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Erzbischof Stablewski über die Polensrage.
* In der letzten Zeit soll der hochw. Herr Erzbischof von Stablewski in Posen den Herausgeber der Berliner Wochenschrift: „Die Zukunft", Herrn Maximilian Harden empfangen und sich ihm gegenüber über die Polenfrage offen und unumwunden erklärt haben. Vor einiger Zeit schon war ein Gerücht im Umlauf, nach welchem Der Erzbischof wegen seiner „starrpolnischen Anschauungen" nach Berlin berufen werden sollte, um sich daselbst offiziell darüber zu erklären. Hierdurch veranlaßt, äußerte der Erzbischof oben genanntem Herrn gegenüber in einer Unterhaltung wesentlich Folgendes:
„Der Besuch beim Minister nach seiner Sommerreise, erklärte er, entbehre jeder allgemeinen Bedeutung; die Politik sei kaum berührt worden. Was man von ihm wolle? Daß Bismarck, der ganz von persönlichen Momenten abhängig sei, die Polen hasse, sei längst bekannt; von den deutschen Zeitungen erwarte er aber eine Beurtheilung nach seinen Thaten und nicht nach Renommistereien aus Blättern, die sogar Berlin gern polnisch sähen, v. Goß ler habe die Polen nach polnischen Zeitungsausschnitten beurtheilt; Graf Zedlitz habe sich selbst überzeugt! er habe mit Deutschen, Polen und Juden gute Beziehungen unterhalten, und die Provinz sei seines Lobes voll. Die Bedeutung von „starrpolnisch" kenne er nicht. Der Klerus sei friedlich gesinnt, und er allein sei für die Bevölkerung maßgebend. Er, der Erzbischof, übe gegen alle Elemente Toleranz, auch im Privatleben; er kaufe, wo es am billigsten sei und habe gerade unter den Deutschen gute Freunde. Da die Regierung, die nur etwas fester sein müsse, die gleichen Absichten hege, so könne Gutes zu Stande kommen, wenn nur die Schreier in der Presse und in den Parlamenten nicht wären. Die Lebensfähigkeit der letzteren sei zweifelhaft, wo die Mehrheiten von dem Magenkatarrh eines Wählers abhängig seien.
„Die Bismarcksche Politik würde der Provinz und der Stadt den schwersten Schaden zugefügt haben. Was würde Bismarck wohl mit der Million Polen in der Provinz angefangen haben, da er sie doch nicht in einem Karren über die Grenze schaffen konnte? Et?>a eine Bartholomäusnacht oder eine sicilianische Vesper? Die Polenpolitik Bismarck's habe die Nationalitäten gegen einander abgeschlossen, Mißtrauen hier, Verkennung dort hervorgerufen und das geistige wie wirthschaftliche Leben der Provinz gelähmt. Wenn nicht ein grundsätzlicher Systemwechsel eintrete, schaffe das deutsche Reich sich im Osten ein d eirisches Irland.
„Gerade er als Pole glaube in der Provinz viel mehr leisten zu können, als ein deutscher Bischof, der auch den Schein polenfreundlicher Gesinnung meiden müsse; er gebe sich weder mit großpolnischen Tendenzen noch mit überschwänglicher Hofpolitik (?) ab; sein Grundsatz sei in Frieden und Eintracht mit den Deutschen zu leben unter Wahrung der nationalen und religiösen Rechte. Diese Nothwendigkeit scheine auch die Regierung einzusehen; ein Systemwechsel sei aber nur denkbar mit vorhergehendem Personenwechsel in den unteren Graden; diese seien auch noch zu sehr durch den Kulturkampf auf die Polen drefsirt; es genüge, daß der Verwaltungsapparat dem Deutsch- thum Macht und Einfluß sichere, neben denen etwaige Zugeständnisse an die Polen keine Rolle spielten.
„Denn die „große" Konzession, nach den Zeitungen, bestehe doch nur darin, daß die polnischen Kinder künftighin privatim und auf eigene Kosten ihre Muttersprache sollen erlernen dürfen. Der Minister habe sich überzeugt, daß der Unterricht in den unteren Klassen TaudstummemUnterricht sei, selbst in der Religion, auf deren Besitz doch gerade in unserer Zeit die Regierung entscheidendes Gewicht legen sollte. Die mindeste Forderung sei: zweiStundenwöchentlichfürdiepolnischeSprache.
± Bin teflug nad) einer alten Mtrüittt.
Ein Skizzenblatt aus der Rhön. Von Jos. Gr.
(2. Fortsetzung.)
Wir traten an’» Erkerfenster und vor unserem überraschten Blicke lag Neustadt, dessen altersgraue Mauern genau in Herz form das freundliche Stadtbild umrahmten. „Ja, hier war's, an diesem Fenster, wo Karl der Große mit seiner viellieben Gemahlin stand und diese sich wünschte, daß dort drüben über der Saale eine Stadt mit einer Kirche gebaut werde; da ließ er gleich Neustadt als ein Herz erbauen," so plauderte der Mund unseres weibllchen Cicerone, um dann ge- wtssenhaft weiter zu berichten von Ludwig dem Frommen und Ludwig Dem Deutschen und Ludwig III. und Arnulph von Kärnthen und Otto I., die alle oft und gerne hier gewerlt und auch mehrmals glänzende Reichstage abgehalten hätten, bis endlich Otto III. die Salzburg im Jahre 1000 dem Bischof Heinrich von Würzburg geschenkt, Der sie mit Burgmännern besetzte. Und Dann erzählte sie, eine lebendige Chronik, von den Ganerben, den Herren von Brande, von Steinau, den Marschalken von Walbach und den Voiten von Salzburg, Die noch 1434 hier einen Burgfrieden besiegelt hätten. Die Wappenschilder dieser und noch manch' anderer edlen Geschlechter, die einst Die Burg zu Lehen getragen, grüßten rings von den Wänden herab.
Als wir wieder in den Burghof hinabgestiegen waren, umwandelten wir die mächtigen Architekturreste, die durch lange Jahrhunderte Der Zeit Trotz geboten
Diese „Konzession" hätten die Polen wahrlich für ihre loyale Haltung verdient.
„Von Verstimmung bei den Deutschen über ein System, welches den Polen die Möglichkeit gebe, gute preußische Unter« thanen zu sein, aber auch ihren Gott, ihre Sprache und ihr Vaterland zu lieben, könne höchstens bei Kulturkämpfern und Scholarchen die Rede sein. Als streitbarer Bischof, für den man ihn ausschreie, könnte er sich bei solchen Zuständen nicht beklagen, da die Macht des Klerus dadurch nur gewaltig erstarkt werde. Die Angst vorderPolnisirung sei einebefremdliche Schwäche; man glaube das Vaterland in Gefahr, weil das polnische Element zugenommen habe. Und doch sei kein Pole in der Regierung; in der Stadt Posen, die zur Hälfte von Polen bevölkert sei, seien alle Schul-Inspektoren, Räthe, Rektoren Deutsche; vor polnischen Lehrern habe man förmlich Schrecken und in der Stadtverwaltung säßen vier polnische Stadtverordnete und ein unbesoldeter Stadtrath, und da lese man von „Auslieferung deutscher Interessen an die politische Unersättlichkeit."
„Es sei nöthig, die Staatskunst bei Seite zu lassen und die örtlichen Verhältnisse zu berücksichtigen. Durch hohe Politik gehe die Provinz wirthschaftlich zu Grunde und Deutschland gewinne nichts. Symvathien für das in die Barbarei zurückfallende Rußland beständen bei den Polen nicht. Deutschlands und Preußens Aufgabe sei es, die Polen zu gewinnen und den preußischen Staatsbegriff populär zu machen. Bei einer künftigen Abrechnung werde Rußland, falls es siege, sich um nationale Rechte der Deutschen wenig kümmern und seine Grenzen beliebig binausschieben; siege aber, wie er vermuthe, Deutschland, dann könne dieses nur durch einen großen Schnitt Rußland schwächen, zum Bortheil auch des deutschen Handels int Osten. Die tüchtigen polnischen Elemente würden sich dann dorthin ziehen und das Polenthum der Provinz Posen erleide eine offensichtliche Schwächung.
„Das sei aber Alles Zukunfts-Musik: „Für den Augenblick kommt es nur darauf an, daß die Regierung sich nicht von den Schreiern zu einer schwächlichen Halbheit drängen läßt, die keinen Theil befriedigen kann und daß die öffentliche Meinung zur gesunden Vernunft zurückkehrt. Wenn Sie den Leuten sagen können und wollen, daß wir keine dunkeln Verschwörer und lauernden Jntriguanten sind, dann, meine ich, werden Sie sehr pattiotisch handeln."
Herr HarDen versichert, er theile Das „Programm" Des Erzbischofs „in fernen eigenen Worten" mit. Wörtlich, bemerkt Die,Köln. Volksztg.' hierzu, hat man Das keinesfalls zu nehmen, Denn Der Artikel ist „aus einer UnterreDung hervorgegangen", also die Auslassungen DeS Erzbischofs nicht als zusammenhängende Rede, sondern als eine Reihe von Antworten auf Fragen des Besuchers aufzufaffen. Daß dabei Mißverständnisse oder mindestens Schiefheiten mit unterlaufen sind, versteht sich eigentlich von selbst und wird auch durch einige sonderbare Sätze bestätigt. Vorab ist eine Aeußeruug des Erzbischofs zu Der Veröffentlichung abzuwarten.
Deutsches Keich.
Berlin, 6. Oktober.
* Professor Harnack hat zu seiner Vertheidigung eine Schrift herausgegeben unter dem Titel: „Das apostolische Glaubensbekenntnis Ein geschichtlicher Bericht nebst einem Nachwort." (Berlin. Verlag von A. Haack.) In dem „geschichtlichen Bericht" faßt Harnack das Ergebniß seiner kirchenhistorischen Studien über die Entstehung des apostolischen Glaubensbekenntnisses und dessen Veränderun-
hatten. Kolossale Gesängnißthürme mit schauerlichen Verließen waren darunter. Die Alte nannte uns. Die Namen Der einzelnen Gebäudetheile. „Dies hier ist Der „Jungfernkuß", jenes die „Münz" usw. Wie ungleich intereffantir würde meiner Freundin das letztere Ruinen- stück gewesen sein, wenn sie geahnt hätte, daß dasselbe seinen Urspung aus den Würzburger Bischof Joh ann von Egloffstein, der im Jahre 1407 fünf Münzstätten in seinem Stifte errichtete, zurückführen soll. Ich wußte es damals freilich auch nicht, sonst hätte ich es ihr gesagt, da sie ja mit diesem Geschlechte versippt und besonders auf genannten Bischof, der auch 1403 in Würzburg die erste kurz bestehende Universität gegründet und im dortigen Dorn ein so kunstvolles Grabdenkmal hat, ein wenig stolz ist.
Zuletzt ließen wir uns noch die Kapelle aufschließsn — ein neues Bauwerk, welches gar seltsam inmitten der altersgrauen Steintrümmer anmuthet. Denn wie ein frischer Flicken in ein altes Gewand wurde sie vor nunmehr fünfzig Jahren diesen tausendjährigen Mauern eingefügt, und doch war vor Kurzem bereits eine gründliche Restauration nöthig geworden. Sie zeigt dasein- fach-würdige Gepräge altdeutscher Kunftweise. Von ihrer teilen Favade grüßen imposant drei steinerne Bischofsgkstalten: St. Bonifatius, St. Burkard und Willibald; — waren es doch Die beiden letzteren Heiligen, welche der Apostel der Deutschen au dieser Stätte l zu den ersten Bischöfen von Würzburg und von Eich- j ftätt weihte, wie auch gleichermaßen Witta für Bura-
gen im Laufe der Jahrhunderte wie folgt zusammen: Es ist in seiner heutigen Form das Taus-Symbol der südgallischen Kirche seit der Mitte, beziehungsweise seit der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts. Vorher hatte die römische Kirche ein um die Mitte des 2. Jahrhunderts entstandenes Symbol, das sie im 8. ober 9. Jahrhundert gegen das gallische vertauschte. „Kanu ihm," sagt der Verfasser, „auch nach den allgemein anerkannten Grundsätzen der evangelischen Kirchen keine selbstständige Autorität zukommen, geschweige eine unfehlbare, rührt es ferner trotz seines hohen Alters aus einer Zeit her, aus der sehr Vieles stammt, was die Reformations-Kirchen abgelehnt haben, so verdient doch die Frage: Was wollte das Symbol bekennen und sagen? Die genaueste Untersuchung." Diese Frage wird dann in der Schrift im Harnack'schen Sinne erörtert, wobei zum Schluß eine geschraubte Erklärung des Verfassers über „Christus den Sohn Gottes oder — der Ausdruck stammt erst aus der griechischen Theologie, der Gedanke ist evangelisch — den Gottmenschen, in Dem Gott erkannt und ergriffen wird," folgt. Die Schrift wird voraussichtlich den entbrannten Streit erst recht heftig entfachen. Gegen die Broschüre nimmt der ,Reichsbote' schon entschieden Stellung. Das orthodoxe Blatt betont, eine Aenderung des jetzigen Apostolikums im Sinne der alten Formel hätte nur die Bedeutung, daß jetzt der von der ganzen Kirche verworfene Arianismus, der Christum für ein Geschöpf Gottes — nicht aus seinem Wesen, sondern aus fernem Willen — ansah, als berechtigt in der evangelischen Kirche anerkannt und bekenntnißmäßig zugelassen würde.
„Das ist der Kern des Streites und diese Zumuthung kann die evangelische Kirche nicht anerkennen, wenn sie sich nicht mit der ganzen christlichen Kirche wie ihrer eigenen Geschichte und mit dem Worte Gottes in Widerspruch setzen will; denn wenn die wunderbare Geburt Cbristt auch nicht von allen Evangelisten erzählt und von den Aposteln nicht besonders erwähnt wird, so beruhen doch alle Selbstzeugnisse Christi wie der Apostel von ihm darauf, daß wir in ihm nicht ein Geschöpf Gottes, sondern den ewigen Sohn Gottes haben, der von Ewigkeit her bei dem Vater war, gleichen Wesens mit ihm und behufs unserer Erlösung Mensch geworden ist. Die Kirche kann dies Bekenntniß — „empfangen vom heiligen Geist und geboren von der Jungfrau Maria" — nicht aufgeben, weil sie damit die persönliche Gottheit Christi und damit das Christenthum selbst aufgibt. Diese Broschüre Harnack's bezeugt es klar, daß wir es hier mit nichts Anderem. als mit einem neuen arianischen Unglauben zu thun haben. Es ist deshalb auch irreführend, wenn Harnack sagt, der Satz über die Geburt Christi gehöre nicht zu dem Inhalt des Evangeliums. Wenn Herr Harnack und seine Gesinnungsgenossen offen sind, so müßten sie zugeftehen, daß es ihnen um die Entfernung des Sätzchens von der Menschwerdung Christi nur deshalb zu thun ist, weil sie die ewige Wesens-Gottheit Christi nicht anerkennen, sondern in ihm nur ein Geschöpf Gottes sehen."
Ja, Offenheit, das ist es, wie Der .Reichsbote' richtig bemerkt, was die Erklärung Harnack's vermiffen läßt. Es ist dieselbe Geschichte, wie beim Schulgesetz: faktisch huldigt man dem Unglauben, aber man hat nicht den Muth, das offen vor aller Welt zu bekennen. Und doch wird man sich auf die Dauer Der Alte •' nve
bürg.1) Dieser in der Geschichte Der Deutschen Kirche so hochbedeutsame Act wurde nach 1100 Jahren in einem seltenen Jubiläum festlich begangen, zu Dem die Nachfolger jener ersten geistlichen Oberhirten, Die Bischöfe Georg Anton von Stahl vonWürzburg, Karl August Graf Reisach von Eichstätt und Johann Leonard Pfaff von Fulda auf Der Sulzburg zusammenkamen, wobei sie in Gegenwart König Ludwig's I. von Bayern am 12. Juli 1841 den Grundstein zu der gegenwärtigen Kapelle legten.
Angesichts des mächtigen Kreuzbergs, der nach Westen'ernst Die Landschaft abschließt, setzten wir uns auf Die zerbröckelte Ringmauer und blickten hinab in Das weite, herrlich grüne Saalthal, auf Dem der leuchtende Glanz eines durchsichtig klaren Herbstmorgens lag. Uns war, als müsse sich Die Scenerie wieder beleben mit jenen stolzen Gestalten. Die ihr einst zur Staffage gedient. Wie farbenprächtig überzog sich da Der glänzende Wasserspiegel mit buntbewimpelten Fahrzeugen, wenn Herr Karl, der große Kaiser, mit seinen Getreuen herangezogen kam, um im Saalepalaste frohes Hoflager zu halten! Wählte er doch zu seinen Fahrten am liebsten Die Wasserstraße, und nicht nur vom Mainstrom an, an dessen Gestade er so viele Burgen, Jagdschlöffer und Meierhöfe besaß, kam er mit Dem Schiff gefahren, sondern sogar von Worms
•) Der Bischofssitz auf dem Buraberg bei Fritzlar erlosch schon unter dem zweiten Bischof Megingoz, um nach Jahrhunderten wieder in dem Bisthum Fulda erneuert zu werden.