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19. Jahrgang

Dienstag, den 18. Oktober 1892.

FuIdaerMZeitiiiig

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Die Antisemiten, bezw. die christlich-soziale

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Im Wetter geschüttelt.

Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.

(5. Fortsetzung.)

Marie erwiderte liichts auf die letzte spitzige Frage der Freundin. Sie hatte vor Peter, der unter den Kameraden immer der ernste war, von jeher einen ge­wissen Respekt gehabt, und als er heute die stolze Lis­beth zum Tanze holte, da hatte ste gleich das Gefühl, als ob die Beiden nun einmal zusammen gehörten. DaS Verhalt-n Lisbeth's gleich nach dem unglücklichen Zusammentr. ff en mit dem Feldheimer konnte sie durch­aus nicht billigen.

Aber es war noch ein Anderes, was ihr nahe ging, nämlick das Betragen Normann's selbst, von dem ste etwas ganz Anderes glaubte erwarten zu dürfen. — Ihre und Franzens Eltern hatten früher neben ei­nander gewohnt, und die Nachbarskinder hatten von Jugend auf mehr mit einander als mit anderen ver­kehrt. Wenn nun Marie daraus auch keine besonderen Ansprüche gegen Franz herleiten konnte, so hatte sie eS doch doppelt unangenehm empfunden, daß er heute den Freund so im Stich ließ, und noch mehr, daß er plötz­lich gegen LiSbeth so freundlich that, sie felbst aber mißachtete, fast als kenne er sie nicht.

Auch Lisbeth war mit dem heutigen Tag nickt zu­frieden. In Wahrheit war sie sich durchaus nicht im

Deutsches Keich.

Berlin, 15. Oktober.

* Der sozialdemokratische Parteitag wird nun doch noch in diesem Jahre, und zwar am 14. November in Berlin abgehalten.

* Russisckerfeits wird das Gerücht, daß in den wirthschastlichen Verhandlungen zwischen Deutsch- laud und Rußland eine Störung eingetreten sei, als jeder Begründung entbehrend bezeichnet. Die Verzöge­rung der russischen Antwort sei darauf zurückzuführen, daß der Verweser des Finanzministeriums, Witte, welcher bei Uebernahme Les Ministeriums eine große Anzahl unerledigter Geschäfte vorgefunden hatte, die zur Vorberathung eines deutsch-russischen Vertrages ein­gesetzte Kommission bisher nicht einberief, weil er zu- nächst die Frage eingehend studirt und deshalb alle darauf bezüglichen Akten an sich genommen hatte. In halblanges Pfeifchen schmauchte und dabei die müden Glieder in dem bequemen Sorgenstuhl ausstreckte, oder zur Abwechslung auch einmal mit langsamen Schritten durch das Zimmer spazierte.

Seit dem eigenthümlichen Abschluß des heutigen Festes hatte er fast roch nichts gefprochen, nur hie und da hatte er den Kopf geschüttelt, als wenn ihm eine Sache gar nicht recht behage; und daS war haupt­sächlich der Fall gewesen auf dem Heimweg, wo Franz so außerordentlich freundschaftlich mit der Familie ge­gangen war und sich so angelegentlich mit seiner Tochter unterhalten hatte.

Der Alte hatte gegen den jungen Mann niemals etwas einzuwenden gehabt, im Gegentheil, man wußte nicht, ob er ihm oder Hochfeld mehr geneigt fei. Auch die Thatsache, daß der Letztere seine Tochter auszeichnete, daß man ihn allgemein schon als zukünftigen Schwieger­vater betrachtete, hatte die Gefühle für den andern nicht abschwächen können. Aber heute hatte ihm Franz gar nicht gefallen.

Die Mutter Köhler merkte längst an den energischen Stößen, in welchen die Tabakswolken aus der Pfeife herausplatzten, daß etwas ihre stärkere Ehehälfte be­drückte. Sie wußte auch, daß ihm nicht eher wieder wohl war, bis er ihr seine Sorgen ausgeschüttet hätte. Ihr Bedenken war nur, auch den richtigen Punkt zu treffen, wo sie ihm die Gelegenheit dazu gebe. Fragte

christlichung bis an die Grenzen des Reiches, bis in das ent­legenste Gebirgsthal gedrungen, sieht man eine Gegenbewegnng sich vollziehen, der von Jahr zu Jahr neue Tausende und Abertausende sich anschließen, und welche in ihrem Verlaufe, Dank der unausgesetzten Wirksamkeit einer Anzahl energischer und ihre ganze Thatkraft einsetzender Männer, wohl zu der Hoffnung berechtigt, daß sie das irregeleitete Volk vollends zu den Grundsätzen der katholischen Wahrheit zurückführen wird. Man setzt doch nun wieder eine Ehre darein, sich Christen zu nennen; schon das bekundet einen Fortschritt, den Kenner der Wiener Verhältnisse noch vor 20 Jahren kaum zu fassen ver­mocht hätten.

Beide Redner, Prinz Liechtenstein und Graf Stol­berg gehören nun eben zu den Sozialreformern. Haben sie in Hyberbeln gesprochen, oder sind ihre Schilde­rungen auf unanfechtbarer Wahrheit begründet? Hören wir hierüber den Kanonikus Dr. Gustav Müller aus Wien, der als Seminardirektor und von Seelen­eifer glühender Priester die Berhältnifse Wiens voll­kommen kennt, auf der katholischen Generalversammlung zu Mainz aber, wo er als Redner auftrat, den Dar- legungm Liechtensteins und Stolbergs die vollkommene Bestätigung gegeben hat.

„Es geht heute nicht mehr an", lauteten seine Worte, „von dem katholischen Oesterreich zu sprechen, ohne seiner Kaiserstadt zu gedenken. Hochgeehrte! Sie dürften in den letzten Jahren und besonders in den letzten Wochen mannigfachen Auffassungen der christlich-sozialen Bewegung Wiens in den öffentlichen Blättern begegnet sein. Das, was ich hier über diesen Gegenstand sagen möchte, sind einige wenige Worte, die ich aber aus voller Ueber- zeugung ausspreche. Dasjenige, was sich seit einigen Jahren in Wien unter dem christlichen Namen vereinigt, ist noch nicht von Schlacken gereinigt, und es bedarf noch bedeutender Arbeit, Liefe Bewegung zu einer streng katholi­schen zu machen. Aber es liegt gesundes Leben in dieser Geistesströmung, und diese Behauptung kann durch Thatsachen erwiesen werden. Vor Tausen­den von Männern kann man heute in Wien von der Noth- wendigkeit der konfessionellen Schule sprechen und dabei stürmi­schen Beifall erzielen, vor Taufenden, die von dieser Nothwendig- keit vor wenigen Jahren noch keine Ahnung hatten, vor Tausen­den, die sonü großen Gefahren ausgesetzt sind, durch die himmel­schreienden sozialen Mißstände zu einem höchst radikalen, die gesellschaftliche Ordnung gefährdenden Standpunkt gedrängt zu werden. Bon eifrigen und mit der Sache Gottes und seiner heiligen Kirche es sehr gut meinenden Priestern aus dem Säku­lar- und Ordensklerus und gerade aus dem Munde solcher Ordensmänner, welche den größten Seeleneifer bekunden, hörte ich wiederholt die Thatsache konstatiren, daß seit dem Be­stehen dieser Bewegung die Frequenz des Beichtstuhles Seitens der Männerwelt eine größere geworden ist. Tausende von Männern der verschiedensten Stände, die man in Wien in den letzten Jahren zu Konferenzen, Vorträgen, ausschließlich für Männer, in großen Kirchen zusammen rief, folgten dem Rufe in erbaulicher Weise. Ja, es ist ein gesunder Kern in dieser Bewegung."

Allerdings, sagt der streng objektive Berichterstatter über den Linzer Katholikentag in den ,Hist.-politifchen Blättern', ist diese Wirkung deS christlichen Bewußt­seins an erster Stelle den gesegneten Volksmissionen der letzten Jahre in Wien zuzuschreiben, die hoffentlich sich jedes Jahr wiederholen werden. Allein dies hindert nicht, die erfolgreiche Mitwirkung der christlich-sozialen Partei anzuerkennen.

Mit Recht, fährt der erwähnte Berichterstatter später fort, hat man bekannte Aeußerungen hervor­ragender Sozialreformer über die kirchliche Autorität beanstandet. Allein man darf Männern, wie Liechten-

Zweifel darüber, daß sie zu Peter eine innige Zunei­gung empfinde. Was ihr der Sachse in's Ohr geflüstert und was der Feldheimer Bursche von einer anderen Freierschaft gegen Peter laut ausschrie, hatte sie im Ernst keinen Augenblick lang geglaubt, sobald sie in Peters offenes, treues Gesicht sah. Aber selbst wenn es wahr gewesen wäre, hätte sie einer ganzen Welt trotzen können, wenn es so ihrem Ehrgeiz geschmeichelt hätte. Das hätte sie gethan, wenn z. B, Peter seinen Angreifer gleich niedergeschlagen hätte, wie es seine Kameraden ungestüm verlangten. Da er der stärkere und seine Anhänger bei Weitem in der Minderzahl waren, hätte dazu freilich kein großer Heldenmuth gehört.

Aber als er wegen seines Zauderns der Feigheit beschuldigt wurde, da fühlte sich ihre Eitelkeit beleidigt; sie ließ den Angegriffenen im Stich, und eine Umkehr ließ ihr stolzer, starrer Sinn nicht zu, auch nachdem sie das Unrecht erkannte.

So lastete eine gewisse Mißstimmung auf den beiden Mädchen, und es dauerte lange, bis der Schlaf ihre grübelnden Gedanken zur Ruhe brachte.

Unterdeffen war der alte Köhler mit Mutter Anna noch unten im Wohnzimmer beisammen. Sie saß an dem massiven Tisch und laS in ihrem Erbauungsbuch 1 daS Evangelium des heuttgen Sonntags, während er 1 nach alter Gewohnheit vor dem Schlafengehen sein

Ueber die Antisemiten in Wien, bezw. die christlich­soziale Reformpartei, wie sie sich nennen, waren bis­her in den Tagesblättern so viele sich widersprechende Urtheile zu lesen, daß man in seinem eigenen Urtheile über sie nur schwankend sein konnte. Bald glaubte man sie wegen unchristlichen Judenhasses verur- theilen zu sollen, bald wieder ihren christlich - sozialen Reformbestrebungen und bereits erzielten erfreulichen Erfolgen die verdiente Anerkennung nicht versagen zu dürfen. Nunmehr jedoch, feit dem dritten allgemeinen Katholikentag in Linz, und dem letzten deutschen Katho­likentag in Mainz ist über die bisherigen Bestrebungen und Erfolge der Antisemiten in Wien so viel Licht verbreitet, daß auch Solchen, welche die Wiener Ver- bältnisse nicht aus eigener Anschauung kennen, und Nichtösterreichern überhaupt ein endgiltiges Urtheil über Endziele und Erfolge der Antisemiten Wiens ermög­licht ist.

Der diesjährigen Generalversammlung deutscher Katholiken zu Mainz ging der oben erwähnte dritte allgemeine österreichische Katholikentag um etwa zwei Wochen vorher. Die christlich - soziale Reformpartei Wiens war auf demselben so stark vertreten, daß sie ihm beinahe die Signatur gegeben hat. Nun äußerte Prinz Lie chtenstein, der neben Lueger und Dr. Geßmaun zu den Führern der Partei gehört, sich in seiner mit brausendem Beifall aufgenommenen Rede über die Bestrebungen seiner Partei in folgender Weise:

„In dem verzweifelten, Jahrzehnte langen Kampfe, welchen das christliche Volk in Oesterreich für seine höchsten geistigen und moralischen Güter, sowie für seine materielle Existenz gegen den deutschen Liberalismus ausficht, sind die deutschen katholi­schen Bauern der Alpenländer die Veteranen. Sie haben be- wundernswerthe Zähigkeil und großen Muth in der Defensive bewiesen. Nicht um einen Schritt sind sie zurückgewichen, un­ablässig von der Uebermacht belagert, haben sie die einmal ge­wählte Stellung gegen unzählige Stürme behauptet. Mit dem ersten Morgengrauen haben sie die ganze Last und Hitze des Dages getragen; ihnen gebührt der volle Lohn, Ehre und Lob. Freilich viel später, erst in elfter Stunde, sind die Sozial deformer auf dem Schlachtfelde eingerückt; aber in der kurzen Zeit haben wir eben fo viel und schwere Arbeit geleistet, wie Sie, meine Herren. (Diese Worte des Prinzen waren an die österreichischen Bolks vereinter gerichtet.) Wir haben die Offensive er­griffen aus dem denkbar ungünstigsten Terrain, das von den Batterien des Gegners überhöht und bestrichen war. Aber seine Uebermacht war eine solche, daß sein Hauptquartier, von welchem uns er Oesterreich seine Befehle diktirte, daß die Residenzstadt Wien in unsere Hände fiel; seine Fassungslosigkeit, sein moralischer Zusammenbruch waren derarttge, daß seine Kerntruppen, die Klasse der Höchstgebildeten, der Intelligenz, so unwürdige Führung müde, mit wehender Fahne zu uus überging Von allen Gegnern, die ihm jetzt auf den Leib rücken, faßt der Liberalismus uns am meisten, weil wir ihm am wehesten gethan haben."

In gleicher Weife, wie Prinz Liechtenstein, ließ sich Graf Günther von Stolberg vernehmen. Er sagte:

„In hohem Grade ermuthigend für die christliche Bewegung in den Ländern ist gewiß das Schauspiel, welches man heut zu Tage sich in der Reichshauptstadt Wien vollziehen sieht. Hier, wo das Verderben seinen Ausgang genommen, pon wo beson­ders auf dem Wege der Presse die Korruptiont Wb die Ent­

stein, Lueger, Geßmaun doch znttauen, daß sie die Prinzipien deS ChristenthurnS genügend kennen und zu würdigen wiffen, die keinen Christus ohne die Kirche, kein gläubiges Bekenntniß der Gottheit Christi ohne demüthige Anerkennung der kirchlichen Autorität zu- laffen. Anderseits können wir nicht glauben, daß man, auf katholisch - konservativer Seite, namentlich Seitens der rechtmäßigen kirchlichen Autorität, einer Bewegung sich auf die Dauer gleichgiltig oder ganz feindlich ent­gegenstellen werde, die in falsche Bahnen gelenkt un­berechenbares Unglück über die katholischen Verhältnisse Oesterreichs bringen könnte. Wir können nicht glauben, daß die eifrigen Hirten der Kirche in Oesterreich nicht verstehen sollten, denjenigen auS ihrer Heerde mit Hirtenliebe nachzugehen, welche als Sozialreformer int Uebereifer bedenkliche Irrwege einschlagen sollten.

Prinz Liechtenstein hat neuerdings in einem Schrei­ben vom 27. August an den Pariser ,Figaro' zur Be­richtigung einer Unterredung mit einem Korrespon­denten dieser Zeitung gesagt: „Ich habe nicht gesagt, daß ich Sozialist sei; im Gegentheile, ich habe be­hauptet, daß ich zur Partei der Sozialreformer im christlichen Sinne gehöre. Die Eneyklika unseres heil. Vaters, des Papstes SeoXIII., und die Ansichten unserer Partei stimmen in allen Punkten überein. Man sieht nicht ein, welcher Katholik auf der Grundlage solcher Erklärung Anstand nehmen sollte, mit einer Partei zu verhandeln, die eine int Kern gesunde Bewegung hervorzurufen im Stande gewesen ist? Wir sind überzeugt, daß der Antisemitis­mus, wie er von einigen Mitgliedern dieser Partei getrieben wird, mit dem Christenthum nicht vereinbar ist. Es liegt aber auch nicht wenig positiv Gutes in der antisemitischen Strömung, worauf Wien und Oester­reich nicht verzichten kann, wenn eS in sozialer Be­ziehung die unbedingt nothwendige Reform erstreben will. Dieses Gute wird daun rein und voll hervor- treten, wenn die christlich - soziale Partei sich nicht so­wohl aus erklärten Antisemiten, als vielmehr aus über- zeugungStreuen, „prakttzirenden"Katholiken rekruttrt. -n.