Beilage zu Nr.
244 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 23. Oktober 1892.
Im Wetter geschüttelt.
Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.
(10. Fortsetzung,)
Selbstverständlich wurde in ganz Kohldorf dieses plötzlich verwandelte Wesen nicht zu Peter's Gunsten ausgtlegt. Daß etwas sein Gewissen drückte, war offenbar: was konnte es anders sein, als was alle Welt sich von ihm erzählte? So wurden selbst Diejenigen, welche bisher noch nicht an das Geschwätz des Feldheimers geglaubt hatten, an ihm jetzt irre.
Uebrigens hatte Peter immer noch eine Hoffnung. Wenn ihn Lisbeth liebte — und dies war ihm trotz chres sonderbaren Benehmens vom Sonntag nicht zweifelhaft — dann konnte sie wenigstens ihn nicht ungehört von sich stoßen. Vielleicht hatte sie nur im ersten Schrecken und in leicht begreiflicher Aufregung gehandelt, als sie ihn stehen ließ und mit Franz wegging, und ihr selbst war es inzwischen bitter leid geworden. O, wie gern wollte er ihr dann verzeihen — und was kümmerte ihn dann alle Falschheit und Treulosigkeit der Anderen?
Um sich Gewißheit darüber zu verschaffen, brauchte er ja bloß am nächsten Sonntag bei dem alten Köhler vorzusprechen und sich zu erkundigen, wie das Fest bekommen sei. Die richtige Anknüpfung würde sich dann schon finden.
Dieser Sonntag war bald gekommen. Das Hochamt war beendet und die Kohldorfer, welche dasselbe nach guter, alter Sitte noch fleißig besuchten, strömten in dichtem Zuge aus der Kirchenthür. Dieser aber gegenüber, auf der andern Seite der Straße, standen die Burschen des Dorfes — wie es nicht nur heutzutage bei jungen und alten Stutzern in der Stadt zu sein pflegt, sondern wie eS bei gutem Wetter auch in Kohldorf ichon seit undenklichen Zeiten in Gebrauch war. Daß gerade die jungen Burschen stets die ersten auS der Kirche waren, war nur der natürliche Lauf der Dinge, da sie ja immer erst als die letzten hineinkamen. Da standen sie denn und gafften, grüßten hier und da auch einen Bekannten und wechselten ein Wort über die Geschehnisse der Woche; die Hauptthätigkeit aber war, den weiblichen Theil der Kirchengänger genau zu mustern und über die eine oder andere Persönlichkeit mehr oder minder zutreffende Bemerkungen zu machen.
Ganz vorn in der ersten Reihe der gaffenden Burschen, damit er ja nicht übersehen werden konnte, stand heute — was sonst nicht oft vorkam, da er überhaupt nicht zu den eifrigen Kirchengängern gehörte — der Sachsenfritz, mit einem starken Gebetbuch unter dem Arm, und blickte mit seinen unheimlichen Augen frech in das Gedränge, in welchem er Jemand zu suchen schien. Neben ihm stand Franz, aber er machte, trotzdem er den Sonntagsrock an batte, keinen besonders festtäglichen Eindruck. Sein Gesicht schien übernächtig, wie so oft in letzter Zeit, und seine Augen irrten un- stät umser, als wolle er den Blicken der Kirchengänger ausweichen, die auf ihn fielen; kurz, es schien ihm gar nicht wohl dabei zu fein, wie er von dem Sachsenfritz gewissermaßen zur Parade ausgestellt war.
Wem diese Schaustellung galt, war unschwer zu errathen, und auch Peter, der heute etwas abgesondert von den anderen Burschen einige Schritte weiter unten iü der Straße stand, war darüber nicht im Zweifel: ging doch die ganze Kundgebung offenbar nur gegen ihn selbst, den halbverunglückten Freiersmann vom vorigen Sonntag, und bei dieser Wahrnehmung mußte er unwillkürlich einen Vergleich mit früheren Zeiten ziehen.
Wie oft hatte er schon an derselben Stelle gestanden und sich in Gedanken ausgemalt, wie er einmal nicht mehr Wartender sein, sondern frei und offen hervortreten werde, um den Vater Köhler um die Hand der geliebten Tochter zu werben. Am letzten Sonntag hatte er sich ganz nahe an diesem Ziele seiner Wünsche geglaubt, und nun sah er sich plötzlich wieder weit zurückgeschleudert. Dort vorn aber stand der schadenfrohe Sachse mit einer so siegesgewissen Miene,
als ob er selbst schon erklärter Bräutigam wäre. Peter's an sich schon gedrückte Stimmung wurde bei diesem Gedanken noch düsterer, und er machte wirklich, wie er so verlassen von Allen dastand, gar keinen heldenhaften Eindruck, während die Augen des Sachsen jedesmal noch verächtlicher blitzten, je öfter sie über den Einsamen dahin glitten.
Endlich kamen die Erwarteten, Mutter Köhler mit dem gewöhnlichen freundlichen Ausdruck in dem ruhigen Gesicht, und die beiden Mädchen, Lisbeth und Marie, deren Denken so himmelweit verschieden war.
lieber Mariens Antlitz flog ein Zug des Bedauerns und der Traurigkeit, als sie Franz die erbärmliche Rolle neben dem Sachsen spielen sah, und zugleich ärgerte sie sich über das freche Benehmen des Letzteren, ob'chon sie nicht wußte, was dasselbe bedeuten sollte. Denn daß der unheimliche Mensch auf sie selbst ein Auge geworfen habe, Härte sie sich nicht träumen lassen.
Anders war es bei der mehr äußerlichen Lisbeth. Nach den Vorgängen vom verflossenen Sonntag wußte sie, daß heute alle Blicke auf sie gerichtet sein würden. Mit hoch erhobenem Haupte und etwas keck aufgeworfenen Lippen trat sie aus der Kirche heraus und suchte sofort einen Ueberblick über die Sachlage zu gewinnen. Zuerst fielen nämlich ihre Augen auf den Sachsen und den neben ihm stehenden Franz, und die ihr von diesen erwiesene Aufmerksamkeit schmeichelte ihr, wenn sie sich aus den Beiden selbst auch nicht viel machte. Ihr Herz suchte einen Anderen, den sie auch bald entdeckte.
Ja, wäre fitzt Peter mit kecker Miene vorgetreten und hätte allen Neidern zum Trotz um ihre Hand gebeten; das stolze Mädchen würde int Bunde mit ihm alle Anderen verlacht haben. Als er das aber nicht that, sondern so klein und niedergedrückt auf seinem verlassenen Posten stehen blieb, und erst sein Schicksal in ihren Augen lesen wollte, da zog ein spöttisches Lächeln über ihre Lippen; und während sie den Gruß des glatten Sachsen mit auffallender Höflichkeit erwidert hatte, drehte sie beim Vorübergehen an Peter den Kopf zur anderen Seite und suchte mit Marie ein Gespräch anzuknüpfen, als habe sie Jenen gar nicht gefeben.
Die Mutter Köhler und Marie grüßten Peter in aller Höflichkeit; er aber war wie niedergeschmettert. Die Kameraden hatten ihn aus ihrem Kreis auSge- stoßen, der Freund hatte ihn verrathen, die Liebste war ihm untreu geworden — was konnte ihm da daS Leben noch bieten? Es war ihm so weh um's Herz — am liebsten wäre er in seinem Kummer gleich gestorben.
Aber so leicht bricht das menschliche Herz nicht. Wie manche Seele hat schon geglaubt, von diesem oder jenem, was ihr einst das Liebste gewesen, sich nicht trennen zu können. Doch da kommt dasjenige, was wir „Schicksal" nennen, eine unglückliche Geschäfts- Spekulation, oder ein lügnerischer Brief, oder ein falscher Freund, oder ein unglücklicher Hauch des rauhen Windes mitten in die angenehme Wärme eines froh vergnügten Tages, und hin ist Alles, woran das Menfchenherz gehangen, Geld und Gut, Ehre und Glanz, Lieb' und Treu', Gesundheit und blühende Jugend!
Trotzdem stellt die kleine Maschine, das Herz in der Brust, seine Thätigkeit nicht ein, sondern es pumpt und pumpt weiter das Blut in die Adern und Glieder, und dieselben regen und bewegen sich wie vorher auch. Freilich geht es nicht mehr ganz so lebhaft und es geht auch nicht immer fo ganz glatt ab; in den jugendlichen Gelenken liegt es wie Blei auf lange Zeit, und die Wangen haben ihre Röthe und die klaren Augen ihren Glanz oft für immer verloren. Aber es geht doch wieder — das ist die Hauptfache und auch das Richtige!
Ein schwerer Fehler ist es, wenn bei einem solchen Schicksals stoß die Lebensmaschine aus dem Gleichgewicht kommt, etwa so, daß der Irrenarzt eingreifen muß; und noch schlimmer ist es, wenn da Einer glaubt, die Maschine nach eigenem verwegenen Beschluß mit Gewalt still stellen zu sollen, indem er vielleicht
ins Wasser geben oder zur Pistole greifen möchte. Nein, der Mensch soll sich nicht zu sehr an irdischen Staub hängen, nur sein geringerer Theil gehört demselben an. An das Leben hat er höhere Rechte — und auch Pfl chten in demselben!
Die Zeit heilt alle Wunden. Daneben giebt es auch noch andere Mittel, welche das Gesundwerden eines kranken Herzens befördern können. Wenn es die Berhältniffe gestatten, — es giebt solche Krankheiten unter dem reichen Bauernkittel sowohl, wie unter dem Brusttuch von Sammet und Seide, und unter Kronen und Diademen sollen sie cm allerhäufigsten fein — wenn es also die Verhältnisse gestatten, pflegen verständige Aerzte manchmal eine Luftveränderung zu verordnen, und auch für Peter bot sich Gelegenheit, diese Medizin anzuwenden.
Ernes schönen Morgens, vierzehn Tage vor Monatsschluß, trat er vor seine Mithin, die alte Wittwe Georg, bei der er schon viele Jahre wohnte, und theilte ihr mit, daß er mit dem nächsten Ersten nicht mehr bei ihr mieihen würde.
Es war eine brave Fran, die Wittwe Georg. Ihr Manu, welcher ebenfalls Bergmann gewesen, war schon lange tobt, Kinder hatte sie nicht, und so mußte sie neben der geringen ihr zukommenden Pension die Hände fleißig regen, um lhr kümmerliches und ehrliches Brod zu verdienen; zugleich suchte sie auch »durch Ver- miethung eines Zimmerchens, welches bei dem Tode ihres Mannes frei geworden war, sich noch einen Spargroschen für die alten Tage zurückzulegen.
Nach und nach aber waren die Hände zitterig und die Augen trübe geworden; das mühsame Waschen, welches bisher den Hauptverdienst auSmachte, konnte sie gar nicht mehr vertragen, und das Stricken und Flicken wollte auch nur noch 6t i gutem Tageslicht und mit langen Unterbrechungen gelingen. Da war es ihr denn ein großer Trost, daß sie einen so soliden Einwohner wie den jungen Hochfeld hatte, der pünktlich am Ersten jedes Monats die Miethe zahlte, und der auch schon einmal Nachsicht hatte, wenn in der Bedienung nicht mehr Alles so klappte, wie es junge Herren sonst wohl zu verlangen pflegten.
(Fortsetzung iolgt.)
N erwischtes.
* Einfaches Feuerlöschmittel. Die durch Reklame berühmt gewordenen Flaschen mit Feuerlöschflüssigkeit welche man in das brennende Feuer zu werfen hat, enthalten gewöhnlich starkes Alaunwasser, natürlich zwanzig Mal so theuer, als wenn man sich selbst leere Flaschen mit Alaunlösung füllt und bei Feuersgefahr benutzt. Zu diesem Zwecke löst man Alaun in Wasser so lange auf, bis sich derselbe nicht mehr löst. Mit dieser kon- zentrirtcn Alaunlösung füllt man dünnwandige Glasflaschen an, die man beim Ausbruch eines Feuers in die Flammen schleudert. Hierbei wird das Feuer gelöscht, indem sich der Alaun aus der Lösung auf den brennenden Gegenstand niederschlägt, ihn in« kruftirt und dadurch den Zutritt des Sauerstoffs verhindert. Derartige Flaschen sollten in keinem Haushalte fehlen, zumal Alaun zu billigem Preise von jeder Droguenhandlung bezogen werden kann.
* Müll und Kehricht als Erzeuger von elektrischem Lichte. Einige englische Städte, wie Leeds, Southampton, verbrennen schon seit längerer Zeit das Müll und nutzen gleichzeitig die Wärme der Berbrennungs-Oefen vortheilhaft aus. Prof. Forbes w:ll'nun noch weiter gehen, indem er den Vorschlag macht, den Kehricht der Stadt Edinburgh zu verbrennen und die Wärme zur Erzeugung von elektrischem Licht auszunutzen. Dies soll jedoch wegen der Unregelmäßigkeit der Zufuhr zu den Oefen und des Lichtbedarfs nicht direkt geschehen. Die Wärme soll vielmehr Pumpen in Betrieb setzen, welche einen 200 Meter hochgelegenen Wasserbehälter von 57,000 Kubikmeter Inhalt füllen. Erst das dadurch gewonnene Wassergefälle soll Turbinen und Dynamo- Maschinen in Thätigkeit versetzen. Die auf diese Weise zu gewinnende Kraft schätzt der Genannte auf 15,000 Pferdekräfte, welche zur Speisung von 155,000 sechszehnkerzigen Lampen ausreichen würden. Wird der Vorschlag angenommen, so ist Edinburgh seine Abfallstoffe los und erhält elektrisches Licht zu ver- hältnißmäßig billigen Preisen.
* Wort gehalten. Student: „Bester Meister, diesen Monat kann ich Ihnen nichts zahlen." — „Aber das haben sie vorigen Monat auch schon gesagt." — „Nun, habe ich vielleicht nicht Wort gehalten?"
* Stimmungsvoll. Bankier: „Der Kassirer ist nicht gekommen?" Buchhalter: „Stimmt." Bankier: „Ist die Kasse in Ordnung?" Buchhalter: „Stimmt nicht." Bankier: „Am Ende ist er gar durchgebrannt?" Buchhalter: „Stimmt."
* Der gewissenhafte Rektor. „Maier, bist Du in der Tertia, oder sind Sie in der Sekunda?"
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