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Mittwoch, den 12. Oktober 1892.
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„Der erste Gag nach der Devolution."
Liebknecht läßt sich in Frankreich als den „großen Führer" der deutschen Sozialdemokraten feiern, in Deutschland bezeichnet er sich selbst als den wahren Patrioten, der nur das Wohl Deutschlands im Auge hat und stellt dieses dar als hungernd nach der sozialdemokratischen Gerechtigkeit. Während aber er und mit ihm die anderen deutschen „Führer" auf die Frage: „Wie wollt ihr euereRevolution machen?" ausweichende Antworten geben, Alles der Zeit und der steigenden Erkenntniß des Gesammt - Volkes überlassen und den „gesetzlichen Weg" weiterschreiten wollen, spricht der anerkannt bedeutendste Sozialdemokrat Frankreichs, Dr. med. Lafargue, sich über das Revolutionsmachen im ,Peuple' mit verblüffender Offenheit aus. Lafargue gehört zum Generalstade der Partei. Er hat zu den Intimen von Karl Marx gehört, ist wie der Engländer Aveling durch einen „freien Liebesbund" beffen Schwiegersohn geworden, „Führer" und Abgeordneter. Lafargue also verräth, wie es gemacht werden foll und seine Darlegung beweist dem Blödesten klar, daß, wenn die Sozialdemokratie auf nur einen Tag Meister wird, dieser Tag schlimmer und granenhafter sein wird, als die ganze Schreckensherrschaft vor 100 Jahren und die Kommune. Der Schwiegersohn des Ober-Genossen Karl Marx schreibt:
„Die Bourgeois sollen nur nicht triumphiren über die Fehler der Kommune. Wenn die Sozialisten die Macht erlangen, werden sie sofort fo radikale Maßregeln treffen, daß selbst der Sieg der Reaktion die Dinge nicht auf den früheren Zustand zurückbringen könnte. Am Morgen nach der Revolution haben die Sozialisten die drei folgenden großen Pflichten: 1) die Revolution zu organisiren, für ihre Verthei- digung zu sorgen; 2) auf der Stelle für die Bedürfnisse der Massen zu sorgen; 3) die kapitalistische Ordnung vollständig zu vernichten und die sozialistische Ordnung fest zu gründen. Die sozialistische Partei wird zu thun haben mit drei Klassen verschiedener Interessen, mit den gewerblichen Arbeitern, den Bauern und den Kapitalisten nebst deren Anhang, dem Kleinbürgerthum. Die Arbeiterklasse wird in allen Industriestädten Meister sein und eben so viele Revolutions-Mittelpunkte bilden, die gemeinsam die Revolutions-Schlachten schlagen und den sich erhebenden Widerstand besiegen werden. Die Sozialisten haben in diesen Städten sich der Lokalmacht zu bemeistern, die Arbeiter zu organisiren und zu bewaffnen, denn Blanqui sagt: „Wer Waffen hat, hat Brod." Sie werden die Gefängnisse öffnen, um alle kleinen Diebe loszulassen. Einsperren werden sie alle großen Diebe, die BanquicrS, Finanzleuie, Großindustriellen, Großgrundbesitzer (also alle Besitzenden!!) Man wird ihnen nichts thun, aber sie als Geiseln nehmen für das Wohlverhalten ihrer Klaffe. (Was das heißen will, besagen die Ermordung der Geiseln der Kommune und die Massen-Hinrichtungen der „großen Revolution".)
Die Revolutions - Regierung wird einfach von der Macht Besitz nehmen, und erst wenn ihre Macht ge- sichert ist, werden die Sozialisten ihre Handlungen sich durch das sogenannte allgemeine Stimmrecht bestätigen lassen. Die Bourgois haben die Nichtbesitzenden so lange von der Wahlurne fortgedrängt, daß sie nicht wundern dürfen, wenn mau alle Exkapitalisten, bis die Macht der Revolution gesichert ist, politisch rechtlos macht.
Die nächste Revolution, die eine wirthschaft- liche, nicht ein Wechsel der Personen sein soll, wird plötzlich in Paris und in allen Mittelpunkten des Gewerbebetriebs los brech en. Die revolutionären Lokalbehörden haben sich durch Dele- girte an dem Machtmittelpunkte zu betheiligen, von dem alle Maßnahmen zur Förderung der Revolution und zur Hinderung der Bildung der Reaktionspartei ausgehen. Damit aber der Mittelpunkt, wie die Lokalbehörden die Masse der Arbeiter hinter sich haben, muß die Revolution — selbst wenn sie besiegt wird, — ein Werk hinter sich lassen, das keine Reaktion mehr zerstören kann, sie muß sofort alle Bedürfnisse der Arbeiter und Bauern befi ledigen, die bestehende Bourgeoisie-Ordnung von Grund aus ausrotten und das kapitalistische Eigenthum formen."
Dieses Gemälde der sozialdemokratischen Revolution entwirft der Führer der französischen Sozialisten, Dr. Paul Lafargue im französischen Partei-Organ ,Le Peuple'. Was sagen die demschen Sozialdemokraten dazu?
Deutsches Seich.
Berlin, 10. Oktober.
* Ueber den Zusammentritt des Reichs- und Landtages lausen noch immer sich widersprechende Nachrichten um. Die ,Boff Ztg/ will neuerdings wissen, der preußische Landtag werde erst am 15. Nov. zusammentreten, während die Eröffnung des Reichstages sich gar bis Januar n. I. hinausziehen könne. Letztere Meldung hängt mit dem allerdings nicht sehr glaubhaften Gerüchte zufammen, in gewissen Kreisen wünsche man die Verhandlungen über die Militärvorlage vorläufig vertagt zu sehen. Andererseits heißt es bekanntlich, der Bundesrath werde bei feinem heute erfolgten Zusammentritt die Vorlage antreffen. Ist dem so, dann kann derselbe doch bis Mitte November sich über die Vorlage schlüssig gemacht haben.
* Die „Propaganda", welche die katholische Kirche bei den Mischehen, deren Begünstigung ihr sogar vielfach zugeschrieben wird, angeblich treibt, wird durch eine Zusammenstellung von Zahlen drastisch beleuchtet, welch die ,Stat. Korrespondenz' auf Grund der Volkszählungen von 1885 und 1890 als Ziffer des Jahrgangs 1890 aufftellt. Danach bestanden im Ganzen 255,802 Mischehen zwischen Katholiken und Protestant ;n, 116 673, wo der Mann protestantisch, 139,129, wo der Mann katholisch war. Von den Kindern aus senen
Im Wetter geschüttelt.*)
Eine Erzählung aus dem Bergmannsleben von Paul v. Wildbach.
1. Das Bergfest auf dem Pappelhof.
Es war an einem schönen Sonntag-Nachmittag im Monat Juni, als die Bewohner von Kohldorf in Hellen Haufen nach dem nahen Pappelhof zogen, wo heute die fogen. Johanneskirmeß und zugleich das jährliche Bergfest der umwohnenden Bergleute gefeiert wurde.
Em schönes Plätzchen war der Pappelhof in der That. Behäbig lag er auf einem breitem Bergrücken hingestreckt mit seinen alten Gebäuden, die früher als Zehnthof zu einem Kloster gehört hatten. Damals mußten noch die Leute der Umgegend, welche dem Kloster zinspflichtig waren, zu gewissen Tagen des Jahres ihre Gaben bei dem Hofe abliefern: Butter, Eier, einen Hahn, ein Schwein oder auch Korn und Wein und dergleichen, wie es Feld und Flur eben hervorbringt. Dafür wurden sie dann von den Klosterleuten bewirthet und der Tag war immer ein fröhliches Fest.
Seitdem war nun freilich manches anders geworden. In der großen französischen Revolution war jene Strecke deutschen Landes für eine Zeit lang an Frankreich gefallen, und als die bankerotte Republik die
*) Nachdruck verboten.
Klosterguter einzog und an allerlei Spekulanten verschacherte, kam auch der Pappelhof unter den Hammer und ging in andere Hände über.
Endlich wurde auch mit den Zehnten und dem Freitrunk Aenderung geschaffen. Der erstere wurde zwar nicht erlassen, sondern nur „umgewandelt." Anstatt an das Kloster wurde er hinfort an den Steuereinnehmer des Staates abgeliefert, und anstatt dessen, was die heimische Flur erzeugte, mußte vierteljährlich das blanke Geld auf den Tisch gezählt werden; auch wurde nichts mehr nachgelassen, wenn die Ernte einmal schlecht geraten War. Aber die freie Bewirthung, welche damals die Steuernden erhalten hatten, fiel jetzt einfach weg.
Jndeffen, Weil früher in dieser Weise doch auf dem Hof „gefchänkt" worden War — hauptsächlich aber in der Hoffnung, denselben dadurch besser an den Mann zu bringen — hatte der Staat damals bei dem Verkauf die Wirthschafts-Konzefsion mitverliehen; und dabei war es feitbem verblieben. Denn als das Land später wieder deutsch wurde, dachte Niemand mehr an em Rückgeben des Hofes an die früheren Eigenthümer.
Freilich war es wegen der Wirthschaft auf dem Hof noch keinem Besitzer beffer gegangen — im Segen» theil, es hatte fchon eine ganze Reihe nach einander auf demselben gewirthschaftel, und man munkelte allgemein, daß sie noch alle „rückwärts gemacht" hätten.
Mischehen, wo der Mann protestantisch war, waren katholisch erzogen 43,654 Knaben, 50,374 Mädchen, protestantisch 64,186 Knaben, 57,421 Mädchen. Von den Kindern der Mischehen, wo der Mann katholisch war, waren katholisch erzogen 61,058 Knaben, 56,239 Mädchen, protestantisch 65,760 Knaben, 71,301 Mädchen. Katholisch waren also insgesammt 104,712 Knaben und 106 613 Mädchen, zusammen 211,325 Kinder, protestantisch dagegen 129,946 Knaben und 128,722 Mädchen, zusammen 258,668 Kinder. Der Protestantismus hat also von 469 993 Kindern aus Mischehen gut 55 Prozent für sich gewonnen, der katholichen Kirche bleiben nicht ganz 45 Prozent! Diese Zahlen sind für uns sehr betrübend, sie zeigen, welche Verluste wir namentlich infolge der Kirchennoth in den Großstädten, speziell in Berlin, zu beklagen Haden. Sie widerlegen aber andererseits auch schlagend die alberne Mär, die von den Brüdern des „Evaug. Bundes" immer wieder vorgebracht wird, die Legende von der katholischen Mischehen-Propaganda. Die Mischehen sind v'-lmehr eine Quelle des Abfalles, vielleicht das größte liebel, gegen welches die katholische Geistlichkeit anzukämpfen hat. Der Gewinner ist allerdings nicht die positivkirchliche protestantische Partei, sondern der Liberalismus und die Sozialdemokratie, Gleichgültigkeit und Unglaube!
* Der ,A. R.-C? zufolge hat der Kaiser verfügt, daß den katholischen Bischöfen in Schreiben von Behörden an Stelle des in dem neuesten Titu- larbuche vorgefchriebenen Prädikats „BifchöflicheGnaven" nach wie vor das Prädikat „Bischöfliche Hochwürden" beigelegt wird. So weit uns bekannt, bemerkt dazu die ,®ermania‘, war die Titulatur der Behörden stets „Bischöfliche Hochwürden". Die Nachricht der ,A. R.-C.' klingt daher nicht sehr wahrscheinlich.
* Das preußische Staatsminifterinm hielt am Sonnabend unter Vorsitz he§ Grafen Eulenburg eine Sitzung ab, an der auch Reichskanzler Graf Caprivi und Kriegsminister von Kaltenborn - Stachau theil- nahmen.
* Der Staatskommissar für das Stromgebiet der Weichsel hat folgende Ueberwachungsbezirke errichtet: Pieckel, Dirschau, Danzig, „untere Nogat", Schilar, Tiegenhos und Brahemünde. Der Staatskommlssar macht bekannt, daß der regelmäßige Ueberwachungs- dienst in diesen Bezirken begonnen hat.
* Seitens der ärztlichen Schiffskontrollstattonen im Stromgebiet der Elbe wurden vom 30. Sept, di« 6. Oktober 6482 Schiffe und Flöße kontrollirt und 3864 Schiffe und Flöße desinfizirt. Die Zahl der revidirten Personen betrug 24,111; es wurden 17 Choleraerkrankungen und 2 choleraverdächtige Erkrankungen festgestellt.
* Der Reichskommisfar für die Gesuidheitspfl-ge im Stromgebiete des Rheins bat folgerte 8 Kontroll - Stationen errichtet: 1) Emmerich, 2) Ruhrort, 3) Duisburg, 4) Düsseldorf, 5) Köln, 6) Koblenz, 7) St. Goar und 8) Mainz. Die Station Emmerich uw-
Das Landvolk besuchte eben für gewöhnlich nicht die Schänke auf dem abgelegenen Hof, und nur an den hergebrachten Tagen strömte. Alles auf den Berg, wie von Alters her. .. ,
Unter diesen Tagen nahm nun von ich er dieJohannes- kirmeß, welche auf den Sonntag nach Johannestag gefeiert wurde, den ersten Rang ein, und deshalb schienen auch drei alte Pappeln, von denen der Hof feinen Namen hatte, und welche wie eine mächtige Schildmache am Eingänge standen, heute noch einmal so stolz, als sonst in die Lüfte zu ragen, da sie die vielen friedlichen Menschen an sich vorüber wandeln sahen.
Es waren fast alle Bergleute, wie man fchon ans dem munter herüber und hinüber schallenden Gruße „Glückauf!" errathen konnte. Kohldorf lag nämlich gerade an der Grenze eines unserer bedeutendstkn Stein- kohlengebiese, und die Besucher des Pappelhofes trugen daher auch fast alle die Abzeichen ihres Standes: schwarze, roth eingefaßte Uniformmützen, auf welchen vorn über der Landeskokarde kleine in Silber getriebene Schlägel und Eisen angebracht waren. Manche, besonders ältere Männer, gingen auch noch in der althergebrachten geschmackvollen Bergmannstracht, dem kurzen schwarzen Rock mit dem breiten Schulterkragen und den zahlreichen Schnüren auf Brust und Achseln.
So war es auch bei dem alten Mmthias Köhler, welcher nur seiner Fran und zwei erwachsenen Mädchen