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M 238 Sonntaa. den 16. Oktober 1892. IS. Iaiirgan,

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GH. Die rothen Tausendsassa.

Der sozialdemokratische.Vorwärts' schrieb kürzlich: .„Den Zukunftsstaat erkämpfen, das ist's, worauf es ankommt. Haben wir ihn, dann wird seine Ein­richtung uns keine Schwierigkeiten verursachen". Das erinnert uns an die Zauber- und Schwarzkünstler, die gewöhnlich bis drei zählen, und das Kunststück ist ge­macht. Das darf uns aber nicht wundern. Die,Berl. Ztg.' schrieb kürzlich ganz zutreffend: „Jeder eben flügge gewordene Sozialdemokrat schüttet, orthographisch oder unorthographisch, eine ganze „Welt von Wissen­schaft" über seine Gegner und Freunde aus."

Der Wlssens durst wird stets unsere Anerkennung flir sich haben, und der wissensdurstige Mann aus dem Volke ist kein Privileg der sozialistischen Partei. Wie viel Hunderte von Arbeitern haben noch in späteren Jahren mit Ernst und Eifer das Studium begonnen, und wie viele von ihnen wirkten später als tüchtige katholische Priester! Wir wollen nur zwei berühmte Namen nennen: den Gründer der katholischen Gesellen­vereine, Vater Kolping, der bis zu seinem 23. Jahre das Schusterhandwerk betrieb, und Pfarrer Kneipp, der bis zum 21. Jahre noch Weüergeselle war.

Etwas anderes ist es mit dem fozialdemokratischen Wissensdünkel und der sozialdemokratischen Halb­wisserei; die Leute sind nur auf Phrasen abgerichtet und haben den Muth oder besser gesagt, die kühne Stirne, Alles mit dem Bewußtsein der Ueberlegenheit zu behandeln. Interessante Erfahrungen kann man in dieser Beziehung machen, wenn man die sozialdemo­kratischen Agitatoren über dieses oder jenes reden hört. Sprachliche Fehler, wenn z. B. die von denselben mit Vorliebe, des Nimbus wegen, gebrauchten Fremd­wörter ganz verkehrt angewendet oder falsch ausge­sprochen werden, sind verzeihlich; wenn aber eben die­selben Leute mit darwinistlschen Brocken um sich werfen, und über Theologie sprechen wollen, so macht das einen furchtbar lächerlichen Eindruck.

Mit dem Namen „Sozialdemokrat" scheint schon das Privileg der Schlagfertigkeit und Allwissenheit ver­bunden zu sein. Sie sprechen über Alles. In München hat jüngst ein sozialistischer Bierwirth über Wohnungs­verhältnisseim oströmischen Reiche gesprochen, in Berlin wird gleichfalls über alles Mögliche und Unmögliche gesprochen, über die Jesuitenrepublik Paraguay — wahrscheinlich mit der .Gartenlaube' oder sonst einem „Quellen"-werke als Grundlage — über Astronomie, Zoologie, Darwinismus u. s. w., kurz und gut: es soll uns nicht wundern, wenn demnächst ein sozialistischer Schuster lateinische Gedichte macht, ohne Latein ge­lernt zu haben, oder den Aristoteles übersetzt, ohne Griechisch zu verstehen. Entgegenftehende Meinungen werden mit mehr oder minder großer Eleganz, so mit dem Ellbogen hinweggewischt. Die sozialistische Presse, selbstverständlich, hat immer recht; man lese den Berliner .Vorwärts' oder ein anderes Organ . . . . Alles versteht sich vom Rand, alle Welt, soweit sie nicht sozialistisch denkt, ist korrumpirt und tugendlos, das deutsche Volk ist bankerott — aber morgen immer

Im Wetter geschüttelt.

Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.

(4. Fortfetzung)

Aber was er auch geltend machte, der Sachse zog nur die spitzen Schultern in die Höhe und sagte, in­dem er ihm keck mit seinen schiefgeschlitzten Augen in's Gesicht sah:

„Das wird sich schlecht feststellen lassen, lieber Peter, der Gefallene hat eS behauptet und ihm ist doch am meisten Unrecht geschehen. — Vielleicht hast Du es unbewußt, ganz ohne Deinen Willen gethan." fügte er noch mit höhnischem Augenzwinkern hinzu und drehte den Streitenden den Rücken zu, als habe er seine Schul­digkeit gethan und wenn etwas passire, so trage nicht er, sondern Andere die Verantwortung.

Peter wurde blaß und roth vor Zorn über die Frechheit des Sachsen und seine Freunde, denen der Spruch desselben ebenso wenig gtfiel, drängten, ein Ende zu machen und den Feldheimern — und Manche meinten auch dem lästermäuligen Schiedsrichter selbst — einen gehörigen Denkzettel zu geben.

s.Aber Peter wollte Thätlichkeiten um jeden Preis vermeiden, und da mit Vernunftgründen hier nicht viel auszurichten war, so entschloß er sich denn wohl oder übel zu der bedingten Abbitte: wenn er vielleicht doch

lustig, denn die Sozialisten verstehen nichts so gut, wie Feste zu arrangiren. Tanzfeste, Kinderfeste, Sänger­feste, Erinnerungsfeste rc., selbst nach den „gelehrtesten" Vorträgen wird noch getanzt, dazu die übliche Annonce im .Vorwärts' mit Ende??? Leute, die nicht Sozia­listen sind, sind Dickschädel, Mauerbrecher, verdummtes Proletariat (eine besonders für das Landvolk beliebte Bezeichnung), leiden an Hirnhautverdickung oder stinken­der Dummheit, die mchtsozialistischen Wähler sind Gypsköpfe (.Vorwärts' Nr. 212) . . . Alles wird ohne Gnade niedergeschrieen, ausgenommen die Juden. Für die Juden haben die Sozialisten eine auffällige Vorliebe. Sie Haschen nach jeder Gelegenheit, um sich als echte Judenfreunde zu zeigen .... Die Sozialisten, die ja Alles wissen, werden auch wissen, warum sie die Juden loben.

Jammerschade ist, daß sie nur das Eine nicht wissen, wie ihr Zukunftsstaat aussehen wird, und daß ein nüchterner Beobachter den Worten des.Vorwärts', daß, „wenn man ihn einmal hat, seine Einrichtung keine Schwierigkeiten mehr mache", nicht so ohne Weiteres, nur deshalb, weil es der ,Vorwärts' gesagt hat, Glauben schenkt. Die französischen Sozialisten scheinen auch der Ansicht zu sein, daß man den Schleier des Zukunftsstaates etwas lüften müsse. Der possi- bilistische Kongreß, welcher vor einigen Wochen in Paris tagte, hatte als Hauptpunkt zur Diskussion ge­stellt: „Einrichtung der Gesellschaft nach dem Siege der Revolution." Der Pariser Berichterstatter des ,Vorwärts' meint, daß je näher die Sozialdemokratie an der Erlangung der Macht sei, um so mehr man sich mit der Frage befassen müsse: „Wie soll der Zu­kunftsstaat aussehen?" Die Diskussion habe in Paris zu keinen praktischen Ergebnissen geführt. Das glauben wir gerne. „Naive Schilderungen" kamen, wie er sagt, zum Vorschein. Gewiß! An diesem Punkte angelangt, zeigt sich die Unhaltbarkeit des Sozialismus. Die deutschen Sozialisten verweigern daher kluger Weise die Antwort auf diese Frage. Sie fürchten, ihren Wählern möchten die Augen aufqehen ob solcher „Bellamitäten". — Dennoch wäre es Zeit, von dem gleichen Gesichts­punkte aus, den der Pariser Berichterstatter des Ber­liner .Vorwärts' angibt. Näheres über den Zukunsts­staat zu erfahren. „Je näher die sozialistische Herr­schaft, desto nöthiger ist die Beantwortung der Frage," sagt dieser. Bebel und Engels haben das Jahr 1896 als diesen Zeitpunkt prophezeit. Also nur noch etwas über 3 Jahre Zeit bis zur sozialdemokratischen Herr­schaft ! Demnach ist eS hohe Zeit die Zunge zu lösen.

Eigenthümlich — über Alles wissen die Sozial­demokraten zu reden, nur nicht über die Hauptsache!

Deutsches Keich.

Berlin. 14. Oktober.

* Das preußische Staatsministerium beschloß in seiner gestrigen Sitzung, den Landtag auf den 8. November zu berufen.

* Der Gesammtvorstand des Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch - protestantischen Interessen durch Zufall den Sturz des Burfchen verursacht haben sollte — sein Herz wußte nichts davon.

Damit war die Angelegenheit denn einstweilen er­ledigt. Die Bauernburschen nahmen die Demüthigung höhnisch kichernd entgegen und als sie schon weit auf dem Heimwege waren, hörte man noch ihr Triumph­geschrei über den Sieg, welchen sie heute über die ganzen feigen Kvhldorfer davon getragen hätten. Bei den Letz­teren aber machte sich ein unverhohlener Unmuth gegen Peter geltend.

2. Pläne und Irrungen.

In dem Hause Köhler's verlief der Abend nach dem Bergfeste noch stiller, als man es sonst bei der ruhigen Familie gewohnt war.

Das Abendbrod wurde ohne viele Redensarten ein­genommen und es fiel dabei nur auf, daß Lisbeth, die sonst noch immer am ersten zu einem Scherzworte auf­gelegt war, heute sich als die einsilbigste von Allen zeigte. Finster blickte sie vor sich hin und hielt die rothen Lippen, welchen sonst ein bischen Trotz gar nicht übel stand, fest auf einander gepreßt. Nur dann und wann flogen die Augen einmal nach dem ernften Gesicht des Vaters hinüber, als fei von dort eine Strafpredigt zu erwarten.

Den inneren Zusammenhang der Dinge vom Pappel­hof sah LiSbelh zwar nicht, aber sie hatte das Gefühl,

erläßt einen Aufruf zur Sammlung aller deutsche« Protestanten, damit der angeblich über dem Vater­lande lastende Bann der Bedrängniß durch zwei Minderheitsparteien, der „ultramontanen" und der sozialdemokratischen, gebrochen werde. Es handelt sich dem betr. Schriftstück zufolge augenscheinlich um Samm­lung aller denjenigen Elemente, denen Katholikenhaß über Alles geht. In einer Zeit, wo alle wirk­lichen Christen sich immer mehr zusammenfinden, geben dieser Hetzer der Sozialdemokratie dadurch Nahrung, daß sie die größte und stärkte Konfession fanatisch verleumden und in der That den Haß zu ihrem Hauptmotiv machen, obgleich sie behaupten — Christen zu sein!

* Der Vorstand der landeskirchlichen Vereinigung der Freunde der positiven Union erläßt eine Erklärung, in welcher er sein tiefes Bedauern über die vom Professor Harnack herbeigeführten Erörterungen und das dadurch gegebene schwere Aergerniß ausspricht. Der Vorstand erachtet di« Stellung dieses Gelehrtm zum Apostolikum für biblisch nicht begründet und sür kirchlich so gefährlich, daß um des Gewissens und des Bekenntnisses willen eine Abwehr dringend geboten sei.

* Von einer Begegnung des Herzogs von Cum­berland mit dem Kaiser während des Besuches in Wien war, so schreibt die .Nordd. Allgem. Ztg.', in wirklich unterrichteten Kreisen nie etwas bekannt. Gleichzeitig erfährt die ,Post', welche die Nachricht von Bemühun­gen der Königin von England um einen Ausgleich und den diesem entgegenwirkenden Bemühungen der Königin Wittwe von Hannover gebracht hatte, „auf das Allerbestimmteste, daß alle solche Projekte, wenn fie irgendwo bestehen, in die Luft gebaut sind, da auf Seiten des Königs von Preußen und seiner Regierung, die doch wohl das entscheidende Wort zu sprechen haben, nicht der allergeringste Wille vorhanden ist, solchen Projekten näher zu treten."

• Im Reichsjustizamt scheint man jetzt, wie aus der neulichen Notiz des ,Reichsanzeig.' zu ersehen war, der Frage der Wiederherstellung der durch die große Justizgesetzgebung aufgehobenen Berufung gegen die Urtheile der Strafkammer der Landgerichte ernstlich näher getreten zu jein, und man wird demnächst einer bezüglichen Vorlage entgegensehen dürfen. Nach der neuen Strafprozeßordnung ist die Berufung nur zu­lässig gegen die Urtheile der Amts- und Schöffen­gerichte; die Urtheile der Strafkammern und Schwur­gerichte sind nicht mit der Berufung, sondern allein mit der Revision anfechtbar, welche nur darauf gestützt werden kann, daß das Urtheil auf einer Ver­letzung des Gesetzes beruht. Die thatsächlichen Feststellungen derStraskammerurtheile sind unabänder­lich, und diese Unabänderlichkeit besteht weder für die Urtheile der Amts- und Schöffengerichte, noch auch, wenigstens in diesem Umfang, für die Urtheile der Schwurgerichte. Dieselbe wird damit zu begründen versucht, daß in Folge der das Strafverfahren be­herrschenden Grundsätze unmittelbarer Beweisausnahme und freier Beweiswürdigung Fehler in der Entscheidung

als ob ihre Persönlichkeit dabei eine Rolle spielte; ii.w wenn ihr auch ein offener Verstoß gegen die Schicklichkeit nicht vorgeworfen werden konnte, so fühlte sie sich doch nicht recht sicher. Schon während des Tanzes war ihr das verstörte Wesen Franzens aufge- sallen, als er mit dem Sachsenfritz bei den Bauern­burschen saß. Dann war der Streit gekommen, und während die Bergleute sich auf die Seite Peters stellten, war außer dem Sachsen Franz der Einzige, welcher dies nicht that. Er hatte ihr den Arm ge­boten und war mit ihr in der vergnügtesten Weise nach Hause gegangen, als wenn ihn die Gefahr gar nichts angehe, in welcher sein Kamerad und sein nächster Freund stand. Sie selbst aber hatte die Begleitung Franzens ohne jedes Bedenken angenommen.

Eine Erörterung all' dieser Dinge wollte Lisbeth auf jeden Fall vermeiden. Deshalb schützte sie bald nach dem Essen Müdigkeit vor und zog sich mit Marie, die auch nicht besonders heiter gestimmt schien, nach ihrem Stübchen zurück, welches in dem einfachen Häuschen fieundlich unter dem Dach nach der Giebel­seite zu lag, und wo die heutigen Vorfälle noch Gegenstand eines Gespräches zwischen den beiden Mädchen wurden.

Hastig warf Lisbeth die Thüre hinter sich zu, als 1 sie oben anlangten. Der Zwang, welchen sie sich unten