19.Jahrgay
Donnerstag, den 20. Oktober 1892< _______
MaerWZtitulig
leicht zu erringende Beute betrachtet, steht ihr als Hauptgegner in Deutschland das katholische Volk gegenüber, welches aus der Windthorst'schen Schule her über eine so treffliche Waffe zu Schutz und Trutz in dem nunmehr fast überall in volle Aktion getretenen Bolksvereins verfügt. Der Verein zählt bereits über 120,000 Mitglieder. Er hielt im Vorbereitungs-und Gründungrjahre über 500 Versammlungen, vertheilte 1,029,150 Druckschriften; er versorgt 215 Centrumsblätter mit einer katholischen Sozialkorrespondenz. Besonders wirksam und erfolgreich war im abgelaufenen Sommer die Thätigkeit des Bolksvereins durch größere Versammlungen, welche sich auf alle Gegenden des Reiches vertheilten. Breslau, Berlin, Magdeburg, Fulda, Ravensburg, Kaiserslautern, Trier, Krefeld, Köln, Nersfe, St. Johann, Iserlohn, Bielefeld, Speyer, Mainz, Stuttgart, Schwäbisch-Gmünd, München und andere größere Orte boten den herrlichen Versammlungen ihre schönsten und größten Säle, zu denen das katholische Volk in Hellen Haufen hineilte, um feine Führer und Berather zu hören. Namentlich einer derselben, Herr Reichstags- und Landtagsabgeordneter Dr. Lieber, errang sich um die Hebung des katholischen BolkSbewußtieinS gegen Anarchie und Sozialdemokratie die höchsten Verdienste. Allsonntäglich und zuweilen noch in der Woche war er auf dem Posten. Ebenso freudig wie begeistert und dankbar wurde die Wirksamkeit des Herrn Dr. Lieber von dem katholischen Volke ausgenommen und anerkannt. Das bewies jede der von ihm mit seinem Erscheinen beehrten Versammlungen, das bewies namentlich seine Auszeichnung auf der kathol. Generalversammlung zu Mainz. Die Sozialdemokratie, namentlich aber der .Vorwärts', scheinen ganz verblüfft; sie finden noch keine Worte für die Thätigkeit des Herrn Dr. Lieber. Ganz be- | sonders schneidig wurde der Kampf des Volksvereins gegen Die sozialistischen Irrlehren im nligiöSgomischtrn Saarreviere geführt, woselbst in kurzer Frist dreizehn größere Versammlungen veranstaltet wurden. Neuerdings entsandten die Berliner Sozialdemokraten einen ihrer Tüchtigsten, Bebel, in die dortige Gegend, um i die Scharten wieder auszuwetzen. Die Angriffsresolution gegen das Centrum, welche er votiren ließ, dürfte indesfen schwerlich stark genug sein, um bei dem katholischen Theile der Bevölkerung die Eindrücke zu I verwischen, welche die Redner der katholischen Versammlungen hinterlassen haben und die von einer eifrigen Geistlichkeit und durch fernere Versammlungen dort und anderwärts wach und lebendig erhalten werden.
Der praktisch-soziale Kursus zu München- Gladbach ist ein glänzender Erfolg der katholisch-sozialen Bewegung, wie ihn noch keine andere Partei aufzuweisen hat. Derselbe wurde zur Verwirklichung eines von katholisch-sozialpolitischen Führern längst gehegten | Planes im vergangenen Sommer vorbereitet, um geeignete jüngere Kräfte zu eingehendem Studium der sozialen Frage zu sammeln und anzuregen. Weit über 500 Mitglieder aus allen Theilen Deutschlands nahmen an
„Ja, fein ist die Sache eingeleitet! Der Llsbeth habe ich ein Wörtlein ins Ohr gesagt, vor dem der stolze Herr Freier wie Spreu zur Thüre hinausfahren soll, wenn er es überhaupt noch einmal wagt, wieder zu kommen .... Und wie herrlich klappte alles zusammen, ha, ha, ha! Der steife Feldheimer Bauer fiel so hilflos nieder, wie einer von seinen Kornsäcken; — ich brauchte ihm nur ein klein wenig zu helfen, nur so ganz leicht den Fuß hinzuhalten und plumps — da lag er — ha, ha, ha! Man konnte meinen, er wollte gleich dos Genick brechen; aber die Kerle haben ja Knochen, wie ihre Ackerstiere . . . Und erst der brave Peter felber! Fast hätte ich laut auflachen mögen, so verdutzt sah er drein bei meinem Vorschläge, daß er Abbitte leisten solle. Eigentlich hätte ich ihm zwar einen tüchtigen Rucken voll Schläge gewünscht. Aber er hat's gethan, der stolze Junge, ja wahrhaftig, er hat für seine Unschuld Abbitte geleistet, daß ihm morgen die Hunde und Gänse von ganz Kohldorf nachlaufen und ihn ob feiner heiligen Einfalt in die Waden beißen werden!" , ,. u
Franz hatte sich schon an Manches gewöhnt, seitdem er mit dem Sachsen umging, aber vor dem Abgrund der Gemeinheit, der sich ihm hier offenbarte, schauderte ihm doch, und er fragte kopfschüttelnd:
„Und das Alles hast Du mit kaltem Blute fertig gebracht?"
dem Kursus Theil. (Auf das Nähere und die Erfolg des Unternehmens werden wir ein anderes Mal einz u gehen haben.) , . ,. „
Die deutfche Sozialdemokratie. Dieselbe zeigte nach Innen und Außen im ve>flossenen Sommer eine lebhafte Bewegung, welche sich besonders um die Landagitation, den Werth des Eides und die Zulässigkeit des Staats-Sozialismus für die Partei drehte. Bei der Landagitation handelte es sich in der Hauptsache um erste Versuche, welche nach den Berichtm der sozialdemokratischen Presse in den protestantischen Gegenden der Mark Brandenburg, in Pommern, Thüringen rc. mitunter gut gelungen sein sollen. Doch wird man diesen Berichten als parteiischen kaum einen ernstlichen Werth beilegen können, bis man die Fr üchte der sozialdemokratischen Aussaat in der Form einer nennens- werthen Zahl neuer Partei-Vereine auf dem Lande vor sich haben wird. Die Agitation in der Eidfrage suchte die weit verbreitete Ansicht über die Mißachtung des Schwures Seitens der Sozialdemokraten zurückzuweisen. Sie kehrte sich gegen bestim mte Gerichtsbeamte als Vertreter jener Beschuldigung im Gerichtsverfahren. An sich ist diefe Bewegung als ein befriedigendes Anzeichen dafür zu begrüßen, daß die große Masse der Partei dennoch nicht für so ehr- und pflichtvergessen erscheinen will, wie es aus mannigfachen Umständen geschlossen werden könnte und die sogen. Unabhängigen von sich — und ihren „fraktionellen Genossen" trotz allen Widerspruches der Letzteren behaupten. In Gleichem kann auch die öffentliche Erörterung unter den Führern der Sozialdemokratie — einerseits Liebknecht-Bevel und anderseits Bollmar — über den Platz, welchen ein gemäßigter Staats-Sozialismus in der Sozialdemokratie einzunehmen hätte, als Anzeichen einer mäßigenden Strömungin dem von Haus ausradikal-revolutionären, weil ungläubigen sozialdemokratischen Hexen kessel betrachtet werden- Die von Optimisten gehegte Erwartung einer tiefgehenden Spaltung der Führer dieferhalb hat sich indessen, wie vorauszusehen war, bis jetzt nicht verwirklicht. Allerdings ist die Möglichkeit eines Auseinanderfallens der Sozialdemokratie in einen radikal-revolutionären norddeutschen Flügel unter Bebel- Liebknecht und einen staatssozialistisch - o pportmstrschen süddeutschen unter Bollmar trotzdem nicht völlig ausgeschlossen. Ueber alle erwähnten Punkte, Landagitation, Eid und Staats-Sozialismus wird der auf den 14. November nach Berlin angesaqte Parteitag wohl interessante Mittheilungen und Auseinandersetzungen bringen. Nun, gedulden wir uns bis zum Zusammentritte der Herren!______________________
D Sozialpolitische Rundschau.
Die sozialpolitische Bewegung erträgt in ihrem gegenwärtigen Stadium weder hüben bei den Ord- nungsparteren, noch drüben bei den zersetzenden und zerstörenden Elementen den Stillstand. Demgemäß lieferte auch das Sommerquartal, dem wir den rundschauenden Blick zuzuwenden haben, welches sonst in der Diplomatie und im Parlamentarismus die Zeit der Ferien und der Ruhe ist, auf fozialpolitischem Gebiet ein reiches Material. Für Deutschland ist dessen Löwenantheil zu Gunsten der sich erhaltenden Richtung in Ansatz zu bringen. Als Ueberschrift dieses Theiles könnte man füglich Vorschlägen: „Bon der ersten Tagung der Reichskommission für Arbeiterstatistik bis zur Eröffimng der katholisch-sozialen Bolksuniversnät zu M.Gladbach." In den anderen Ländern unseres Erdtheiles dagegen, mit Ausnahme Englands ist eine fortdauernde Erstarkung der fozialistischen Organisation , und Propaganda festzustellen.
Reichskommission für Arbeiterstatistik. — Das im Frühjahr neugeschaffene Institut hat in feiner ersten Tagung vom 23.-25. Juni im Berhält- niß zu feiner Abhängigkeit von den Reichsbehörden und zur Größe feiner Aufgabe einen ziemlich glücklichen Anfang gemacht. Nur der Antrag auf Erweiterung ihrer Befugnisse, fo daß die Kommission auch selbst ihren Zusammentritt beschließen, nicht blos anregen könnte, war ein vergebliches Bemühen. Ihre positive ausgedehnte Arbeit über die unendlich mannigfaltigen Verhältnisse des Arbeiterstandes begann sie mit der gutachtlichen Aeußerung über Erhebungen in Betreff der Arbeitszeit im Bäckerei- und Konditoreigewerbe, im Müller- und im Handelsgewerbe. Unter Verwerfung anderer Erhebungsverfahren entschied sich die Kommission für die Aufstellung bestimmter Fragebogen und Beantwortung derselben Nach Irem System der Stichproben, d. h. nicht an die Gesammiheit der Betriebe (im Handelsgewerbe allein z. B. 155,000 nach der Zählung von 1882), sondern nur an einen bestimmten Prozentsatz, hier an 10% der genannten Gewerbe, wurden die Fragen gerichtet. Nach Ansicht der Kommission sollten die Beantwortungen zum 1. Oktbr. von den Bundesregierungen an das kaiserliche statistische Amt eingefandt und hier tabellarisch verarbeitet werden. Man wird demnach in nicht allzu langer Zeit in der Lage sein, zu ermessen, mit welchem Erfolge das neue Institut einen beachtenswerthen Platz im Verwaltungsorganismus des deutschen Reiches verdienen will. Vorläufig kann darauf hingewiesen werden, daß selbst von der sozialistischen Hyperkritik anerkannt werden mußte, daß die „Fragebogen zweckmäßig aufgestellt sind" und daß „die Kommission sich noch nirgends den Weg für eine gedeihlichere Thätigkeit verlegt hat."
Der Kampf des Volksvereins für das katholische Deutschland gegen den Ansturm der Sozialdemokratie. — Während die Sozialdemokratie mit mehr oder weniger Grund die protestantischen Geg-nden theilS als bereits gewonnen, theils als noch
Im Wetter geschüttelt.
Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.
(7. Fortsetzung)
Aber trotz allen Zuspruchs wollte der Letztere nicht recht warm werden. Es hatte ihm heute Mittag zwar eine gewisse Befriedigung gewährt, als er feinen früheren Freund Peter, gegen den er seit dem Verkehr mit dem Sachsen eine Art Eifersucht und Widerwillen empfand, in Unannehmlichkeiten verwickelt fah. Es hatte ihn auch gereizt, demselben dazu noch selbst einen Stich versetzen zu können, indem er dem Rathe des Sachsen folgend, sich schnell an dessen Erwählte heranmachte und sie ihm gewissermaßen vor der Nase wegführte. Aber er hatte dabei geglaubt, die ganze Geschichte sei bloß durch Zufall und Unachtsamkeit so gekommen und habe keine weitere Bedeutung. Nun zeigten ihm die Reden des Sachsen, daß doch mehr iyz Spiele sei. Deshalb war er bedenklich geworden und wußte nicht, ob er weiter mitthun solle.
Die Zurückhaltung Franzens schien feinen Zechkumpan gar nicht zu inkommodiren; im Gegemheil, um so aufgeräumter wurde dieser. Seine prahlerische Zunge ging in einem fort in hochtrabenden, Peter lästernden Redensarten, und die Hellen Thränen liefen ihm vor Vergnügen über die mageren Wangen, als er jetzt erzählte:
Deutsches Keich.
Berlin, 18. Oktober.
* Die Nagelung und Weihe der dem 2. Bataillon des rheinischen Infanterie-Regiments von Goeben verliehenen Fahne, sowie die Grundsteinlegung der Kaiser - Friedrichs - Gedächtnißkirche haben heute Vormittag in Anwesenheit des Kaisers programmmäßig
jDb ich das fertig gebracht habe?" erwiederte der Sachse, erstaunt über die Naivetät, welch- Franz ver- rieth. „Freilich habe ich's fertig gebracht, wer denn fonst? Ein feiner Kopf bringt Alles fertig! .... Und für wen habe ich's fertig gebracht? Für wen sonst, als meinen Freund Franz? — Für Dich, Franz Nor- mann, nur für Dich! Du führst die Braut heim und kein Anderer, so wahr ich es Dir sage. — —"
Da Franz immer noch verdutzt stllle schwieg fuhr der Sachse fort: „Meinst wohl, ich hätte nicht längst schon entdeckt, was Dir in der Nase steckt? — Was hättest Du denn gemacht, wenn der dämische Peter die Lisbeth heimgeführt hätte?--Siehst Du Freundchen,
halte Dich nur mit mir, dem Sachsenfritz, den die Andern nicht mögen, der aber mehr Grütze im Hirn hat, als sie alle zusammen . . . Doch trinke, Freund, trink, daß Du hellauf wirst. Das Leben und die Jugend tflühen nur einmal; ein Narr, wer sie nicht genießt! . . . ." ...
Und Franz that Bescheid und trank wieder, angetrieben durch die Worte und das Beispiel des Sachsen, mehr aber noch aus Furcht vor dessen Spott, wenn er auf dem einmal im Leichtsinn und in der Leidenschaft betretenen Weg umkehren wollte. Seine Stirn wurde heiß, seine Sinne verwirrten sich, und schließlich stimmte er in den Triumph seines Kumpans ein und glaubte selbst, daß das schönste Mädchen von Kohldorf — wie
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