JM 228 Mittwoch, den 5. Oktober 1892. iS. Zahrganj
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S-t. Zur Handwerkerfrage.
Es ist schon des O eiteren in der Presse bei Besprechung der Handwerk, rfrage auf einen Krebsschaden bin gewiesen tooiben der die berechtigten Interessen des HanüweikerstandeS nicht weniger empfindlich trifft, wie bie noch immer in alter Weise betriebene Gefängniß- arbeit. Dieser Krebsschaden, gegen den endlich einmal mit aller Entschiedenheit vorgegangen werden müßte, ist das heutzutage übliche Submissionswesen. Die Art und Weise, in welcher auf dem Wege der Submission Arbeiten von staatlichen, städtischen rc. Behörden vergeben werden, ist in den meisten Fällen eine solche, daß zunächst unter den selbstständigen Handwerksmeistern eine Konkurrenz wachgecufen wird, die ihnen nicht zum Vortheile gereicht, weil der bei den Submissionen in die Erscheinung tretende Wettbewerb die auf die aus- geschriebenett Arbeiten rcflektirenden Meister bestimmt, möglichst niedrige Preise zu fordern. Einer unterbietet den Anderen, und es ist gerade keine Seltenheit, wenn schließlich Arbeiten von Handwerksmeistern 40, 50 und noch mehr Prozent unter Kostenanschlag zur Ausführung übernommen werden. Wir erinnern un8 z. B. eines Falles, der in einer preußischen RegierungShaupt- stadt vorgekommen ist und an sich schon den Beweis liefern dürfte, daß eine Aenderung in dem heutigen Submissionswesen unbedingt im Interesse des Handwerkerstandes geboten ist. Seitens der Stadtbehörde war die Ausführung eines schmiedeeisernen Geländers an einer Straße öffentlich ausgeschrieben worden. Für die Kosten waren von der Stadt 600 Mark ausgeworfen und die Provinzlalbehörde hatte, da die betreffende Straße Landstraße, einen Zuschuß von ebenfalls 600 Mark bewilligt; es waren also 1200 Mark für die Anlage deS Geländers disponibel, bei der Submission ober forderte ein Schloffermeister für die Ausführung der erwähnten Arbeit nur 500 Mark, und da er der Mindestfordernde war, so wurde ihm dieselbe zugesprochen, und die Stadt ersparte in Folge dessen von den disponibelen 1200 Mark 700 Mark. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob dem betreffenden Meister, nachdem das Geländer fertig gestellt war, Seitens der Stadt nachträglich eine „Gratifikation" bewilligt worden ober nicht, aber das möchten wir doch hervorheben, daß die Vergebung einer Arbeit, für welche 1200 M. vorhanden waren, und die also jedenfalls auch von dem städtischen Bauamte zu einem annähernd hohen Preise veranschlagt worden, auf Grund einer Forderung von 500 Mark nicht im Interesse der Schlosser- und Schmiedemeister der betreffenden Regierungshauptstadt erfolgte.
Der Behörde selbst wollen wir hier durchaus keinen Vorwurf wegen der Angelegenheit machen, unsere Absicht ist lediglich die, die schädigende Wirkung des heutigen Submissionswesens dem Handwerkerstände gegenüber dai zuthun und ferner zu beweisen, daß Vorkommnisse, w«e das oben geschilderte, wenn nicht nn-
3«r Königin des hl Rosenkranzes.
Eh' die Fluren sich entfärben Und die holden Blümlein sterben, Winden wir noch einen Kranz Aus des Jahres letzten Rosen, Jungsrau, Dir, der Makellosen, Die dort thront in ew'gen Glanz. Blüthenanfang, Blüthenende, Alw sagt die schlichte Spende, Ist Dir frommen Sinns geweiht; Und mit diesen duft'gen Gaben Opfern wir Dir, was wir haben, Mutter hochgebenedeit.
Unfern Leib und unser Leben, Unser Sinnen, unser Streben, Alles geben froh wir hin Boll von Liebe, voll Vertrauen, Denn auf Deine Hilfe bauen Wir, o mächt'ge Königin.
Düstre Wetterwolken gehen Rings, und rauhe Stürme wehen, Und ein böser Winter droht. Hilf uns, daß wir ohne Beben Pilgern durch dies Erdenleben, Bis an's Ziel uns führt der Tod! Hilf den Armen, daß sie tragen, Was die Schickung fchickt, nicht zagen, Wenn das Leid am höchsten steigt! Hilf den Reichen, daß sie spenden Immerdar mit vollen Händen. Wo sich Roth und Elend zeigt!
Hilf uns Allen! schütze! leite!
Kämpf' mit uns im heißen Streite
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möglich, so boch zu großen Seltenheiten gemacht werben könnten, wenn bie Hanbwerksmeister mehr auf bie solidarische Vertretung ihrer Interessen burch Schaffung von zeitgemäßen Vereinigungen Bedacht nehmen wollten. Gerade der übertriebene Wettbewerb, rote er sich bei Vergebung von öffentlichen Arbeiten unter den Handwerksmeistern, welche dabei in Frage kommen, io oft zeigt, ist vorzüglich dazu geeignet, bie einzelnen Handwerksmeister auf eine abschüssige Bahn zu bringen unb langsam, aber sicher zu ruiniren, benn das darf wohl als feststehend angenommen werden, daß von einem großen Profit nicht mehr bie Rede sein kann, wenn Hanbwerksmeister bei Submissionen 50 unb mehr Prozent unter ben in ben seltensten Fällen zu hoch gestellten Kostenanschlag heruntergehen.
Um bei einer auf solche Weise übernommenen Arbeit aber doch etwas noch „herauszuschlagen" wird vielleicht schlechteres Material verwendet, die Arbeitszeit der Gesellen etwas ausgedehnt unb ber Lohn derselben so knapp wie möglich bemessen unter dem Vorwande : an der Arbeit wird nichts verdient, ober: ich muß noch Geld zusetzen unb was dergleichen Redensarten mehr sind. Es soll nicht bestritten werben, baß die Bemerkung liezüglich beSNichtsverbienens ober (Mb* zusetzens in vielen Fällen zutreffevb ist, ober es barf auch nicht vergessen werben, daß diese Tyotfoche die Folge eines Systems ist, an dessen Beseitigung zu arbeiten sowohl bie Handwerksmeister selbst, als auch bie Behörden im Interesse des Handwerkeistandes allen Anlaß haben. Erstere tönnen allerdings nur bann wirksam gegen ben Krebsschaden des Submissionswesens vorgehen, wenn sie sich zu gemeinsamem Handeln, zur gemeinsamen Vertretung ihrer Interessen verbinden, von letzteren aber dürfte man unseres Erachtens wohl erwarten, daß sie einem Verfahren ein Ende machen, daS erwiesenermaßen einem Stande zum Schaden gereicht, welcher zu wiederholten Malen ber größten Sympathie unb der steten Fürsorge Seitens ber Regierung versichert worden ist.
Wenn der Handwerkerstand aus seiner heutigen be- klagenswerthen Misere herauskommen soll, dann ist es in allererster Linie Sache ber Regierung, für bie Beseitigung bet Uebelstände zu sorgen, beten Abstellung im Rahmen der bestehenden Gesetze möglich ist und dazu gehört außer der bas Hanbwerk schäbigenden Ge- fängnißarbeit das Submissionswesen. Hier unb da haben ja bie Handwerksmeister ein kleines Schutzmittel gegen das Sabmissionsunwesen darin gefunden, daß sie sich bei Submissionen über die zu fordernden Preise einigen und baß Derjenige, welcher die Arbeit erhält, ben Anberen sogenanntes Abstandsgeld, einige Prozent von ber ihm zufallenden Summe, zahlt, ober daß bie Meister darum loosen, wer von ihnen sich an der Sub- mtssion betheiligea soll, oder daß einige Meister eine Arbeit für gemeinsame Rechnung übernehmen, allein bei genauer Prüfung wirb man, abgesehen von allem
Wider Fleisch und Höll und Welt! Führ' uns in der letzten Stunde Aus des Thränenthales Grunde In das lichte Himmelszelt!
Rachtbilder aus Hamburg.
(Bericht eines Desinfektions - Colonnensührers im Hamburger Fremdenblatt.)
(Schluß.)
Noch eine Scene aus der Spitalstraße möchte ich schildern. Im Hof zum Sahl über Nr. 7 führt fast senkrecht eine Treppe hinauf, die so schmal ist, daß sich nur mit Mühe ein Sack mit desinfizirten Sachen hindurchdrücken ließ. Ein pestialischer Gestank verpestete das elende Häuschen. Unmittelbar an der Treppe lag die Wohnung. Ich öffnete die Thür und trat in eine kleine schmutzige Kammer. Auf dem Tische, der am Fenster stand, lag ein in Lumpen gewickeltes weibliches Wesen und schlief. Das einzige Bett brachte ich gerade zurück von der Desinfektionsanstalt. (Natürlich war es für die nächsten 24 Stunden nicht zu gebrauchen.) Die Schlafende erwachte mit den Worten: „Seit gestern habe ich Nichts gegessen", wälzte sich langsam von ihrem harten unbequemen Lager herunter. Sie sprach mit fremdländischen Accent: „Nun ist mein Mann wohl schon tobt. Er war so krank." Als sie das Wenige, was ich ihr sofort geben konnte, empfangen hatte, fiel sie auf die Kniee, küßte mir die Hand und dankte unter Thränen für das trockene Brod, Fleisch rc.
Folge mir der Leser nun nach einem Hose in der Steinstraße. Es ist ein tiefer dunkler Keller. Die Wände sind feucht und theils ohne Tapeten. Ein Mann kommt mir entgegen, krank und aufgeregt. Die Frau ist ins Krankenhaus gebracht worden. Bier Kinder, halbnackt, hocken auf dem kalten Fußboden herum Kein Bissen Brod ist im Hause. Seit Wochen ist der Mann arbeitslos und die Kleinen hungern. Am nächsten
Anbern, solche AuskanftSrnittel als nicht zureichenb erkennen.
Sehr fchäbigenb für ben Handwerkerstanb bei bem heutigen Submissions-Verfahren ist auch, was wir noch kurz anführen wollen, baß größere Arbeiten, wie Schulbauten unb bergleichen, häufig an sogenannte Unternehmer, bie nicht Handwerker, ronbern mit Kapital unb fremben Kräften arbettenbe Personen sinb, vergeben werben. Solche Unternehmer haben vor Allem ihren Profit im Auge; sie engagiren auf ihre Rechnung Hanbwerker rc. unb brücken habet, so viel sie können, bie Preise; ber freie Hanbwerksmeister wirb nicht selten ber Lohnarbeiter eines kapitalistischen Unternehmers unb muß sich mit bem begnügen, was dreier für bie von bem Meister zu liefernden Arbeiten auswirft. Daß auch dies nicht zur Hebung beS Handwerkerstandes beiträgt, liegt klar zu Tage, und eine Abhilfe in dieser Beziehung SeittenS der Behörden thut dringend noth. Wie wir schon früher betont haben, können die wärmsten Sympathie-Erklärungen dem Handwerkerstände nichts Helsen, es muß ihm die Sympathie durch die That bezeugt to.rben unb das kann u. A. durch eine durchgreifende Aenderung, d. h. Verbesserung des jetzt üblichen Sub- missionswesms geschehen.
Deutsches Keich.
Berlin, 3. Oktober.
* Der Start für den Tistanzcritt Berlin-Wien ist heute früh geschloffen worden. Es gingen heute noch 42 Reiter ab ; auch mehrere Radfahrer schloffen sich an. An dem Distanzritt haben insgesammt 109 deutsche Offiziere theilgenommen, wovon 83 der Kavallerie angeboren. Schon jetzt liegen Meldungen vor, wonach mehrere Theilnehmer unter n*eg£ -aussen mußten, weil ihre Pferde erkrankten. Aus diesem Grunde mußte Lieutenant Frh. v. Erlanger zurückkehren, der vielfach als der muthmaßliche Sieger galt.
* Bekanntlich schrieb die .Post' vor einigen Tagen: „Wie wir aus sonst gut unterrichteter Quelle erfahren, bot sich der Finanzminister über ben Etat für 1893/94 dahin ausgesprochen, daß die Mehrforde- rungen bedeutend unb die Mrnder-Emnahmen erheblich seien, so daß voraussichtlich ein Defizit von 86 Millionen zu erwarten sei." Jetzt schreibt dasselbe Blatt: „Die Nachricht, daß der preußische Staatshaushalt für 1893/94 einen Fehlbetrag von 86 Mill. Maik auf weise, kann sich der Natur der Sache nach nur auf bie Anmeldungen für diesen Etat, nicht auf das Euder gebniß der Etats - Aufstellung beziehen."
* Dre ,Nationalzeitung' erfahrt, die Militärvor- lagc sei dem preußischen Staatsministerium nur zur Kenlitnlßnahme zugegangen mit der Mittheilung, daß die Einbringung im Bundesrath als Präsidial-Vorlage beschlossen sei. Während bie ,National-Ztg.' über dieses Verfahren verwundert ist, weist die ,Norbd.
Tage sieht mich der Mann auf der Straße und fragte mich, wo feine Frau sei. Woher sollte ich das wissen? Als ich ihm nichts Bestimmtes sagen konnte und versuchte, ihn zu trösten, wandte er sich bekümmert ab und murmelte leise: „Wo ist meine Frau?"
Und nun folgt mir zum Schluß in die fechsunddreißigste Bude eines Hofes in der Steinstraße. Ein weinender Mann öffnet die Tbür. Seine Frau war in der Nacht gestorben, seine fünf Kinder fortgebracht. Er selbst hatte lange im Krankenhaus gelegen und war nun endlich soweit geheilt, daß er gehen und stehen konnte, an arbeiten war nicht zu denken. Wer nimmt auch einen schwachen, der Schonung bedürfenden Arbeiter, wo es deren gesunde zu viele gibt 1 Die Wohnung war niedrig und feucht. An einzelnen Stellen konnte man das Holz des Fußbodens mit dem Stiefelabsatz eintreten. Das Ganze bestand aus zwei Kammern, deren eine zugleich Küche war.
Wo und wie hatten die neun Personen hier gelebt und geschlafen? Zwei Kinder waren schon im Laufe des Jahres gestorben und hatten so den Ausspruch des Arztes bekräftigt, der dem Manne gesagt patte, in dieser Wohnung bekäme er kein Kind groß.
Was wird nun aus dem Mann? Arbeiten kann er nicht. Wer pflegt ihn, daß er vollständig genese? Seine Frau ist tobt, seine Kinder sind von ihm getrennt. Er selbst muß weiterleben in der verpesteten Wohnung. Sollte dem Manne nicht der Gedanke kommen, es wäre besser, er lebe auch nicht mehr!
Das sind einige Beispiele von dem Elend in unserer Stadt Hamburg, deren Dutzende aufzuzählen keine Mühe machte, die aber Demjenigen, der sie hat sehen müssen, unvergeßlich bleiben. Und trotzdem ist das hier Geschilderte vielleicht noch nicht das Aergste, denn in der Gegend vom Grünen Sood werden unter der Erde befindliche, ungeflasterte, ungedielte, jedes Luftzuges entbehrende Lagerkeller von Menschen bewohnt!
Und eine solche Stadt nennt der präsidiiende Bürgermeister „in sanitärer Hinsicht vorzüglich" 1