IS. Zahrgcme
Deutsches Keich.
Berlin, 8. Oktober.
* Die Frage der Wiedereinführung der Berufung scheint nunmehr doch ernsthaft erwogen zu werden. Wie wenigstens ein mit den gerichtlichen Verhältnissen vertrauter Berichterstatter der .Nordd. Allg. Ztg.' meldet, hätte der Justizminister Erhebungen bei den Landgerichten über die voraussichtlichen Erfordernisse an Personal und Geldaufwendungen für den Fall, daß die Wiedereinführung der Berufung erfolgen sollte, angeordnet.
* Die Börsen-Enquete-Kommisfion hat am Donnerstag ihre Sitzangen nnter dem Vorsitz des Reichsbankpräsidenten Dr. Koch wieder ausgenommen und gestern und heute sortgesetzt. Als Mitglieder sind ihr von dem Reichskanzler ferner beigeordnet der Geheime Oberregierungsrath Dr. Thiel und Konsul Bengel (Staßfurt.) Die Vernehmungen der Sachverständigen der Fondsbörse sind in der Hauptsache jetzt beendet. In der nächsten Woche sollen Besprechungen über die bisher gewonnenen Resultate stattfinden. Alsdann wird mit der Vernehmung der Sachverständigen der Produktenbörse begonnen werden.
* Gegenüber der Angabe, daß eine ReichS-Unter- stützungskommission für die Frage der Aenderung der Tabakbesteueruug hier getagt habe, erklärt der ,Reichsanzeiger': Das Thatsächliche beschränkt sich darauf, daß das Reichsschatzamt, um sich über einige mit der Besteuerung des Tabaks zusammenhängende Fragen näher zu unterrichten, mehrere anerkannte Sachverständige aus den Kreisen der Interessenten zu einer Besprechung eingeladen hatte. Die Letzteren haben demnächst, dem an sie ergangenen Ersuchen entsprechend, in einer am Dienstag Nachmittag abgehaltenen Konferenz die gewünschte Auskunft ertheilt.
* Der Bankier Hugo Löwy ist wegen einfachen Bankerotts, Betruges in 2 Fällen und Unterschlagung in 5 Fällen, sowie des Steuervergehens zu 2 Jahren 6 Monat Gefängniß verurtheilt, unter Anrechnung von 6 Monaten Untersuchungshaft, ferner zu 2000 Mk. Geldbuße und wegen des Steuervergehens zu 576 Mk. Geldstrafe.
* Von den österreichisch-ungarischen Distanzreiter» sind 60 offiziell als an's Ziel gelangt eingetragen. Die- felben brauchten 71 Stunden 34 Min. (Graf Starhem- berg) bis 116 Stunden 13 Minuten. Inzwischen sind noch nach Schluß der Thätigkeit des Komitee's österreichische Reiter hier angelangt. Bei den Oesterreichern war der Start 26 Stunden früher beendet, als bei uns, weshalb die Zahl der am Ziel eingetragenen deutfchen Reiter drs jetzt auch noch geringer ist. Nach einer Zusammenstellung, die 35 Namen umfaßt, brauchten die betreffenden deutschen Reiter 73 Stunden 6 Minuten (P -Lt. v. Reitzenstein) bis 124 Stunden 9 Minuten. Im Ganzen sind bis jetzt 19 Pferde auf den Wegen zwischen Berlin und Wien gefallen, und zwar 11 deutsche und 8 österreichische. Das Pferd des Siegers, Grafen Starhemberg, „Athos", ist gestern
± tziii MM nad) einer alten Üaikrilillt.
Ein Skizzenblatt aus der Rhön. Bon Jos. Gr.
(Schluß.)
Erhalten ist uns auch die Mitiheilung, daß mit jener byzantinischen Friedensbotschaft, die ouö dem Bischof M'chahal, dem Abt Petrus und dem Diakon Calistus bestand, zugleich auch der Patriarch Fortunatus von Grado auf der Salzburg erfchien, um den Kaiser um Hilfe gegen einige Herzöge von Venedig anzurufen. Unter den reichen Geschenken, die er mitbrachte, waren zwei geschnitzte elfenbeinerne Thurm von hohem Kunstwerth, wie auch kostbare Reliquien, die bekanntlich der fromme Kaiser seine „edelsten Schätze" nannte. Unter Anderm sollen sich Die Gebeine Josephs von Arimathea darunter befunden haben, die Karl in den Dom zu Aachen gab.
Aber noch ein anderer Akt von großer politischer Bedeutung, der sich hier abgespielt Haden soll, trat vor unser geistiges Auge:
Da nabten die sächsischen Volkshäupter, die durch dreiunddreißig Jahre dem gewaltigen Gegner getrotzt: schulterbreite Reckengestalten mit zottigen Fellen um die mächtigen Glieder und gehörnten Kappen auf den blonden Köpfen, — diesen eisernen Trotzköpfen, die nun endlich doch gebrochen waren! Doch mit tiefstem Ingrimm traten sie vor den Sieger, der ihnen, ach, so
Abend verendet. Von den heute hier angekommenen österreichisch-ungarischen Reitern war der Oberlieutenant Chigo unterwegs erkrankt und hatte in Kalau 16 Std. das Bett hüten müssen.
* Die österreichisch-ungarischen Offiziere, die am Distauzritt theilgenommen, besichtigten heute den Be- trieb der Luftschifferabtheilung und unternahmen einen Aufstieg im ballon captif. Später stiegen 4 Herren im freien Ballon auf. Mittags fuhren die österreichischen Herren vom „Kaiserhos" nach der Charlottenburger Rennbahn ab. Graf Starhemberg, welcher auf der Mailcoach des Unionklubs den Ehrenplatz hätte, wurde von der nach Taufenden zählenden Menge, welche der Abfahrt beiwohnte, besonders lebhaft occiamirt. Bei der Ankunft auf dem Rennplatz wurden die österreichisch-ungarischen Gäste vom Präsidenten des Vereins für Hindernißrennen mit einer ehrenden Ansprache begrüßt. — Die in Wien eingetroffenen deutschen Distanzreiter sind heute Vormittag nach KiSber zur Besichtigung des dortigen Gestütes abgereist.
* Der Kaiser hat heute dem Oberbürgermeister Zelle die Bestätigung seiner Wahl durch folgendes Telegramm angekündigt: „Oberbürgermeistervon Berlin, Herrn Zelle! Spreche Meinen Glückwunsch zur Wahl aus, die Ich um so freudiger bestätige, als Ich weiß, wie sehr Ihnen das Wohl Meiner Residenzstadt am Herzen liegt. Ich hoffe Sie recht lange an der Stelle zu sehen und mit Ihnen manches schöne Werk zusammen zur Verschönerung Berlins und zu seiner Fortentwickelung durchzusühren. Ihre tieuen Gesinnungen gegen Mich und Mein Haus wohl kennend, bin Ich der (Überzeugung, die Wahl konnte keinen Besseren und Geeigneteren treffen."
* In das Moabiter Krankenhaus zu Berlin sind noch drei Rummelsburger Korrigenden zur Beobachtung eingeliefert worden, doch ist bis jetzt asiatische Cholera bei ihnen nicht festgestellt. Seit Mitte August sind überhaupt 396 Personen als choleraverdächtig in das Krankenhaus emgeliefert worden. Von diesen litten 30 an asiatischer Cholera und 51 an cholera nostras. — Aus Hamburg weiden von gestern nur 12 Choleraerkrankungen und 2 Todesfälle gemeldet und auch von diesen entfallen nur 5 Erkrankungen auf gestern. Der Rest sind Nachmeldungen. — Altona hatte gestern 3 Erkrankungen und 2 Todesfälle. — Die durch den Ausbruch der Cholera veranlaßten Eisenbahn-Verkehrs- Befch ränkungen werden jetzt theilweis wieder aufgehoben. Der Nachtschnellzug Berlin-Hamburg wird vorläufig nicht wieder eingestellt.
* Bochum, 8. Oki. In einer Korrespondenz der ,Franks. Ztg.' über den Prozeß Baare-Fusangel heißt es: „Man muß mit Herrn Baare als mit einem völlig gebrochenen Manne rechnen. Wer ihn heule gesehen hat. wird es, abgesehen von allen anderen Umständen, schon für selbstverständlich halten, daß, wie ich Ihnen mitgetheilt habe, Baare in der allernächsten Zeit aus seiner Stellung und aus der Orffentlichkeit scheiden wird."
wenig Milde zeigte und 10,000 Männer, ohne die Frauen und Kinder, von den heimathlichen Gauen los- nß und nach Franken verpflanzte.
Als wir endlich unsere Phantasien zu Ende gesponnen hatten, da war's hohe Zeit, der Salzburg Lebewohl zu sagen. Wie es heißt, hat der polytechnische Bezirksverein von Bad Kisfingen in Anregung gebracht, durch gemeinschaftliche Beiträge der Besitzer, der Behörden und von Privaten dem vollständigen Verfall der Kaiserpfalz Einhalt zu gebieten, und auch durch die Veranstaltung eines Festspieles hierzu Mittel zu beschaffen — ein Unternehmen, dem wir thatkiästige Unterstützung wünschen.
Noch einen letzten Scheidet»! ck sandten wir bet malerischen Trümmerwelt zu, — da stießen wir Beive gleichzeitig einen leisen Schrei der Ueberraschung aus. Aus einem grünumrankten Bogenfenster blickte ernst und hehr ein mächtiges Haupt, dos uns so merkwürdig bekannt zu grüßen schien. Und was Wunder, das war ja das Kraft und Weisheit spiegelnd.' Antlitz des hl. Bonifatius, genau so, wie es in unserer Vaterstadt Fulda an Werner Henschel's kunstvollendeter Erzgestalt jeden Beschauer mächtig ergreift. Mer auch hier, in diesen verfallenen Hallen, obgleich nur als G psbüste aufgestellt, war der Eindruck des BonifattuSbildes ein überwältigender; Denn dieses kolossale Haupt schien in seiner edlen Form und mit dem ungemein bannen®
Ausland.
* Die Gerüchte über eine Treikaiscrzusammcn- kunft in Skarnevice begegnen in österreichischen unterrichteten Kreisen allgemeinen Zweifeln.
* Prag, 8. Okt. Vertha Rother, bekannt aus dem Prozeß des Berliner Malers Gräf, wurde wegen unsittlichen Lebenswandels und Hochstapelei festgenommen; sie dürfte aus allen österreichischen Kronländern ausgewiesen und nach Berlin abgeschoben werden.
* In Pest fand gestern Abend anläßlich der Seitens der Behörden angeordneten Vernichtung infizirter Wäschestücke eine Zusammenrottung Tausender auf der Waitzer Sraße statt, welche die Vernichtung verhindern wollten. Die Polizei, die mit Steinen beworfen und von den oberen Stockwerken der Häuser mit heißem Wasser begossen wurde, zog blank und zerstreute die Menge. Eine große Anzahl Personen — darunter eine sehr schwer — wurde hierbei verwundet. — Man sieht, Rußland steht in solchen Dingen nicht allein da.
* Budapest, 7. Okt. Auf Anordnung der Epidemiekommission sind sämwtliche Schulen gesperrt. Am Abend kam es zu einem blutigen Krawall der Volksmenge gegen die Desinfektoren. Es gab mehrere Verwundungen.
• Die Sage in Carmaux wird eine immer ernstere, und wieder sind es die Weiber, die die Flamme des Aufstandes und Der Fortsetzung des Streiks schüren. ES hat gestern in Carmaux eine von 2000 Personen besuchte Versammlung der Frauen der Grubenarbeiter stattgefunden, die recht lärmend verlief. Die „Car- magnole" singend zogen die grautn nach Schluß der Versammlung johlend und lärmend und unter Hochrufen auf den Streik und die foziaie Revolution durch die Straßen, in denen ihre Manner Spalier bildeten.
* Rom, 8. Okt. Dem Vernehmen nach wird der Papst anläßlich des Bischofsjubiläums die diffentirenden orientalischen Kirchen ueuerdmgS auffordern, in den Schooß der katholischen Kirche zurückzukehren.
• In Dahomey scheint die Entscheidungsschlacht geschlagen worben zu sein: Nach einer Meldung des Pariser .Soleil', ist Oberst Dodds am 4. d. M. bei Poguessa in einem dreistündigen erbitterten Kampfe Sieger geblieben. Die Dahomeyer sind geflohen und haben 2000 Tobte auf dem Kampfplätze zuruckgelassen, wahrend der Verlust der Franzosen nur 19 Tobte unb 22 Verwundete betragen haben soll. — Vorstehende Nachricht wird bestätigt. Die Dahomeyer sollen 10,000 Mann stark gewesen sein und 10 Hinterladergeschütze gehabt haben. Ihre Flucht richtete sich nach Norden. König Bchanzin wohnte dem Kampfe bei und ergriff die Flucht zuerst. DieDaboimyer sollen große tapfer® feit bewiesen und zähen Widerstand geleistet haben.
Q Die XX. Generalversammlung des Vereins katholischer Lehrer in der Provinz Hessen-Nassau, welche am Freitag, den 7. d. Mts. in Fulda abgehalten wurde, nahm, wie schon in Kürze mitgetheilt, unter Theilnahme zahl- den Ausdruck hobeitsvollster Gewalt an die berühmte Zeusbüste von Otricoli zu erinnern, wenn auch in weit mittleren Zügen*) Fürwahr, auch hier war ein durchaus berechtigter Platz für den Apostel der Deutschen, nicht nur, weil er die Salzburg durch seine Einkehr geheiligt und auf ihr durch die Weihe der obengenannten Bischöfe den Grund zu einer festen Gestaltung unb Gliederung der deutschen Kirche gelegt, nein, auch weil der große erste Kaiser deutscher Nation ohne ihn nimmermehr seinen weltgeschichtlichen Beruf ganz zu erfüllen vermocht hätte.
Carolus MagnuS und Winfried Bonifatius, die Beiden gehören ja zusammen. und wie der Erstere im Dom zu Fulda nächst dem Portale mit dem Schwerte fist die Wache hält, so muß auch der Andere an dieser Stätte deutscher Kaiserherrlichkeit vor Augen treten, er, unser größter Wohlthäter, von dem der berühmte Historiker Janssen die treffenden Worte sagt: „Alles was in kirchlicher, politischer und wissenschaftlicher Beziehung fpäter in Deutschland erwachsen, ruht auf den von Bonifatius gelegten Fundamenten. Mit Recht hat man deshalb die Grabstätte des Heiligen in Fulda als das größte National-Heiligthum deS deutschen Volkes bezeichnet."
*) König Ludwig I von Bayern, der so eifrig für die Errichtung des Fuldaer Bonifatius-Denkmals wirkte, hatte die kolossale Büste in Gypsabguß auf der Salzburg aufgestellt.