19. Zahrgevß
Sonntag, den 9. Ottober 1892«
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JW*- Hierzu eine Beilage.
Z Der Distanzritt Kertin-Wien.
Aus dem sogenannten Duell Caprivi-Miquel macht sich das Berliner Publikum verzweifelt wenig; aber der Wettstreit zwischen deutschen und österreichisch-ungarischen Osfizieren und ihren Pferden erregt das Vollmächtig. Man sollte glauben, es gäbe in Berlin gar keine Menschen ohne „Pferdeverstand". In den Kneipen, auf der Straße, am häuslichen Heerde, im Pferde- und Eisenbahnwagen, überall wird „sachverständig" der Distanzritt erörtert. Leute, die noch nie im Leben ein lebendiges Pferd angefaßt haben, sprechen wie im Buch über Trainirung, Rasse, Kondition, Distanz, Ruhepausen, Fütterung, Endspurt, Rekord u. s. w. Wer die Zeit stehlen kann, läuft zum Tempelhofer Felde, wo am Start- und Zielhäuschen Zehntausende von Menschen stundenlang harren, um bet der Landung eines abgetriebenen Pferdes und eines erschöpften Reiters aus tiefster Brust „Hurrah!" zurufen. Nach den Wiener Berichten macht man es dort gerade fo. Und für die Kleinstädter, die am Wege liegen, ist das vierte Quartal mit einer ganzen Reihe von Festtagen eingeleitet worden; den eiligen Reitern ist von dem neugierigen Volk marrche Schwierigkeit bereitet worden. Auch die Rüppel, an denen es ja nirgends mangelt, scheinen nicht theilnamslos geblieben zu sein; wenigstens wird berichtet, daß ein Retter von einem Lastwagen in den Graben gedrängt und daß im Sächsischen die Wege mehrfach aufgebrochen und mit Steinen aufgeworfen worden sind.
Nur ganz selten und leise erklingt ein abfälliges Urtheil über das ganze Unternehmen, indem empfindsame Leute von „Quälerei" reden. Aber das Mileid gilt nicht den Reitern, die sich abstrapazieren, sondern den Pferden. So gehört es sich auch gemäß dem „Zeitgeist"; zu Gunsten des Thierschutzvereins wird die große Trommel geschlagen, und der Menschenschutz als Nebensache betrachtet. Meinestheils habe ich nichts dagegen einzuweaden, daß bei einem solchen Unternehmen die jugendfrischen Offiziere ihre Kräfte bis auf das Aeußerste anspannen und daß aus dem Gaul herausgepumpt wird, was darin ist. Nur scheint mir, daß einige Reiter nicht rechtzeitig gestoppt haben, als sie merkten, daß die Kräfte doch nicht ausreichten, um einen preiswürdigeu Platz zu erringen. So kann ich es wohl begreifen, daß Herr v. Miklos, der erste Ankömmling von Wien, sein verwundetes Pferd mittels Morphium und Cognac bis zum Aeußersten im Gang zu halten suchte, denn er hatte die beste Aussicht den ersten Preis zu erringen. Aber nach ihm kam Einer, der gar keinchAussicht mehr hatte, etwas Hervorragendes zu leisten, und doch noch sein erschöpftes Pferd am Zügel weitergezerrt und von zwei fremden Weggenossen halte treiben lassen. Als Preisrichter würde ich überhaupt eine Mähre, die nur mit Hilfe von Treibern vorwärts kommen konnte, nicht unter die regelrecht Angekommenen buchen. Auf jeder Seite haben ja auch ungefähr 20 Reiter den Ritt vorzeitig abgebrochen, einige wegen vollständigen Zusammenbruchs des Pferdes, andere aber auch schon wegen geringerer Verletzung oder Erschöpfung. Das war gut und klug; denn weshalb soll man sich und das Thier noch quälen, wenn nichts Vernünftiges mehr dabei herauskommen kann?
Ein Distanzritt mit einer solchen Menge Theil- nehmer (225 Reiter und Pferde) und auf eine solche Entfernung (580 Kilom.) dürfte wohl noch nicht dagewesen sein. Es ist schon zur Wette oder Probe auf viel größere Entfernungen geritten worden; so ist jetzt noch ein Japanese unterwegs, der durch ganz Asien hindurch von Europa nach Hause teilet. Aber an solche lange Touren gingen sonst nur Einzelne heran, und die Leistungen erschienen also als Ausnahmen, aus denen sich nichts Sicheres folgern läßt. Wenn nun aber im Feld fast ein Vierteltausend an einer so gewaltigen Kraftprobe Theil nimmt, so darf man schon eher einen Schluß auf die Leistungsfähigkeit der deutschen und der österreichischen Osfizterspferde und ihrer Reiter wagen. Natürlich immer mit der Erwägung, daß hier das beste Material in wohlvocbe- reitden Zustande thätig war. Das Mittelgut von Rossen und Reitern in seinem gewöhnlichen Zustande muß mit einer entsprechend verkürzten Elle gemessen werden.
Der Distanzritt ist eine viel bedeutsamere Kraftprobe, als das gewöhnliche Wettrennen auf unseren Rennbahnen. Hier kommt es darauf an, für eine sehr kurze Spanne Zeit (3 bis 6 Minuten) die Kraft des Thieres bis auf das Aeußerste auszunützen. Ob ein Pferd, das einige wenige Kilometer auf präparirter und bekannter Bahn febr schnell zurücklegen kann, für die wirklichen Bedürfnisse des Verkehrs erfolgreich zu gebrauchen ist, steht noch sehr im Zweifel. Wenn aber ein Pferd seinen Reiter 3 oder 4 Tage über Berg und Thal 580 Kilometer weit trägt, dann steckt wirklich mehr wie Strohfeuer in dem Thiere, dann ist es im hervorragenden Maße brauchbar zur Ueberwindung von Entfernungen wie es gerade gefordert wird, vor Allem im Kriege, wo von der rechtzeitigen liebet» bringung von Nachrichten und Befehlen auf weitere Strecken oft die Entscheidung abhängt. Dieser letzte Gesichtspunkt läßt den hohen militärischen Werth des Distanzrittes deutlich erkennen.
Dazu kommt der politische Vortheil des friedlichen Wettkampfes zwischen den Offizieren der beiden befreundeten Armeen. Die deutschen Reiter werden in Wien und die österreichisch-ungarischen in Berlin ausgenommen nickt bloß als Freunde, sondern als Brüder. Und das beschränkt sich nicht auf den Hof und die militärischen Kreise, sondern das ganze Volk hüben und drüben nimmt daran Theil. Die österreichische Uniform ist bei uns, und die deutsche Uniform ist im habsburgischen Lande zu Hause. Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, der vollsten Interessengemeinschaft geht immer mehr in Fleisch und Blut über. „Kameradschaft" nennen es die Offiziere. Mögen sie auch weiterhin jede Gelegenheit benutzen, um sie zu pflegen und wenn man einmal Unteroffiziere und Gemeine von beiden Armeen mit einander in Berührung bringen kann, so soll man das ja nicht unterlassen. Das ist nicht nur eine heilsame Vorbereitung für den „Ernstfall" eines gemeinsamen Krieges, sondern auch eine weitere Vernietung der Völker - Eintracht im Frieden. Das papierene Bündniß und die Herzlichkeit der Staatslenker und Politiker unter einander machen den Kohl allein nicht fett. Die Bevölkerungen selbst müssen sich verbrüdern bis in jene Kreise hinein, wo man keine Leitartikel studirt und keine politischen Berechnungen anstellt, sondern dem instinktmäßigen Gefühl folgt: Das ist mein Freund, mit dem gehe ich unter allen Umständen zusammen, auf den kann ich mich unbedingt verlassen, und so wie er auf mich! Die Pflege unseres Bündnisses mit Oesterreich ist die beste, die schönste und zugleich die billigste Rüstung.
Ein hübsches Zeichen von brüderlicher Gesinnung war es, daß unsere Bevölkerung durchaus nicht mißgestimmt wurde, als es in den vorhergehenden Tagen schien, als ob die österreichischen Reiter alle ersten Preise einheimsen und die deutschen Reiter um zehn oder mehr Stunden schlechter abschließen würden. Gewiß, man hätte gern die Ehre der deutschen Reiterei gerettet gesehen; aber man tröstete sich, weil der Erfolg einer Armee und einem Lande zufiel, die man herzlich gern hatte, mit dem Gefühl, daß die Ehre und die Preise doch gewissermaßen in der Familie blieben. Das Publikum ließ nicht nach in seinen begeisterten Hurrah- rufen und all seiner frohen Höflichkeit gegenüber den Ankömmlingen von Wien. Man erkannte auch allgemein, daß die Oesterreicher einen gewissen Vortheil gehabt, weil Wien höher liegt, als Berlin, und weil sie den schwierigeren, gebirgigen Theil des Weges mit frischen Kräften abmachen konnten, während die deutschen Reiter ihn mit ermüdeten Pferden und abgespannten Gliedmaßen überwinden mußten. Trotzdem habe ich — und das ist sehr bezeichnend — von all' den sonst so vorlauten und streitlustigen Berlinern Niemanden ernstlich darüber murren hören, daß man den Konkurrenten diesen Vortheil gelassen habe.
Inzwischen hat nun freilich der Kürassierlieutenant v. Rettzenstein die Ehre der deutschen Retterei gerettet. Er hat freilich die Schnelligkeit des Oesterreichers Graf Stahremberg nicht ganz erreicht, aber doch den zweitbesten Rekord erzielt. Das ist um so tröstlicher, als Herr v. Reitzenstein au dem Triumphe über den schnellsten Oesterreicher nur durch einen unglücklichen Zufall — eine Verirrung im Nebel — verhindert worden ist. „Moralisch" hat er also eigentlich gesiegt. Auch ein zweiter deutscher Reiter ist nach innerhalb 80 Stunden angekommen. Die übrigen Deutschen scheinen sämmtlich mehr wie 80 Stunden gebraucht zu haben,
während auf österreichifcher Seite eine ganze Reihe „Siebenziger" zu finden sind.
Einige Fachmänner behaupten, dieser Mißerfolg der Deutschen liege an einem falschen „Training", man habe deutscherseits auf ein zu langsames Anfangstempo und zu große Ruhepausen sich eingerichtet und sei von der österreichischen Schnelligkeit überrascht worden. Im letzten Grunde wird sich die Erscheinung auf dem Unterfchied zwischen der nordischen Kaltblütigkeit und südlichen Beweglichkeit zurückführen. Wir haben große Pferde und große Leute, die etwas steif sind im Vergleich zu den kleinen, quecksilbernen Gestalten da drüben, namentlich in Ungarn. Die kleinen, zähen Katzen, auf denen die Ungarn herüberkamen, werden allseitig angestaunt. Es scheint in der That, als ob im Durchschnitt das dortige Pferdematerial für solche Gewalts- Ritte besser trüge, als das unsrige. Gut, mögen die Pfleger unserer Pferdezucht sich das ad notam nehmen! Vielleicht treiben wir die Verehrung der langgegliederten Rennpferde zu weit. Es geht ja in manchen anderen militärischen Dingen so, daß die Parade der Feind des praktischen Felddienstes ist. Unsere Armee braucht unbedingt Reiter und Pferde, die den schwersten Anforderungen des Nachrichtendienstes gewachsen sind; wie sie aussehen, das ist ganz egal. Holen wir lieber die Zweckmäßigkeit von Ungarn, als die Eleganz von England.
Dabei kann man auch ein Wort von der neuen Militärvorlage sagen. Die will, wie es heißt, auch die Reiterei wieder vermehren. Nun sagen aber Sachverständige, daß die reitenden Massen bei dem gegenwärtigen Stand der Feuerwaffen noch viel weniger ausrichten können, als früher. Eher könne man die Menge der Reiter beschränken und dafür die Tüchtigkeit von Mann und Pferd zu heben suchen. Das verdient auch Beachtung.
Im Uebrigen möchte ich wünschen, daß die Di stau z- t eiteret immer mehr in Mode käme und dagegen die jetzt übliche Wettrennerei auf den Rennplätzen zurückträte. DaS Treiben auf den großen Rennplätzen ist ja wahrlich em Skandal. Für die Masse des Volkes ist es nichts weiter, als eine Erziehung zur Spielleidenschaft. Entschuldigen läßt sich dieses öffentliche Aergerniß nur mit Hilfe des verwerflichen Satzes: Der Zweck heiligt die Mittel. Der gute Zweck der Hebung der Pferdezucht muß den Mantel der Liebe für die bedenklichsten Auswüchse hergeben. Beim Distanzreiten ist eine derartige Wetterei bis in die Schichten von Schueidergesellen und Ladenmädchen hinunter kaum denkbar. Und dabei liegt die Möglichkeit vor — die Fachmänner mögen darüber entscheiden — daß eine vernünftige Distanzreiterei eine ebenso gute ober gar noch bessere Probe und Anregung auf dem Gebiete der Pferdezucht gebe.
Inzwischen freue ich mich, daß ich die Strapazen eines Rittes nach Wien nicht mitzumachen brauchte. Auf dem Papier am Schreibtisch bte Feber reiten zu lassen, ist für einen braven Hausvater vortheilhafter.
Deutsches Keich.
Berlin, 7. Oktober.
* Die Cholera ist in Deutschland Gott sei Dank immer mehr und mehr im Schwinden. Freilich wird das so hart von der Smche heimgesuchte Hamburg noch lange unter den Folgen derselben zu leiden haben, wenngleich sich im qesammten deutschen Reiche Unterstützungsbereitschaft findet. Nicht blos Hamburg, auch andere Gegenden haben schwere Schläge erfahren; so mußte in Lübeck eine große Summe bereit gestellt werden, um für die Feiernden Arbeitsgelegenheit zu schaffen und bte Schifffahrt auf der Elbe und den zu- fühcenden Flüfsen und Kanälen liegt arg darnieder.
* Die vom kais. Gesundheitsamt errichtete Cho- lerakommissio» hat eine die eigenthümlichen Lebensverhältnisse der Schifferbevölkerung berücksichtigende Belehrung 'über die geeignetsten Sckutzmaßregeln gegen die Cholera ausgearbeitet. Die Hauptsache ist: kein Wasser aus Kanälen, Flüssen und Seen hinten, dasselbe auch nicht zum Waschen rc. benutzen, wenn aber doch, dann nur abgekocht; ferner Vermeidung der Verunreinigung des Fahrwassers durch Ausleerungen.
* Der Bundesrath hielt gestern seine erste Sitzung nach den Sommerferien ab. Den Vorsitz führte Staatssekretär von Bötticher. Zur Berathung standen die Novellen zum Militärpensionsgesetz und zum Reichs- beamten-Kautionsgesetz, sowie Vorlagen, betreffend die