TV 243 «samstag, den 22. Oktober 1892. 19.IahrgMK
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(*) Der Praktisch-soziale Kursus^
der vom 20. bis 30. September in M.-Gladbach statt- fand, ist beendet. Die liberale Presse hat dem Kursus den Namen „Volks-Universität" gegeben, und wie so ost im Leben, ist dieser von Gegnern erfundene Namen aufgegrisien und allgemein anerkannt worden und zwar hat das eine politische Spitze. Unser liberales Professorenthum ist eifrig bestrebt, möglichst jeden jungen katholischen Gelehrten von den staatlich bezahlten Lehrstühlen fernzuhalten und diese Engherzigkeit und Intoleranz durch um so größeres Geschrei über „Freiheit" der Wissenschaft zu bemänteln. In Preußen ist die stiftungsmäßig katholische Akademie zu Münster immer noch nicht zu einer vollständigen Universität ausgebaut, obwohl Westfalen verhältniß- mäßig die meisten Studenten aller Provinzen liefert Md die westfälischen Gelehrten in der ganzen Welt einen hervorragenden Ruf haben; dagegen ist sie nach und nach, entgegen ihrem stiftungsmäßigen Charakter, immer mehr mit protestantischen nnd glaubenSloim Elementen durchsetzt worden. In Baden ist die stiftungsmäßig katholische Universität in Freiburg durch die staatliche Zwangsherrschaft über sie allmälig liberalisirt worden. Wie es die bayerische Regierung mit München und Würzburg gemacht hat, ist bekannt. In Preußen hat zudem der Kultusminister von Goßler öffentlich erklärt, daß er niemals seine Hand bieten werde zur Errichtung einer katholischen Universität, etwa in Fulda, selbst wenn die Katholiken die Mittel dazu aus ihren eigenen Kräften herbeischafften. Auf keiner einzigen deutschen Universität würde man die Gegenstände, welche in Gladbach wissenschaftlich behandelt worden sind, in ch r ist l i ch- gläubigem Sinne vorgetragen hören können. Da sind denn die Katholiken darauf angewiesen, sich selbst freie Einrichtungen zu gründen, um auf denselben die soziale Wissenschaft zu pflegen. Die Volks-Universität in M -Gladbach hat in der That begonnen, wie die allerersten Universitäten im Mittelalter auch begonnen haben: unter dem Schutze und der Billigung der Kirche, in echt kirchlichem Geiste. Keine vorherige Aufnahme-Prüfung, kein Einschreibegeld, kein Kollegien- Honorar, keine bureaukratische Scheidung zwischen Professoren und Studenten, Immatrikulation einfach auf Grund der Nennung des Namens, kein Pedell, kein Nachtwächter, kein Carcer, dafür aber desto mehr wissenschaftliches Streben, Schwung und Begeisterung! Rektor Magnifikus war, der „modernen" Weltanschauung zum Trotz, ein Kaplan, Kurator ein bürgerlicher Fabrikbesitzer, der wissenschaftliche Theorie und praktische Bethätigung derselben in gleicher Weise beherrscht; wer heute Professor war, war morgen Schüler; man fah Greise zu Füßen von jungen Leuten, Professoren zu Füßen ihrer ehemaligen Schüler. Die Staatsgewalt hat sie nicht gefördert!
Das Werk ist gelungen, besser als man erwarten konnte. Gewiß war es noch nicht vollkommen; manche Mängel können und sollen nicht geleugnet werden; aber sein Grundgedanke hat sich durchaus bewährt,
Im Wetter geschüttelt.
Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.
9. Fortsetzung)
Indessen sollte tue Sache bald anders kommen, indem schon am folgenden Morgen die Beschlüsse aus dem „Gemüthlichen Bergmann" in recht ungemüthlicher Weise in Wirkung traten. Den Kameraden, welche gestern nicht auf dem Pappelhof gewesen waren, wurden die dortigen Vorgänge erzählt. Die Aeußerungen der Feldheimer Burschen über Peter's Heimtücke und seine angeblichen Freiereien wurden wiederholt und natürlich auch mit allerlei Bermuthungen und Bemerkungen noch erweitert und auSstaffirt, so daß sich bald ein ganzer Sagenkreis um die Geschichte und um die Person Peter's wob. Auch einzelne Witz- und Stichworte schwirrten schon hin und her, welche keinen anderen Zweck hätten, als die Sache nur noch pikanter zu machen.
Peter sah und hörte zwar, daß etwa- Ungewöhnliches um ihn vorging, allein fein verletzter Stolz gab nicht zu, daß er sich weiter um das Treiben kümmerte, um demselben bei Zeiten entgegenzutreten. Er schrieb der nachträglichen Feststimmung zu und dachte, die Aufregung werde mit dem Katzenjammer schon von selbst wieder vergehen.
und die Erneuerung wird nicht ausbleiben. ES hat sich gezeigt, daß der „Volksverein für das katholische Deutschland" über eine reiche Zahl wissenschaftlich befähigter Männer geistlichen und weltlichen Standes verfügt, um die Bekämpfung der Sozialdemokratie durch Unterweisung derjenigen, denen in der Arena deS öffentlichen Lebens jener Kampf in leitender Stellung obliegt, vorzubereiten und zu vertiefen. Weitaus die meisten der „Professoren" hatten vorher über ihre Themata sich unteremander nicht austauschen können, und doch fand sich ein im Wesentlichen einheitlicher Geist. Verschiedene Meinungen über das Erreichbare oder nicht Erreichbare, über das zur Zeit Zweckmäßige oder weniger Zweckmäßige, über die anzuwendenden Mittel und das einzuschlagende Tempo — aber kaum irgendwie verschiedene Meinungen über das Ziel und den im Allgemeinen noch demselben führenden Weg! Dieses Ziel ist die Befferung der materiellen Lage unserer Arbeiterklasse, unter unbedingter Ablehnung aller sozialdemokratischen Hirngespinste und aller revolutionären Umsturzbestrebungen, im Geiste deS Christen- thums, auf dem Boden unserer heutigen Kultur-Entwickelung und in besonnener Weiterführung dieser Kultur. Die Uebereinstimmung in dieser Grund-Anschauung ist ein hocherfreuliches Ergebniß der Gladbacher Tage.
Es hat sich sodann gezeigt, daß ein tiefempfundenes und weitverbreitetes Bedürfniß für einen solchen wissenschaftlichen Unterricht besteht, wie er in Gladbach geboten wurde. Der Volksverein wird auch in Zukunft feiner Obliegenheit, solche Kurse zu veranstalten, sich nicht entziehen. Ein großer Theil der Zuhörer in Gladbach waren Geistliche, wie auch mehr als drei Viertel der Docenten Geistliche waren. DaS zeigt, tote gerade in unferm geistlichen Stande das Gefühl lebendig ist für die Pflichten der christlichen Gesellschaft in unserer Zeit. AuS den Geistlichen werden durchweg die Präsides der katholischen Arbeitervereine entnommen; alle Geistlichen ohne Ausnahme bedürfen heute einer gewissen sozial-politischen Bildung, wenn ihre Wirksamkeit im Volke gedeihlich werden soll. Bor dreißig Jahren hat darum Bischof v. Ketteler den Vorschlag gemacht, in unseren Priester- seminarien Lehrstühle für katholische Sozialwissenschaft zu errichten, um den angehenden Geistlichen von vorn herein die Richtung für den schwierigsten Theil ihrer seelsorgerlichen Aufgabe zu geben. Bisher ist dieAus- sührung dieses Gedankens unterblieben, wohl aus Mangel an den nöthigen Lehrkräften. Inzwischen hat das Studium der sozialen Frage sich jedoch so ausgebreitet, daß vielleicht der Zeitpunkt gekommen erscheint, wo ein solcher Mangel der Ausführung jenes Gedankens nicht mehr im Wege steht. Da, wie ober schon ausgeführt, unsere staatlich-bureaukrotischen Universitäten auf diesem Gebiet das Nöthige nicht bieten, vermöge ihrer Richtung auch zu bieten nicht im Stande sind, wäre es um so wichtiger, daß in unfern Priester- seminarien solche Vorlesungen regelmäßig geboten werden.
Als der „Volksverein für das katholische Deutsch-
Aber er täuschte sich. Nach einigen Tagen wollte auch von den Kameraden keiner mehr in seiner Nähe arbeiten: auf dem Heimweg mußte er allein gehen und die anderen wichen vor ihm auffällig aus, so daß er sich bald vollständig einsam gelassen sah mitten unter aller Gesellschaft.
Jetzt erst merkte Peter, daß PlM und System in dem ganzen Vorhaben war, und er nahm sich vor, demselben so bald als möglich die Spitze abzubrecheu. Am einfachsten glaubte er dies bewerkstelligen zu können, wenn er Franz, den er mit seinem leidenschaftlichen Wesen für den Haupturheber aller Feindseligkeiten hielt, einmal energisch zur Rede stellte. Er hoffte, daß die Natur deS ehemaligen Freundes, wenn er nur in ernster Weise aufmerksam gemacht und gewarnt würde, über die grundlose Verstimmung sich hinwegfetzen und damit Alles wieder in das richtige Geleife kommen werde.
Die Gelegenheit zu einer Unterredung war bald gesunden. Eines Tages nach der Schicht hatte Franz aus dem Bureau der Grube „Bergmannsglück", auf welcher er sowohl wie Peter beschäftigt war, noch etwas zu erledigen. Peter wußte dies und wollte den Umstand sofort benützen. Bon der Grube bis nach Kohldorf war ungefähr eine halbe Stunde Weges, wobei die Bergleute gewöhnlich nicht die breite Fahrstraße,
land" gegründet wurde, ist von protestantischer Seite mehrfach der Verdacht geäußert worden, er fei gedacht und beabsichtigt als K-mpf-Verein gegen den „Evangelischen Bund" und wie dieser als Sammel-Verein kurzsichtiger Hetzer. Die bisherige Thätigkeit und praktische Bewährung des Volksvereins hat wohl Alle eines Beffern belehrt. Nichts liegt ihm ferner, als einen Kampf gegen die protestantische Kirche. Nimmt doch auf dem Boden der katholischen Kirche der Kampf gegen die Sozialdemokratie seine ganze Kraft in Anspruch. Doch genügt eS nicht, daß der Volksverein auf katholischem Gebiete diesen Kampf führt. Auch auf protestantischem Gebiete müssen gleichgesinnte Männer erstehen, um in demselben Geiste zu toirfen. Wenn der Evangelische Bund sich entschließen könnte, nach dem Muster deS BolkSvereinS sich umzubilden, so würde er sich den Dank aller billig und weitsichtig denkenden Elemente in Deutschland sichern. Wir empfehlen ihm zunächst daS Gladbacher Beispiel zur Nachahmung.
Die Gladbacher Vorlesungen und freien Besprechungen werden wohl wiederholt werden, zuerst vielleicht jährlich mit Wechsel deS OrteS, dann vielleicht mit größeren Pausen.
Eine Hauptbedeutung der ganzen Erscheinung liegt darin, daß die Regierungen heute noch der christlich- sozialen Wiffenschast die Thüreu der Hochschulen verweigern, während sie der zerstörenden liberalen Sozial- wissenschaft freien Raum gegeben haben und heute noch geben. Das katholische Volk Deutschlands hat in freiwilliger Thätigkeit diese Lücke ausgefüllt.'
Deutsches Keich.
Berlin, 20. Oktober.
* Die Kaiserin hat der Berliner Stadtgemeinde aus dem Ueberschuß der Berliner Schloßfreihett- Lotterie 50,000 Mark zur Unterstützung armer Wöchnerinnen überwiesen.
♦ Die Militärvorlage ist nachträglich auf die Tagesordnung der heutigen BundeSrathSsitzung gesetzt worden.
* Der Kolonialrath der am 24. ds. Mts. zusammentritt, wird u. A. über daS sogn. Trust- (Vorschuß-) System in Kamerun, sowie über die Einfühnwg übereinstimmender Maße und Gewichte und eines einheitlichen MünzsystemS in Deutsch-Oftafrika zu beratheu haben.
* Der konservative Parteitag soll im Laufe des nächsten MonatS in Berlin stattfinven.
* Professor Virchow hat bei Uebernahme de« ReftoratS der Berliner Universität eine Antrittsrede gehalten über „Lernen und Forschen". Wir entnehmen der Rede die folgenden Sätze:
Auch bet Student besitzt kein Sonderrecht mehr; aber die Verfassung hat ihm mehr Rechte gegeben, als er vorher besaß, so insbesondere auch das Recht, sich innerhalb der durch Ber- fafsung und Gesetze geordneten Schranken mit Politik zu beschäftigen und keinem Ausnahme-Gericht unterstellt zu werden. Darum, liebe Kommilitonen, nehmen Sie den wohlgemeinten Rath, das Lernen als ihre erste und wichtigste Aufgabe zu betreiben, mit allen seinen Konsequenzen im vollen Bewußtsein und mit heiligem Ernste auf. Die Erfahrung hat gelehrt, daß dieser Rath nicht
sondern auf ihren Gängen von und zu der Arbeit einen schmalen Fußweg ein schlugen, der durch einen herrlichen Hochwald führte, und den außer der Zeit des Schichtwechsels nur selten Jemand zu betreten pflegte. Peter ging also etwas früher von der Grube weg und machte bei einer Biegung des Pfades, wo ihn die Bäume ben Blicken der Herannahenden verbargen, Halt, um ben ehemaligen Freund zu erwarten.
Es dauerte auch nicht lange, so kam Franz ben Bergpfad herab. Er schien in der letzten Zeit fast ein anderer Mensch geworden zu sein. Sein Blick war nicht mehr der freie, offene von ehemals, fonbern ferne Augen flogen bald unstät umher, bald hafteten sie trübe vor feinen Füßen an der Erde. Auch fein Gang zeigte nicht mehr das feste, sichere Auftreten, wie früher, sondern unregelmäßig stürzte er bald hastig vorwärts, bald schien er zögernd und ängstlich zurückzuhalten.
So hinschreitend, bemerkte Franz den wartenden Kameraden nicht eher, bis er dicht vor ihm angelangt war.
Ein böses Gewissen macht mißtrauisch und furchtsam. Franz schrack daher tief zusammen, als er sich plötzlich in dem einsamen Wald demjenigen gegenüber sah, dem er so viel Unrecht gethan, und unwillkürlich fuhr seine Hand in die Tasche nach dem langen gefährlichen Messer, als ob er einem Meuchelmörder be