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* Jeder die Stellung der Karteien zur Wilitär-Dorlage
schreibt die .Germania': Einer unserer Führer, Herr Abgeordneter Dr. Lieber, der seit fast einem halben Jahre bald von diesem und bald von jenem deutschen Gaue als Redner gewünscht wird und geradezu unermüdlich, immer mit demselben großen Erfolge, die jetzige Lage und ihre brennenden Fragen vor gewaltigen Versammlungen in packender Weise erörtert, Dr. Lieder hat, wie schon bisher einige Male, so auch jetzt wieder in Neustadt in Schlesien zur Militärvorlage sich geäußert. Der verehrte Redner wies einige der auch hier wieder gegen das Centrum erhobenen Nörgeleien zurück, konstatirte, daß viele Herren ihrerseits noch sehr an sich hielten mit einem Urtheile über die Militärvorlage, vom Centrum aber ein Ur- theil verlangten, und betonte den selbstverständlichen, in diesem Falle aber wieder so oft vergessenen Grundsatz, daß „das Centcum ebenso wie bei anderen Vorlagen, erst die Vorlage abwartet, ehe es Stellung dazu nimmt, und daß es weder denen, die eine Vorlage einbringen, und dafür schwärmen, den Gefallen thut (ohne die Vorlage zu kennen), zu erklären, ich kenne zwar die Absichten der verbündeten Regierungen nicht, aber ich werde dafür stimmen, noch denjenigen, die auf der entgegengesetzten Seite stehen, den Gefallen thut, zu erklären, ich kenne zwar die Absichten der verbündeten Regierungen nicht, aber ich mißbillige sie und werde sie mißbilligen. Der Reder wollte aber doch aus seinem Herzen „keine Mördergrube" machen, und sagte daher das, was auch ohne Kenntniß der Vorlage bestimmt gesagt werden kann, in solgenden Worten: ,
Wir wollen weder eine Erhöhung der ohnehin schon schwer drückenden Steuerlasten des Volkes noch wollen wir eine solche Verwahrlosung der Wehrkraft unseres Vaterlandes, daß nur Gefahr .laufen wurden, mit unserer Verantwortung den Feind ins ~anb kommen zu fefien. Unb weil wir das Eine so wenig wie bas Andere wollen, werden wir bei jeder Militärvorlage bemüht sein müssen, die beiden Dinge nach Möglichkeit mit einander ru vereinigen und zu versöhnen. (Bravo!). Das ist eine verständige, eine durchaus korrekte Haltung, so hat sie das Centrum seither eingenommen, und so wird es ste auch m Zukunft einnehmen. Wir werden Derzeit die Sicherheit des Vaterlandes, die Niemand von uns Katholiken gefährdet wissen will, abwägen, mit der Schwierigkeit die Steuerlast des Volkes noch mehr als schon geschehen ist zu erhöhen. Ich meinerseits bin nun schon reichlich im deutschen Vaterlande herumgekommen, und ich bin noch tn keiner katholischen Versammlung gewesen, wo auch nur eine einzige stimme laut geworden wäre des Inhalts: ja laßt in Gottes Namen das Vaterland wehrlos, bewahrt uns nur vor jeder Mehrbelastung. Ueberall hat es geheißen, den Femd ms Land wollen wir nicht haben. Ich denke hier m Schlesien ist man derselben Gesinnung.
Diefe beiden Hauptgesichtspunkte bet der Beurteilung der Militärvorlage führen allerdings der der jetzigen Lage der Dinge zu der schwierigsten, geradezu qewiffenbefcüwerenden Erwägung vor der Entfchetdung über die Militärvorlage. Auch Die .Germania hat die beiden Gesichtspunkte bei ihren btshertgen Erörterungen stets im Auge behalten, und da die Vorlage noch immer nicht offiziell bekannt ist, nur be-
Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.
(2. Fortsetzung.)
Der Sachsenfritz schien unter den Bauernburschen den einen oder andern Bekannten zu haben, was bei dem Vielgewandten nicht eben verwunderte und er war bald in' ein eifriges Gespräch mit ihnen verwickelt, während Franz die Gesellschaft weniger zu behagen und er nur wegen seines „Freundes" da zu bleiben schien. Er saß ziemlich einsilbig an einer Ecke des Tisches und sah mürrisch auf das frohe Treiben, welches sich drüben auf dem Tanzboden entwickelte.
So mochten wohl drei oder vier Tänze vorüber sein, als ihm plötzlich der Sachsenfritz zunef :
„Nun, Franz, wo fehlt's? Machst ja em Gesicht, als ob Dir die Hühner das Brod gefressen hatten oder grämst Du Dich so, daß Du dm Antanz versäumt hast? Aber der letzte ist ja noch nicht gespielt!
Franz lächelte bitter vor sich hin, ohne etwas zu erwidern; als aber die Musik wieder anhob, stand er auf, trat zu Lisbeth hin, die ihm gern eine Runde gewährte und führte sie zum Tanzboden-
Der Sachsenfritz sah Franz lachend nach, m,d em Zug hoher Schadenfreude glitt über sem Gesicht, als
dingungsweise, wenn das und das so und so ist, sich geäußert. Auch in dieser Form läßt sich ja Manches ganz bestimmt sagen. Daß eine so schwer umstrittene Vorlage von vornherein verloren ist, wenn ihr die Zustimmung des Kaisers uud der preußischen Bundesrathsstimmen nicht unbedingt und zwar auf dem ganzen Wege sicher ist, liegt auf der Hand. Und daßdieVerwirklichung der Scharn- horst'schen Idee (Heranziehung aller irgendwie Wehrfähigen, und zwar sogar ohne das Scharnhorst'sche Krümpersystem) für Deutfchland unmöglich ist, hat vor zwei Jahren in einer der Windthorst'ichen Resolutro n en 'der Reichstag mit immenser Mehrheit — nur die Rechtskonservativen schlossen sich ganz aus — bestimmt erklärt. Der jetzige Rüchstag also hat in dieser Beziehung sich bereits gebunden und müßte diesen seinen ernsten Entschluß jetzt „schlucken", wie die populär-parlamentarische Ausdrucksweise heißt, wenn er auf die Pläne, soweit sie bisher bekannt sind, einginge. Vielleicht aber decken sie sich ja mit den bisherigen Mittheilungen nicht, handelt es sich um viel Weniger, sowohl bezüglich der Zahl der Einzustellenden wie der Kosten. Was nach den bisherigen »Mittheilungen verlangt werden würde, wollen selbst die Nationalliberalen nicht. Wir führten schon die ,National-Zeitung' an, jetzt wird auch dem ,H a n n. Cour.' aus nationalliberalen Abgeordnetenkreisen geschrieben: t t
Vor zwei Jahren hat ber Reichstag mit erbruckender Mehrheit bie Regierung ersucht, von einem berartigen Plane (bem Verby-Scharnhorst'schen) abzusehen, ba er Deutschland geradezu unerschwingliche Kosten verursachen würde. Wenn bie Regierung jetzt demselben Reichstag bennoch einen solchen Plan vorlegen will, so würbe sie zunächst die zwingende N othw endigkett nachweisen müssen. Ms jetzt sucht man einen derartigen Nachweis in der offiziösen Presse vergebens. Man kann freilich sagen: Deutschland kann bei seiner centralen Lage niemals genug gerüstet sein. Aber dem gegenüber erinnere man sich, wie Fürst Bismarck in der unvergeßlichen Rede vom 6. Februar 1888 die Befürchtung, daß eine französtsch-rus- fische Koalition uns an Truppenzahl doch immer übertreffen würde mit dem Hinweise auf die durch nichts auszuglerchende moralische Ueberlegenheit unseres Heeres zurückwies. Auch der gegenwärtige Reichskanzler hat noch im vorigen Jahre über die rage des nombres gespöttelt. Da nurd man denn freilich um so mehr auf Gründe gespannt sein müssen, welche eine so enorme Heeresverstärkung, wie sie die Offiziösen in Aussicht stellen, als unumgänglich darthun sollen. Daß die Verstärkung vom militärischen Standpunkte aus dringend wünschens- werth sein mag, soll nicht bestritten werden, aber daS Wün- schenswerthe findet seine Grenze an den unerläßlichen Rücksichten auf die Wirthschaftliche Leistungsfähigkeit des Volkes. Daß diese Rücksichten nicht in genügendem Maße gewahrt worden sind, ergibt sich nicht allein aus der in den letzten Tagen viel erörte- ten Beiseiteschiebung des preußischen Staatsministeriums, sondern mehr noch aus der Thatsache, daß der Entwurf an den Bundesrath gelangen konnte, bevor die Reichsregierung über die Deckungsmittel mit sich im Klaren ist. Unter diesen Umständen werden es die parlamentarischen Körperschaften diesmal mit der finanziellen Prüfung der Frage ganz besonders ernst nehmen müssen. Zunächst fällt diefe Aufgabe dem Bun- desrathe zu. Insbesondere werden die Finanzminister der Einzelstaaten, voran der preußische, verlangen müssen, daß über die Heeresverstärkung nicht eher Beschluß gefaßt wird, als bis für volle Deckung der Kosten im Wege der eigenen Einnahmen des Reiches gesorgt ist. Ohne dies würden sie Gefahr laufen, daß die Kosten schließlich zu einem erheblichen Theile durch Matrikular-Beiträge bestritten werden müßten, was wenigstens bei der Finanzlage in Preußen (und auch anderer
sein Blick dann nach Peter Hochfeld suchte, dem das Verhalten Franzens heute gar nicht zu gefallen schien.
Von Anfang an hatte Fritz Glasing einen inneren Widerwillen gegen Peter empfunden, der ihn in seiner Gesellschaft nicht Haden mochte. Seitdem derselbe ihm aber bei seinen hochtrabenden Reden widersprochen und das Unwahre seiner Prahlereien nachgewiesen, hegte er gegen den offenen jungen Mann einen tödtlichen Haß. — Gab es heute vielleicht Gelegenheit denselben zu kühlen?
Wie zufällig lenkte der Sachse bei den Feldhermern das Gespräch auf Franz, seine Tänzerin Lisbeth und Peter, welch' letzteren die Burschen Alle kannten, und er hörte mit innerster Befriedigung, wie ste auf ihn nicht zum Besten gesinnt waren. Früher als sie noch zur Schule gingen, sollte Peter schon der Anführer der Kohldorfer in den damals gelieferten Schlachten gewesen sein, und mit lachendem Munde erinnerte jetzt Einer den anwesenden Hauptstreithahn daran, wie er einmal von Peter gemeistert worden sei.
Der Geneckte erwiderte nichts, sein Gesicht verzoc sich jedoch vor innerem Groll, als er in die erstaunten Mienm des Sachsen sah, der eine solche Niederlage für einen so starken jungen Mann ganz unglaublich ^finden wollte.
Staaten) einfach unmöglich erscheint. Man muß hoffen, baß es im Bunbesrathe gelingt, der Militär-Borlage einen Umfang zu geben, welcher bie Aussichten für eine Verständigung im Reichs- tage günstiger gestalten würde, als ste einstweilen erscheinen wollen. . „ , . , ... „n.f.
Daß die Deckungsrmttel zugleich mtt der Militär - Vorlage berathen und beschlossen werden müssen, ist bei der Lage der Finanzen des Reiches und der Einzelstaaten gerade so selbstverständlich, als aus anderen Gründen selbstverständlich ist, daß m Preußen kein Schritt auf dem Wege der Steuer - Reform mehr gethan werden kann, ehe die Wahl-Reform ür die bisherigen Verschiebungen des Wahlrechtes definitiv und für die zukünftigen wenigstens m den Grundzügen, und zwar auch hier gesetzlich sest- gelegt ist. Wir freuen uns über die oben ausgesprochene Entschiedenheit der Nationalliberalen, welche auch von dem bekannten nationalltberalen Parlamentarier der .Hamburger Nachrichten' ausgesprochen wird. Man wird sehen müssen, wie lange sie vorhält, zumal sie wenigstens ganz sicher nicht vorhallen würde, wenn Fürst Bismarck noch Kanzler wäre. Vor diesem hat auch der eben genannte Parlamentarier noch einen riesigen Respekt; er schließt sogar „auf eine Geneigtheit der Centrumspartei für die Militär-Vorlage in ben Hamburger Nachrichten' aus dem Umstande, daß die Centrumspartei von dem Sturze des Grafen Caprivi die Rückkehr, wenn nicht der Person, so wenigstens des Einflusses des Fürsten Bismarck befürchte. Darauf antwortet schon die ,Freis. Ztg':
Es ist richtig, baß im Sommer 1890 für bie Zustimmung des Abqeorbneten Winbthorst zu der bamaligen Mil,tär-Vor age eine solche Furcht (mit) in Betracht kam. Wenigstens markirte Abaeorbneter Winbthorst eine solche Befürchtung. (Das ist rich- tia ) Seit dem Sommer 1890 aber hat sich schon Meles ereignet. Die Centrumspartei müßte überhaupt furchtsamer angelegt sein als sie es in der That ist, wenn für sie die Furcht vor dem Fürsten Bismarck „in Wahrheit die stärkste Triebfeder m ber gegenwärtigen regierungsfreundlichen Haltung bilden sollte.
Sehr wahr! Fürst Bismarck ist für die Politik vollständig fertig. Wer redet z. B. auch nur noch ein Wort von dem schon total veralteten Partei- Programm auf dem Markte zu Jena? Bei keiner der letzten Ersatzwahlen hat dieses Programm, zu dessen , Propheten sich nur noch Professor Häckel macht^ irgend eine Rolle gespielt. Was könnte übrigens auch Fürst Bismarck mit dem Reichstage machen ohne daS Cent rum? Ec war doch klug genug gewesen, es schon vor 1890 zu den „staatserhaltenden" Parteien zu rechnen. Im Uebrigen sind für das Centrum so schwerwiegende Fragen, wie die jetzige Militär-Vorlage Gewissensfragen, die Opportunitäts- Rücklichten kommen erst viel später.
Deutsches Keich.
Berlin, 12. Oktober.
* Die .Vossische Zeitung' erfährt zuverlässig, daß der Landtag auf den 15. November, der Reichstag auf den 22. November einberufen werde; ferner, daß die Kosten der Militärv orlage an dauernden Ausgaben 66* As, an einmaligen Ausgaben 80 bis 90 Millionen Mark betragen werden.
@in Anderer wollte sogar wissen, Peter habe trotz jener alten Feindschaft vor Kurzem versucht, in ihrem Dorse auf die „Freye" zu gehen — heute noch em todeswürdiges Verbrechen in manchen ländlichen Gegenden unseres deutschen Vaterlandes!;
„Und das habt Ihr Euch gefallen lassen? rief der Sachsensritz zu den Burschen hinüber, als könne er es gar nicht begreifen; und dabei sah er ihnen in die vom Wein gerötheten Gesichter, um zu ermessen, wie weit das Feld für seinen Racheweizen schon zubereitet sei. „ . „, . .3
Unter solchen und ähnlichen Gesprächen wurde bie Gesellschaft immer lebhafter; der Sachse mahnte sort- währenb noch mehr zum Trinken unb gab seine tollsten Geschichten zum Besten, daß schließlich vor Lachen fast Keiner mehr zu sich kam.
So verrann die Zeit, und ehe man s gedacht, läutete schon die Abendglocke, was auf dem Lande ziemlich früh geschieht; denn wer Abends zeitig zur Ruhe geht, kann auch Morgens bald wieder bte Arbeit beginnen. Nach althergebrachter frommer Sitte entblößten die Leute das Haupt und beteten den Angelus. Und kaum war dies geschehen, als auch schon der Eine und der Andere sich zum Aufbruch anschickte.
Auch [bet alte Köhler "mit feiner Familie wollte