittern kämpfen und streben müssen — ungewiß, ob uns eine selige Sterbestunde beschieden
Pastor von Kohldorf auch die anderen Geistlichen der Nackbarschaft gekommen sind.
Oft aber sind auch die Bemühungen von Erfolg gekrönt und der Kranke erstarkt wieder zu neuem Leben.
Inzwischen sind die muthigen Retter längst wieder zurückgeeilt, um auch die Uebrigen an die lebenspendende Luft zu bringen.
Fast eine ganze Gruppe ist schon gerettet; nur noch zwei oder drei sind zurückgeblieben, und auch ihnen soll jetzt Rettung werden: da brechen wieder tückische Schwaden los; auf das eigene Leben bedacht, müssen die Wackeren zurückweichen; es schwindelt ihnen vor den Augen; die kostbare Bürde des Kranken wird hinderlich; ob Freund oder Feind, ob Vater oder Bruder, — das rußgeschwärzte Angesicht läßt es nicht erkennen — sie müffen abwerfen. ----Nach einer halben Stunde haben
die bösen Wetter sich verzogen, die Retter kommen wieder — aber was sie finden, sind steife kalte Leichen, sie kommen zu spät — zu spät! — --
So verrinnt Stunde um Stunde bei dem traurigen Handwerk.
Oben, 600 Meter über diesen Trauerscenen, bricht schon der goldene Morgen an, und die Sonne blickt so freundlich über Feld und Flur, als ob sie gar nichts wüßte von dem Elend und Leid, welches in den Hundert und Hunderten von Herzen brennt, die aus der ganzen Umgegend eiligen Schrittes nach der Grube „Bergmannsglück" ziehen.
Ls ist eine traurige Prozession: hier ein junge
fein wird oder ob wir noch der Versuchung zum Abfall vom Guten und Wahren erliegen werden.
Der Weg zum Heile wird der armen Menschheit immer schwieriger gemacht, die Verirrung in das Neu- heidenthum immer verführerischer. Renan, der mit rücksichtsloser Offenheit den Christusglaubeu bekämpfte, ist kürzlich abberufen worden zum höchsten Richter. Ader es gibt noch Glaubensfeinde m Menge, die schlimmer sind als er, Wölfe in Schafskleidern, die mit Heuchelei und Hinterlist dasselbe Ziel, die Untergrabung des Glaubens an den göttlichen Heiland, an- ftreben und den Schwachen im Geilte zu noch größerem Aergerniß gereichen. Die Anzweifler des apostolischen Glaubensbekenntnisses, die sich Christen und sogar Lehrer der christlichen Religion nennen, haben es soweit gebracht, daß die Welt am großen Reformationsfeste von 1892 vor der erschütternden Frage steht: Wird die Religions-Gemeinschaft der Reformation christlich bleiben oder in neuheidnischen Unglauben versinken? Wie schrecklich ist es, Tausende und Abertausende dem Kreuz des Heiles, das ihre Väter beseligt hat, den Rücken wenden zu sehen! Wie weit wird diese verheerende Seuche auf religiösem Gebiete um sich greifen? Was werden unsere Vorfahren im Jenseits empfinden, wenn sie sehen, daß aus dem beklaqenSwerthen Zwiespalt im Glauben sich jetzt der Massenabfall zum vollen Unglauben zu entwickeln droht?
Wenn jemals das Vorbild und die Fürbitte der Heiligen noth thut, dann ist es jetzt der Fall. Um den Thron Gottes sehen wir sie Alle versammelt, die Apostel, die Märtyrer und Bekenner, die heiligen Bischöfe und Päpste, die Evangelisten und Kirchenlehrer, die Missionare und die sonstigen treuen Seelenhirten, die guten Fürsten und die übrigen Laien, die mitgearbeitet im Weinberge des Herrn. Wenn sie niederschaueu zur Erde und das große Werk, dem sie ihre Sehens traft geweiht hatten, so schwer bedroht sehen, dann werden sie gewiß ihre wirksamen Stimmen vereinigen mit dem Noth- schrei aller guten Christen auf Erden: Herr, hilf uns, denn wir sinken?
Die Heiligen im Himmel können nur auf dem Wege her Fürbitte noch wirken zum Heil der Welt. Aber die Christen auf Erden können beten und arbeiten. Je größer die Noth, desto stärker muß die Anstrengung zum Wehren und Retten sein. Das Himmelreich leidet Gewalt; die Vollendeten, deren Andenken wir feiern, haben mit Gewalt sich das Glück im Jenseits und der Welt den Segen ihres irdischen Waltens errungen. Wollen wir einst in der Vollendung mit ihnen zusammentreffen, so müssen wir auch ihrem Wirken auf Erden nacheifern. Jeder kann und soll eine Stütze des gefährdeten christlichen Glaubens sein, indem er 1) den Glauben in sich und in seinem Hause lebendig erhält, 2) durch ein sittenreines Leben ein gutes Beispiel gibt, 3) nach Kräften die Werke der Missions- und Liebes- thätigkeit unterstützt.
Der Schiffer auf dem weiten Meere schaut nach
Im Wetter geschüttelt.
Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.
(17. Fortsetzung.)
Wie oft aber müssen sie auch wieder zurückweichen, wenn aus den langen finsteren Gängen gefährliche Wetter oder giftige Nachscywadeu heranziehen.
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