Beilage zu Nr. 250 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 30. Oktober 1892"
Dilgerjiige nach Palästina.
Zu dem unter dieser Ueberschrift in Nr. 248 der ,Fuld. Ztg.' erschienenen sehr beachtenswerthen Artikel mögen folgende Bemerkungen gestattet sein.
1. So wichtig für die Pilger auch die endlich eröffnete Eisenbahnstrecke von Jaffa nach Jerusalem ist, als eine „wesentliche Verringerung der Reisebeschwerlichkeit" darf sie doch nicht bezeichnet werden. Die Wagenfahrt nimmt selbst bei schlechtem Wetter höchstens zehn Stunden in Anspruch, also nur das Doppelte der Zeit, welche für die Eisenbahnfahrt angesetzt ist.
2. Wer sich überhaupt zu den äußerst beschwerlichen und auch nicht ungefährlichen Reit-Touren im hl. Lande entschließt, wird am wenigsten auf den dreitägigen Landweg von Jerusalem nach Nazareth mit seinen überaus denkwürdigen Stationen verzichten wollen, zumal die Ein- und Ausschiffung in Jaffa sehr unbehaglich und zweifelhaft, der Weg von Kaifa nach Nazareth im Frühjahr, wenn der Kison seine Ufer überschritten und seine Brücke weggerissen hat, selbst zu Pferde schwer passirbar ist. Auch fehlt es auf jenem Landwege nicht an Nachtquartieren: z. B. in Ramallah (bei el Bireh) in Sichern und in Genin.
3. Für den Besuch des See Genesareth, welcher, natürlich nach Jerusalem, zu den Glanzpunkten den Reise zählt und einen besonders tiefen und nachhaltigen Eindruck macht, wäre es besonders wichtig, wenn die längst projektirte Eisenbahn von Kaifa an den See ausgeführt würde. Da diese nach Damaskus fortgesetzt werden soll, so wäre auch diese ungemein interessante Stadt, für welche bis jetzt der Postverkehr von Beirut, zumal in Verbindung mit Baalbek, ein höchst unbequemes und unzuverlässiges Verkehrsmittel ist, um so leichter zugänglich gemacht und mit einem Gesarnrnt- Zeitverlust von nur drei Tagen kennen zu lernen.
4. Der nur zu Pferd ausführbare und bei der Steinigkeit und Abschüssigkeit der Wege recht bedenkliche Ausflug an das Todte Meer bietet dem Pilger weniger als er erwartet, zumal wenn er nicht das Wüstenkloster Mar-Saba hineinzieht, welches durch die schauerliche Großartigkeit seiner Umgebung und Alter, wie Eigenart seiner Einrichtung zu den allergrößten Merkwürdigkeiten Palästina's zu zählen ist.
5. Je mehr Eisenbahnen dar hl. Land erhält, um so mehr wird sein Besuch erleichtert werden, was gewiß im höchsten Maße zu wünschen ist. Besonders für Seelsorgsgeistlichen ist die neue, durch den Augenschein zu gewinnende Vertrautheit mit den biblischen Stätten von größter Wichtigkeit, weil sie ihm für die Predigt und namentlich für die Katechese ungemein wichtige und dankbare Quellen erschließt. Die Geistlichen sollten daher in viel größerer Anzahl als bisher diese Pilgerfahrt in ihr Lebensprogramm aufnehmen, sei es, daß sie sich einer Karawane anschließen, was manche Vor- cheile bietet, aber auch mancherlei Unzuträglichkeiten, zumal für selbständige Naturen, sei es, daß sie eine eigene kleine, aber recht kleine Gesellschaft zu bilden vermögen. In der einen wie in der andern Form braucht die Reise weder in Bezug auf die Dauer, noch in Bezug auf die Kosten die in dem Artikel bezeichnete Höhe irgendwie zu überschreiten. Wer im Frühjahr auch für dieses eine Mal ganz unabkömmlich, weil Vertretung durchaus unmöglich ist, möge den Spät- Herbst wählen, der für den Seelsorgsgeistlichen die Residenz lange nicht in dem Maße erfordert, als die österliche Zeit, nach deren Ablauf, zumal wenn sie erst spät erfolgt, die Temperatur in der Regel schon einen zu hohen Grad erreicht hat. Aber nicht zu lange möge die Ausführung hinauSgeschoben werden, weil sie junge Glieder verlangt und einen lebendigen Geist. — Möge nur die Anregung zur Fahrt recht häufig und recht eindringlich wiederholt werden.
Eine kleine Erfrischung.
Humoreske aus dem Leben des letzten Kurfürsten von Hesten.
Das in stiller Abgeschiedenheit vom großen Weltverkehr gelegene hessische Städtchen S. erfreute sich schon in der Vorzeit einer gewissen Berühmtheit, welche derjenigen von Abdera nicht unähnlich war. Die „S — er Streiche" waren im ganzen Hessenlande sprüchwörtlich geworden, und wenn auch natürlich Vieles hinzugedichtet wurde, so mag doch dem humoristischen Gesammt- Renommse der guten Bürger von S. die thatsächliche Grundlage nicht gänzlich gefehlt haben.
Auch der letzte Kurfürst von Hessen soll, wie man sich erzählt, von dieser Eigenthümlichkeit seiner „getreuen Unterthanen" in S. eine drastische Probe erfahren haben. Als derselbe nach dem Rücktritte seines Vaters im September 1831 die Regierung des Kurfürstenthuws übernommen hatte, beschloß er, dem Herkommen folgend, eine Bereisung seines Landes zur Empfangnahme der üblichen Huldigungen vorzunehmen. Wegen der damaligen stürmischen Zeitverhältnisse mußte jedoch diese Reise bis zum Sommer des folgenden Jahres aufgeschoben werden. Nun setzte man im Hessenlande in die Persönlichkeit des neuen Regenten frohe Hoffnungen auf eine verfassungsmäßige und wahrhaft volkS- thümliche Regierung und brachte ihm daher damals noch aufrichtige Sympathien entgegen (welche sich freilich später, als jene Hoffnungen getäuscht worden waren, in das Gegentheil verwandelten). Man beschloß demnach, an allen Orten, durch welche der Fürst voraussichtlich reisen würde, ihn festlich zu empfangen. Dies war auch in S. der Fall, durch welches, wie man sicher erfahren hatte, Serenissimus aus Vorliebe für die althessischen Gebietsteile seinen Weg nehmen würde. In Folge dessen befanden sich die guten Bürger dieser Stadt in einer leicht erklärlichen Aufregung über die Frage, in welcher Weise sie den neuen Landesherrn wohl am würdigsten empfangen könnten, und um keinen Verstoß gegen die Etikette zu machen, beschlossen sie auf den Rath des Bürgermeisters, eine Deputation an das kurfürstliche Hausministerium in Kassel zu senden und dasselbe um die nölhigen Berhaltungsregeln zu bitten. Dieser nun erklärte der Minister, daß zwar die üblichen Begrüßungen durch die Bürgerschaft und die Schuljugend Sr. König!. Hoheit Vergnügen bereiten, jedoch weitere Festlichkeiten nicht nöthig sein würden, da Höchstdesselben Aufenthalt in S. nach dem Reiseplane nur von sehr kurzer Dauer sein würde. Auf die Frage, ob Höchstdem- selben nicht ein festliches Mal angenehm sein würde, lehnte der Minister ab, meinte jedoch nach einigem Besinnen, da es eben sehr heißes Wetter sei — man war damals im Juli — so möchte er vielleicht einer kleinen Erfrischung nicht abhold sein. Mit diesem Bescheide reiste die Deputation unter vielen Dankesbezeu- gütigen und Bücklingen wieder ab.
Zu Hause angelangt, entstand jedoch in ihrem Kreise eine Meinungsverschiedenheit darüber, was der Minister wohl unter „einer kleinen Erfrischung" verstanden habe. Man stritt hin und her; die Einen meinten ein Glas guten Weines, die Anderen einige Apfelsinen oder bergt, die Mehrheit jedoch, und unter ihr auch der Bürgermeister, entschied sich dahin, daß, da der Minister ausdrücklich auf die heiße Jahreszeit hingewiesen habe, in welcher das Reisen In offenem Galawagen sehr beschwerlich sein müsse, eine wirkliche Erfrischung, und zwar eine Abkühlung mit kaltem Wasser gemeint sei. An Wein, welcher ohnehin mehr erhitze als erfrische und Apfelsinen und bergl. werde es dem Fürsten, der ja nicht ohne Gepäck und Gefolge reise, ohnehin nicht fehlen und man riskire, ihn durch das Angebot von Bagatellen nur zu beleidigen. Daher sei es weit angemessener, ihm bei seiner Ankunft eine wohckhuende Erfrischung mittelst kalten Wassers, eine tüchtige Abkühlung des ganzen Körpers zu bereiten, welche er sich unterwegs nicht zu verschaffen vermöge, da er doch keine Badwanne int Wagen mit sich führen könne. Eine solche Er- ftischung werde Serenissimo sehr angenehm und wohlthuend sein und den Bürgern von S. zur Ehre und Vortheil gereichen. Trotz des Widerspruchs Einiger beschloß man daher, diese Erfrischung mittelst der Feuerspritze des Städtchens zu bewerkstelligen, welche zu diesem Zwecke in besten Stand gesetzt, neu aufpolirt und sorgfältig gehütet wurde. Der große Tag der Ankunft bei Landesherrn brach an. Es herrschte an demselben Tage eine fast unerträgliche Hitze und um so mehr von ihrer guten Idee entzückt, harrten Seiner am Thore des Städtchens im Sonntagsschmuck Bürgermeister und Stadtrath, eine große Zahl Bürger und die Schuljugend von S. — Inmitten der ersteren stand die mit Blumen und Kränzen schön und festlich geschmückte, mit klarem, kühlem Brunnenwasser „geladene" Feuerspritze. Da verkündete ein Trompetenstoß des Borreiters die Ankunft der landesherrlichen Kutsche, in welcher Serenissimus an der Seite seines Ad- utanten saß. Ihr folgten noch mehrere Chaisen mit dem fürstlichen Gefolge. Kaum derselben ansichtig geworden, kommandirte der Bürgermeister „Los!", auf welches Signal die Feuerwehr- pritze sofort ihre „erfrischende" Thätigkeit begann, während ein tausendstimmiges „Hoch!" und „Hurrah!" erscholl. — Als hierauf, wie sich begreifen läßt, der fürstliche Leibkutscher sofort die Pferde Kehrt machen ließ, um seinen bereits weidlich „erfrischten" Gebieter aus dem Bereiche dieser seltsamen Ovation zu bringen, erscholl von Neuem das Kommando des Bürgermeisters: „Los!" „Von vorne hat er genug, nun von hinten drauf'" Und abermals entwickelte die Feuerspritze ihre „erfrischende" Thätigkeit mit solchem Erfolge, daß von den fürstlichen Wagen bald keine Spur mehr zu sehen war.
Der Kurfürst soll über diesen patriotischen Empfang zwar Anfangs sehr erzürnt gewesen sein, nachher aber, als er den Zusammenhang erfuhr, herzlich gelacht, jedoch nie wieder nach folcher Erfrischung begehrt haben.
Vermischtes.
* Fahrradfabrikation. Zu einem ganz bedeutsamen Industriezweig hat sich in den letzten Jahren die Fahrradfabrikation ausgebildet. Zur Zeit bestehen in Deutschland mindestens 50 Fabriken, welche sich mit dem Bau von Belozipeden beschäftigen; die bedeutendsten hiervon sind: Seidel u. Naumann, Dresden; Heinrich Kleyer, Frankfurt a. M.; Dürkopp u. Co., Bielefeld; Adam Opel, Rüsselsheim; Gebr. Reichstein, Brandenburg- Frankenburger u. Ottenstein, Nürnberg; Hillmann, Herbert u. Cooper, Doos bei Nürnberg; Winklhofer u. Jaenicke, Chemnitz; Gebr. Kayser, Kaiserslautern. Von diesen Firmen produzirt jede jährlich zwischen 2000 bis 5000 Fahrräder, von welchen ein nicht geringer Theil nach Frankreich, Holland, Dänemark, Oesterreich, Italien und Rußland ausgesührt wird. Noch vor 3 bis 4 Jahren wurden die englischen Fabrikate den deutschen vorgezogen, heute ist dieses nicht mehr der Fall, die besseren deutschen Marken stehen in Qualität den englischen vollkommen ebenbürtig zur Seite, so benutzen auch die hervorragendsten Wettfahrer deutsche Räder. Man schätzt die jährliche Produktion an Fahrrädern in Deutschland auf 30,000 Stück, welche Zahl eher zu niedrig als zu hoch gegriffen sein dürste. Trotz dieser stattlichen Zahl ist die Nachfrage in den letzten 2 Jahren größer als das Angebot gewesen. Bei der unaewöhnlichen Brauchbarkeit des Fahrrades als Verkehrsmittel wird seine Verbreitung eine stetige sein.
* Bon einem Post-Kuriosum wird aus Warnemünde berichtet. Die .Rostocker Zeitung' empfing von dort eine Postkarte, die am 8. November 1884 zwischen 7 und 8 Uhr Abends in Berlin an Hrn. Adolph Fränkel, Hamburg, Alter Wall 48, abgesandt, aber erst vor wenigen Tagen, am 19. August d. I., angelangt ist. Die Postkarte hat also nahezu acht Jahre gebraucht, um von Berlin an den Adressaten zu gelangen. Sie trägt den Abgangsstempel Berlin C. Postamt 45, 7. November 1884, einen zweiten Stempel, aus dem hervorgeht, daß sie prompt in Hamburg am folgenden Morgen auf dem Postamt I eingegangen ist und daneben einen weiteren Stempel des Hamburger Postamts 11 vom 19. August d. I., dem Tage, an dem nunmehr nach acht Jahren die Zustellung erfolgte. Das Originellste ist jedenfalls, daß der zustellende Briefträger 20 Pf. Strafporto verlangt hat, weil die eingedruckte Marke nicht mehr gültig — die deutschen Postmarken sind bekanntlich innerhalb der letzten acht Jahre mehrfachen Aenderungen unterzogen — und weil die Postkarte als unsrankirter Brief zu betrachten sei. Erst auf die Weigerung des Adressaten, diese 20 Pf. zu entrichten, wurde die Karte, bereit achtjähriger Aufenthalt wohl ein ewiges «Netz eimniß bleiben wirb, freigegeben.
Haus- und Landwirthschaft.
* Gegen bie Plage ber aufgesprungenen Hände, wo die Oberhaut durch Wechsel von Nässe und trockener Wärme, besonders Strahlwärme des Ofens oder Feuerherdes ruinirt wurde bewährt sich nach Dr. P. Niemeyer das Bestreichen mit frisch ausgepreßtem Citro neu saft. Die int ersten Augenblicke dadurch hervorgerufene Schmerzhaftigkeit möge man um so leichter mit in den Kauf nehmen, als die Säure diese Eigenschaft mit dem ebenfalls für solche Beschwerde empfohlenen, aber nicht so heilkräftigen und sauberen Glycerin theilt.
Literarisches.
Lysa von Drachenfels. Historischer Roman von L. de Ridder. 184 S. 81 Mk. 2 — Verlag von P. Hauptmann, Bonn.
Ein duftiger Blumenstrauß aus dem romantischen Lande ist das vorliegende Buch. Die Liebe des Kölner Patriziers Walthelm von der Aducht zur stolzen Lysa ist das Motiv, um welches sich die übrigen Figuren, tote Konrad von Hochstaden, der Erbauer des Kölner Domes, ber Abt von Helsterbach unb bie Vertreter ber Kölnischen Geschlechter gruppiren. Im Walbesgrün beS Siebengebirges spielt sich bie ganze Erzählung ab, bie in rascher Hanblung das Interesse des Lesers von Ansang bis zum Ende fesselt. Die schöne Sprache des Buches, welche ohne gesucht archaistisch zu sein einen leisen Anklang an alten Ausdruck und Denkweise trägt, machen das Merkchen dem Leser noch ganz be- önders sympathisch.
Die Nr. 43 der „Gefiederten Welt", Zeitschrift für Vogelliebhaber, -Züchter und Händler, herausgegeben von Dr. Karl Ruß (Magdeburg, Creutz'sche Verlagsbuchhandlung, R. L M Kretschmann), enthält: Ornithologische Beobachtungen in Süd-Amerika. — Schutz der Paradisvögel in Kaiser Wilhelms-Land. — Tiroler Stimmen gegen die Bogel- vertilgung (Schluß). — Die Gesangsausbildung unserer Harzer Sänger. — Briefliche Mittheilungen. — Anfragen und Auskunft. — Bücher- und Schriftenschau. — Briefwechsel. — Die Beilage enthält: Anzeigen. __
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