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V 242 Freitag, den 21. Oktober 1892. ■ 19. l-ttnrmn g

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* Der „Evangelische Kund"

hat, wie bereits kurz mitgetheilt, von Eisenach aus, wo er dieser Tage eine Versammlung abhielt, einen fulminanten Ausruf „an unsere evangeüschen Volks­genossen" gerichtet. Den Inhalt kennt Jeder im Vor­aus. Es ist der alte Angst- und Nothschrei gegen den „UltramontanismaL". Dieser wird mit der Sozialdemokratie auf dieselbe Stufe gestellt. Sie sind die Feinde, die „unser Volk" von rechts und links bedrängen, „alles in Frage stellen, was uns unser nationales Leben werth macht", so daß sie der Grund sind, daß „eine tiefe Verstimmung durch unser nationales Leben hindurchgeht", und „die innere Befriedigung unserem Volke immer mehr entschwindet". Die größere Gefahr ist natürlich der „Ultramontanismus" und so läßt der „Evangelische Bund" die Sozialdemokratie ruhig bei Seite und verschwendet seinen Äthern in „wohlbegründeter Angst" gegen den Ersteren, nicht ohne einen schweren Seufzer über die Verblendung derjenigen, die „die ultramontane Gefahr" „sogar in eine Hilfe wider die Sozialdemokratie umdeuten". Angst müssen die „evangelischen Volksgenossen", be­kommen, schlotternde Angst! Erst dann wird es ge- müthlicher werden im lieben Vaterlande, und diese Angst zu erregen betrachten die „Bündler" als ihre Aufgabe. Das ultramontane System, „an dessen innerer Unwahrheit eigentlich Niemand zweifelt, das mit jeder Geistesfreiheit eingeständlich unvereinbar ist und wesent­lich nur durch die Macht seiner auf Herrschsucht und Aberglauben aufgebauten Organisation getragen wird, hat seit dem unglücklichen Ausgang des Kulturkampfes unter uns Fortschritt über Fortschritt gemacht."

„Rom hat den deutschen Staat tief gedemüthigt"; „es darf ungestört unser Volk in zwei Theile zer­reißen"; „es darf das Heimathland der Reformation mit einem Netz von Missionsstationen und Ordens­niederlassungen immer dichter umspinnen" (die Pro­testanten dürfen natürlich in urkatholischen Gegenden keine neuen Gemeinden bilden, keine Kirchen, Schulen, Diakonissenanstalten, Rettungshäuser rc. rc. errichten und thun das ja auch nicht), es darf „die Rückbe­rufung einer von Moral und Geschichte gerichteten Gesellschaft als Förderung der Freiheit und Gerechrig- keit auf seine Fahne schreiben", es „darf nach unserer Volksschule die Hand ausstrecken" (es streckt die Hand nur nach den Schulen für katholische Kinder aus, thun das nicht etwa die gläubigen Protestanten nach den Schulen für protestantische Kinder ebenfalls?) es darf

schließlich, wie schon durch den Mund des Bischofs von Mainz geschehen ist, Kaiser und Volk öffentlich einladen, den protestantischen Glauben zu verleugnen u.s.w. u.s.w. in dem Lamento.

Mözen doch die Bündler einmal zusehen, wie oft sie sich schon in ihren Aufrufen an die Katholiken ge­wandt haben mit der Aufforderung, „das ultramontane Joch abzuschütteln"; das war wohl keine Einladung den Glauben zu verleugnen? Aus der vorstehenden Erzählung dessen, was „Rom" zum Entsetzen der Bündler alles „darf", ergibt sich, daß, wenn es nach den Bündlern ginge, die Katholiken einfach für rechtlos erklärt werden müßten. „Ein be­schämendes Schauspiel" ist es, daß die Nation aber trotz aller Aufruf- des „Evangelischen Bundes" darauf noch nicht eingehen will.

Ja, es herrscht sogar die Beiorgniß, die preußische Regierung „möchte sich in ihrer Politik auf diese Macht stützen"; „vor dem Forum der deutschen Geschichte" müßte die Empfehlung oder Uebung einer „so traurigen und verderblichen Politik" schwer verurtheilt werden. Aber wer ist schuld? „Die Gesammtheit unseres deutsch-evangelischen Volkes", das „nicht weiß, was es will", sodann nur „was es nicht will". Ver- muthlich will es die Hetzereien des „Evangelischen Bundes" nicht, denn das ist das ewige Klagen, daß es sich von ihm nicht aufrütteln lassen will zu ein» müthigem Angriff auf die Katholiken. 80,000 Mit­glieder zählt der Bund, „aber," sagt er selbst, „was sind 80,000 gegen die Millionen deutscher Protestanten? Nock verharren ganze kirchliche Provinzen in Miß­trauen und Gleichgiltigkeit gegen unsere Bestrebungen"; „noch arbeitet die Parteibefangenheit uns vielfach ent­gegen"; „noch fehlen uns vielfach die besten vorhan­denen Kräfte." „Selbst das schlichte Bekenntniß zu Christo, dem eingeborenen Gottessohn; (nach Harnuck und dem Liberalismus?) unserem alleinigen Heils­mittler, ist, als zu weit oder zu enge, zum Stein des Anstoßes geworden." Kurz, die Masse des protestan­tischen Volkes ist leidenschastslos und rechtlich genug, um sich mit Ekel oder Gleichgiltigkeit von dem Treiben des Bundes fern zu hatten. Zur nochmaligen Empfehlung weisen die Bündler auf ihre bisherigen Leistungen; sie haben „die Anfänge einer literarischen Gegenwehr gegen die übermächtige ultramontane Presse geschaffen", (Die ,Kirchliche Korrespondenz', von der man aber in den angesehenen Blättern höchst selten eine Spur antrifft), „der römischen Propaganda gegenüber die evangelische Krankenpfl ge durch Stiftung eines Diakonissenhauses und mehrfache Unterstützung lokaler Bestrebungen ge­stärkt (also die Diakonissen seien hauptsächlich der Pro­paganda wegen da, während den katholischen Kranken­pflegeorden aus der angeblichen Propaganda ein Ver­brechen gemacht wird), „die Rettung konfessionell ge­fährdeter Kinder unterstützt", und eine Fülle von An­regungen gegeben."

Hoffentlich wird auch dieser Nothschrei der verblen­deten Fanatiker ungehört in der Wüste verhallen. Leute, die heutzutage noch die Sozialdemokratie auf Kosten des Katholizismus herausstreichen und die Hilfe der

Katholiken gegen die Sozialdemokratie aus konfessionellem Haß verächtlich zurückweisen, ohne natürlich selbst das Mindeste gegen die Sozialdemokratie zu leisten und leisten zu können, handeln entweder verbrecherisch oder sie sind unzurechnungsfähig.

Deutsches Keich.

Berlin, 19. Oktober.

* Wegen Umbaues des Weißen Saales wird die Eröffnung des Landtages diesmal im Rittersaal des Kömgl. Schlosses vollzogen. Wegen Beschränktheit des Raumes unterbleiben die sonst üblichen Einladun­gen an die Generalität, die Wirklichen Geheimräthe, das diplomatische Korps usw. Publikum wird über­haupt nicht zugelassen.

* Ueber die Aufgaben der Reichstagsfeffio« will die ,Nat.-Lid. Korr.' aus zuverlässigster Quelle Folgendes erfahren haben: Eine amtliche Veröffent­lichung über den Inhalt der Militärvorlage er­folgt nicht vor dem Zusammentritt des Reichstags, der den Gesetzenrwurf alsbald vorfinden wird. Die vorge­schlagene Mehraushebung von Rekruten beträgt 60,000 Mann, worin gegen frühere Projekte bereits eine Er­mäßigung enthalten ist. An dem Quinquennat hält die Regierung mit voller Entschiedenheit fest. Sie dürfte auch, falls eine Verständigung über die neue Organi­sation nicht gelingt, eine Reichstagsauflösung ernstlichst in Erwägung ziehen. Im Uebrigen sollen die Aufgaben des Reichstags auf das Möglichste be­schränkt werden. Die in der vorigen Session bereits vorgelegten Gesetzentwürfe über den Checkverkehr und über Bekämpfung der Trunksucht werden jetzt nicht wieder eingebracht werden, dagegen werden die Gesetzentwürfe über den Verrath militärischer Geheim- nisse und über.Bekämpfung der Unsittlichkeit aufs Neue erscheinen, wahrscheinlich wird auch das Reichsseuchengesetz vorgelegt werden. Eine Vor­lage über Verschärfung des Preßgesetzes, von der in einigen Zeitungen die Rede gewesen ist, befindet sich noch in den ersten Stadien der Vorbereitung.

* Das allgemeine und gleiche Wahlrecht ist den Nationalliberalen schon längst em Dorn im Auge. Neuerdings nimmt die ,Köln. Ztg.' wiederum Veran­lassung, diese Gelüste in einem Angriff gegen das ReichstagSwahlrecht zu enthüllen. Derselbe gipfelt in folgenden Auslassungen:

„Es ist jedenfalls eine bemerkenswerthe Erscheinung, daß es in Deutschland keinen Politiker mehr gibt, der den ernst­haften Versuch zu unternehmen wagt, für die Gleichheit des genialen Staatsmannes und feines Stiefelputzers im Punkte des Wahlrechts Gründe der Vernunft und der Erfahrung beizu­bringen. Die Verehrer des Reichstagswahlrechts sind nicht bescheiden, aber sehr genügsam geworden; sie begnügen sich da­mit, mit drohender Gebärde die eintönige Behauptung zu wieder­holen, es sei eine reaktionäre Schlechtigkeit, wenn man sich nicht entschließen könne, vor dem souveränen Unverstand der Massen anbetend niederzuknieen. Wir meinen, es sei ein liberaler Gedanke, den deutschen Reichstag auf eine achtung­gebietende und dauerverheißmde Grundlage zu stellen. Wir meinen, es sei eine liberale Anschauung daß jede staatliche Ein­richtung auf die Dauer verkümmert, wenn sie den innigen Zu­sammenhang und die vertraute Uebereinstimmung mit den leben­digen, kulturtragenden Kräften der Nation verliert."

Im Wetter geschüttelt.

Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.

(8. Fortsetzung.)

Zn alledem kam ferner auch die Thatsache, daß Peter heute offen als Freiersmann aufgetreten war und ein solcher hat nach einer uralten Erfahrung ohnehin schon alle Verdachtsgründe gegen sich.

Die Allergescheidtesten unter den Kohldorfern schlossen daher noch weiter aus der gezeigten Friedensliebe Peters, die doch irgendwo ihren Grund haben müsse; und zwar ging ihre Ansicht dahin, daß der Feldheimer Bursche wohl nicht so ganz Unrecht gehabt haben müsse mit seinen Vorwürfen. Peter hatte offenbar kein reines Gewissen; und überhaupt sei so stillen Wassern nie recht zu trauen.

Jetzt sah der Sachsenfritz durch das Fenster hinten in der Ecke der Wirthsstube um einen Tisch herum noch ungefähr zehn bis zwölf Burschen sitzen, welche gewissermaßen als die Veteranen Übrig geblieben waren ans dem großen Haufen, der gegen den abwesenden Peter zu Felde gezogen war. Uebrigens schien auch diese alte Garde sehr durch die verübten Heldenthaten angegriffen zu sein. Dem Einen waren die Augen schon zugefallen, ein Anderer hielt sich nur dadurch wach, daß er fortwährend mit der großen Faust auf

dem Tische herumtrommelte; Andere gähnten ein über das andere Mal und nur die Allerwenigsten schenkten noch einige Aufmerksamkeit dem Redner, welcher von der Hinteren Tischecke aus ganz gewaltig den Mund aufthat und mit den Händen geftifuürte, als ob er die größte Volksversammlung vor sich hätte.

Es war dies ein kleiner, beweglicher Bursche mit dunklem Haar, bleichen, etwas eingefallenem Gesicht, aus welchen über die spitzigen Backenknochen zwei leb­hafte Augen hervorblitzten. Da er in seiner Jugend für den Bergbau zu schwach zu sein schien, hatten ihn seine Eltern zu einem Metallarbeiter in die Lehre ge­geben und von seinen Kohldorfer Kameraden hatte er seitdem den Spitznamen „das Messingdrähtchen" erhal­ten, worüber er heute noch bei Gelegenheit in argen Zorn gerathen konnte. Seinem Handwerk war er aber treu geblieben, indem er Morgens zur Arbeit in eine Fabrik nach der nahen Stadt ging und Abends regel­mäßig wieder nach Kohldorf zurückkehrte.

Selbstverständlich hatte sich das „Messingdrähtchen" in dem Verkehr mit den „aufgeklärten" städtischen Ar­beitern eine vielseitige „Bildung" erworben und er hielt es für feine ernste Pflicht, auch feinen geistig so zurück­gebliebenen ehemaligen Schulkameraden in Kohldorf die hohe Aufklärung einer modernen Großstadt zugänglich zu machen, indem er bei jeder passenden und unpassen­

den Gelegenheit eine oder auch mehrere gewaltige Reden hielt, die um so mehr Eindruck zu machen pflegten, je weniger er selbst seine auswendig gelernten Phrasen verstand. Nichts konnte ihn dann mehr ärgern, als wenn Jemand nicht Stein und Bein auf seine Worte schwur und gegen den gleichalterigen Peter Hochfeld war er blos deshalb spinnefeind geworden, weil dieser ihm mehrmals widersprochen und ihm seine zweideu­tigen und umstürzlerischen Redensarten einst verwiesen hatte.

Das Letztere wußte auch der Sachsenfritz, und als er von seinem Späherposten am Fenster aus die leb­haften Bewegungen des kleinen Redners in der Ecke sah, durchkreuzte sofort sein umnebeltes Gehirn der Ge­danke, daß hier gewühlt werde in derselben Richtung, wie auch seine eigenen Pläne gingen. Er reckte seine schwankende Gestalt auf, rieb sich die trüben Augen und indem er Franzen's Arm fest packte, sagte er mit mehr Energie, als sein Kumpan seinem trunkenen Zu­stande noch zutraute:

„Franz, hier fließt Wasser für unsere Mühle, wir müssen noch einmal hinein!"

Alle Augen richteten sich erstaunt auf die beiden späten Ankömmlinge, als diese, sich gewaltsam gerade haltend, in die Stube traten und guten Abend wünschten.

Das „Messingdrähtchen" war sonst kein großer