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JV 249 Lamstag, den 29. Oktober 1892« 19« Layryans

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Deutsches Keich.

Berlin, 27. Oktober.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung von gestern, durch welche der Reichstag auf den 22. November nach Berlin einberufen wird.

* Der Reichskanzler gibt am Sonnabend zu Ehren des bisherigen österreichisch-ungarischen Bot­schafters am hiesigen Hofe, Grafen Szechenyi, eine größere Festtafel.

* Angesichts der Klagen über die Dürftigkeit der Begründung der Militärvorlage wird von unterrich­teter Seite bemerkt, daß die Veröffentlichung der,Köln. Zeitung" die Begründung nicht in vollem Umfange und Inhalt enthalte.

* In der heutigen Sitzung des Bundesrathes brachte Staatssekretär von Bötticher vor Eintritt in die Tagesordnung die seit der letzten Sitzung unrecht­mäßiger Weise erfolgte Veröffentlichung der Militär­vorlage zur Sprache.

* Die Gesellschaft für ethische Kultur trägt bereits einen hippokratischen Zug. Ein Theil der liberalen Presse steht dem Unternehmen sehr kühl gegenüber, und der .Vorwärts' erklärt sich geradezu dagegen. Das politische Parteileben ist heutzutage so mächtig entwickelt, daß sich gemeinsame Bestre­bungen verschiedener politischen Partei­ungen auch auf unpolitischem Gebiete kaum denken lassen. Die Sozial - Demokraten würden sich gewiß für die ethische Kulturgesellschaft begeistern, wenn sie in derselben den Ton angäben. Dazu werden sie bei der Zusammensetzung der Gesellschaft wohl nicht gelangen, und als bloße „M i t l ä u f e r" wollen sie sich nicht gebrauchen lasten. Bezeichnend ist die Uneinig­keit, welche in allen derartigen liberalistischen Unter­nehmungen gleich beim ersten Anfänge steckt. Die Ge- sellschast für ethische Kultur wird wohl schließlich ein Stelldichein - Salon für liberale Pro­fessoren und Kommerzienräthe werden. Daß unsere liberalistische Bourgeoisie im Zeichen des Krebses sich befindet, leugnet sie selbst nicht; woher auch sonst die vielen Reform-Ideen? Nun mag man über die moderne Bourgeoisie noch so günstig denken: daß sie eben im Stande wäre, aus ihrem Schooße eine neue Religion zu gebären, der nach seelischem Labsal dürstenden Menschheit neue Ideale des Wahren und Ewigen vorzuzeichnen, glaubt kein Mensch. Wie man selbst in liberalen Kreisen über die neuen religiösen Werdeprozesse denkt, mag aus dem Ausspruche eines freisinnigen Herrn hervorgehen, der mir sagte, man thäte am besten, dem Zuge der Zeit folgend, die Stiftung einer modernen Religion inSub- mission zu vergeben; die Juden würden es dann wohl am billigsten thun.

* Nachdem voriges Jahr in England eine Brücke mit gußeisernen Trägern eingestürzt ist. hat das deutsche Reichseisenbahnamt auf Grund von Erhebungen fest­gestellt, daß nur noch 63 Eisenbahnbrücken bei denen Gußeisen zu tragenden KonstruktionStheilen ver­wendet ist, aus den ersten Jahrzehnten des Eisenbahn-

Im Wetter geschüttelt.

Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.

(15. Fortsetzung.)

Es ist ein feines Instrument, solch' eine Gruben­lampe, und eS hat viel Kopfzerbrechens verursacht, bis sie im Jahre 1815 von dem Engländer Davy erfunden wurde. Ihre Konstruktion beruht auf der Thatfache, daß enge Metallgeflechte eine auf einer Seite erfolgte Entzündung auf die andere nicht fortsetzen. Da eine Flamme ohne Luft nicht brennen kann, so hat man daher die Grubenlampe mit einem haarfeinen Draht­geflecht umgeben. Durch dieses Geflecht wird von der äußeren Luft nur so viel in ganz feinen Strömen zu­gelassen, als nöthig ist, um das schwache Lichtchen zu speisen. Wenn nur die äußere Luft mit „schlagenden Wettern", brennbaren, explodirenden Gasen geschwängert ist, so kann zwar durch das dicke Geflecht hindurch die Flamme keine Entzündung herbeiführen, aber sie beginnt plötzlich zu knistern und hüpfend aufzuflackern und gibt so dem Knappen daS Zeichen zu eiligem Rückzug. , ,

Umgekehrt ist eS, wenn die Luft voll giftiger Gase ist und ihr der Sauerstoff fehlt; dann kann sie uch daS Licht nicht erhalten; es wird klein und trübe nd der Bergmann sieht, daß ihm Erstickung droht.

baues in Deutschland (exkl. Bayern) vorhanden sind. Davon sollen in den nächsten Jahren 33 beseitigt bezw. gegen schmiedeeiserne ausgewechselt werden. Im Ganzen giebt es 10,772 Eisenbahnbrücken in Deutschland (aus­schließlich Bayern). Die wenigen Bauwerke mit guß­eisernen, fast ausschließlich auf Druck beanspruchten Konstruktionen werden, so lange sie noch bestehen, fort­dauernd auf das Sorgsamste überwacht.

* Die Sperrgelder des Bisthums Münster betreffend, veröffentlicht der >5err Oderpräsident Studt eine Erklärung, worin es heißt: Nachdem die Sperr- gelder-Verwendungskommission in der Diözese Münster am 22. v. M. ihre letzte Sitzung gehalten und die vorgeschriebeaen umfangreichen Nachweisungen mir am 14. d. M. vorgelegt hat, sind die letzteren nach er- folgter Prüfung und rechnerischer Feststellung heute (am 21. er.) gemäß Artikel 4 des Gesetzes vom 24. Juni 1891 an die zuständigen Herren Minister ein­gereicht worden.

* Köln, 26. Okt. Durch eine Reihe von Blättern geht eine Berliner Notiz, wonach „der Reichstags- und Landtags-Abgeordnete Dr. Karl Bachem, bisher Rechtsanwalt am Oberlsndesgericht Köln, in der nächsten Woche ganz nach Berlin übersiedelt. Der genannte Herr ist dazu ausersehen, als General-Sekretär die ständige Vertretung der Partei in Berlin zu über­nehmen." Wie schon vor einigen Tagen mitgetheilt, sieht der Abg. Karl Bachem sich durch die Anforde­rungen des parlamentarischen Lebens gezwungen, für den Lauf der Session dauernd in Berlin Wohnung zu nehmen. Er behält aber seinen Wohnsitz in Köln, bleibt Rechtsanwalt beim Oberlandesgericht in Köln und wird nur so lange in Berlin bleiben, als die Session es erfordert. Die Bemerkung, er werde als General- Sekretär die ständige Vertretung der Partei in Berlin übernehmen, ist völlig grundlos, und rührt offenbar von einem Berichterstatter her, der die Verhältnisse innerhalb der CentrumSpartei nicht kennt. Das Amt eines „General-Sekretärs" hat in der CentrumSpartei nie bestanden, und wird auch wohl nie geschaffen werden.

* Professor Wiudscheid, der bekannte Pandektist, ist, wie bereits kurz gemeldet, in der letzten Nacht in Leipzig gestorben. Neben Rudolf von Jhering, dessen Heimgang die wissenschaftliche Welt eben erst beklagen mußte, war Windscheid einer der bedeutendsten Kenner und Lehrer des römischen und gemeinen Rechts. Sein Lehrbuch des Pandektenrechts sichert ihm auch nach seinem Tode eine bleibende Stätte in der Reihe der bedeutendsten Juristen Deutschlands. Leider hat Professor Windscheid, der einer katholischen Familie entstammte, seiner Kirche nicht den Glauben und die Treue bewahrt; erst Anhänger des Altkatholizis­mus, trat er im vorigen Jahre öffentlich zum Pro­testantismus über.

Bernhard Joseph Hubert Windscheid war am 26. Juni 1817 in Düsseldorf geboren, besuchte die Schule zu Emmerich, wo sein Vater Vorsteher des Hauptzollamtes war, und die Gym­nasien zu Recklinghausen und Düsseldorf, studirte 1834-1835 zu Bonn und 1835—1837 zu Berlin die Rechte, promovirte 1838 an der rheinischen Universität und havilitirte sich, nachdem er

Wenn irgendwo, dann gilt beim Bergbau der alte Wächterspruch: „Bewahrt daS Feuer und das Licht." Bei der Handhabung der Grubenlampen wird daher auch die strengste Kontrolle geübt. Auf das unbefugte Oeffnen und Auseinandernehmen der Lampen während der Arbeit sind die schwersten Strafen gesetzt. Der Fuß, an welchem die Lampe geöffnet wird, ist luftdicht mit dem Drahtgeflecht zusammengeschraubt und mit einem Schlüssel verschlossen, welcher aber nicht dem Bergmann eingehändigt, sondern von der Verwaltung in Verwahr gehalten wird. Jede Lampe ist nummerirt und jeder Knappe hat seine bestimmte Nummer; sie wird ihm beim Einfahren brennend eingehändigt und nach beendigter Schicht muß er sie sofort wieder ab­liefern. Nach den Lampen wird daher auch die ange­fahrene Bergmannschaft gezählt, wie die Kriegsmann- schast nach den Gewehren. Trotz all dieser Vorsichts­maßregeln aber entstehen dennoch nachgewiesener Maßen die meisten Grubenunglücke durch unvorsichtige Hand­habung der Lampen.

Auch auf Grube ,Bergmannsglück' waren heute Abend die Lampen wieder vorschriftsmäßig ausgetheilt worden, und die fleißigen Knappen hämmerten und pochten bei ihrem trüben Schein dort unten wie die Heinzelmännchen, von welchen alte Sagen erzählen. Hier »nd da aber flog auch ein prüfender Blick hin-

bei dem Landgerichte in Düsseldorf gearbeitet hatte, 1840 als Privatdozent in Bonn, wo er, seit 1847 außerordentlicher Professor, über römisches und französisches Recht las. Im Herbst 1847 wurde er als ordentlicher Professor nach Basel, Ostern 1852 nach Greifswald, Herbst 1857 nach München und Ostern 1871 als Vangerows Nachfolger nach Heidelberg berufen. Schon im Herbst 1874 siedelte Windscheid nach Leipzig über, wo er seither ge­blieben ist obwohl er wiederholt Rufe nach Straßburg, Berlin und Wien erhielt. Im Jahre 1874 wurde er Mitglied der vom Bundesrath eingesetzten Kommission zur Ausarbeitung eines bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich, der er bis 1883 angehörte. Von seinen Hauptschriften sind zu nennen: „Zur Lehre des Code Napoleon von der Ungiltigkeit der Rechtsgeschäste", 1847; Die Lehre des römischen Rechts von der Voraussetzung", 1850; '„Die Aktiv des römischen Civilrechts vom Standpunkt des heutigen Rechts", 1856; „Die Aktiv, Abwehr gegen Th. Muther", 1857; „Wille und Willenserklärung", 1878; „Zwei Fragen aus der Lehre von der Verpflichtung wegen ungerecht­fertigter Bereicherung", 1878; „Karl Georg von Waechter", 1880; „Lehrbuch des Pandectenrechts", 3Bde., 6. Auflage, 1887.

* München, 24. Okt. Der Bischof von Eich- stätthat einen Hirtenbrief über daSfünfzigjährige Bischofs-Jubiläum des hl. Vaters (19. Fe­bruar 1893) veröffentlicht. DaS Hirtenschreiben gibt zunächst einen geistvollen Ueberblick über die Geschichte der Päpste seit der großen französischen Revolution, verbreitet sich dann über die Verdienste Leo's XIII., fordert zu einer reichern Peterspfennig - Spende als Jubiläumsgabe auf, und geht schließlich auf die drei großen Nebel ein, welche dermalen das Wohl der Völker gefährden: die Verirrungen der modernen Wissenschaft, die feindliche Stellung vieler Staaten gegen die Kirche und die Sozial-Demokratie. Der Hirtenbrief schließt mit dem Wunsche, daß der heil. Vater diese drei größten Fragen der Zeit, deren Lösung er sein Leben gewidmet habe, auch noch einem glücklichen Abschluß näher bringen werde.

Ausland.

* Brüssel, 26. Okt. lieber die Katholiken in Syrien wird dem ,Courrier de Bruxelles'aus Bayern geschrieben, daß am 5. Oktober daS einzige katholische Organ deS Orients, die von den Katholiken Syriens und des Libanon gelesene Zeitung ,Al-Bachir', auf Befehl des Wali von Beirut unterdrückt wurde, weil sie die Encyklika des hl. Vaters über den Rosen­kranz veröffentlicht hatte. „Wenn", so heißt es in dem Berichte des belgischen Blattes, „der Wali von Beirut die christlichen Bevölkerungen des Libanon von der ottomanischen Dynastie losreißen will, dann braucht er nur fortzufahren, so wie bisher ihr theuerstes Gut, die Religion, zu verfolgen."

* Im Betreff des Bergarbeiteraufstandes in Carmaux hat Ministerpräsident Loudet nunmehr seinen Schiedsspruch gefällt, derselbe beschränkt sich auf folgende 3 Punkte: Calvignac wird in seinem Posten als Arbeiter der Grubengesellschaft wieder ein­gesetzt, für die ganze Dauer seiner AmtSthätigkeit, als Äaire von Carmaux wird demselben aber Urlaub er- theilt; die Grubengesellschaft nimmt alle streikenden Arbeiter, mit Ausnahme der durch den Gerichtshof von Albi Berurtheilten wieder in Arbeit; Direktor Hum- blot bleibt in seiner dienstlichen Stellung. In dem Schiedsspruch werden die vorgekommenen Gewaltthätig- über nach dem Flämmchen, ob sie (nichts Gefährliches anzeige. Denn die arbeitenden Häuer waren meistens verheiratete Männer, an derer Leben und Gesundheit auch die Existenz von Weib und Kindern hing, und die Grube, die verhältnißmäßig sehr tief war, war noch nicht so „verkühlt," wie es bei den älteren und flacher liegenden Werken mit der Zeit einzutreten pflegt.

Die Leute hatten sich, wie eS in der Grube üblich ist, der DberHetber entledigt und nur das Allernoth- wendigste am Leib behalten, trotzdem aber wurde es Allen außerordentlich heiß und der Durst brannte fürchterlich.

Einem aber kam es gerade heute ganz unerträglich vor: dem Sachsenfritz. Er hatte in der vorhergehenden Nacht mit seinen Wirthshaus-KumpMen in der ver­rufenen Küeipe eine gehörige „Sitzung" gehalten und verspürte jetzt die Folgen. Die dünne Kaffeebrühe, welche die Bergleute in einer blechernen Flasche mit« zunehmen pflegen, konnte ihm heute nicht genügen.

Der Sachse stand allein an seinem Posten, einer geräumigen Höhle, welche er auszuhauen hatte, so daß er von Niemand beobachtet werden konnte.

So hatte er schon mehrmals an seine Kleider schleichen und aus einer verborgenen Tasche eine kleine