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y 245 Dienstag, den 25. Oktober 1892« 19. Iahrgavg

FlildaerMZcitiiiig

»ortete, BiSmarck müsse sich erst ganz verändern, ehe er zur Leitung der äußeren Politik berufen würde. „Denn das fehlte jetzt gerade noch," fchloß der Prinz, „daß ein Mann das Ministerium übernimmt, der Alles auf den Kopf stellen wird". Erst als die Regierung Wilhelms I. in der Frage der Militär-Reorganisation sich festgerannt hatte, berief der König auf Drängen des Kriegswinisters von Roon Herrn von Bismarck als Ministerpräsidenten und Minister des Aeußern. Im Oktober 1862 übernahm Bismarck die Regierung in Preußen, und stellte nunmehr nach obiger Vorher­sage wirklich Alles auf den Kopf. 3*^ Jahre später, am 27. März 1866, konnte er als Resultat seiner Regierungsthätigkeit dem französischen Botschafter Bene- detti auf eine von diesem gestellte Frage, wie die Dinge eigentlich ständen. Folgendes mittheilen:

„Ich habe es fertig gebracht, einen König von Preußen zu bestimmen, seine intimen Beziehungen zum Hause Oesterreich zu lösen, einen Allianzvertrag mit dem revolutionären Italien em- zugehen und nöthigenfalls Arrangements mit dem französischen Kaiserthum zu treffen. In Frankfurt werde ich eine Reform der Bundesverfasfung mit einem Parlamente auf breitester demo­kratischer Basis beantragen. Ich bin stolz auf dieses Resultat; ob ich davon Früchte ernten werde, weiß ich nicht. Wenn der König mich im letzten Augenblicke im Stiche läßt, habe ich doch einen Abgrund zwischen Preußen und Oesterreich gegraben und die Liberalen, welche an's Ruder kommen, werden die von mir begonnene Arbeit vollenden müssen."

Hier bezeichnet sich Bismarck ausdrücklich als ein Werkzeug des liberalen Umsturzes, und es ist ihm auch Alles, was er anstrebte, geglückt. Er ist aber seiner Schöpfung niemals froh geworden. Kaum hatte er im Bunde mit dem Liberalismus in Deutschland auf­geräumt, als alsbald der S o z i a l i s m u s an die Thore pochte und für sich die Herrschaft forderte. Bismarck sitzt heute machtlos auf seinen erworbenm Schätzen und blickt mit Ingrimm auf die Entwicklung der Dinge, welche er nicht mehr zu beherrschen vermochte, e-

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Kaiser Wilhelm I. als Drin; von Preußen und Prin;regent über Ktsmarck.

Allbekannt ist das Wörtchen „Niemals", welches Kaiser Wilhelm I. auf alle Entlassungs-Gesuche des Altreichskanzlers Fürsten Bismarck schrieb. Es ist aber gewiß nicht uninteressant zu wissen, wie Kaiser Wilhelm als Prinz von Preußen und Prinzregent über Bismarck urtheilte. Das lesen wir in der ,Geschichte des Krieges von 1866 von Otto Kanngießer', dem jüngst verstorbenen Herausgeber des .Frankfurter Beobachter/

Bismarck trat in die preußische Diplomatie ein, anfänglich als Hilfsarbeiter des preußischen Gesandten Don Rochow, später (seit Juli 1851) als selbstständiger preußischer Bundestagsgesandter. Herr von Rochow, welcher im Juli 1851 als preußischer Gesandter nach St. Petersburg ging, war einer der offensten Protek­toren Bismarcks, aber trotzdem konnte er Bismarcks Dankbarkeit nicht gewinnen, im Gegentheil verfolgte dieser seinen Beschützer mit allen Mitteln deS Hohnes, Spottes und der Rancune. Freilich, welchem Staats- manne, der daS Unglück hatte, mit BiSmarck in Be­rührung zu kommen, wäre dieses Schicksal erspart ge­blieben. Auch Bismarck's Lobredner werden nicht Einen zu nennen wissen.

Zu gleicher Zeit, in welcher Bismarck zum preuß. Bundestagsgesandten in Frankfurt ernannt wurde, hielt sich Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I. dortselbst einige Tage auf. Prinz Wilhelm hatte eine Begegnung mit Herrn von Rochow, wobei die Sprache auch auf Bismarck kam. Rochow hat hierüber folgende Auszeichnungen hinterlassen:

„Den Herrn von Bismarck haben Se. K. Hoheit fehr freund­lich begrüßt, als ich mit Sr. K. Hoheit zum Hotel fuhr, fragten Hochdiefelben: ,Und dieser Landwehrlieutenant soll Bundestags­gesandter werden?',Allerdings"entgegnete ich, ,und ich glaube, die Wahl ist gut; Herr von Bismarck ist frisch, kräftig und wird gewiß allen Anforderungen Ew. K. Hoheit entsprechen'. Der Prinz konnte daraus nichts anwoiten und hatte im Allgemeinen eine gute Meinung von diesem ausgezeichneten Vorkämpfer für Recht und preußische Gesinnung. Ich glaube, Se. K. Hoheit wünschen Herrn von Bismarck nur mehr Jahre und graue Haare; ob man mit diesen Attributen gerade die Ansprüche des Prinzen durchsetzen kann, wage ich nicht zu unterscheiden."

Noch fast ein Jahrzehnt spater war Prinz Wilhelm nicht sehr günstig über Bismarck zu sprechen. Als Prinz Wilhelm bereits Prinzregent war und Herr von Schleinitz das Ministerium deS Aeußeren abgab, brachte Fürst Hohenzollern Bismarck als Nachfolger des Herrn von Schleinitz in Vorschlag. Der Prinzregent ant-

Im Wetter geschüttelt.

Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.

(11. Fortsetzung)

Wie ans den Wolk-n fiel die gute Frau daher, uls ihr Peter jetzt so plötzlich die Wohnung kündigte.

„Aber um's Htmmeiswillen, Herr Hochfeld," rief sie und fchlug dabei die Hände über dem Kopf zu- fammen, „was fehlt denn? Habe ich Sie denn nicht gehalten wie den eigenen Sohn? Ist es Ihnen denn nickt mehr gut genug bei mir ? — Wo in aller Welt wollen Sie denn hinziehen?"

Aber Peter schüttelte nur traurig mit Kopf. Er war überhaupt seit einiger Zeit so eigen in seinem Be­nehmen, als habe er etwas Unangenehmes erlebt — eine unglückliche Liebe oder so etwas. Wenn man nach solchen Dingen fragt, das wußte Frau Georg, bekommt man nur selten eine richtige Antwort; des­halb gab sie es auch schon bald auf, in ihren Miether zu dringen.

Wirklich zog auch an dem bestimmten Tage Peter aus — aber nicht etwa bloß in ein anderes Logis, sondern, wie er sagte, auf Nimmerwiedersehen hinaus in die Fremde.

Zwei oder drei Wegstunden weiter in das Gebirge hinein war nämlich seit Kurzen eine neue Grube an­gefahren und in Betrieb gesetzt worden, und es fehlte

Deutsches Keich.

Berlin, 22. Oktober.

* Der kaiserliche Hof beging heute die Doppel­feier des Geburtstags der Kaiserin und der Taufe der jüngstgeborenen Prinzessin. Der Kaiser und die kaiserlichen Prinzen brachten der Kaiserin ihre Glück­wünsche bereits in den frühesten Morgenstunden dar. Bon den befreundeten und anverwandten Höfm gingen Glückwunschschreiben und -Telegramme in großer Zahl ein. Die Taufe, welche Superintendent D. Dryander vollzog und bei welcher die Großherzogin von Baden den Täufling hielt, begann um 5 Uhr in Gegenwart der fürstlichkeiten, welche Pathenstelle vertraten, bezw. der Vertreter derfelben. Vor der Taufe hatte die Kaiferin die Glückwünfche der Fürstlichen Gäste entgegengenom­men. Abends fand Galatafel mit ca. 250 Gedecken im Marmorsaal des Neuen Palais statt.

* Der Kaiser hat aus Anlaß der Geburt der Prin­zessin-Tochter einer Anzahl weiblicher Personen, welche sich gegen die Strafgesetze vergangen hatten, die verwirkten, noch unvollstreckten Freiheits- und Geld- an Arbeitern sowohl, tote an niederen Beamten, welche erst herangezogen werden mußten. Für Peter bot sich hier also eine günstige Gelegenheit zum Weiterkommen in seinem Fach, und er entschloß sich kurz und bündig, Kohldorf zu verlassen und nach der neuen Grube über» zusiedeln

Freilich mußte er mit der Heimath auch all' fernem bisherigen Wünschen und Hoffen ein- für allemal Lebe­wohl fügen.

4. Kapitel. Unter der Erde.

Im menschlichen Leben geht es in mancher Bezieh- ung wie in der unvernünftigen Natur.

Oft hält der üppige Baum, der bisher in stolzer Gesundheit strotzte, plötzlich in feinem Wachsthum inne, die Zweiglein verlieren ihren Säst und ihren Glanz, die Blätter werden welk und hängen müd und matt hernieder. Aeußerlich ist zwar keine Krankheit zu. be­merken. Auch an Luft und Licht fehlt es dem Stamm nicht; es ftebt kein Nachbar in der Nähe, der ihm neidisch die Nahrung aus dem Boden vorweg zöge, und der Grund ist überall ringsum hübsch gelockert, daß die zarten Würzlein hinkriechen können, wohin sie wollen, und in sich aufnehmen, was immer das Gedeihen för­dert. — Trotz alledem aber will der Baum nicht mehr voran und traurig geht der Gärtner an ihm vorüber und schüttelt bedenklich den Kopf, denn das Räthsel kann er nicht lösen.

strafe» erlaffe». In Ausführung dieses Gnaden­aktes, welcher mehr als 400 wegen Verbrechen und Vergehen verurtheilte Personen aus allen Theilen der Monarchie umfaßt, sind die in Strafhaft befindlichen Verurtheilten heute (Samstag) Morgen in Freiheit gesetzt worden.

* Der ,Staatsanzeiger' veröffentlicht folgenden Er­last des Kaisers an den Minister der geistlichen, Un­terrichts- und Medizinal-Angelegenhetten:

Ich habe von Ihrem Mir unter'm 11. d. M. erstatteten Bericht über die Cholera-Gefahr in Preußen und die zu ihrer Bekämpfung angeordneten Maßnahmen mit lebhafter Be­friedigung Kenntniß genommen. Die getroffenen Vorkehrungen finden Meine volle Billigung. Ich bin sehr erfreut, daß die auf wiffenfchaftlicher Forschung und praktischer Erfahrung beruhenden Anordnungen von allen dazu berufenen staatlichen und kommu­nalen Organen mit großer Umsicht und regem Eifer zur Aus­führung gebracht sind und auch bei der Bevölkerung verständniß- volle Aufnahme und Beachtung gesunden haben. Wenn es unter des Allmächtigen gnädigem Schutze und sichtlichem Beistände bis­her gelungen ist, die Cholera-Gefahr im Lande so erfolgreich zu bekämpfen und die zuversichtliche Hoffnung auf ein baldiges völ­liges Erlöschen der Seuche berechtigt erscheint, so hat hierzu, wie Mr wohl bewußt ist, die ausopferungsvolle, pflichttreue und ziel- bewußte Arbeit der Behörden und einzelnen Beamten wesentlich Beigetragen. Ich kann es Mir daher nicht versagen, allen Be­theiligten Meinen wärmsten Dank und Meine besondere Anerken­nung hiermit auszusprechen und ersuche Sie, dies in geeigneter Weise zu ihrer Kenntniß zu bringen.

* Der Landtag wird durch den Ministerpräsidentm Grafen Eulenburg eröffnet werden.

* Die Börsen-Enquete-Kommiffio» hat in ihren letzten Sitzungen die Fragen deS Emifstonswesens und des Terminhandels, bezw. Differenzgeschäftes erörtert; die gefaßten Beschlüsfe werden später einer 2. Lesung unterzogen. Am Montag beginnt die Vernehmung der Sachverständigen der Produktenbörse, und zwar zunächst des Kaffeehandels. Dann soll zur Berathung der Fragen der Koursfeststellung und des Maklerwesens, sowie der Börsenorganisation und des Kommisfions» gefckäftes übergegangen werden.

* Die Kommission für die 2. Lefung des Entwurfs eines Reichscivilgefehbnches hat in ihren letzten Sitzungen die Vorschriften über die Schuldverfchrei- bungen auf Inhaber erledigt.

* Die Zahl der seit dem Inkrafttreten des Jnvali- ditäts- und Aliersversicherungs-Gefetzes erhobenen An­sprüche auf Altersrente betrug am 30. September d. I. 215,142. Davon wurden 167,389 anerkannt und 38,869 zurückgewiesen. Die übrigen waren am genannten Tage entweder noch unerledigt oder hatten auf andere Weise Erledigung gefunden. Die Zahl der während desselben Zeitraumes erhobenen Ansprüche auf Bewilligung von Invalidenrente betrug 28,481. 11,477 derselben wurden anerkannt, 11,064 zurückgewiesen.

* Aus den dem Berliner Generalkonsulat der Ber­einigten Staaten unterstellten 13 Konfulatsbezirken wurden im 3. Quartat d. I. für 15,570,000 Dollars Waaren nach den Bereinigten Staaten ausge­führt, d. i. für 2,856,000 Dollars mehr, als in dem 3. Quartal 1891. Diese Zunahme entfällt jedoch fast ausschließlich auf den Artikel Zucker, dessen Ausfuhr

Aber da braust ein Sturmwind daher. Zornig fährt er durch die stolze Krone und schüttelt sie, als wolle er den unnützen Baum auf einmal ganz aus­tilgen; und Blätter und Zweige fliegen herab, wie Spreu vom Weizen, und ganze Aeste krachen und splittern, als feien es dünne Halme.

Und siehe da! Wenn das Ungewitter vorüber ist, dann zeigt sich, daß vieles morsch und faul war, was der Sturmwind abgeriffen hat. Aber wo Mark und Rmde noch gesund und nur die überreichen Säfte ins Stocken gerathen waren, da wird alles wieder von Neuem lebendig, die Zweiglein bekommen wieder neuen Glanz, die Blätter werden wieder grün und glatt, und allenthalb beginnt ein Sprießen und Gedeihen, viel frischer und freudiger als zuvor.

So war auch bei unseren Leuten seit dem Johannes- fest auf dem Pappelhof eine krankhafte Stockung ein­getreten. . „,

Sowohl Peter wie Lisbeth hatten innerlich die Ueberzeugung, daß sie Beide für einander bestimmt seien; aber den Einen hatten bei dem ersten Hinderniß, welches sich ihm und feinem Stolze entgegenftettte, eine Verstimmung und Muthlosigkeit erfaßt, daß er den richtig erkannten Weg verließ, anstatt ihn ohne Beach­tung seiner Neider weiter zu verfolgen. Und Lisbeth hatte die echten Gefühle ihres Herzens mit Gewalt niedergedrückt, weil ihre Eitelkeit nicht ihre Genüge fand.