JW 244 Sonntag, den 23. Oktober 1892. 19, Jahrgang
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* Die Bewegung für das apostolische Glaubensbekenntnis
greift im Protestantismus immer weiter um sich. Täglich verzeichnen .Kreuzzeitung' und.Reichsbote' eine größere Zahl von Protesten wider Prof. Dr. Harnack refp. Zustimmungs-Erklärungen zu der in diesem Sinne gehaltenen Resolution der Herbst-Pastoralkonferenz in Eisleben. Es sind fast ausnahmslos Kundgebungen von Pastoren; solche von angesehenen Laien und Laien- Versammlungen dürsten größern Eindruck machen. Den Prof. Harnack selbst, der persönlich ein sehr angesehener Mann ist. fassen die Orthodoxen recht zart an, desto schärfer gehen sie gegen die Ritschl'jche Theologie vor, deren wisimschaftlicher Hauptoertreter zur Zeit Herr Harnack ist. Er ist auch gewiß eben so bedeutend, als der Göttinger Gelehrte, der dieser Schule den Namen gegeben hat. In ihr ist der Orthodoxie eine gefährlichere Gegnerin erstanden, als die Theologen der Protestanten-BereinS, deren Nachwuchs mit der Zeit immer schwächer geworden ist. In der „Falsch- mü n zerei" der theologischen Begriffe leistet aber der Ritschlianismus allem Anschein nach mehr, als die protestantenvereinliche Theologie. Die ,Kreuzzeitung' weist das nach an dem Ausdruck „eingeborener Sohn", woran Prof. Harnack keinen „Anstoß" nimmt, weil er eine „Umdeutung zuläßt" (!). Die Sache ist für diese ganze moderne protestantische Theologie sehr bezeichnend. Man hat ein Bild des ganzen Harnack und seiner Gesinnungsgenossen, wenn man seine Broschüre liest.
Das alte Bestreben der Rationalisten, die christlichen Glaubenswahrheiten zu modernisiren, setzt Harnack fort, aber mit mehr dialektischem Geschick als jene. Das Recept, nach welchem er verfährt, gibt er in folgendem Satze seiner Broschüre kund: „Ein so altes Symbol, welches nur um etwa zwei Menschenalter von der apostolischen Zeit entfernt liegt und direkt oder indirekt die Wurzel aller Symbole der Christenheit geworden ist, verlangt, daß man seinen ursprünglichen Sinn im Ganzen und in den einzelnen Theilen, sowie sein Verhältniß zur ältesten Verkündigung des Evan- vangeliums sorgfältig feststellt." Herr Harnack „stellt" es aber in der Art „fest", daß er aus dem Cyristen- thum eine ganz neue Religion macht. Man könnte den Protestantismus nicht mehr als chri stliche Konfession bezeichnen, wenn Harnack's Gedanken zum Siege gelangten — und diese Eventualität liegt bei den Zuständen in manchen evangelisch-theologischen Fakultäten und im Volke nicht weit weg.
Aus der ,Kr-uzztg." möchten wir zum Schluß noch folgenden intnessanlen Satz hervorheben: „Es ist ohne Weitere? zunigestehen, daß einzelne Ausdrücke des apostolischen Glaubensbekenntnisses in der deutschen Ueber- setzung nach unserem heurigen Sprachgebrauche mißverstanden werden können. Dahin gehört z. B. der Ausdruck „niedergefahren zur Hölle"; während das lateinische: „Descendit ad inferos" (er ist hinabgestiegen zu den Todten) deutlicher ist." Dagegen hält es das konservative Blatt für richtig, daß Luther in der deutschen Uebersttzung statt des Ausdrucks: „Sanctam ecclesiam catholicam" die Lesart: „eine heilige christliche Kirche" ausgenommen hat. Ja, das schreckliche Wort katholisch muß peinlich vermieden werden. Wenn nur der orthodoxe Protestantismus zwischen der Rckschl- Harnack'schen Scylla und der „katholischen" Cyaiybdis sich noch wird halten können! Logisch schon längst nicht mehr.
„Die protestantische Theologie in ihren hervorragendsten Vertretern bekennt sich nicht mehr zum Christenthum, sondern zum Anri- christenthum; was sie lehrt, ist nicht Christus, sondern ein Antichrist." So sagr P. Hoersdroech in seiner
neuesten Schrift: „Christ und Widerchrist. Ein Beitrag zur Verteidigung der Gottheit Jesu Christi und zur Charakteristik der Unglaubens in der protestantischen Theologie. Von Paul v. Hoensbroech 8. J. Freiburg im Breisgau, Heider'sche Berlagshandlung." Klar und scharf erbringt er den Beweis dafür an der Hand der Schriften der ersten Vertreter der protestantischen Theologie, der Professoren Lobstein, H. Holtzmann und R. Zöpffel, A. Ritschl, R. Schmidt, H. Schultz, W. Bal- denSperger, Keim, D. Schenkel. A. Hausrath, H Wendt, W. Bender, H. Ufener, K. Weizsäcker, R. A. Lipsius, Wittichen, A. Harnack, O. Pfleiderer, I. Kastan, B. Weiß, W. Biyschlag, Thomasius, W. Geß, Kahms, Bretschneider, Nitzsch und Hase. Es ist keine erfreuliche oder erbauliche Lektüre, die uns da geboten wird, aber sie ist nothwendig für Jeden, der sich über die wichtigsten Fragen unserer und aller Zeiten gründlich unterrichten will. Wer die Geständniffe dieser protestantischen Theologen gelesen, wird mit dem Verfaffer darin übereinftimmen müssen, daß hier das Christenthum mit seinem Eckstein voll und ganz über Bord geworfen ist. Das sind keine Vertreter des Christentums mehr, und wenn die Herren ehrlich wären, so müßten sie mit den konsequenteren Herren Strauß und v. Hartmann gestehen: „Wenn wir nicht Ausflüchte suchen wollen, wenn wir nicht drehen und deuteln wollen, wenn wir Ja und Nein lassen wollen, so müssen wir bekennen: „Wir sind keine Christen mehr!" (Strauß „Der alte und neue Glaube" und ähnlich Hartmann.) Wir empfehlen das gründliche Studium ves Buches namentlich auch allen gläubigen Protestanten. Nicht Haß oder Lust an konfessioneller Polemik bat dem Verfasser die Feder in die Hand gegeben, sondern lediglich Liebe zur Wahrheit und zum Christenthum. Das bezeugt jedeZeile deS BucheS, in welchem sich kein verletzendes Wort gegen unsere protestantischen Mitbürger befindet. Ausdrücklich betont er noch, daß eS in keiner Weise seine Absicht sei, die obige Anklage gegen die gesammte protestantische Theologie zu erheben, als ob sie in ihrer Gesammtheit abgefallen sei vom historischen Christus. Er wiffe sich im Gegentheil mit vielen gläubigen Protestanten einig in seiner Darstellung.
Jeder daher, der guten Willens ist und das Christenthum als Fundament unserer gesellschaftlichen Ordnung erhalten wissen will, kann und sollte daS Buch lesen, das ihm mit erschri ckender Deutlichkeit zeigt, wohin unsere autoritätslose Wissenschaft treibt — direkt in den Vorhof der Sozialdemokratie!
Man ist übrigens im Kultusministerium eingehend mit der Frage beschäftigt, wie weit daS Vorgehen dek Professor Harnack, der das apostolische GlaubenSbekennt- niß angegriffen hat, mit den Grenzen der Lehrfreiheit in Einklang zu bringen sei.
Deutsches Keich.
Berlin, 21. Oktober.
* Zur Abwehr der neuerdings von Rußland her drohenden Choleragcfahr ist durch Polizeiverordnung bistimwt worden, daß alle auS Rußland kommenden Personen sich während der nächsten 6 Tage an jedem Orte, an welchem sie anlangen, spätestens 8 Stunden nach der Ankunft bei der Ortspolizeibehörds unter Angabe ihrer Unterkunft zu melden haben. Zu diesen Anzeigen sind eventuell diejenigen verpflichtet, welche die betreffenden Personen bei sich aufnedmen.
* Der Herzog von Cumberland hat dem Landes- direklor, Fehrn, von Hammer stein in Hannover zum Dank für leine Bemühungen um die Rückgabe des sogen. WelfenfondS eine goldene Schnupftabaksdose im Werthe von 15,000 Mk. zum Geschenk gemacht. Der Kaiser hat die Annahme dieses Geschenkes auf Ansuchen genehmigt. Em gleiches Präsent erhielt der welfische Reichstaasabgeordnete, Geb. Rath. Brüel, der bei den Unterhandlungen im Interesse des Herzogs thätiq war.
* Nachdem von der Stellung des Ceutrums zur Militär-Vorlage in Folge der entschiedenen und einigen Haltung der Cennumtpresse in den letzten Tagen weniger die Rede gewesen war, haben einige überschlaue VermuthungSpolrtiker das Centrum angeblich wieder beim Schachern entdeckt. Tie Abgeordneten Frhr. v. Huene und Dr. Lieber sollen mit dem Reichskanzler über den Preis der Zustimmung des Centrums unrerhandelt haben; ein Blatt hat sogar den Abg. v. Huene schon zum Reichsschatzsekretär befördert.
Das sind natürlich Hirngespinnste, die lediglich darauf zurückzuführen sind, daß die beiden Abgeordneten durch ihre Teilnahme an verschiedenen Kommissionen zu einem vorübergehenden Aufenthalt in Berlin veranlaßt waren. Unsere Gegner sollten sich lieber ihre Köpfe zerbrechen: das Centrum wird schon wiffen, waö eS zu thun hat.
* Der preußische Landtag ist, wie bekannt, durch Königl. Verordnung auf den 9. November berufen worden. Derselbe wird sich zunächst mit den Steuerreform-Vorlagen zu beschäftigen haben. Es handelt sich dabei um die Ueberweisung der Grund- und Gebäudesteuer, sowie der Gewerbesteuer an die Gemeindm; der preußische Staat will für seinen Theil auf die Erhebung dieser Steuern verzichten und der dadurch entstehende Ausfall an Staats - Einnahmen soll, soweit er nicht durch den Mehrertrag der neuen Einkommensteuer gedeckt ist, durch Einführung einer Vermögenssteuer, sowie dadurch gedeckt werden, daß die auf Grund der lex Huene stattfindenden lieber Weisungen an die Kreise in Wegfall geb, acht und die betreffenden Beträge im Staatssäckel verbleiben. Mit dieser Umgestaltung des Steuerwesens entstehen Verschiebungen hinsichtlich deS Wahlrechtes, so daß eine Aenderung der Wahlordnung früher oder später wird eintreten müssen. An die EtatS- berathung wird der preußische Landtag, wie dieS ja auch sonst der Fall ist, eist nach Neujahr herantreten, während dem Reichstag gleich bei seinem Zusammentritt am 2 2. November der Etat zugehen wird. Mit der Berathung der Militär-Vorlage wird der Reichstag aller Voraussicht nach erst im Januar beginnen.
* Die vom Kaiser gespendeten 50,000 Mark für die Notleidenden in Homburg sind, wie verlautet, dem Dispositionsfonds entnommen, den der Reichstag alljährlich dem Kaiser für Wohlthätigkeitsakte und Gradenerweisungen zur Verfügung zu stellen pflegt. Dagegen stammten die 10,000 Mark, die das Kaiserpaar vor einigen Wochen zu demselben Zwecke nach Hamburg geschickt hat, der kaiserlichen Privat scha« lulle. Nebenbei bemerkt, ist jener Dispositionsfonds in Höhe von 900,000 Mark die einzige Summe, welche der Kaiser vom Reiche bezieht. Für seine persönlichen Bedürfnisse ist er, abgesehen von den Einkünften auS seinem Hausbefitz, auf die preußische Civilliste angewiesen.
* Ueber großstädtisches Elend wird aus Berlin berichtet: Die Maßregeln gegen die Verbreitung der Cholera haben bekanntlich auch zur Bildung von Sanitätskommissionen in Bürgerkreisen geführt. Der Kommission im 29. Polizeirevier wurde nun bekannt, daß in der vierten Etage des dem Lederhändler Oskar Leibholz gehörigen, Dresdenerstraße 119 belegenen Hauses, der Schneidermeister Dryws eine auS Küche und einem Raume bestehende Wohnung inne habe, die jeder Beschreibung spotten sollte. Der als Stube benutzte Raum hatte keine Fenster, sondern nur an der Decke eine verglaste Oeffnung, die dem Raum wenig Licht, aber bei regnerischem Wetter desto mehr Feuchtigkeit zufuhrt. Da diese „Wohnung" ohne baupolizeiliche G nehmigung hergerichtet war, so hatte die Polizei davon keine Kennlniß. Hier wohnte D. mit seiner erblindeten Ehefrau und zeitweise mit zwei Schlafburschen seit dem 1. April 1869. In Folge der Steigerung der Mietpreise stieg diese elende Wohnung von 10,50 auf 23 Mk. pro Monat. Das Polizeipräsidium hat nun unter dem 15. d. M. dem D. das fernere Verweilen in jenem Raume unter Androhung einer Strafe von 100 Mk., im Unvermögensfalle von 10 Tagen Haft für jeden Fall des Zuwiderhandelns untersagt. Der 133 Stadtbezirk hat sich des D. hilfreich angenommen, damit dem völlig verarmten Mann sofort eine gesunde Wohnung beschafft werden kann.
* Im deutschen Reiche sind z. Zt. 284 Zucker- Fabriken, die Rüben verarbeiten, im Betrieb. Dieselben verarbeiteten in ben Monalen August und September d. I. 5,723,417 Doppelcentner Rüben, gegen 3,448,454 Doppelcentner (durch 238 Fabriken) in den gleichen Monaten des Vorjahres. Prodnzirt wurden in den beiden genannten Monaten 572,538 Doppelcentner Rohzucker, 513,951 Doppelcentner raffi- nirter und Konsumzucker, 7222 Doppelcentner Speise- Syrup und 212,648 Doppelcentner andere Abläufe.
* Nciffe, 20. Okt. Der Kultusminister hat den Beschluß der städtischen Behörden, das Realgymnasium am 31. März ganz zu schließen, nicht genehmigt.