V 246 Mittwoch, den 26. Oktober 1892. 19. jantiyiq
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Deutsches Keich.
Berlin, 25. Oktober.
* Die jüngst geborene kaiserliche Prinzessin erhielt bei der am Sonnabend stattgehabten Taufe die Namen Victoria, Louise, Adelheid, Mathilde, Charlotte. — An der nach dem Taufakt stattgefundenen Festtafel, nahm aucb — entgegen früherem Gebrauche — die Kaiserin Tbeil. Im Laufe der Tafel brachte der Kaiser den Toast auf die Prinzessin Vikoria Louise aus. Im Anschluß daran dankte der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz in seinem und sämmlicher Tauf- pathen Namen für die ihnen vom Kaiserpaar erwiesene Gunst; er feierte die Kaiserin an diesem doppelten Festtage als Geburtstagskind und Taufmutter und schloß mit Segenswünschen für den hohen Täufling, dessen lebendige Aeußerungen — die Prinzessin hatte sich während der Taufe etwas laut gebärdet — wie der Großherzog scherzend hervorhob, wohl die Aussicht auf eine erfolgreiche Zukunft darböten.
* Dem Bundesrath ist ein Gesetzentwurf über die Abzahlungsgeschäfte, sowie eine Novelle zum Wuchergesetze zugeqangen.
* Eine Gesellschaft für ethische Kultur ist die neueste Narrheit, welche unsere sittlich und religiös verkommene und verschwommene Zeit nach dem Muster Englands und Amerikas in Deutschland auszubeuten im Begriffe steht. Nachdem seit einigen Wochen für das Unternehmen Reklame gemacht worden, hat am Dienstag in Berlin die konstituirende Versammlung stattgefunden. Es war eine sehr gemischte Gesellschaft, die da die „Entwickelung der ethischen Kultur" zu pflegen sich vorgenommen hat: Männer der Wissenschaft, Thierschützler, freireligiöse Prediger, freisinnige Abgeordnete, Lehrerinnen und Erzieherinnen, die Schleppenfeindin Frau Schubert, jungdeutsche Schriftsteller, Sozialdemokraten, Hr. v. Egidy rc. Was die Leute wollen, ist mit einem Worte die Pflege der konfessions- und religionslosen Moral, tote sie von dm Liberalen bei Berathung deS Schulgesetzes gepriesen wurde. „Das Beste unv Edelste", sagte Professor Förster, der den Vorsitz führte, „was seit Jahrhunderten unsere theueren Märtyrer, Propheten, Dichter und Weisen gedacht und gelehrt haben, es bleibt im Buche stehen oder es wird in kanonischer Form für die Kirche und die Schule ausgeprägt, und es gelangt vielleicht bis in die Tiefen der Seele, aber es dringt nicht in das Leben, dort waltet der Selbsterhaltungstrieb, das Begehren und die Eigensucht in ihren schlichtesten und harmlosesten bis zu ihren herrischsten und wildesten Formen". Das Geheimniß, welche Mittel die „Gesellschaft für ethische Kultur" in der Hand hat, um die Grundsätze der Morallehre im praktischen Leben besser zur Durchführung zu bringen, als es die Kirche mit ihren Mitteln vermag, wurde nicht verrathen. Man will „Veranstaltungen zur Hebung der ethischen Jugenderziehung und zur Pflege des Wahrhaft - Menschlichen und Gemeinsamen im ethischen Unterricht" treffen, Vorträge und Besprech-
Im Wetter geschüttelt.
Eine Erzählung aus dem Bergmaunslebeu von Paul v. Wildbach.
(12. Fortsetzung.)
,Jm Anfänge, nahe bei der Oberfläche und im weichen Boden ist die Sache ja nicht so übermäßig schwer. Aber dann später mehr in der Tiefe, wo nur durch den sinnreichsten Mechanismus noch gearbeitet werden kann, wo an dem felsenfesten Gestein der härteste Stahl machtlos abprallt und nur Stückchen vor Stückchen losgehämmert und abgeschabt und dabei noch fortwährend gegen das hereindrechmde Wasser angekämpft werden muß: da wird die menschliche Geduld auf eine ungeheuere Probe gestellt.
Und wie oft kommt es vor. daß mitten in der Arbeit die Maschine in's Stocken geräth; der Bohrer wird unten stumpf oder er bricht gar ab, und Wochen und Monate vergehen, bis die Arbeit wieder fortgesetzt werden kann.
In gleichem Schritt mit dem Tiefgraben werden zugleich die Wände dek Schachtes vermauert, gefestigt und gestützt, daß kein Zusammensturz erfolgen kann. . ®° lleht es zunächst durch die oberen, lose aufge- ichwemmten Schichten Erde, Sand und Stein, welche regelmäßig über einander lagern, wie wenn eine Hand voll schmutzigen Sandes in ein Wasserglas geworfen wird und sich langsam niedersetzt.
ungen in'S Werk setzen, die Lebenslage der ärmeren Volksschichten heben Leidenden Hilfe gewähren, Bücher, Zeitschriften u. s. w. verbreiten. Die „Gesellschaft für ethische Kultur" leidet offenbar an demselben Utopismus wie die Sozialdemokratie, indem sie die unvollkommene menschliche Natur zu wenig oder gar nicht berücksichtigt. Im sozialistischen Zukunfsstaate soll Alles Liebe, Friede, Selbstlosigkeit und Gemeinsinn sein; die neuen Ethiker meinen, wenn sie die Menschen ihre „reinen" Grundsätze nur ordentlich lehrten, so würden diese auch befolgt werden. Es soll und kann nicht geleugnet werden, daß viele Laster und Verbrechen Produkte der sozialen Verhältnisse sind. Aber die Menschen zu willenlosen Erzeugnissen ihrer Verhältnisse machen, wie es die Sozialdemokraten und einige „Gelehrte" thun, das geht eben zu weit, wie die von den „Ethikern" vertretene Anschauung, daß die moralischen und materiellen Uebel nur der Unwissenheit des Menschen entspringen. Ein direkter Vorwurf, daß sie es mit der moralischen Hebung des Volkes nicht weiter gebracht, wurde, so viel wir sehen, in der Versammlung der Kirche und dem Christenthum nicht gemacht. Die Abneigung gegen Religion und Kirche trat natürlich vielfach deutlich genug hervor, doch mäßigte man sich im Allgemeinen.
* Die ,Hamb. Nachr.' bezeichnen es als unwahr, daß Graf Herbert Bismarck als auswärttger Minister Lothar Buchers Neigung zum Ausscheiden aus dem Dienste irgendwie verstärkt habe. Bucher habe nie mit Herbert, wohl aber mit dessen Vorgängern Bülow und Hatzfeld, am meisten aber mit in tri- guanten Kollegen gleichen Ranges zu thun gehabt, zu dereu Beurtheilung man mit der arbeitslustigen Rivalität geheimräthltcher Dezernenten vertraut sein müsse. Bismarck habe Bucher niemals kühl fallen lassen, wohl aber habe der verstorbene Kaiser Bucher's Verhalten gelegentlich der Steuerverweigerung niemals vergessen.
* Die Statistik der katholischen Arbeiter-Vereine erfährt in der neuesten Nummer der ,Kölner Korrespondenz' einige erfreuliche Ergänzungen. In das Central-Komitee trat an Stelle des Hrn. Pfarrer Gilg für München der zum Diözesan-Präses ernannte Hrn. Domkapitular Dr. Stigloher ein. In Richrath und Immigrath (Erzdiözese Köln) wurde ein Verein mit 60 Mitgliedern gegründet. In Spiesen und Elversberg (Diözese Trier) bestehen Vereine mit 300 Mitgliedern. Der Verein in Rheydt zählt 480 Mitglieder, gegen früher angegebene 180. In der Diözese Münster bestehen 19 Arbeiter-Vereine, 5 Josephs-Vereine (solche Vereine, worin auch Handwerksgesellen ausgenommen werden) und 23 Knappen-Vereine. Ueber das Vereinsleben in der Diözese Culm schreibt Hrn. Generalvikar Dr. Lüdtke, daß in Altwerksland, einer Vorstadt von Danzig, ein St. Ignatius-Männer-Verein und ein unter dem Schutze des hl. Joseph stehender Verein jugendlicherMrbeiter als Erstlinge katholischer Arbeiter- Vereine sich gebildet haben. Aus der Diözese Fulda berichtet Hrn. Domkaplan Helfer ich, daß außer dem
Und tiefer kommt der Bergmann hinunter. Wenn er den Blick in die Höhe richtet, sieht er die Sterne am Himmel stehen, während die Menschen oben hellen Tag haben und ihnen die Sonne in das Gesicht scheint. Das Gestein wird jetzt gröber. Die ursprüngliche Reihenfolge der Schichten ist oft gestört. An der einen Stelle sind Sättel und Mulden, an der anderen ist das Gebirge auf weite Strecken emporgehoben, hier und da ist eine Schicht durch die lang daran leckende Wasserfluth vollständig überschwemmt; an anderen Orten ist sie auf das Doppelte und Dreifache verdickt ausgetragen. Dann auch sind wieder ganze Reihen von Schichten gewaltsam über einander gefaltet, oder sie sind meilenweit ganz auf die Kante gestellt oder gar vollständig übergekippt, daß sie jetzt gerade in umgekehrter Reihenfolge aufeinander liegen. Oft auch tritt mitten durch die jüngeren Schichten hindurch, von einer weltbewegenden Kraft hoch emporgeschleudert, das Urgestein hervor, die mächtigen Felsen, welche unsere himmelragenden Gebirge bildeten. Dazwischen wieder sind breite Ströme fremder Massen, entweder von Außen und oben hineingedrängt, oder von Innen mit furchtbarer Gewalt heraus- gepreßt, wie die Lava und andere vulkanische Gesteine bei einem feuerspeienden Berge.
So dringt mühsam der Bergmann durch die Erdrinde hindurch und: o, welch' reiche Ausbeute für Geist und Gemüth thut sich ihm da auf! Tausend und tau
St. Josephs-Verein in Fulda nur roch ein Verein in Eckenheim bei Frankfurt a. M. in dieser Diözese besteht; in Bildung begriffen sei ein solcher in Hanau. Auch für diese Diözese soll baldigst ein Diözesan- Komitee gebildet werden, welches die Sache energisch in die Hand mhmen wird. Aus der Diözese Gnesen- Poseu ist Positives noch nicht zu berichten. Hier und da bestehen auch in di'ser Diözese Arbeiter-Vereine; eine ausgedehnte Organisation fehlt jedoch noch. Eine systematische Gründung ist in Vorbereitung. Im Delegatur-Bezirk der Diözese Breslau bestehen 11 Arbeiter-Vereine unter dem General-Präsidium des fürstbischöflichen Delegaten und Propst bei St. Hedwig in Berlin, mit 1021 Mitgliedern und ein Arbeiterinnen« Verein in Berlin mit 150 Mitgliedern. In der Erzdiözese Bamberg bestehen zur Zeit nur zwei katholische Arbeiter-Vereine, nämlich in Bamberg mit 230, und in Wilhelmsthal mit etwa 140 Mitgliedern. Gesellen- Bereine und Josephs-Vereine, welche auch Arbeiter aufnehmen, sind in allen Städten und größeren Orten verbreitet. In der Diözese Speyer bestehen Vereine in zehn Ortschaften, deren sechs kürzlich erst gegründet scheinen. Dem süddeutschen Verband gehören bisher 30 Vereine mit 8000 Mitgliedern an. Zum Zweck einer genauen Uebersicht wäre sehr zu wünschen, daß alle bis jetzt bekannten Vereine aufgefordert würden, bis zu einem bestimmten Termine, etwa 1. Januar ober 1. April n. I., genaue Angaben an das Central- Komitee in Köln, zu senden. Die erste Nummer deS nächsten Jahrgangs der .Kölner Korrespondenz,' die aber schon im nächsten Monat erscheinen wird, soll den vom Herausgeber, Hrn. Dr. Oberdöiffer (Köln) auf dem Praktisch-sozialen Kursus in M -Gladbach gehaltenen Vorttag über die Frage der St ände-Organisation bringen.
* Vom Rhein, 22. Okt. Die Zusammenstellung der Ergebnisse der Herb st Prüfungen zur Erlangung des Zeugnisses für den einjährig-freiwilligen Heeresdienst erweist, tote leicht sich die jungen Leute diese Prüfungen vorstellen und tote unvorbereitet sie zu denselben erscheinen. Es wurden keineswegs hochgespannte Anforderungen an sie gestellt. Die Schulbildung ließ allgemein viel zu wünschen übrig, besonders fiel die Unkemttniß der vaterländischen und der neuen Geschichte auf. In Düsseldorf fielen sämmtliche 12 Kandidaten durch, 10 wurden schon nach der schriftlichen Prüfung entlassen. In Köln waren 25 junge Leute erschienen, von diesen bestanden 12 die schriftliche Prüfung und nur 6 erhielten den Berechtigungsschein. In Koblenz fielen die zur Prüfung erschienenen 3 Kandidaten durch. In Aachen und Trier bestanden von 10 bezw 7 jungen Leuten nur je 3 die Prüfung. Mithin haben von den 67 jungen Leuten, die in der Rheinprooinz zu dm 5 Prüfungen erschienen, nur 12 den Berechtigungsschein erhalten und 79 sind durchgefallen. In den anderen Provinzen sind die Resultate nicht bisser.
* Andernach, 22. Okt. In Miesenheim ist jetzt kein Kranker mehr; die sechs in Plaidt erkrankten Per-
send Jahre des Werdens ziehen an ihm vorüber; andere, längst vergangene Welten liegen da entblößt vor seinen staunenden Blöcken. Denn die Erde hat ihre Geschichte selber niedergeschrieben in ihren Gesteinen, in ihren Schichten, in ihren Bergen und Thälern und fordert den verständigen Beschauer auf, ihreRäthsel zu lösen.
Zwischen den leblosen Gesteinen bt finden sich die Spuren des vorgeschichtlichen Lebens: Pflanzen- und Thierreste, vor deren ungeheuerer Größe uns oft bewunderndes Staunen ergreift. Eingeschlossen in dem Bauch der Erde, verkohlt und versteinert, haben sie der Zerstörungskraft von Jahrtausenden getrotzt. Jetzt fördert sie der Bergmann wieder an das Licht des Tages und stellt sie auf in Museen und Säle als vollgiltige Zeugen von längst entschwundenen Zeiten.
Und nach dem fleißigen Bergmann und nach dem staunenden Beschauer kommt der Mann der Wissenschaft und unterwirft die wunderbaren Funde seiner Untersuchung und zieht daraus seine Schlüsse. Die Pflan- zm, so lehrt tr unS, mußten denThieren vorausgehen, denn sie nur haben die Fähigkeit, die unorganischen Stoffe in Nahrung für die Thiere zu verwandeln. Aus den im Graphit und Anthracit gefundenen Pflanzenbildern ersieht man sodann, daß riesige Algen und Tangen, die einfachsten Pflanzen, die ersten auf der Welt waren; daß die Pflanzenwelt damals noch ohne